Astrologie | Astrologie Grundwissen
Ausführliche Beschreibung des Tierkreiszeichen Stier.
Claus Riemann
Verantwortlich für den Inhalt ist der oben genannte Autor/Anbieter.
Freitag, 20. April 2007, 14:47
Die blühenden Bäume, die saftigen Wiesen, der üppige Reichtum, den die Natur Ende April entfaltet, das Leben das jetzt aus dem vollen schöpft, die Augenweide, der Genuss, die Lust am Dasein, der Drang zur Befruchtung, dieses Paradies, alles erblüht in sich, diese Genugtuung, wenn alles geschwängert ist, diese tragende, lebenverheissende Gewissheit und deren Gegenteil, die Ungewissheit, was die nächste Nacht bringen wird, hoffentlich keinen Frost, die Angst, dass alles mit einem Mal vorbei sein kann - das ist Stier- Qualität.
Auch das Wissen, dass alles seine Zeit braucht, und dass jedes zu seiner Zeit kommt und geht. Wichtig ist jetzt, dass die jungen Pflanzen sich verwurzeln, dass sie Halt finden, den an ihnen zerrenden Kräften widerstehen und überleben. Stier hat Zeit, Stier braucht Zeit und Geduld. Wenn Widder der Kämpfer war, dann ist Stier der Dulder. Es ist das toleranteste der Zeichen, aber nicht im Sinne von Weltoffenheit, was eher Wassermann wäre, sondern im Sinne des 'tolerare', des Aushaltens und Ertragens. Stier ist dasjenige Tierkreiszeichen "in dem sich die Eigenart des Weiblichen am deutlichsten offenbart" sagt Oskar Adler, es ist das "materiellste" Zeichen, hier ist die Energie am verdichtetsten, die Trägheit der Masse am spürbarsten. Die alles gebärende, alles tragende und ertragende, die alles ernährende Erdmutter selbst ist es, die in ihrer unendlichen Geduld stillehaltend, scheinbar stillstehend zutiefst erfüllt ist von der Qualität dieses Zeichens, seine Repräsentantin im Reigen der Planeten sein könnte.
Noch gilt Venus als solche, aber diese symbolisiert eher etwas Leichtes und Lichtes, während zur Charakteristik des Stieres auch das Dunkle und das Schwere gehört. Venus, die auch in Waage regiert, passt von ihrer ganzen Art her viel mehr dorthin, als zum Stier. Bestandsaufnahme und Besitzstandsklärung ist eine Stier-Angelegenheit, ebenso wie das Gedächtnis, darum sei dies der Ort für ein kurzes Erinnern: in der klassischen Astrologie herrschten sieben Planeten über zwölf Tierkreiszeichen. Die zunehmende Erweiterung des menschlichen Bewusstseins ging einher mit einer Ausweitung des astrologischen Welt- und Menschenbildes. Als der Mensch sich seiner Individualität bewusst wurde und sich nicht mehr als unbedeutsamer Teil des Volkes, als Schaf in der Herde des Herrn betrachtete, wurde Uranus entdeckt; er ist seither für die Individuation des Einzelnen zuständig und hat uns ein neues Verständnis des Zeichens Wassermann vermittelt. Die Entdeckung von Neptun und Pluto fiel zeitlich zusammen mit der Entdeckung des Unbewussten und hat das Verständnis der Zeichen Fisch und Skorpion vertieft.
In der heutigen Zeit wird uns bewusst, welche Verbrechen wir an Mutter Erde begehen. Diese Verbrechen sind zum Teil deshalb möglich, weil wir das Prinzip Stier falsch bzw. einseitig leben. Es ist zu erwarten und zu hoffen, dass unsere heutigen Probleme mit dem Thema Überleben zu einem neuen Verständnis dieses Tierkreisabschnittes und damit einhergehend zu einer Besserung der Situation führen. Gleichzeitig darf man vermuten, dass im Verlaufe dieses Prozesses in Stier der/die rechtmäßige Herrscher/in seinen/ihren Thron besteigen wird, was nicht nur zu einer neuen Ordnung im Land der Astrologie, sondern synchron dazu auch zu einer Neugestaltung unseres Weltverständnisses führen würde/wird. Doch wie und wo wäre dieser Herrscherplanet einzuordnen und welcher sollte es sein? Gute alte Stier-Art ist es, den eigenen Standpunkt als unumstößlich, als festen Bezugspunkt vorauszusetzen. In der Astrologie ist dieser Bezugspunkt die Erde. Würde man sie als Regent des Zeichens Stier erkennen, so bezöge man den Punkt von dem aus bisher beobachtet worden ist, mit in die Beobachtung und damit in die Beachtung ein.
Das Zentrum unseres Weltbildes ist die Sonne, das Symbol des Vaters. "Der Vater und ich sind eins": diese Worte von Jesus sind voll übertragbar auf die Astrologie: für den Vater und für das Ich gibt es im Horoskop ein Symbol - die Sonne. Was ist mit der Mutter? Die Materialisten würden sagen: alles was wir sind, ist aus Erdsubstanz gemacht, und sonst gibt es nichts. In diesen Chor wollen wir nicht einstimmen, aber das, was wir von ihr haben, ist genug, um mit Recht zu sagen: "die Mutter und ich sind eins".
Alle sind wir geprägt, durch unsere Eltern, durch ihre Werte und Glaubenssätze, durch unsere Kultur, unsere Gesellschaft, unsere Vergangenheit. Das Zeichen Stier erinnert uns an unsere Wurzeln, es macht uns den Boden bewusst, auf dem wir stehen; wohin immer wir unsere Schritte auch lenken wollen, dies ist der Boden der uns trägt, unser Boden, ein göttliches Geschenk, darum bedeutet er uns alles. Es ist UNSER Boden, auf dem wir stehen, der Boden UNSERER Tatsachen, hier beziehen wir UNSEREN Standpunkt und wir könnten ihn nicht verlassen, selbst wenn wir wollten. Die Anziehungskraft der Erdmutter, mittels derer sie ihre eigene Schwere an ihre Kinder weitergibt, bewahrt diese und bindet sie zugleich - an die Mutter, an die Materie, durch die Materie.
Andere mögen einen anderen Boden haben, das ist vielleicht interessant, aber für uns nicht so bedeutsam. Aus der Stierperspektive ist das die Wahrheit - der Teil der Wahrheit, den man durch diese Brille schauend herausfiltern kann. Stier entfaltet seine größte Kraft im Widerstand. Hatten wir bei Widder den Willen zur Geburt, ein klares Bekenntnis dazu, ein unbedingtes 'Ja', so begegnet uns nun ein unumstößliches 'Nein'. Galt es bei Widder Neuland zu erobern, so wird dieses nun in Besitz genommen und verteidigt, mit Zäunen und Mauern versehen, eine Trutzburg wird errichtet. Nun stellt sich eine Frage: ist die Erde in unserem Sonnensystem die Trutzburg des in die Welt gekommenen Lebens? Und eine weitere: würde die Erde, als Regent des Zeichens Stier, im Horoskop eingezeichnet dann jeweils der Sonne im Tierkreis genau gegenüber liegen, in exakter und dauerhafter Opposition den Widerstand der Materie symbolisierend? Wären damit die zwei Pole dargestellt, die zwischen sich das Spannungsfeld aufbauen, in dem alles Lebendige entsteht - Yin und Yang? Somit würde die Bedeutung der Integration des Gegenpols, wie sie bei der Besprechung des Zeichens Widder schon postuliert worden ist, darin ihre Begründung finden. In anderen Worten: Gegen alles, was uns im Lichte unseres Sonnenzeichens bewusst werden will und soll, wirkt die Gegenkraft der Erdmutter, die in der Rolle des advocatus diaboli sich um die eigene Achse drehend uns in der Nacht die andere Seite der Wahrheit zeigt. Gemäß unserer Phantasie wohnt Gott im Himmel über uns und der Teufel als Herrscher der Finsternis, als ewiger Widersacher und Neinsager unter der Erde - laut Goethe als 'die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft'. Als Verneiner des Sonnenlichtes, das wie immer nur eine Seite der Wahrheit beleuchtet, weist er den Weg aus dem Paradies, zwingt er zur Auseinandersetzung und führt zur Erkenntnis und zur Integration. Während die Sonne die Stier-Seite des Daseins ins Bewusstsein ruft, ein Paradies hervorrufend, ein ewiges Leben, einen ewigen Frühling kündend, dämmert aus dem Erdinnern das Wissen um die Botschaft des Skorpions, um die Vergänglichkeit, um den Tod und um die Verstrickung in das Spinnennetz der dunkelsten Triebe, die die Begleiter aller Lebenslust sind.
Aus diesem Grunde wurde dieser Jahresabschnitt vermutlich als einem Stier vergleichbar angesehen; denn für die tragende, gebärende, nährende und duldende Seite des Zeichens wäre die Bezeichnung 'Kuh' viel angebrachter. Der Stier jedoch, Metmann vergleicht ihn einem "erzenen Dämon", kündet eine triebgesteuerte todbringende Kraft. Eines sei noch angeführt zum Abschluss dieses kleinen Exkurses: der Stier braucht den Körper-Kontakt, die Berührung; das Naheliegende, das Konkrete ist für ihn der Schlüssel zur Erkenntnis; nur das Greifbare ist ihm wirklich begreifbar. Die nahe Erde und die Erdnähe des Stiers finden sich hier in einer engen gegenseitigen Umklammerung. Zeichenherrscherin oder nicht, die Erde ist ein Stiersymbol par excellence. Der Stiermensch, der diese Zeilen liest, sei ersucht, ihre vielen Fragezeichen auszuhalten.
Andere Leser mögen die Umständlichkeit des Stiers verzeihen, aber bevor man richtig anfangen kann, etwas zu sagen, was Hand und Fuß hat, muss erst einmal der Boden dafür bereitet, d.h. das Grundsätzliche geklärt werden. Für die Philosophie hat das einmal Immanuel Kant zum Beispiel in seiner 'Kritik der reinen Vernunft' gemacht; er hatte die Sonne im Stier. In einer Biographie über ihn findet sich folgender Abschnitt: "Um in seiner geistigen Arbeit nicht gestört zu werden, liebte er es, seinen Lebenskreis so fest zu bestimmen, dass nichts ihn irritieren konnte. Voraussetzung dafür aber war, dass Menschen und Dinge um ihn herum stetig blieben; jede Veränderung löste ein Missvergnügen bei ihm aus. Eine besondere Gewohnheit bestand darin, dass er am Spätnachmittag bei der Lektüre, wenn langsam die Dämmerung hereinbrach, aus seinem Fenster zu blicken pflegte, auf den Löbenichtschen Kirchturm, ein Objekt, an das er sich so sehr gewöhnt hatte, dass sein Auge auf ihm ausruhen konnte. Nichts verursachte ihm deshalb größeres Unbehagen, als dass einige Pappeln seines Nachbarn Nicolovius, seines späteren Verlegers, so hoch wuchsen, dass sie den Turm verdeckten, dessen Anblick ihm ein ruhiges Nachdenken ermöglicht hatte. Wie gut, dass sein Nachbar so willfährig war, seinem Wunsche nachzukommen. Die Pappeln wurden gekappt ..."
Diese Beschreibung eines Stier-Menschen könnte nicht nur einem Astrologiebuch entstammen, sie weist auch auf den Punkt hin, an dem dieses Prinzip in unserer Gesellschaft krank ist. Der Baum ist, wie die Erde, ein Stiersymbol allerersten Ranges, mit seiner Standfestigkeit, seinem Verwurzeltsein, seiner Langsamkeit im Werden und mit seiner Unbeweglichkeit: hier stehe ich und kann nicht anders! Ein gewachsener Wert der seinen Platz behauptet, ein Symbol des Überlebens. Einen Baum zu töten ist aus der Stier-Perspektive ein symbolischer Selbstmord. Unsere Lebenseinstellung ist eine typisch männliche: alles ist machbar - sie erinnert an die Naivität des Königssohnes, der dachte er könnte alles, was er wollte. Stier würde sagen: alles wächst und wird nach ewigen, unabänderlichen Gesetzen; lebe in Einklang damit! Anscheinend konnte Kant die Botschaft der Natur, die tiefe Weisheit des eigenen Sonnenzeichens nicht entschlüsseln: Nichts Lebendiges in der Natur, aber auch in der Welt des Geistes, ist unveränderlich und starr; alles beständig und bleibend Lebendige ist wie der Baum, der lange, lange am selben Ort steht, scheinbar immer der Gleiche, immer der Alte und doch wächst er langsam aber stetig vor sich hin; von Jahr zu Jahr wird das Bündnis mit dem Leben verlängert, jedes Jahr ein neuer Ring. Die inneren Ringe verlieren niemals ihre Bedeutung und ihre Gültigkeit, die äußern sind nur möglich, weil vor ihnen die inneren waren und sind.
Das ist die Botschaft des Zeichens Stier: Nichts ändert sich jemals wirklich. Und gilt das nicht für alle Bereiche, vor allem auch für die menschliche Bewusstseins- und Geistesentwicklung? Hat jemals etwas, das einmal wirklich wertvoll war, seinen Wert je verloren? Der erste Lichtstrahl enthielt alles, was an Erleuchtung möglich ist. Die erste Erkenntnis entstammte der Quelle, aus der alle Erkenntnis fließt und war wahr, wenn sie auch aus heutiger Sicht in einem unzeitgemäßen Gewand erscheint. Stier ist der Sammler und Bewahrer all dieser Schätze. Er baut das Haus des Lebens, und damit es vollständig wird, ganz und rund, darf nichts verloren gehen. Wie wir durch die Archäologie wissen ist in der Erde die Vergangenheit des Menschseins, überhaupt die Vergangenheit alles Irdischen gespeichert; man kann in ihr lesen wie in einem Geschichtsbuch - die Erde hat ein Gedächtnis. Alles was auf diesem Planeten jemals war, ist in ihm verinnerlicht und kann wieder ausgegraben werden. Auch das Gedächtnis des Menschen, das genetische sowieso, aber auch das psychische, reicht in Urzeiten zurück; durch Er-innern können wir dieses gespeicherte Wissen wieder wachrufen. Das Gedächtnis ist ein "Kennzeichen der Treue zu uns selbst". Das genetische Gedächtnis sichert den Bestand der Spezies Mensch. Diese Perspektive beleuchtet den tieferen Sinn der Funktion, die das Zeichen Stier im Tierkreis erfüllt: die Sicherung des Bestands, die Ermöglichung einer Zukunft durch die Bewahrung des Vergangenen. Und nun können wir auch die Stier-Botschaft, das 'Bleibe Dir treu' mit anderen Ohren hören und den Wert des Konservativismus verstehen.
Könnte für den kriegerischen Widder noch der Bibelspruch "Macht euch die Erde untertan!" gegolten haben, so empfindet sich der meist friedfertige Stier eher als ein Teil von ihr. Er ist tief verbunden mit allem Irdischen, tief verwurzelt in dem Stück Erde, das ihn trägt, auf dem er gerne sitzt und das er gerne besitzt. Geht es beim Zeichen Widder noch um das 'In die Welt kommen', in eine neue Welt einzudringen, einen Anspruch auf sie zu erheben, so ist das Zeichen Stier schon von dieser Welt. Nachdem draußen in der Natur in der Widderzeit das neue Leben den Durchbruch ins Dasein zu bewältigen hatte, geht es nun darum hier Fuß zu fassen, an Ort und Stelle bleibenden Halt zu finden und zu blühen anzufangen. Den Reichtum der Mutter Erde in all seiner satten Üppigkeit zu entfalten und diese in ein blühendes Paradies zu verwandeln, das ist jetzt das kosmische Gebot. Aber noch sind die zarten Blüten bedroht von Wind und Wetter, noch weiß man zu Beginn dieser Jahreszeit nicht ob all dieses Leben wohl lange genug dauern wird und es liegt die Angst in der Luft, zu früh zu sterben und es besteht ein großes Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit.
Der Beruf des Gärtners ist ein Stier-Beruf, der Gärtner, der seine jungen Pflanzen vor der Witterung schützt und wartet. Das Wort 'warten' gehört zu Stier in seinem doppelten Sinn: im Sinne des 'Hegens' und im Sinne des 'Sich Zeit Nehmens'. Es eilt jetzt nicht, und es hat keinen Sinn, die Dinge anzutreiben; denn alles braucht seine Zeit und jedes wird zu seiner Zeit; immer mit der Ruhe, dann wird's schon: das sagt uns die Stier-Weisheit.
Es gibt eine Geschichte von einem Indianer, der in New York mit dem Taxi gefahren ist. Plötzlich bittet er den Fahrer anzuhalten. Dieser fragt erstaunt nach dem Grund des Anliegens, da das Ziel doch noch nicht erreicht sei. Der Indianer antwortet ihm: "Ich muss warten bis meine Seele nachkommt."
Wie oft bleibt unsere Seele im alltäglichen Getriebe auf der Strecke? Wachsen und entwickeln wir uns nicht nach ewigen Gesetzen, die ihren eigenen Rhythmus haben? Der Widder unterscheidet nach 'stark' und 'schwach', für ihn gibt's die die es schaffen und die, die es nicht schaffen, die Ewig-Ungeborenen. Der Stier unterscheidet nach 'reich' und 'arm'. Ging es bei Widder um das 'Wollen', so geht es jetzt um das 'Haben': Zeit haben, Platz haben, zu Essen haben, Freunde haben, ... Wie ein 'Hans im Pech' haben wir das alles eingetauscht gegen Geld. Wir wollen immer noch mehr Geld haben, bzw. haben wir unsere Welt so eingerichtet, dass wir immer mehr Geld haben müssen, um überhaupt noch dazuzugehören. Weil wir hinter dem Geld herjagen, haben wir keine Zeit um zu genießen und weil wir nicht genießen können, werden wir ungenießbar und weil wir ungenießbar sind, haben wir keine Freunde und darum brauchen wir immer mehr Geld, um denen zu imponieren, die unsere Freunde nicht sind - darum sind wir arm. Und da viele von uns es mit sich selbst nicht gut meinen, meinen sie es auch mit Mutter Erde nicht gut, wozu auch?
"Irgendwann werdet ihr merken, dass ihr euer Geld nicht essen könnt" sagen die Hopi-Indianer. 'Das Geld und der Besitz sind für den Stier das Wichtigste' sagt man. Da unsere Herzen krank sind, da wir unsere Seele längst hinter uns gelassen haben, da uns das Stiergesicht des Daseins als Fratze anblickt, finden wir obige Aussage auch immer wieder bestätigt. Und die Krankheit wird hervorgerufen durch die gesellschaftliche Ausklammerung des Gegenpols Skorpion. Gefühle wie Wut und Hass werden geleugnet, obwohl es sie gibt; Sexualität wird verheimlicht und versteckt und der Tod als notwendiges Übel in die Krankenhäuser und Altenheime verbannt. Wir haben alles fest im Griff und wollen nichts zu tun haben mit dem, was darauf hindeutet, dass es nicht so ist. Wir haben verlernt auszulassen, loszulassen, wir können nicht Abschied nehmen, nicht sterben. Uns kann nicht viel passieren: der Inflation beugen wir durch den Besitz mehrer Immobilien vor und einen Atomkrieg überleben wir im eigenen Keller, der zum Schutzraum umgebaut worden ist. Das ist die größte Armut, die dieser Planet je erlebt hat.
Der wahre Reichtum ist die aus unerschöpflichen Quellen strömende, sich ans Dasein verschwendende Lebensenergie. Da Geld ein irdisches Symbol dieser Energie ist, ist es der Auftrag eines recht verstandenen Stierprinzips, dieses zum Wohle des Ganzen im Fluss zu halten und es nicht aus Angst oder Habgier zu horten. Hierzu eine Geschichte: Ein König geht auf Reisen und gibt jedem seiner drei Söhne einen Sack mit Blumensamen. Er sagt: "Wer mir diesen Sack bis zu meiner Rückkehr am besten verwahrt, soll meinen Thron erben!" Der erste Sohn sperrt die Samen in eine Kiste und verschließt sie mit einem schweren Schloss. Als der König nach langer Zeit zurückkehrt, sind die Samen in der Kiste längst vermodert. Der zweite Sohn verkauft die Samen auf dem Markt und bewahrt das Geld auf. Als der König den dritten Sohn nach dem Verbleib der Blumensamen fragt, deutet dieser nur aus dem Fenster: dort ist eine riesige bunte Blumenwiese. Jeder von uns hat so einen Sack Blumensamen als natürliche 'Talente' mit auf den Weg bekommen. Worin besteht Dein Reichtum? Wie gehst Du damit um? Das ist die Frage, die Stier an Dich stellt. Bist Du ein seelen- und lebloser Materialist, hältst Du es mit totem Besitz, todsicheren konservativen Lebenskonzepten; verkaufst Du Deine Talente auf dem Marktplatz - oder streust Du Deine Talente-Samen aus, so dass um Dich herum alles wachsen und blühen kann? Wie geizig bist Du mit Dir?
Der dunkle Stier-Aspekt lebt in einseitig materialistischen Werten, in lebensfeindlichen Die blühenden Bäume, die saftigen Wiesen, der üppige Reichtum, den die Natur Ende April entfaltet, das Leben das jetzt aus dem vollen schöpft, die Augenweide, der Genuss, die Lust am Dasein, der Drang zur Befruchtung, dieses Paradies, alles erblüht in sich, diese Genugtuung, wenn alles geschwängert ist, diese tragende, lebenverheissende Gewissheit und deren Gegenteil, die Ungewissheit, was die nächste Nacht bringen wird, hoffentlich keinen Frost, die Angst, dass alles mit einem Mal vorbei sein kann - das ist Stier- Qualität.
Auch das Wissen, dass alles seine Zeit braucht, und dass jedes zu seiner Zeit kommt und geht. Wichtig ist jetzt, dass die jungen Pflanzen sich verwurzeln, dass sie Halt finden, den an ihnen zerrenden Kräften widerstehen und überleben. Stier hat Zeit, Stier braucht Zeit und Geduld. Wenn Widder der Kämpfer war, dann ist Stier der Dulder. Es ist das toleranteste der Zeichen, aber nicht im Sinne von Weltoffenheit, was eher Wassermann wäre, sondern im Sinne des 'tolerare', des Aushaltens und Ertragens. Stier ist dasjenige Tierkreiszeichen "in dem sich die Eigenart des Weiblichen am deutlichsten offenbart" sagt Oskar Adler, es ist das "materiellste" Zeichen, hier ist die Energie am verdichtetsten, die Trägheit der Masse am spürbarsten. Die alles gebärende, alles tragende und ertragende, die alles ernährende Erdmutter selbst ist es, die in ihrer unendlichen Geduld stillehaltend, scheinbar stillstehend zutiefst erfüllt ist von der Qualität dieses Zeichens, seine Repräsentantin im Reigen der Planeten sein könnte.
Noch gilt Venus als solche, aber diese symbolisiert eher etwas Leichtes und Lichtes, während zur Charakteristik des Stieres auch das Dunkle und das Schwere gehört. Venus, die auch in Waage regiert, passt von ihrer ganzen Art her viel mehr dorthin, als zum Stier. Bestandsaufnahme und Besitzstandsklärung ist eine Stier-Angelegenheit, ebenso wie das Gedächtnis, darum sei dies der Ort für ein kurzes Erinnern: in der klassischen Astrologie herrschten sieben Planeten über zwölf Tierkreiszeichen. Die zunehmende Erweiterung des menschlichen Bewusstseins ging einher mit einer Ausweitung des astrologischen Welt- und Menschenbildes. Als der Mensch sich seiner Individualität bewusst wurde und sich nicht mehr als unbedeutsamer Teil des Volkes, als Schaf in der Herde des Herrn betrachtete, wurde Uranus entdeckt; er ist seither für die Individuation des Einzelnen zuständig und hat uns ein neues Verständnis des Zeichens Wassermann vermittelt. Die Entdeckung von Neptun und Pluto fiel zeitlich zusammen mit der Entdeckung des Unbewussten und hat das Verständnis der Zeichen Fisch und Skorpion vertieft.
In der heutigen Zeit wird uns bewusst, welche Verbrechen wir an Mutter Erde begehen. Diese Verbrechen sind zum Teil deshalb möglich, weil wir das Prinzip Stier falsch bzw. einseitig leben. Es ist zu erwarten und zu hoffen, dass unsere heutigen Probleme mit dem Thema Überleben zu einem neuen Verständnis dieses Tierkreisabschnittes und damit einhergehend zu einer Besserung der Situation führen. Gleichzeitig darf man vermuten, dass im Verlaufe dieses Prozesses in Stier der/die rechtmäßige Herrscher/in seinen/ihren Thron besteigen wird, was nicht nur zu einer neuen Ordnung im Land der Astrologie, sondern synchron dazu auch zu einer Neugestaltung unseres Weltverständnisses führen würde/wird. Doch wie und wo wäre dieser Herrscherplanet einzuordnen und welcher sollte es sein? Gute alte Stier-Art ist es, den eigenen Standpunkt als unumstößlich, als festen Bezugspunkt vorauszusetzen. In der Astrologie ist dieser Bezugspunkt die Erde. Würde man sie als Regent des Zeichens Stier erkennen, so bezöge man den Punkt von dem aus bisher beobachtet worden ist, mit in die Beobachtung und damit in die Beachtung ein.
Das Zentrum unseres Weltbildes ist die Sonne, das Symbol des Vaters. "Der Vater und ich sind eins": diese Worte von Jesus sind voll übertragbar auf die Astrologie: für den Vater und für das Ich gibt es im Horoskop ein Symbol - die Sonne. Was ist mit der Mutter? Die Materialisten würden sagen: alles was wir sind, ist aus Erdsubstanz gemacht, und sonst gibt es nichts. In diesen Chor wollen wir nicht einstimmen, aber das, was wir von ihr ha-ben, ist genug, um mit Recht zu sagen: "die Mutter und ich sind eins".
Alle sind wir geprägt, durch unsere Eltern, durch ihre Werte und Glaubenssätze, durch unsere Kultur, unsere Gesellschaft, unsere Vergangenheit. Das Zeichen Stier erinnert uns an unsere Wurzeln, es macht uns den Boden bewusst, auf dem wir stehen; wohin immer wir unsere Schritte auch lenken wollen, dies ist der Boden der uns trägt, unser Boden, ein göttliches Geschenk, darum bedeutet er uns alles. Es ist UNSER Boden, auf dem wir stehen, der Boden UNSERER Tatsachen, hier beziehen wir UNSEREN Standpunkt und wir könnten ihn nicht verlassen, selbst wenn wir wollten. Die Anziehungskraft der Erdmutter, mittels derer sie ihre eigene Schwere an ihre Kinder weitergibt, bewahrt diese und bindet sie zugleich - an die Mutter, an die Materie, durch die Materie.
Andere mögen einen anderen Boden haben, das ist vielleicht interessant, aber für uns nicht so bedeutsam. Aus der Stierperspektive ist das die Wahrheit - der Teil der Wahrheit, den man durch diese Brille schauend herausfiltern kann. Stier entfaltet seine größte Kraft im Widerstand. Hatten wir bei Widder den Willen zur Geburt, ein klares Bekenntnis dazu, ein unbedingtes 'Ja', so begegnet uns nun ein unumstößliches 'Nein'. Galt es bei Widder Neuland zu erobern, so wird dieses nun in Besitz genommen und verteidigt, mit Zäunen und Mauern versehen, eine Trutzburg wird errichtet. Nun stellt sich eine Frage: ist die Erde in unserem Sonnensystem die Trutzburg des in die Welt gekommenen Lebens? Und eine weitere: würde die Erde, als Regent des Zeichens Stier, im Horoskop eingezeichnet dann jeweils der Sonne im Tierkreis genau gegenüber liegen, in exakter und dauerhafter Opposition den Widerstand der Materie symbolisierend? Wären damit die zwei Pole dargestellt, die zwischen sich das Spannungsfeld aufbauen, in dem alles Lebendige entsteht - Yin und Yang? Somit würde die Bedeutung der Integration des Gegenpols, wie sie bei der Besprechung des Zeichens Widder schon postuliert worden ist, darin ihre Begründung finden. In anderen Worten: Gegen alles, was uns im Lichte unseres Sonnenzeichens bewusst werden will und soll, wirkt die Gegenkraft der Erdmutter, die in der Rolle des advocatus diaboli sich um die eigene Achse drehend uns in der Nacht die andere Seite der Wahrheit zeigt. Gemäß unserer Phantasie wohnt Gott im Himmel über uns und der Teufel als Herrscher der Finsternis, als ewiger Widersacher und Neinsager unter der Erde - laut Goethe als 'die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft'. Als Verneiner des Sonnenlichtes, das wie immer nur eine Seite der Wahrheit beleuchtet, weist er den Weg aus dem Paradies, zwingt er zur Auseinandersetzung und führt zur Erkenntnis und zur Integration. Während die Sonne die Stier-Seite des Daseins ins Bewusstsein ruft, ein Paradies hervorrufend, ein ewiges Leben, einen ewigen Frühling kündend, dämmert aus dem Erdinnern das Wissen um die Botschaft des Skorpions, um die Vergänglichkeit, um den Tod und um die Verstrickung in das Spinnennetz der dunkelsten Triebe, die die Begleiter aller Lebenslust sind.
Aus diesem Grunde wurde dieser Jahresabschnitt vermutlich als einem Stier vergleichbar angesehen; denn für die tragende, gebärende, nährende und duldende Seite des Zeichens wäre die Bezeichnung 'Kuh' viel angebrachter. Der Stier jedoch, Metmann vergleicht ihn einem "erzenen Dämon", kündet eine triebgesteuerte todbringende Kraft. Eines sei noch angeführt zum Abschluss dieses kleinen Exkurses: der Stier braucht den Körper-Kontakt, die Berührung; das Naheliegende, das Konkrete ist für ihn der Schlüssel zur Erkenntnis; nur das Greifbare ist ihm wirklich begreifbar. Die nahe Erde und die Erdnähe des Stiers finden sich hier in einer engen gegenseitigen Umklammerung. Zeichenherrscherin oder nicht, die Erde ist ein Stiersymbol par excellence. Der Stiermensch, der diese Zeilen liest, sei ersucht, ihre vielen Fragezeichen auszuhalten.
Andere Leser mögen die Umständlichkeit des Stiers verzeihen, aber bevor man richtig anfangen kann, etwas zu sagen, was Hand und Fuß hat, muss erst einmal der Boden da-für bereitet, d.h. das Grundsätzliche geklärt werden. Für die Philosophie hat das einmal Immanuel Kant zum Beispiel in seiner 'Kritik der reinen Vernunft' gemacht; er hatte die Sonne im Stier. In einer Biographie über ihn findet sich folgender Abschnitt: "Um in seiner geistigen Arbeit nicht gestört zu werden, liebte er es, seinen Lebenskreis so fest zu bestimmen, dass nichts ihn irritieren konnte. Voraussetzung dafür aber war, dass Menschen und Dinge um ihn herum stetig blieben; jede Veränderung löste ein Missvergnügen bei ihm aus. Eine besondere Gewohnheit bestand darin, dass er am Spätnachmittag bei der Lektüre, wenn langsam die Dämmerung hereinbrach, aus seinem Fenster zu blicken pflegte, auf den Löbenichtschen Kirchturm, ein Objekt, an das er sich so sehr gewöhnt hatte, dass sein Auge auf ihm ausruhen konnte. Nichts verursachte ihm deshalb größeres Unbehagen, als dass einige Pappeln seines Nachbarn Nicolovius, seines späteren Verlegers, so hoch wuchsen, dass sie den Turm verdeckten, dessen Anblick ihm ein ruhiges Nachdenken ermöglicht hatte. Wie gut, dass sein Nachbar so willfährig war, seinem Wunsche nachzukommen. Die Pappeln wurden gekappt ..."
Diese Beschreibung eines Stier-Menschen könnte nicht nur einem Astrologiebuch entstammen, sie weist auch auf den Punkt hin, an dem dieses Prinzip in unserer Gesellschaft krank ist. Der Baum ist, wie die Erde, ein Stiersymbol allerersten Ranges, mit seiner Standfestigkeit, seinem Verwurzeltsein, seiner Langsamkeit im Werden und mit seiner Unbeweglichkeit: hier stehe ich und kann nicht anders! Ein gewachsener Wert der seinen Platz behauptet, ein Symbol des Überlebens. Einen Baum zu töten ist aus der Stier-Perspektive ein symbolischer Selbstmord. Unsere Lebenseinstellung ist eine typisch männliche: alles ist machbar - sie erinnert an die Naivität des Königssohnes, der dachte er könnte alles, was er wollte. Stier würde sagen: alles wächst und wird nach ewigen, unabänderlichen Gesetzen; lebe in Einklang damit! Anscheinend konnte Kant die Botschaft der Natur, die tiefe Weisheit des eigenen Sonnenzeichens nicht entschlüsseln: Nichts Lebendiges in der Natur, aber auch in der Welt des Geistes, ist unveränderlich und starr; alles beständig und bleibend Lebendige ist wie der Baum, der lange, lange am selben Ort steht, scheinbar immer der Gleiche, immer der Alte und doch wächst er langsam aber stetig vor sich hin; von Jahr zu Jahr wird das Bündnis mit dem Leben verlängert, jedes Jahr ein neuer Ring. Die inneren Ringe verlieren niemals ihre Bedeutung und ihre Gültigkeit, die äußern sind nur möglich, weil vor ihnen die inneren waren und sind.
Das ist die Botschaft des Zeichens Stier: Nichts ändert sich jemals wirklich. Und gilt das nicht für alle Bereiche, vor allem auch für die menschliche Bewusstseins- und Geistesentwicklung? Hat jemals etwas, das einmal wirklich wertvoll war, seinen Wert je verloren? Der erste Lichtstrahl enthielt alles, was an Erleuchtung möglich ist. Die erste Erkenntnis entstammte der Quelle, aus der alle Erkenntnis fließt und war wahr, wenn sie auch aus heutiger Sicht in einem unzeitgemäßen Gewand erscheint. Stier ist der Sammler und Bewahrer all dieser Schätze. Er baut das Haus des Lebens, und damit es vollständig wird, ganz und rund, darf nichts verloren gehen. Wie wir durch die Archäologie wissen ist in der Erde die Vergangenheit des Menschseins, überhaupt die Vergangenheit alles Irdischen gespeichert; man kann in ihr lesen wie in einem Geschichtsbuch - die Erde hat ein Gedächtnis. Alles was auf diesem Planeten jemals war, ist in ihm verinnerlicht und kann wieder ausgegraben werden. Auch das Gedächtnis des Menschen, das genetische sowieso, aber auch das psychische, reicht in Urzeiten zurück; durch Er-innern können wir dieses gespeicherte Wissen wieder wachrufen. Das Gedächtnis ist ein "Kennzeichen der Treue zu uns selbst". Das genetische Gedächtnis sichert den Bestand der Spezies Mensch. Diese Perspektive beleuchtet den tieferen Sinn der Funktion, die das Zeichen Stier im Tierkreis erfüllt: die Sicherung des Bestands, die Ermöglichung einer Zukunft durch die Bewahrung des Vergangenen. Und nun können wir auch die Stier-Botschaft, das 'Bleibe Dir treu' mit anderen Ohren hören und den Wert des Konservativismus verstehen.
Könnte für den kriegerischen Widder noch der Bibelspruch "Macht euch die Erde untertan!" gegolten haben, so empfindet sich der meist friedfertige Stier eher als ein Teil von ihr. Er ist tief verbunden mit allem Irdischen, tief verwurzelt in dem Stück Erde, das ihn trägt, auf dem er gerne sitzt und das er gerne besitzt. Geht es beim Zeichen Widder noch um das 'In die Welt kommen', in eine neue Welt einzudringen, einen Anspruch auf sie zu erheben, so ist das Zeichen Stier schon von dieser Welt. Nachdem draußen in der Natur in der Widderzeit das neue Leben den Durchbruch ins Dasein zu bewältigen hatte, geht es nun darum hier Fuß zu fassen, an Ort und Stelle bleibenden Halt zu finden und zu blühen anzufangen. Den Reichtum der Mutter Erde in all seiner satten Üppigkeit zu entfalten und diese in ein blühendes Paradies zu verwandeln, das ist jetzt das kosmische Gebot. Aber noch sind die zarten Blüten bedroht von Wind und Wetter, noch weiß man zu Beginn dieser Jahreszeit nicht ob all dieses Leben wohl lange genug dauern wird und es liegt die Angst in der Luft, zu früh zu sterben und es besteht ein großes Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit.
Der Beruf des Gärtners ist ein Stier-Beruf, der Gärtner, der seine jungen Pflanzen vor der Witterung schützt und wartet. Das Wort 'warten' gehört zu Stier in seinem doppelten Sinn: im Sinne des 'Hegens' und im Sinne des 'Sich Zeit Nehmens'. Es eilt jetzt nicht, und es hat keinen Sinn, die Dinge anzutreiben; denn alles braucht seine Zeit und jedes wird zu seiner Zeit; immer mit der Ruhe, dann wird's schon: das sagt uns die Stier-Weisheit.
Es gibt eine Geschichte von einem Indianer, der in New York mit dem Taxi gefahren ist. Plötzlich bittet er den Fahrer anzuhalten. Dieser fragt erstaunt nach dem Grund des Anliegens, da das Ziel doch noch nicht erreicht sei. Der Indianer antwortet ihm: "Ich muss warten bis meine Seele nachkommt."
Wie oft bleibt unsere Seele im alltäglichen Getriebe auf der Strecke? Wachsen und entwickeln wir uns nicht nach ewigen Gesetzen, die ihren eigenen Rhythmus haben? Der Widder unterscheidet nach 'stark' und 'schwach', für ihn gibt's die die es schaffen und die, die es nicht schaffen, die Ewig-Ungeborenen. Der Stier unterscheidet nach 'reich' und 'arm'. Ging es bei Widder um das 'Wollen', so geht es jetzt um das 'Haben': Zeit haben, Platz haben, zu Essen haben, Freunde haben, ... Wie ein 'Hans im Pech' haben wir das alles eingetauscht gegen Geld. Wir wollen immer noch mehr Geld haben, bzw. haben wir unsere Welt so eingerichtet, dass wir immer mehr Geld haben müssen, um überhaupt noch dazuzugehören. Weil wir hinter dem Geld herjagen, haben wir keine Zeit um zu genießen und weil wir nicht genießen können, werden wir ungenießbar und weil wir ungenießbar sind, haben wir keine Freunde und darum brauchen wir immer mehr Geld, um denen zu imponieren, die unsere Freunde nicht sind - darum sind wir arm. Und da viele von uns es mit sich selbst nicht gut meinen, meinen sie es auch mit Mutter Erde nicht gut, wozu auch?
"Irgendwann werdet ihr merken, dass ihr euer Geld nicht essen könnt" sagen die Hopi-Indianer. 'Das Geld und der Besitz sind für den Stier das Wichtigste' sagt man. Da unsere Herzen krank sind, da wir unsere Seele längst hinter uns gelassen haben, da uns das Stiergesicht des Daseins als Fratze anblickt, finden wir obige Aussage auch immer wieder bestätigt. Und die Krankheit wird hervorgerufen durch die gesellschaftliche Ausklammerung des Gegenpols Skorpion. Gefühle wie Wut und Hass werden geleugnet, obwohl es sie gibt; Sexualität wird verheimlicht und versteckt und der Tod als notwendiges Übel in die Krankenhäuser und Altenheime verbannt. Wir haben alles fest im Griff und wollen nichts zu tun haben mit dem, was darauf hindeutet, dass es nicht so ist. Wir haben verlernt auszulassen, loszulassen, wir können nicht Abschied nehmen, nicht sterben. Uns kann nicht viel passieren: der Inflation beugen wir durch den Besitz mehrer Immobilien vor und einen Atomkrieg überleben wir im eigenen Keller, der zum Schutzraum umgebaut worden ist. Das ist die größte Armut, die dieser Planet je erlebt hat.
Der wahre Reichtum ist die aus unerschöpflichen Quellen strömende, sich ans Dasein verschwendende Lebensenergie. Da Geld ein irdisches Symbol dieser Energie ist, ist es der Auftrag eines recht verstandenen Stierprinzips, dieses zum Wohle des Ganzen im Fluss zu halten und es nicht aus Angst oder Habgier zu horten. Hierzu eine Geschichte: Ein König geht auf Reisen und gibt jedem seiner drei Söhne einen Sack mit Blumensamen. Er sagt: "Wer mir diesen Sack bis zu meiner Rückkehr am besten verwahrt, soll meinen Thron erben!" Der erste Sohn sperrt die Samen in eine Kiste und verschließt sie mit einem schweren Schloss. Als der König nach langer Zeit zurückkehrt, sind die Samen in der Kiste längst vermodert. Der zweite Sohn verkauft die Samen auf dem Markt und bewahrt das Geld auf. Als der König den dritten Sohn nach dem Verbleib der Blumensamen fragt, deutet dieser nur aus dem Fenster: dort ist eine riesige bunte Blumenwiese. Jeder von uns hat so einen Sack Blumensamen als natürliche 'Talente' mit auf den Weg bekommen. Worin besteht Dein Reichtum? Wie gehst Du damit um? Das ist die Frage, die Stier an Dich stellt. Bist Du ein seelen- und lebloser Materialist, hältst Du es mit totem Besitz, todsicheren konservativen Lebenskonzepten; verkaufst Du Deine Talente auf dem Marktplatz - oder streust Du Deine Talente-Samen aus, so dass um Dich herum alles wachsen und blühen kann? Wie geizig bist Du mit Dir?
Der dunkle Stier-Aspekt lebt in einseitig materialistischen Werten, in lebensfeindlichen Sicherheitskonzepten, die noch dazu gefährlich sind, da sie die Illusion vermitteln, man könne den Stier-Gegenpol Skorpion aus dem Kosmos aussperren. Und Skorpion hat mit dem Gesetz des 'Stirb-und-werde' zu tun, will uns lehren, durch Annehmen der Vergänglichkeit ein reicheres und intensiveres Leben im Hier und Jetzt zu führen. Wie der Widder ohne Integration des Waage-Gegenpols beziehungslos bleiben muss, so bleibt der Stier ohne Ergänzung durch skorpionische Weisheit ein unlebendiger Bunkerbauer. "Wovor Du Angst hast, daran wirst Du sterben!" ist ein weiser Satz der Indianer. Aus Angst und Sicherheits-Bedürfnis haben wir inzwischen so viele Waffen auf der Welt, dass dieses Rüstungspotential todsicher geworden ist. Was ist sicher? Was trägt mich wirklich? Wo finde ich meine Wurzeln? Das sind Fragen aus dem Geiste des Stier-Prinzips, die nicht für stierbetonte Menschen reserviert sind.
Es ist natürlich legitim, die Wurzeln zunächst in 'irdischen Burgen' zu suchen. Das eigene Haus, die feste Beziehung, das Bankkonto. Karl Marx (Sonne und Mond im Stier) hat die Bedeutsamkeit materieller Bedingungen für unser Bewusstsein beschrieben. "Das Sein bestimmt das Bewusstsein", war seine These. Völlig richtig. Aber der Satz ist umkehrbar: Das Bewusstsein bestimmt das Sein. In Antwort auf Karl Marx ist das oft genauso plausibel belegt worden. Dass Marx als Stier sein Hauptwerk 'Das Kapital' nennt, ist übrigens eine schöne symbolische Entsprechung.
Das Lied "Ein feste Burg ist unser Gott" zeigt, dass Wurzeln auch im Glauben, im Geistigen existieren können. Und: die Mutter Erde trägt Dich überall. Wer den Bezug zu ihr sucht und pflegt, kann ein Gefühl von Zugehörigkeit und Aufgehobensein geschenkt bekommen, das ihn die täglichen Bedrohungen und Unkalkulierbarkeiten besser aushalten lässt. Und, als letzte wichtige Stier-Botschaft: Bewohne Deinen Körper! Dieses Gefühl, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, geerdet zu sein, schafft Unabhängigkeit und innere Stärke. Individuell wie kollektiv wirft Stier die Frage nach unserem Bezug zur Mutter Erde auf. Dass wir dabei sind, einen kollektiven Muttermord zu begehen, ist eine Konsequenz der Verachtung weiblicher Werte im Patriarchat. Die ökologische Bewegung, die Suche der Frauen nach ihren matriarchalen Wurzeln, die Suche der Männer nach ihrer verlorenen Seele, wir können nur hoffen, dass diese Bewegung genug Kraft bekommt.
Familiensystem
Ist Stierenergie in einer Familie stark vertreten, so ist normalerweise ein fruchtbarer Mutterboden gegeben, auf dem sich die jungen Kinder-Pflanzen entfalten können. Ein Bauernhof inmitten fruchtbaren Landes, mit vielen Tieren, vollen Vorratskammern und Scheunen, Obstgarten und einer kinderreichen Familie, die ihn bewohnt. Ein fester Familienverband, in dem sich der Einzelne zugehörig fühlen kann, geborgen, genährt und sicher wie in einer Burg. Die Menschen sind im Umgang miteinander einfach, natürlich, ehrlich und ohne Tricks. Auch versteht man hier zu feiern, die Feste hier sind berühmt bis berüchtigt, Rotwein und Bier gibt es reichlich aus Steinkrügen und Büffelhörnern. Die dunkle Seite der Stier-Burg: Ihre Mauern schützen nicht nur, sie können auch einsperren und ersticken. Du bekommst alles, solange Du innerhalb der Burg bleibst; wenn Du gehst, bist Du in jedem Sinne draußen. Solange Du die Glaubenssätze, Werte, Denkmuster der Burgherrscher übernimmst, d.h., solange Du SOHN oder TOCHTER bleibst, ist alles gut; wenn Du einer von ihnen bist! Wenn Du Dich individuierst, Dich in Handeln und Denken aus Sohn- oder Tochtermentalität befreist, bekommst Du nichts mehr, bist geächtet als Abtrünniger, als Verräter, bist für die Familie gestorben. Im besten Falle bekommst Du die Rolle des verlorenen Sohnes oder der verlorenen Tochter, d.h., falls Du Dich eines Besseren besinnst, kannst Du jederzeit zurückkehren, wieder der Alte werden...- oder ist das der schlechteste Fall? - eine Frage der Persektive. Stierbetonte Kinder sind freundlich und gutmütig, aber in allen Dingen sehr langsam. Sie verarbeiten neue Eindrücke sehr gründlich, daher brauchen sie auch etwas länger dafür. Man sollte sie so wenig wie möglich antreiben, da ihnen sonst, um ihre Eigenart zu bewahren, nur Widerstand und Trotz als Antwort bleiben, eine Haltung, aus der sie dann aus eigner Kraft oft nicht mehr herausfinden.
Beziehungsmodell
Das Beziehungsmodell, das sich aus dem Geiste des Stierprinzips formulieren lässt, ist die nährende, reiche, sinnliche Beziehung, in der Dionysos seinen festen Platz hat. Metmann bezeichnet ihn als Urbild und als höchste Entwicklungsform dieser Mythensphäre. Er meint: " Wer aber von jedem etwas in sich trägt, von der Gnade des himmlischen Rausches und von der dunklen Gier des lustbesessenen Fleisches, der wird, je nach der Vorherrschaft des einen oder des anderen in seinem Innern, ein dionysischer Auflockerer seelischer Verhärtungen, ein meisterhafter Wecker schlummernder Genussfähigkeiten und Retter verschütteter Instinkte werden, oder: ein sturer Sammler irdischer Reichtümer und Lüste, ein sinnlicher Genießer und brutaler Schwelger".
Auch die tragfähige, dauerhafte Beziehung gehört hierher. Gemäß den Jungschen Strukturformen der männlichen und weiblichen Psyche würde man hier von der Vater-Mutter-Beziehung sprechen. Miteinander eine Burg bauen, Familie haben, vielleicht aufs Land ziehen; die Liebe will hier geerdet werden und dauerhafte Früchte tragen. Um das glückliche Paar herum soll alles blühen und wachsen, der Eros sorgt dafür. Eine Schattenseite dieses Modells ist die materialistische Konsumhaltung. Liebe kann hier käuflich werden: die gute Partie - suche aus Paritätsgründen gutsituierten Partner, bin selber nicht unvermögend - , die Pelz- und Juwelenbeziehung, die Perversion der Reichen mit Kaviar- und Hummerexzessen. Die erotische Energie wird zur Geldgeilheit, zum Kauf- und Konsumrausch. Auch Sex wird dann ohne Beteiligung des Herzens konsumiert. Auf dem Beziehungsmarkt verkauft man sich so teuer wie möglich: der Mann mit seinem Porscheschwanzauto, die Frau trägt wie üblich ihren Körper zu Markte, und jeder hat eine panische Angst vor dem Alter oder vor dem Konkurs, vor der Zeit, wo er nichts mehr zu verkaufen hat. Was bei Widder die nackte Potenz ist, kann hier zur betuchten Potenz werden. Ein weiterer Schattenaspekt hat mit Verschlingen und Festhalten zu tun: "Ich liebe Dich, solange Du mir gehörst". Wenn Du einen Schritt aus der Beziehungsburg unternimmst, bekommst Du nichts mehr, kein Gefühl und keinen Pfennig. So kann die versteinerte Sicherheitsbeziehung entstehen, die prächtige kalte Ehe: " und eigentlich wären sie ganz glücklich gewesen, wenn nicht ...". So ist das oft, wenn man alles hat: das Haus abbezahlt, Polster auf der Bank, Farbfernseher sowieso - es fehlt nur lebendige Liebesenergie. Und die kann nur fließen, wenn auch das Nein in der Liebe, wenn Trennung und Sich-Loslassen in der Beziehung Platz hat.
Oft wird hier aus Verlustangst bewusst oder unbewusst die Entwicklung des Partners torpediert. Vor allem feuer- und luftbetonte Partner fühlen sich durch Stierenergie oft erstickt. Die Lösung des Problems kann nur durch Einbeziehung des skorpionischen Gegenpols gelingen: "Was Du festhalten willst, wirst Du verlieren - was Du loslässt, wirst Du bekommen" sagt Laotse. Aber: gesagt ist das leicht, danach zu leben ist eine andere Sache. Was Dir als Stier an Dein Herz gewachsen ist, wird dort für immer bleiben, wie einem Baum die inneren Jahresringe bleiben. Was zu Deiner Lebensgeschichte gehört, bleibt Dein innerer Besitz, Dein Erfahrungsschatz, ob Du das willst oder nicht.
Also, wie der Psychotherapeut Jens Corssen (Sonne im Stier) sagt: "Ändere Dich nie, aber lebe trotzdem die Fülle des Moments!" Geh davon aus, dass jeder Abschied für Dich ein Tod ist, dass der Erdboden Dir unter den Füßen entzogen wird, dass Du lange, lange Zeit dafür brauchst und ebenso lange, um Dich auf etwas Neues wirklich einzulassen. Das ist Deine Schwäche sowie auch Deine Weisheit. Sei geduldig und versöhnlich mit Dir, zwinge Dich nicht zu einem schnelleren Lebenstempo, als innerlich stimmig. Vertraue auf das innere Wachstumsgesetz und dessen göttlichen Zeitplan. In dieser unruhigen Zeit, in der niemand mehr "Zeit hat" oder sich Zeit nimmt, ist gerade Deine Langsamkeit weise und heilend. Wie der Indianer sich nach seiner ersten Autofahrt auf den Boden setzt, um zu warten, bis seine Seele nachgekommen ist, wie Buddha (Stier-Sonne) unter einem Baume sitzend in der Meditation tiefen Frieden und Ruhe erfährt, so ist auch Deine Weisheit die des Stillhaltens, des Innehaltens: die Weisheit der Katze, die stundenlang am Ofen oder in der Sonne liegen kann, ohne sich deswegen Vorwürfe zu machen.
Wenn ein Stier-Paar sich von den Göttern etwas wünschen dürfte, dann würden sie es vielleicht ähnlich machen wie Philemon und Baukis. Ihnen hatte Dionysos einen Wunsch gewährt, und sie hatten sich gewünscht, ihm, dem Stier-Gott als Priester zu dienen und zur selben Stunde sterben zu dürfen, da keiner ohne den anderen leben wollte: "Als sie eines Tages vor dem Heiligtum standen, sah Philemon mit wachsendem Staunen, wie seine Gattin in eine Linde, mit reichem Laub geschmückt, verwandelt wurde, während er vor ihren Augen als Eiche erstand. Sie konnten noch liebevolle Worte miteinander flüstern, ehe ihr Mund verstummte. Doch die Zweige berührten sich, und die Blätter lispelten im Winde, als sprächen sie weiterhin miteinander". Und wenn sie nicht gestorben sind ...
Therapie
Körperlich gehört zum Stier der gesamte orale Bereich: Kehle, Kehlkopf, Schlund, der Schlund als Wächter über alles, was diesen passieren will. Ein Stierproblem ist, dass dieser Schlund oft zur Einbahnstraße wird, dass er zuviel schluckt: zuviel isst, zuviel trinkt und vor allem zuviel Wut hinunterschluckt. Oft fehlt ihm ein Ventil und er gerät von innen her immer mehr unter Druck, bis er schließlich aus irgendeinem nichtigen Anlass explodiert und blindwütig alles zerstört und vernichtet, was zufällig gerade in seiner Nähe ist. Dem muss eine therapeutische Behandlung Rechnung tragen: viele Stiere sitzen auf einem Vulkan von gestauter Wut, vor allem geschluckter Wut. Die zugeschnürte Kehle, die Tatsache, dass der Stier nicht rechtzeitig seine Stimme erhebt, sozusagen einen Warnschrei loslässt, ist oft das Hauptproblem; dieses gepaart mit einem Hang zur Passivität, zur Hörigkeit und zur Unterwürfigkeit. Teils überlegt er sich, ob es ihm wichtig genug ist, etwas zu sagen, ob es überhaupt lohnt, teils traut er sich aus angeborener Autoritätsfurcht oder aus Angst vor dem Verlassenwerden nicht. Zudem ist er langsam und schwerfällig, so dass ihm die Wut oft erst hochsteigt, wenn die auslösende Situation schon lange vorübergegangen ist. Daher ist es wichtig, dass er lernt, den Mund aufzumachen und zwar rechtzeitig. Stundenlanges Toben und Brüllen kann notwendig sein, um alte Wuthalden abzubauen.
Besonders der Stier-Mann, der nicht wie der Widder zum Heldendasein berufen ist, dessen Mannwerdung sich vielmehr über das Erlernen einer weiblichen Lebenshaltung vollzieht, wird darüber oft zum Gefangenen der Rolle des Muttersohnes, was mit viel Schmerz, Demütigung und aufkeimendem Hass verbunden ist. Metmann schreibt: "Denn das dionysische Wüten ist das naivste, aber auch rücksichtsloseste Mittel zur Befreiung der männlichen Instinkte aus der ehrfurchtsvollen Befangenheit knabenhafter Liebe". Auch die Schultern gehören zum Stier, er ist sehr tragfähig, braucht auch ein gewisses Maß an Belastung, um sich zu spüren, lässt sich aber häufig viel zu viel aufladen. Weiterhin der Hals und der Nacken, die Halsstarrigkeit und die Hartnäckigkeit sind bekannte Stiereigenschaften.
Der Stier schleppt meist viel Bedrückendes und Belastendes mit sich herum, Eltern- und Lehrerbotschaften sitzen ihm im Nacken und bestimmen sein Leben. Er ist eher introvertiert und neigt dazu die Aggression gegen sich selbst zu richten. Er glaubt, dass der Mensch sich sowieso nicht ändern kann, und falls er die Möglichkeit einer Änderung akzeptiert, dann unter der Voraussetzung, dass der andere sich ändern muss und nicht er. Er klebt an Beziehungen, lebt oft in Beziehungen, die schon seit Jahren tot sind. Das Trennungsproblem, das Thema Loslassen ist in der Therapie immer wieder das zentrale. Wichtig ist, dass der Therapeut zuverlässig ist, dass er sein Vertrauen gewinnt und dass er ihm Zeit lässt. Wenn man ihn drängt, dann blockiert er und es geht gar nichts mehr. Gesprächstherapie, nondirektives Arbeiten, Spiegeln, sind Methoden auf die er anspricht. Wo viel Wut im Körper gespeichert ist, wo der Klient in einem schier undurchdringlichen Körperpanzer eingemauert zu sein scheint, da ist Bioenergetik äußerst hilfreich. Der Therapeut oder Erzieher muss auch wissen, dass der Stier zur Scheinanpassung tendiert, d.h.: damit man ihm seine Ruhe lässt, tut er nach außen so als ob, aber in ihm ändert sich in Wirklichkeit nichts. Der Stier als Therapeut ist sehr belastbar, solide, geduldig und ein guter Taktiker.
Sonne im Stier
Hast Du die Sonne im Zeichen Stier, so ist Dein innerer König ein matriarchaler König; seine Kraft und Weisheit bekommt er durch die Anbindung an die Erdmutter, ihren Reichtum und ihre Gesetze. Er kennt die Naturgesetze und regiert in Einklang mit ihnen. In sei-nem Reich herrschen Fruchtbarkeit und Wachstum. Er ist der Typus des sorgenden Vaters, sorgt aber auch für feste Strukturen und Regeln im Reich. Söhne wie Töchter mit Stier-Sonne suchen diese Qualitäten zunächst im Vater. Dieser soll verlässlich, mütterlich-nährend, er soll einfach DA sein. Da Väter aber meist nicht DA sind, sondern 'wichtigeres' als Kinder im Kopf haben, bleibt meist viel ungestillte Sehnsucht nach Berührung, Schutz, Aufgefangenwerden, Gehaltenwerden. Viele Stier-Töchter wiederholen das Modell später in Beziehungen: Männer, die nie da sind. Ist der leibliche Vater jedoch da, hat er tatsächlich die ersehnten mütterlich-nährenden Energien, wirst Du ein liebevoller, treuer Sohn oder eine ebensolche Tochter werden. Hier ist es in Ordnung, in der Burg des Vaters zu bleiben, seine Werte, seine Botschaften müssen nicht grundsätzlich in Frage gestellt wer-den; man kann auch den Betrieb des Vaters übernehmen, dasselbe studieren wie er oder in dieselbe Partei eintreten, ohne seelischen Schaden zu nehmen. Das väterliche Erbe, sei es geistig, seelisch oder materiell, soll hier geachtet und bewahrt werden; oft bekommst Du vom Vater hier den Sack mit Blumensamen, erbst 'Talente' von ihm. Jedoch darfst Du auch hier nicht ewig Sohn oder Tochter bleiben. Bestenfalls dient Dir der Vater als Vorbild für das, was Du in Deinem Herzen selber werden willst.
Der größte Reichtum, den Du geschenkt bekommen hast, bist Du selbst. "Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen" sagt Goethe. Solange Du Kind Deiner Eltern bist und nach ihren Vorstellungen und Werten lebst, bist Du nicht Sachwalter Deiner selbst, hast Du Dein Erbe noch nicht wirklich angetreten. Als Mann mit diesem Sonnenstand ist es wichtig, dieser reiche, nährende König zu werden, die Talent-Blumensamen auf die Erde zu streuen, in Deinem Lebensbereich für Fruchtbarkeit und Wachstum zu sorgen - sei es als Bauer, Schäfer, Förster, Bankier oder in jedem anderen Beruf, wichtig ist, dass durch Dich etwas wächst. Auch als Frau ist dieser König mit seinen speziellen Kräften in Dir. Meist wirst Du ihn aber zunächst im Mann suchen. Der Mann, der trägt, nährt, verwöhnt, Dir eine Burg baut. Der Mann, der Vater Deiner Kinder ist, soll ein erdverbundener Vatertypus sein, kein Luftikus. Die Treue zum leiblichen Vater ist hier oft groß, aber nicht mit der inzestuösen Energie des skorpionisch-plutonischen Prinzips getränkt. Vom Vater verlassene Stiertöchter reagieren oft mit tiefer Bindungsangst, wie überhaupt entwurzelte Stiere das tun, nach dem Motto: "drum prüfe ewig, wer sich bindet!" Wer weiß, wie weh Trennung tut, und wie lange Abschied dauert, wie träge die Energie des Herzens ist, kann nicht so leicht nach dem Prinzip von 'Versuch und Irrtum' leben, wie die schnelle Widderenergie das ermöglicht. Ob Mann oder Frau, mit Sonne im Zeichen Stier wirst Du in Herzensentscheidungen - nicht unbedingt auch in anderen Bereichen Deines Wesens - langsam und bedächtig sein. Bevor Du das Schwert gebrauchst, vergeht lange, lange Zeit. Dann hat die Entscheidung aber den Charakter von Endgültigkeit, Du bist dann nicht mehr bestechlich. Weil Du um das Schwerwiegende solcher Entscheidungen weißt, triffst Du sie oft nur im äußersten Notfall, wenn Du schon viel ertragen hast - oder Du triffst sie nie und hoffst, irgendetwas von außen möge doch bitte passieren. Als Stier weißt oder ahnst Du, dass alles zu seiner Zeit kommt, also ist es oft richtig zu warten; Du musst aber auch wissen, dass die Gelegenheit ungenutzt vorübergeht, wenn Du zur rechten Zeit nicht handelst und hoffst ein anderer würde es für Dich tun.
Im Märchen "Der gastliche Kalbskopf" ist der Held der Geschichte ein verwöhnter Mutter-Sohn, der immer zuerst ans Essen denkt. Er begegnet in einem Waldhaus einem sprechenden Kalbskopf, der in einer Wiege liegt. "Schade, dass selbiger nicht gebraten ist" denkt der Bursche nur. Er wird in diesem Haus bekocht und bedient; als Ausgleich muss er dem Kalbskopf Geschichten über die äußere Welt erzählen. Am Ende des Märchens heißt ihn der Kalbskopf, eine Axt aus der Küche zu holen und ihn abzudecken. Was sieht er? Der Kalbskopf mündet in einen hässlichen, armdicken Schlangenleib - und diesen muss er mit einem Hieb abtrennen. Das fällt ihm enorm schwer, da er den freundlichen Kalbskopf sehr liebgewonnen hat. Er tut's dann doch, und das Kalbskopfgesicht verwandelt sich in das einer wunderschönen Frau. Ein deutliches Bild dafür, dass im oralen Paradies immer auch eine Schlange wohnt - die Schlange des regressiven Sogs der Mutterbindung. Der männliche Stier-Held muss, tut es auch noch so weh, den mütterlichen Verwöhnungsdrachen töten, sonst wird er nie zum Mann und kann natürlich auch seine Prinzessin nicht erlösen. Die Bereitschaft, den Kalbskopf zu töten, die Bereitschaft, Abschied zu nehmen vom geschenkten Paradies, das Ja zum Ende, die Integration des Gegenpols Skorpion ist die Voraussetzung für die zweite Geburt des Stier-Helden, für die Geburt zum selbstverantwortlichen, vollständigen Erwachsenen. Und doch ist der positive Mutterkomplex dieses Helden eine Voraussetzung für den im ganzen eher sanften Entwicklungsweg. Mit dem Urvertrauen des genährten Sohnes geht Entwicklung eben fließender, friedlicher. Am Ende der Geschichte lebt der Held mit seiner Prinzessin ein friedliches, ruhiges, einfaches Leben in der Natur. Auch das entspricht der Sehnsucht der Stierseele.
Im Märchen "Das Erdkühlein" - man beachte, dass sowohl Kuh als auch Erde die nährende Urmutter symbolisieren - wohnt die Heldin ebenfalls lange im Wald bei diesem seltsamen Tier. Auch diese Heldin muss sich irgendwann schweren Herzens von dem freundlichen Tier trennen, um sich zu entwickeln. Durch ihre positive Anbindung an die Urmutter gehorcht ihr der Apfelbaum, der die Früchte trägt, die den Königssohn heilen. Während ihre dunklen Schwestern nicht an die Früchte gelangen können, da der Baum sie ihnen nicht geben mag, kann die Heldin mühelos die Früchte pflücken; der Baum neigt seine Äste zu ihr.
Gewisse Ähnlichkeit damit gibt es bei Aschenputtel. Hildegunde Wöller, die dieses Märchen interpretiert hat, beschreibt die bösen Schwestern Aschenputtels als die herzlose, materialistische Haltung der Frau, die sich den männlich-patriarchalen Werten unterworfen hat. Zu diesen Frauen neigt sich der Baum des Eros und der Sinnlichkeit niemals wirklich. Da hilft kein Nerz. Aschenputtel hat die Verbindung zur Mutter im Himmel, zur Großen Göttin, nie verloren, sie pflanzte schließlich den Haselnussbaum auf dem Grab der Mutter. Die Frage des Stiers an Dich als Frau ist: Hast Du Deinen Baum gepflanzt? Suchst Du nach dem Anschluss an die matriarchale Weisheit oder hast Du ihn längst verloren, bist zur Stiefschwester geworden, die sich an die Werte der Männergesellschaft verkauft?
In der griechischen Mythologie enthält die Geschichte von König Minos und seinem Minotaurus stimmige Stier-Motive. Das Unglück nimmt hier seinen Lauf, als Minos den weißen Stier nicht, wie versprochen, dem Poseidon opfert, sondern dafür einen Stier aus seiner Herde nimmt. Gier und Nicht-Loslassen-Können, Haben- und Verschlingenwollen um jeden Preis sind Schattenseiten des Stierprinzips, trefflich durch den Minotaurus symbolisiert. In anderen Worten: Das Geschenk der Urmutter an den Stier-Menschen ist die Lebenslust, die Fähigkeit zu genießen, ein inneres Schlaraffenland. So unbewegt und unbeweglich der Stier nach außen wirken mag, in ihm toben die rauschendsten Feste. Der Teufel erscheint und versucht ihn in der Gestalt der Gier. Das Lustreich seiner Sinnlichkeit wird ihm zur Falle, zum Labyrinth tausendfachen Verlangens, in dem der Minotaurus ohne Achtung, ohne Ehrfurcht alles ihm Begegnende gierig verschlingt. Das Ringen mit diesem urmächtigen Gegner wird zur entscheidenden Kraftprobe. Wer ist stärker? Gewinnt der lebenspendende Geist oder der lebenverschlingende Trieb? Die Urgewalten des Weiblichen, die gebärende und die verschlingende Mutter ringen im Herzen dieses Menschen um die Vorherrschaft.
Im Märchen "Hans mein Igel" finden sich Hinweise für den Entwicklungsweg eines Kindes, das daheim keinen nährenden, sondern einen steinigen Erdboden vorfindet. "Wie ein abgelehntes Kind sein Glück findet" heißt der Untertitel, den Ingrid Riedel ihrer Interpretation gab. Das abgelehnte Igelkind - "wenn er doch nur stürbe" sagte sein Vater - geht für lange Zeit in den Wald, sitzt jahrelang auf einem Baum und spielt auf seinem Dudelsack die schönste Musik. Die Beziehung zur Großen Mutter Natur, die Entdeckung seiner inneren Seelenmusik befähigen ihn, seinen Weg zu machen, seine Prinzessin zu finden. Am Schluss kann er sogar seine Igelhaut ablegen, die stachelig-mißtrauische Lebenshaltung des ungeliebten Kindes. Eltern, die gerne voller Stolz feststellen, was ihr Kind im Vergleich zu anderen schon alles kann, wollen im Grunde ihres Herzens kein Stier-Kind. Da müssen viele kleine Stiere sich in Igel verwandeln, um nicht zertreten zu werden.
Schlussbetrachtung
In seinem Buch "Triffst Du Buddha unterwegs" berichtet Sheldon B. Kopp von einem Traum, in dem er - längst ein bekannter, geschätzter Therapeut - vor einer Gesellschaft sprechen soll und sich völlig fremd, unsicher und ängstlich fühlt. Und er schließt daraus: ich kann der berühmteste Therapeut aller Zeiten werden, Bestseller in Hülle und Fülle schreiben - und doch werde ich mich in bestimmten Standardsituationen genauso hilflos und fehl am Platz fühlen, wie ich mich schon als Kind immer gefühlt habe. Das trifft natürlich auf uns alle zu, wir tragen das Kind, das wir einmal waren, in uns, wie der Baum seine Jahresringe. Die Sonne im Stier wird Dir dies jedoch in besonderer Weise bewusst machen. Also: Vergiss nicht ... !
Textauszug aus:
Claus Riemann - Astrologische Seminare - Stier.
Erhältlich als CD bei uns im Shop siehe den folgenden Link:
Diese Seite wurde bisher 4.131 mal aufgerufen.







