Astrologie | Astrologie Grundwissen
Zwilling
Claus Riemann
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Dienstag, 12. September 2000, 16:39
Ausführlich Beschreibung des Tierkreiszeichen Zwilling.
Es wurde bereits aufgezeigt, dass die sich im Horoskop gegenüberliegenden Tierkreiszei-chen Gegensätze darstellen, die durch gegenseitige Integration ein größeres Ganzes bil-den, so wie die zwei Seiten einer Münze erst zusammengenommen die Münze ergeben. Nun ist es aber auch so, dass die im Tierkreis aufeinanderfolgenden Zeichen gegensätzli-cher Natur sind: auf ein überwiegend aktives Zeichen folgt jeweils ein weitgehend passi-ves, so dass sich die Energieverteilung im Tierkreis wie eine Sinuslinie zeigt; jedem Aus-schlag der Energiekurve in die eine Richtung folgt eine Reaktion in die jeweils entgegen-gesetzte. Die Besonderheit des Zeichens Zwillinge ist es nun, dass es als drittes im Bunde gleichzeitig das erste ist, das auf ein solches Gegensatzpaar folgt. Eine Möglichkeit, dem Tierkreis zu begegnen, ist, ihn von Anfang bis Ende schrittweise zu durchwandern und an jeder Station die dort gestellte Aufgabe zu bewältigen.
Die Problemstellung an der dritten Station dieses Parcours ist nun eine zweifache: einer-seits geht es darum, rückblickend zu erkennen, dass alles mindestens zwei Seiten hat, und andererseits das Eigene, die dritte Seite der Wahrheit noch hinzuzufügen. In anderen Worten: Konnte man dem antreibenden Widder in gewisser Hinsicht das Wort 'Ja' zuord-nen und dem widerständigen Stier das 'Nein', so gehört zu Zwillinge das 'Jein'. War der Widder IN diese Welt gekommen, um sie zu verändern, und der Stier VON dieser Welt gekommen, um sie zu bewahren, so ist es die Aufgabe der Zwillinge, dieses Treiben mit regem Interesse zu beobachten und zwischen den Parteien zu vermitteln, sozusagen je-dem recht zu geben und mit beiden ins Geschäft zu kommen.
Dazu eine kurze Geschichte: Ein Ratsuchender kommt zu einem Rabbi und fragt ihn: "Rabbi, wie ist das eigentlich, leben wir das Leben mehr aus uns heraus oder mehr in uns hinein?" Daraufhin antwortet ihm der Rabbi: "Wenn Du mich so fragst, dann: ja!" Das ist die Zwillingsweisheit: beides ist richtig.
Noch eine Geschichte: Ein alter weiser Meister liegt im Sterben, und seine Schüler ver-sammeln sich vor seinem Bett in der Hoffnung, noch eine letzte Botschaft von ihm zu empfangen. Tatsächlich schlägt der Meister noch einmal seine Augen auf und sagt mit matter Stimme: "Eines wollte ich Euch noch sagen, bevor ich meinen Körper verlasse: Das Leben ist eine Tasse Tee." Und er schließt die Augen wieder. Seine Jünger sind verzwei-felt. Wenn das der letzte Satz ihres weisen Meisters ist, so hat er doch bestimmt eine tiefe Bedeutung. Wie soll ihr Leben in die richtige Bahn kommen, wenn sie diesen Satz nicht richtig verstehen? Sie diskutieren sich die Köpfe heiß und finden doch keine Antwort. In höchster Not gehen sie doch noch einmal zum Sterbebett des Meisters und hoffen in-brünstig, er möge die Augen noch einmal auftun und ihnen den Sinn dieses Satzes erklä-ren. Und wirklich, er öffnet noch einmal die Augen. Die Jünger fragen: "Meister, kannst Du uns bitte erklären, was Du damit meinst, dass das Leben eine Tasse Tee sei?" Und der Meister sagt mit ersterbender Stimme: "Dann ist das Leben eben keine Tasse Tee."
In einer ähnlichen Geschichte kommen Schüler jeden Morgen zu einem Meister, um zu meditieren. Eines Tages finden sie den Meister, wie er auf dem Kopf stehend meditiert. Als sie ihn fragen warum, entgegnet er: " Erst jetzt, da ich auf dem Kopf stehe, leuchtet mir die Wahrheit in ihrer Ursprünglichkeit ins Angesicht". Natürlich meditieren ab diesem Tag auch die Schüler auf dem Kopf. Bis sie eines Tages den Meister wieder aufrecht sitzen sehen. "Aber Du hast doch gesagt, dass man die Wahrheit nur sieht, wenn man auf dem Kopf steht" konfrontieren sie ihren Meister. "Erst jetzt, da ich wieder aufrecht sitze, leuchtet mir die Wahrheit in ihrer ursprünglichen Schönheit ins Angesicht" antwortet er ihnen. Ent-rüstet wenden sich die Jünger von ihm ab und erklären ihn für geistig verwirrt. Da sagt er zu ihnen: "Jede Aussage über diese Welt ist genauso richtig, wie sie falsch ist." Danach sprach er nie wieder.
Die Natur unseres Denkens, die innere Logik unserer Sprache ist dualistisch. Wenn es 'hell' gibt muss es zwangsläufig auch 'dunkel' geben; im selben Augenblick, in dem im menschlichen Bewusstsein 'das Gute' erscheint, hängt 'das Böse' mit dran, wie ein siame-sischer Zwillingsbruder oder wie die andere Seite derselben Münze. Ein Gott, der nur gut ist, braucht einen Gegenspieler der nur böse ist. Wenn ich erkenne, dass ich Deutscher bin und darin nur Gutes sehen kann, wenn ich dem Deutschsein alles Gute zuschreibe und nichts Böses, dann muss aber trotzdem irgendwo in der Welt das Böse sein: logi-scherweise das Nichtdeutsche. Wenn es an irgendeinem Platz in der Welt Tag ist, dann muss es an einer anderen Stelle zwangsläufig Nacht sein; so sieht unsere äußere Wirk-lichkeit aus und offenbar auch die innere Wirklichkeit unseres Bewusstseins: wenn ich ir-gendeine Sache als gut anerkenne, muss zwangsläufig eine andere als das dazugehören-de Böse erkannt werden.
Das Wort Satan kommt aus dem Hebräischen und heißt soviel wie Widersacher. Ur-sprünglich war auch er ein Gott; oft wird er mit Luzifer verglichen, dem Lichtträger, der an-stelle Gottes herrschen wollte und deshalb in die Unterwelt verstoßen wurde. Indem wir ein Bewusstseinsprinzip als Gott erkennen und ihm erlauben zu herrschen, versagen wir dadurch dem dazu komplementären Prinzip die Herrschaft, es wird zum Widersacher.
Die Griechen haben ihre Götterwelt versöhnlicher gestaltet, bei ihnen herrschte Zeus auf dem Olymp und Hades in der Unterwelt. Interessant ist, dass die beiden Brüder sind, Söh-ne des Saturn, der bekanntlich zwei Gesichter hat; das Bild des alleinherrschenden stren-gen Gottes und das des gestürzten, zum Widersacher gewordenen Gottes, sind in ihm vereint. Die griechische Mythologie erlaubt es, zwischen den beiden Welten, der Oberwelt und der Unterwelt, zu vermitteln. Die Aufgabe des Vermittlers übernimmt Hermes, der mit seinem römischen Namen Merkur uns als Herrscher des Zeichens Zwillinge bekannt ist. Aber es sind nicht zwei, sondern drei Welten, die Hermes bereist; denn im Spannungsfeld der ersten beiden liegt die dritte, die Menschenwelt. In der mythologischen Menschenwelt finden wir diese Gegensatzproblematik der ungleichen Brüder durch viele berühmte Zwil-lingspaare verkörpert. Die uns bekanntesten sind wohl Kain und Abel; Kain der seinen Bruder Abel erschlägt, weil sein Opfer von Gott nicht angenommen wird. Ein anderes Paar sind die griechischen Dioskuren, Castor und Polydeukes. Polydeukes war ein Sohn des Zeus und unsterblich, während Castor aufgrund seiner irdischen Abstammung sterblich war. Oft findet man einen sterblichen und einen unsterblichen Zwilling, oft einen hellen und einen dunklen, einen Licht- und einen Schattenbruder. Sie weisen auf die Doppelnatur des Menschen hin: unsterbliche Seele, sterblicher Körper, und - jeder Mensch hat neben Licht- auch Schattenpotentiale in sich. Metmann bezeichnet die Dioskuren als die "seelenretten-den Zwillinge". Seiner Ansicht nach wird der 'irdische Bruder', so wichtig er zunächst ist, zum inneren Widersacher und muss ausgeschieden und sichtbar, d.h. bewusst gemacht werden. Auch Jesus konnte oder wollte seine Mission nicht ohne die Mitwirkung des Judas vollenden. So ist wohl jeder von uns zugleich ein Bruder von Jesus, ein Sohn Gottes und zugleich ein Judas, ein vom Satan geleiteter Verräter der eigenen Sache. Da die Bitte "führe mich nicht in Versuchung!" nur heissen kann, dass man bereit ist, auf das Essen vom Baum der Erkenntnis zu verzichten, bleibt dem wahrhaft Suchenden nur die Alternati-ve: "Führe mich in der Versuchung!".
Lassen Sie uns nun zurückkehren an die dritte Position des Tierkreises. Von hier aus wer-den sowohl die Stier- wie auch die Widder-Perspektive als Gesichter der Wahrheit akzep-tiert, die selber aber viel größer und allumfassend ist. Aus astrologischer Sicht könnte man sagen: es gibt zwölf Gesichter der Wahrheit, und jede Erkenntnis, die nicht aus allen zwölf Perspektiven beleuchtet und als wahr erkannt worden ist, ist letztlich unvollständig und entspricht daher nicht der vollen und ganzen Wahrheit. Zu wissen, dass kein Mensch im Besitz der letztendlichen Wahrheit ist und vermutlich jemals sein wird, und sie trotzdem unermüdlich zu suchen, das ist der Beitrag des Zwillings-Zeichens. Durch die Manifestati-on der ersten beiden Zeichen ist ein Zwiespalt entstanden, nämlich einesteils die Gewiss-heit, das Urfeuer, den göttlichen Funken in sich zu tragen, also ein Sohn des Himmels zu sein (Widder), und andererseits aber aus Erde gemacht, ein Erdensohn zu sein (Stier). Diese Zweiheit, diese zwei Seelen in der Brust, führen nun im Zeichen Zwillinge zu einem beständigen Ringen um die Wiedergewinnung der Einheit.
Die körperliche Entsprechung dazu finden wir im Vorgang der Atmung. Oskar Adler ver-gleicht die Atmung mit dem dialektischen Prinzip: dabei entspricht das Einatmen der The-se, das Ausatmen der Antithese und der darauffolgende kurze Ruhepunkt der Synthese. Würde man es bei einem Atemzug belassen, wäre das Leben reichlich kurz. Aber das Le-ben geht weiter und es muss erneut eingeatmet werden, eine neue Erkenntnis scheint am geistigen Horizont auf, eine neue These wird aufgestellt. So ist es Aufgabe des Zwillings-Menschen, die Welt geistig in Atem zu halten. Nie kannst Du Dich auf Dauer für eine Seite entscheiden, für Einatmen oder Ausatmen, immer wieder musst Du ein inneres Ja finden zu beidem zum "Sowohl-als-auch". Und wenn Du jemals glaubst, die Wahrheit gefunden zu haben, dann bist Du zum Narren geworden, wenn Du zur Ruhe kommst und darin ver-harrst, dann bist Du als Zwilling tot. Immer und überall begegnen uns hier die Symbolik und die Problematik der Zahl ZWEI.
Kriyananda betont, dass sich in diesem Monat die Pflanzen verzweigen. In der menschli-chen Entwicklung ist es die Zeit, in der der Geschlechtstrieb erwacht und der junge Mensch erkennt, dass er entweder Mann oder Frau ist, woraufhin er aus dem Paradies der Kindheit vertrieben wird.
In der Natur drückt die bunte Frühlingswiese mit vielen Schmetterlingen die Zwillingsener-gie aus. Der Schmetterling an sich dient als Symboltier für dieses Zeichen. Das fängt schon damit an, dass er uns in zweifacher Gestalt, nämlich als das Erdentier Raupe und als das Himmelstier Schmetterling begegnet, wobei das Raupendasein einen vorüberge-henden, aber notwendigen Überganszustand darstellt.
Die Zahl Zwei liefert uns noch ein weiteres Leitmotiv für das Zwillings-Wesen: den Zweif-ler. Er hat erkannt, dass alle Teilwahrheiten gleich gültig sind. Die "Gleichgültigkeit" wird ihm zum Lebensprinzip und bestimmt sein Denken und Handeln. Hier nun steht der Zwil-lings-Mensch an der entscheidenden Weggabelung seines Lebens. Hier muss selbst er sich entscheiden, wie er das Prinzip der Gleichgültigkeit zu leben gedenkt. Zwei Wege gibt es, zwei Möglichkeiten diesen Begriff zu verstehen. Und hier ist nun seine Intelligenz ge-fragt; denn das Göttliche offenbart sich dem Zwillingsmenschen als Intelligenz. Bist Du als Zwilling in der Lage zu differenzieren zwischen 'gleich gültig' und 'gleichgültig'? Aber kühle Intelligenz allein rettet Dich auch noch nicht. Wissen allein genügt nicht. Da wird die im-mense Bedeutung der Integration des Gegenpols Schütze deutlich. Wenn Du absolut nichts glauben kannst, wenn Du alles anzweifeln musst, wenn Dir alles gleichgültig weil gleich gültig ist, so führt Dich dieser Weg unweigerlich in die Verzweiflung. Das Zeichen Schütze symbolisiert eine unabdingbare Gewissheit, die tief in der menschlichen Seele wurzelt: das Angebundensein an die göttliche, an die höchste und tiefste Wahrheit über eine Art geistiger Nabelschnur, über das Gewissen. Das führt uns zurück zur biblischen Situation, zur Erkenntnis von Gut und Böse. Fragen wir - wie es sich für den Zwilling in uns allen geziemt -, von dem Phänomen der Erkenntnisfähigkeit des Menschen ausgehend nach der anderen Seite der Wahrheit, so kommen wir zu deren Gegenpol, zur Offenba-rung Gottes.
Oskar Adler sagt dazu, dass jede Einheit, die sich offenbart, zur Dreiheit wird, und zwar in dem Sinne, dass sich das Ureine im Prozess der Selbsterkenntnis, wie in einen Spiegel blickend, in das Geschaute und in das Schauende spaltet, aus der Eins entsteht die Zwei; da beides, Urbild und Spiegelbild, jedoch dasselbe sind, werden sie in der Drei wieder zu-rückgeführt in die Einheit: es entsteht die Identität des Offenbarten. Astrologisch gesehen entspricht der Drei das Tierkreiszeichen Zwillinge. Aus dem Blickwinkel der Esoterik kann man noch hinzufügen: aus der Zwei geboren, aber von der Eins gezeugt und dahin zu-rückstrebend. Somit ist die wahre Suche des Zwillings-Menschen kein zielloses Umherir-ren, sondern das Anpeilen eines weit entfernten Zieles, welches gleichzeitig ursprünglich der Ausgangspunkt war. Dieser Lebenshaltung kann natürlich jedes erreichbare Ziel, jedes erreichte Nahziel, ähnlich dem Schmetterling, der sich auf einer Blüte niedergelassen hat, nur als ein momentanes Verweilen gelten; denn alles in allem ist an dieser Stelle des gro-ßen Kreises letztlich Suchen wichtiger als Finden.
Kollektiv gesehen zeigt Zwilling die Möglichkeiten und Gefahren des menschlichen Den-kens auf. (Gott ist Intelligenz - sieh Dir nur die geniale Konstruktion einer einfachen Blume an!). So sehr hier die Abneigung gegen Dogma, Einseitigkeit und Gurus mit erhobenem Zeigefinger besteht, so stark wirkt auch die Faszination durch die Möglichkeiten des menschlichen Geistes, des menschlichen Gehirns. Zwillings-Weisheit ist, dass wir durch unsere Denkmuster unsere tägliche Wirklichkeit immer wieder selbst erschaffen, dass wir uns glücklich oder depressiv denken, erfolgreich oder erfolglos, krank oder gesund. Viele moderne Therapieformen setzen an diesem Punkt an, betonen die Wichtigkeit, negative Denkmuster aus dem inneren Computer zu entfernen und durch neue zu ersetzen, die dem Leben dienen. Hermes-Merkur leiht uns seine Fähigkeiten wie ein dienstbarer Geist; wie seine Erkenntnisse jedoch verwertet werden, ist ihm egal - dazu braucht es das ethi-sche Schütze-Jupiter-Prinzip. Ein autonom gewordener Merkur kann Atombomben erfin-den, Babys aus der Retorte erzeugen, intelligente Kriege planen, Wissenschaft ohne Herz und Liebe betreiben - und dabei ein cool-unbeteiligter Beobachter bleiben. Hermes hat jedem der olympischen Götter einschließlich sich selbst ein Opfer dargebracht, er hat aber auch jedem etwas gestohlen. Das zeigt uns, dass er jeden einzelnen anerkannt und dabei aber vor keinem Respekt gehabt hat. Hermes war respektlos, immer wieder hat er durch seine unüberlegten Aktionen und Streiche die Ordnung gestört und erst viel später konnte man oft erkennen, dass der ganze Klamauk einem höheren Zweck gedient hatte. Hermes der Götterbote, der Vermittler, der Seelenführer, der Gott der Magier, Diebe, Händler, Handwerker, Hermes der Vielfältige, er erinnert an folgende scherzhafte Charakterisierung des Zwillings-Typus: viele Berufe, keine feste Anstellung bzw. regelmäßige Arbeit und meist gerade auf Fortbildung. Aufgrund seiner Lernbereitschaft könnte man heute sicher noch etliche Titel anführen, einen aber auf alle Fälle: Gott der Medien. Was wird da alles vermischt und verdreht und durcheinandergebracht? Und doch muss sich derjenige, der seinen Zeigefinger anklagend erhebt und sagt: "die schreiben nicht die Wahrheit!" die Fra-ge gefallen lassen: "Was ist denn die Wahrheit?".
Familien- und Beziehungssystem
Ein Familiensystem, in dem viel Zwillingsenergie vorhanden ist, trägt oft Züge des "intel-lectual systems" oder auch des "irrelevant systems". Im ersteren kann man sich eine Pro-fessorenfamilie vorstellen, in der sehr viel geredet, diskutiert und argumentiert wird. Es ist sehr wichtig, wie klug jemand ist; es ist viel geistige Nahrung vorhanden. Allerdings findet sich oft ein Grundgefühl von Leere und Unlebendigkeit - es wird pausenlos ÜBER etwas geredet, vernünftig und rational, aber Körper und Emotion verhungern dabei. Das "irrele-vant system" zeigt in besonderer Deutlichkeit eine Schattenseite des Zwillingsmotivs auf: es ist ein System, das außerordentlich verwirrend bis verrücktmachend ist, in dem keine Regeln erkennbar sind, außer dieser: "Am End weiß keiner nix!" (Karl Valentin, Zwillings-Sonne).
Die Energie in der idealtypischen Zwillings-Familie ist normalerweise freundlich-kommunikativ, oft herrscht viel Trubel, wie auf dem Marktplatz oder eine angenehme un-verbindlich-leichte Cafehausatmosphäre. Im Gegensatz zu Stier findet sich hier viel mehr Nomadentum; es gibt schließlich so viele interessante Plätze auf der Welt, da sollte man sich nicht voreilig auf einen Wohnsitz festlegen. In Beziehungen kann es passieren, dass "Lieben und verlassen" eine häufige oder ständige Erfahrung ist. Man ist in der Liebe kre-ativ und verspielt, dabei oft innerlich unbeteiligt. Sexualität ist hier nicht die tiefe Leiden-schaft, sondern Spiel und Komödie.
Als Frau gerätst Du an die Männer vom Typ "puer aeternus", die inspirierenden, interes-santen, intellektuellen Männer, die oft aber Windbeutel sind, abhauen, verlassen, sich aus der Verantwortung stehlen, vor allem, wenn sie als Vater gefragt sind. Aber gib es zu: der brave, solide Ehemann, der Dir sagt: "Komm in meine Doppelhaushälfte, ich werde ewig für Dich da sein und will viele, viele Kinder mit Dir haben", interessiert Dich nicht die Boh-ne; höchstens kurzfristig, wen Du jemanden brauchst, der Dir die Wunden des Trennungs-schmerzes leckt, oder wenn Du in der Lebensmitte Panik bekommst und die Schmetter-lingsflügel allmählich müde werden.
Als Mann bist Du alles andere als der Vatertypus, der Burgen baut und Wurzeln garantiert. Du bist der "ewige Jüngling", den es in die bunte Welt zieht, obwohl Du natürlich auch als solcher durchaus in einer Beziehung oder in einer Familie mit Kindern leben kannst. Trotzdem neigst Du mehr dazu auf geschwisterliche und geistige Art mit Deinen Nächsten verbunden zu sein, als Dich als verantwortlicher Fels zu profilieren. Wenn man Dich als Schmetterling liebt, wirst Du Dein helles Gesicht zeigen: freundlich, kommunikativ, hilfsbe-reit, auf angenehme Art erfrischend und meistens gut aufgelegt. Wenn man Dir aber Blei in die Flügel packt, wird es Dir eng im Brustraum und Du wirst entweder depressiv oder asthmatisch oder wirst zum Lügner und Betrüger, der alle möglichen Verwirrspiele insze-niert, mit einer Vorliebe für Dreiecksbeziehungen.
Die Sprache ist hier von zentraler Bedeutung, es ist wichtig, über Liebe und Beziehung auch sprechen zu können. Andererseits, so wichtig es ist, Probleme zu diskutieren, aus-zusprechen, was einen verletzt oder wie man die Dinge haben möchte, so machtlos ist die Sprache oft angesichts Deiner Gefühle. Manchmal ist es einfach besser, still zu sein, sich in die Augen zu sehen und der Wahrheit der Gefühle zu begegnen, ohne sie wegzudisku-tieren. Der Zwillings-Abwehrmechanismus hat viel zu tun mit Argumentieren und Rationa-lisieren. Es macht oft tiefe Angst, den Logenplatz des coolen Beobachters zu verlassen und ein betroffener Teilnehmer des Geschehens zu werden, indem man in die Welt der eigenen Gefühle eintaucht. Das heißt nicht, dass der Schmetterling zum Wassertier mutie-ren soll; ein Schmetterling kann unter Wasser nicht überleben. Da aber jede Einseitigkeit Konsequenzen unangenehmer Art hat, ist die Begegnung mit der Wirklichkeit des Gefühls und auch mit der Weisheit des Körpers, der bekanntlich nie lügt, unumgänglich. Sonst wächst die Gefahr, besonders natürlich bei Männern, dass der Puer, der den Boden nicht berühren will, irgendwann unsanft abstürzt, sei es durch materiellen Bankrott, durch Krankheit, im Extremfall durch Todesbegegnungen.
M. v. Franz hat in ihrem Buch "Der ewige Jüngling" viel zu diesem Thema geschrieben - vor allem Lufttypen dürften sich von ihren Ausführungen betroffen fühlen. Auch im Ödipus-Mythos gibt es eine Stelle, an der das Thema und die Gefahr des Zwillings- bzw. Luftmen-schen spürbar ist: Ödipus löst bekanntlich das Rätsel der Sphinx und kehrt als gefeierter Sieger in Theben ein; doch dann nimmt das Schicksal seinen Lauf: er heiratet, wie im O-rakel vorausgesagt, seine Mutter.
Helmut Remmler meint dazu in seinem Buch über die Sphinx: Ödipus hat ihr Rätsel nur INTELLEKTUELL gelöst, er hat sich nicht mit dem WESEN der dunklen Mutter, das die Sphinx verkörpert, auseinandergesetzt. Deshalb fiel er regressiv in den Schoß der Mutter zurück. Das erinnert an viele Psychologen, die zentnerweise Literatur im Kopf haben, stets bereit sich selbst und andere zu analysieren und dabei an der lebendigen Wirklichkeit vor-beigehen, kühl wie ihr Metallkoffer, klug, aber ohne Herz. Wer sich aber in gedanklich-theoretischen Höhenflügen so weit von der Mutter Erde wegbewegen muss, der hat oft ein tiefes, ungelöstes Mutterproblem, wie auch Ödipus, der ja ein unerwünschtes Kind war, über dessen Wiege schon das dunkle Orakel schwebte. Solche im Urvertrauen gestörte Kinder müssen später oft unheimlich klug (Betonung auf unheimlich) werden, um dadurch vermeintliche Sicherheit in der Welt zu finden.
Die dunkle Seite von Beziehungen, in denen Zwillings-Energie stark beteiligt ist, egal ob auf der Eltern-Kind-Ebene oder auf der Partnerschaftsebene, ist verwirrende Strukturlosig-keit, Bodenlosigkeit bzw. Doppelbödigkeit in jeder Hinsicht, zynische Trickster-Spiele, Lü-ge und Betrug oder kalte Intellektualität, unter der sich ein Gefühl von Leere, Nichtigkeit, Belanglosigkeit verbirgt. Auch das Thema der "double-binds", der doppelten Botschaften ist hier, symbolisch gesehen am ehesten zuhause. Diese spielen nachgewiesenermaßen in der Entstehungsgeschichte von Schizophrenie eine wichtige Rolle. Die bekannteste und vielleicht wichtigste Erscheinungsform der double-binds ist die Widersprüchlichkeit verba-ler und nonverbaler Botschaften. Wenn jemand mit gesenktem Kopf, hängenden Schultern und leeren Augen sagt: "Mir geht es fantastisch", so ist das ebenso verrücktmachend, wie wenn jemand mit blitzenden Augen, geballten Fäusten und zusammengepressten Lippen sagt: "Ich weiß gar nicht, was Du hast, ich bin überhaupt nicht wütend". Darüber hinaus gibt es rein verbale double-binds, in denen jemand im ersten Satz etwas sagt, das er im zweiten wieder zurücknimmt: "Ich möchte wirklich, dass Du selbständig wirst, aber frag mich bitte, bevor Du das Haus verläßt".
Weiterhin gibt es rein nonverbale double-binds; wenn Dich z.B. jemand umarmt und dabei den Hintern ganz weit wegstreckt. Sein Oberkörper sagt dann: ich möchte Dir ganz nah sein; sein Unterleib sagt aber: komm mir ja nicht zu nahe! Nicht jedes Kind wird in einer verrückten Familie verrückt, aber gerade Zwillings-Kinder sind für Krankheiten, die mit "schizo" (d.h. gespalten) beginnen, besonders disponiert. Die dunkle Zwillings-Energie kann alles zerreden, ohne Ergebnis. Als Gegenüber bekommst Du schnell das Gefühl: nie mach ich's richtig! Ein Zwillingswitz: Eine Frau schenkt ihrem Mann zum Geburtstag zwei Krawatten. Da er ihr eine Freude machen will, zieht er am nächsten Morgen zum Frühs-tück eine davon an. Sie mustert ihn und fragt: "die andere gefällt Dir wohl nicht?"
Therapie
Die körperliche Entsprechung des Themas Zwillinge sind die Atemorgane. Unterdrückte Zwillings-Energie äußerst sich auf somatischer Ebene oft als Enge im Brustraum, als das Gefühl "ich bekomm keine Luft mehr". Um eventuell ungelebter Zwillings-Energie auf die Sprünge zu helfen, ist der Weg über die Atemarbeit naheliegend. Sei es durch tiefgehende Arbeit wie Rebirthing oder durch sanftere Meditationstechniken, die auf richtiges Atmen den Schwerpunkt legen. Therapeutische Verfahren, die dem Wort viel Platz einräumen, oder Methoden, wie z.B. "positives Denken", die an unseren Gedankenmustern ansetzen, kommen der Zwillings-Art sehr entgegen und sind gerade deswegen hier oft weniger hilf-reich und wertvoll, als in anderen Fällen; denn sie geben dem gewandten und listenrei-chen Zwilling viele Möglichkeiten zum Tricksen und zum Abhauen. "Silence is the answer" heißt eine wunderschöne Meditationsmusik von G. Deuter. Auf der Rückseite der Platte steht folgender Satz: "Jedes Wort ist eine Bitte um Rückkehr in die Stille". Wer sich mit Meditation beschäftigt, weiß, wie schwer es ist, den inneren Quatschkopf zum Schweigen zu bringen und welche Rolle die Atmung dabei spielt. Hier findet man auch den Thera-peutenkiller in Form des Ja-aber-Klienten, der letztlich zig Therapeuten ausprobiert, um ihnen dann nachzuweisen, dass sie auch nicht die Wahrheit besitzen. Oder sie bleiben in gesprächsorientierten Therapien immer Beobachter. Oder sie lassen verschiedene Thera-pien parallel laufen, spielen die Therapeuten gegeneinander aus - und innen drin wird bei dem ganzen Zirkus die Leere immer größer.
Die Sprache und der Kopf sind sowohl der Segen, als auch der Fluch des Zwillings. Ein häufig auftauchendes Motiv sind, wie schon erwähnt, Dreiecksbeziehungen. Das kann für alle Seiten quälend und nervtötend zugleich sein, da, konsequent im Sinne der Zwillings-idee gedacht, eine Entscheidung hier gegen die Berufung der Eigenart wäre. Hans Jellou-schek hat ein ausgezeichnetes Buch (Semele, Zeus und Hera) über dieses Thema ge-schrieben. Auch das Bekenntnis zu einem Menschen oder zu was auch immer ist stets ambivalent. Heirate oder heirate nicht, Du wirst beides bereuen - dieser Satz lässt sich auch auf andere Gebiete anwenden. Oft kommen zwillingsbetonte Menschen zur Beratung oder gehen in Therapie mit Entscheidungsproblemen. Einem Schmetterling wirft man nicht vor, dass er sich nicht für eine bestimmte Blume entscheidet. Es ist einfach schön, ihm zuzusehen, wie er fliegt und Buntheit und Leichtigkeit in die Welt bringt. Keiner wirft dem Schmetterling Oberflächlichkeit vor, weil sein Zuhause die Luft ist. Aber wie viele Men-schen-Schmetterlinge laufen mit Schuld- und Verzweiflungsgefühlen herum? "Ich müsste mich entscheiden...jetzt bin ich schon 30 (40, 50, 60, ...) Jahre alt und weiß immer noch nicht ...".
Wenn Du Dich als Zwilling akzeptierst, dass Du eben als Schmetterling und nicht als Kuh geboren bist, und dass das das Schlechteste und Beste ist, was Du hast, dann tust Du Dir und dem Kosmos bestimmt einen größeren Gefallen, als wenn Du nach einer Eindeutig-keit schreist, die gar nicht Dein Thema ist, und die Du, falls Du sie von Dir forderst, be-wusst oder unbewusst sowieso hintertreibst. Oft hilft es in unentschiedenen Lebenssituati-onen nur, die Spannung einfach auszuhalten, im Konflikt zu bleiben, bis der "gute Mo-ment", bei den Griechen "Kairos" genannt, auftaucht, und sich das Problem so oder so löst.
Zu schnelle Entscheidungen dagegen, sei es auf Druck der Umwelt oder von einem schlechten Gewissen provoziert, haben oft einen Umschlag in den Gegenpol zur Folge, einen Boykott der erzwungenen Einseitigkeit. Wenn Du Dich dagegen bewusst bekennst zu dem Zigeuner, zu der Zigeunerin in Dir, zu Deiner Freude an Spiel und Komödie, zur Energie Deines "hilfreichen Tieres", des Schmetterlings, wird die Welt durch Dich ein we-nig verrückter, bunter und lebendiger werden. Das Problem ist nicht, dass Du dich nicht entscheiden kannst, sondern, dass Du eine Entscheidung von Dir forderst. Du kannst Dich sehr wohl zum Hier und Jetzt einer Lebenssituation bekennen, in dem vollen Bewusstsein, dass es sich immer um ein vorläufiges Bekenntnis handelt. Sei ein aufrichtiger Odysseus und lebe Deine 'Erkenne-Dich-Selbst-Odyssee' mit aller Dir gegebenen Neugier und: nimm Dich bloß nicht zu ernst! Bhagwan (Zwillings-Aszendent) gibt die Botschaft: "Sei Dir selbst ein Witz!". Warum muss Leben immer ernst und schwer sein, damit jemand als er-wachsen und reif betrachtet wird? Die Welt als ein Gedanke Gottes, als Werk eines Dich-ters, als große Schule, in der es viel zu erkennen, zu lernen und zu lehren gibt, das ist das Zwillings-Gesicht der Existenz. Am Ende Deines Zwillings-Lebens wird Dich jemand fra-gen: "Was hast Du gelernt? Was waren auf Deiner lebenslangen Suche Deine wichtigsten Erkenntnisse?"
Sonne in Zwillinge
Bist Du mit Sonnenstand Zwillinge geboren, dann ist Dein innerer König und Vater ein freundlicher und kluger Herrscher, der sein Reich mit Weisheit und Geschick regiert. Er braucht keine Armee, da er freundschaftlichen Kontakt zu den Nachbarkönigen pflegt und im Zweifelsfall immer bereit zum Dialog ist. Als Kind mit Zwillings-Sonne brauchst Du den Vater als Freund und Lehrer, aber nicht als Guru, sondern als Gesprächspartner, dem man auch widersprechen darf. Väter, die Kindern den Mund verbieten, keine Bereitschaft zum Dialog zeigen, sind für diese Kinder schlimm, und werden von diesen in ihrer dogma-tischen Art oft auch als dumm empfunden - das aber sollte der Vater eines Zwillings-Sonnen-Kindes niemals sein; denn durch die Zwillings-Brille besehen, wird die Men-schenwelt in 'klug' und 'dumm' eingeteilt, und als dummer Mensch hast Du bei Zwilling vorn vorneherein verspielt. Denk- und Redeverbot, die "Halt-die-Luft-an!" - Botschaft sind hier besonders problematische Themen. Diese Kinder sind ja nicht primär "Vatermörder", aber man wird doch mal nachfragen und widersprechen dürfen!
Schlimm ist auch, wenn in der Familie Geistiges abgewertet wird. Das ist manchmal das Problem des Luftkindes in der Arbeiterfamilie: "Willst wohl was Besseres sein? Hast keine Lust, Dir die Hände schmutzig zu machen?" Dabei geht's doch nur darum, dass das Kind einfach neugierig auf die Welt ist und wissen will, dass hier wirklich eine große Bereit-schaft und ein innerer Drang zum Lernen da sind.
Wenn Du als Frau Zwillings-Sonne hast, eignest Du Dich nach klassischem patriarchali-schem Muster für die Rolle der Frau Geheimrat, der Frau Professor, die zum mehr oder weniger klugen Mann aufschaut. Nun ist ja nichts Schlechtes dabei, einen klugen Mann zu haben, wenn frau das eigene Denken, den inneren klugen König nicht vergisst. Viele Frauen mit Zwillings-Sonne tippen ihrem Mann die Manuskripte, statt selbst zu schreiben, und geben sich zu schnell mit der Rolle der Gehilfin und Sekretärin zufrieden; vor allem, wenn keine Mutter existierte, die Vorbild war für eine individuierte, geistige Frau.
Der Zwillings-König kann und soll natürlich auch in der Frau leben als schöpferische geis-tige Energie, als Mittler und Lehrer. Meist findet aber zunächst eine Projektion auf äußere Väter und Männer statt. Als Zwilling, Mann oder Frau, betrachtest Du das Leben als Schule und es geht darum, das zu werden, was der Vater schon ist oder was er optima-lerweise für Dich hätte sein sollen: ein kluger und gebildeter Mensch, der viele Geschich-ten über das Leben zu erzählen weiß und der sein eigenes Leben mit Hilfe seines Vers-tandes meistert.
Ein Zwillings-Held im Märchen ist das Tapfere Schneiderlein, ein typischer Vertreter des Trickster-Archetyps, der seinen Weg geht, indem er seinen Kopf gebraucht, mit List und Tricks, nicht mit roher Gewalt. Das Schneiderlein wirft Steine auf die Riesen, sodass sie sich gegenseitig umbringen, lässt das Einhorn in den Baum laufen und sperrt die Wildsau in die Kapelle. So pfiffig diese Tricks auch sein mögen, so sehr offenbaren sie auch die Problematik des typischen Zwillings: Er wagt es nicht, sich mit den emotionalen Riesen-energien in sich direkt zu konfrontieren und stellt sich auch den Energien des wilden mar-sischen Mannes (Einhorn) und der wilden Frau (Wildsau) nicht wirklich. Zusehen, wie an-dere, die man vorher provoziert hat, sich die Köpfe einschlagen, ausweichen oder abhau-en, das sind Zwillings-Waffen, wirksam und fragwürdig zugleich. So wirft dieses kleine Schneiderlein einen Riesenschatten.
Von Hermes wird berichtet, dass es ihm, als er gerade einen Tag alt war, in seiner Wiege zu langweilig wurde, und er sich davonmachte, um seinem Bruder Apollon die Rinderher-de zu stehlen. Dem Apollon gegenüber hat er die Rolle des kleinen Bruders und unter an-derem symbolisiert er auch das "göttliche Kind" in uns allen. Hermes entspricht auch der Figur des Tricksters und des indianischen Coyote. Laut C.G. Jung ist der Trickster, den er mit dem Schatten gleichsetzt, ein lebendig gebliebenes Relikt eines früheren unbewusste-ren und naiveren Bewusstseinszustandes der Menschheit. Dem Hermes, dem Trickster, dem Schatten haftet etwas Inferiores, etwas Koboldhaftes, etwas Naives an. Er erinnert an ein widerspenstiges Kind. Diese naive Widerspenstigkeit und Respektlosigkeit kennzeich-net in gewisser Hinsicht das Zwillingswesen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie dem geistig wachen noch unverbogenem Zwillings-Kind die Eltern, wenn sie wie dressierte Hamster ihre tägliche Runde treten, manchmal als dumme Riesen erscheinen mögen; und wie der erwachsene Zwillings-Mensch, dessen inneres Kind trotz aller Erziehungsmaß-nahmen noch frischen Geist atmet, durch die Riesenwichtigkeiten und -bedeutsamkeiten und Riesenzeigefinger der Gesellschaft zu bösen Streichen provoziert wird. Wenn es um die Ganzwerdung, um die Integration des Gegenpols geht, so ist das Zeichen, das dem Sonnenstand gegenüber liegt, dasjenige, das im Dunkeln ist und ins Licht des Bewußt-seins geholt werden muss. In diesem Falle ist das ganze etwas verdreht und daher ver-rücktmachend; denn das Zwillings-Zeichen, das man in gewisser Hinsicht als das "Zeichen des Schattens" benennen könnte, liegt im Licht und das Schütze-Zeichen, das man auch das "Zeichen des Lichts" rufen könnte, liegt im Dunkeln; verdrehte Welt! Aber was hatten wir geglaubt, dass uns erwartet, wenn wir uns auf die Doppelbödigkeit der Zwillings-Realität einlassen? Wer ist also der Schatten von wem? Man muss alles mehrmals um-drehen, und wie man es auch dreht und wendet ... Wir sitzen in der Zwillings-Falle: der Verstand hat sich sein eigenes Gefängnis gebaut. Da hilft nur ein Trick: nicht nur das Schlechte im Guten (Zwilling) zu sehen, sondern auch das Gute im Schlechten (Schütze).
In einer Geschichte von Khalil Gibran findet ein Priester auf dem Heimweg den todwunden Teufel. Der bittet ihn: "Nimm mich mit zu Dir und hilf mir, sonst muss ich sterben". Der Priester freut sich. Auf diese Gelegenheit hat er ja schon lange gewartet. "Endlich sind wir Dich los, Du Plage der Menschheit! Ich werde Dir auf keinen Fall helfen!" bedeutet er je-nem. Dann entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden, in dessen Verlauf der Teu-fel den Priester davon überzeugt, dass dieser ohne ihn gar keine Daseinsberechtigung mehr hätte. Kurz und gut: der Priester nimmt den Teufel mit nach Hause und pflegt ihn liebevoll gesund.
Es gibt zahlreiche Märchen und Geschichten, in denen zwei völlig ungleiche Helden oder Heldinnen die Hauptrolle spielen, die aber bei aller Verschiedenheit letztlich zusammen-gehören, wobei man den einen als Schatten des jeweils anderen betrachten kann. Zum Beispiel im Märchen "Die beiden Wanderer" der finster-pessimistische Schuster und der heiter-optimistische Schneider, im Märchen von Frau Holle Goldmarie und Pechmarie oder in Hermann Hesses "Narziss und Goldmund" der strenge, asketische Geistesmensch Nar-ziß und der lebenslustige irdische Goldmund. In der wunderschönen Geschichte "Der Gaukler Pamphalon" beschreibt Nikolai Leskow solch ein ungleiches Paar: der strenge, asketische "gute Mensch ..." verlässt seine Heimatstadt, die ihm nur als Sündenpfuhl er-scheint, geht in die Einsamkeit und lebt jahrelang als Eremit in einer Felsenhöhle. Und doch findet er nicht den Seelenfrieden, den er sucht. Eines Tages hört er eine Stimme, die ihm sagt: "Gehe nach Damaskus und suche den Pamphalon". Nach anfänglichem Zögern, gehorcht er dieser (inneren) Stimme und macht sich auf den Weg. In Damaskus ange-kommen muss er zu seinem Entsetzen feststellen, dass dieser Pamphalon ein Gaukler ist, der auf den Festen der Reichen und in den Hurenhäusern seine Kunststücke vorführt. Doch hat der Gaukler ein gutes, liebevolles Herz; er ist der einzige, der den verwahrlosten alten Mann aufzunehmen bereit ist. In vielen Gesprächen kommen sich die ungleichen Männer näher, lernen einander lieben, und am Ende der Geschichte gehen beide mitein-ander ins Licht ein.
Das persische Märchen "Die schlaue Ileane" zeigt eine Heldin, die ihren Königssohn ein ums andere Mal austrickst, dadurch aber seiner Rache und Gewalt entgeht. Am Ende hei-ratet sie ihn als selbständige, kluge Frau, nicht als demütiges Hascherl. Zwilling will uns lehren, IN der Polarität zu leben, die eigene Widersprüchlichkeit zu akzeptieren, den Zweifel "darzuleben", wie Oskar Adler sich ausdrückt. 'Nur gute', 'nur edle', 'nur sanfte' Menschen sind gefährlich und gefährdet; denn irgendwo im Keller der Psyche wartet der Gegenpol. Immer klug sein wollen ist dumm, immer stark sein müssen, ist schwach; Men-schen ohne Schatten sind unvollständig. Die lebendige Auseinandersetzung mit dem inne-ren Gegenspieler macht das Leben erstens spannender; denn der Schatten verwickelt Dich ins Leben (C.G. Jung), und zweitens einfach menschlicher. Wenn Du am Ende Dei-nes Lebens oder vielleicht jetzt, am Ende dieses Textes, mit Sokrates darin überein-stimmst: "ich weiß, dass ich nichts weiß!", dann hast Du für diesmal Deine Zwillings-Lektion gelernt.
Textauszug aus:
Claus Riemann - Astrologische Seminare - Zwilling.
Erhältlich als CD bei
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