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Warum Pluto den Ausgleich will
Friedrich Maier Systemische Astrologie
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Donnerstag, 19. April 2001, 14:04
Entwicklung
Warum Pluto den Ausgleich will
Wer Astrologie-Ratgeber liest, muss zum Schluss kommen: Pluto ist zum Fürchten! Ihm wird alles zugetraut, was uns aus der gewohnten Harmonie reißt - als da sind: Extremerfahrungen, Zerstörung, Leid und böses Schicksal. Aber ist das die ganze Wahrheit?
Von Ernst Ott
Die Astrologen sind sich weitgehendst einig: Pluto ist so ziemlich das Gegenteil von Harmonie. Harmonie gehört zur Venus, Zerstörung der Harmonie zu Pluto. Klar!
Andererseits: Wie „klar“ kann uns ein Planet sein, der die tiefsten Schichten des kollektiven Unbewussten symbolisiert und der erst vor 70 Jahren entdeckt wurde? Verglichen mit den sieben alten Planeten fehlen uns bei den geistigen Planeten mehr als 3000 Jahre Erfahrungswissen! Pluto - wie ähnlich auch Neptun und Uranus - sind imme noch unbekannte Kontinente. Sie zu entdecken wird die spannende Aufgabe der Menschheit in den nächsten tausend Jahren sein. Vielleicht sollten wir endlich akzeptieren, dass unsere Generation speziell über Pluto noch nichts Sicheres wissen kann.
Als Pluto entdeckt wurde, sahen die Astrologen den Nationalsozialismus über die Welt hereinbrechen, und einige vermuteten deshalb flugs in Pluto die „Ursache“ für Rassenwahn, Zerstörung und Massenpsychosen. Andere hatten gerade die Freudsche Trieblehre studiert und sich mit fasziniertem Gruseln über die Geburtsdaten von Triebtätern und Massenmördern hergemacht. In diesem Kontext entstanden erste Horror-Deutungen für Pluto...als getreulicher Spiegel der Ängste und unbewussten Befürchtungen dieser Kollegen. Jene Zeit war freilich auch zum Fürchten. Trotzdem gilt noch heute: Deutungen lassen immer auch direkte Rückschlüsse auf das Weltbild des deutenden Astrologen zu.
So kam etwa der große Thomas Ring aufgrund seiner Weltsicht zu völlig anderen Schlüssen: Ring hatte endlich wieder klar erkannt, dass menschliches Tun niemals durch Planeten verursacht ist, sondern durch uns selber. Und er beschrieb Pluto nicht als „Krankheit“, sondern als „ganz natürliche innere Kraft in jedem Menschen“. Intuitiv erinnerte er sich an die Metamorphosen bei Goethe und erfand die geniale Deutung: „Pluto ist das Gestaltwandelnde im Menschen“.
Rings Wortfindung hat sich nicht durchgesetzt, aber viele Astrologinnen und Astrologen sprechen im Zusammenhang mit Pluto von Wandlung und Transformation, meinen inhaltlich also dasselbe. Diese Deutung ist noch recht abstrakt. Im Unterschied zu vielen anderen kann sie aber als Einstieg dienen. Denn sie hält sich an den eisernen Grundsatz jeder seriösen Astrologie, dass nämlich keine Konstellation an sich schlecht ist, vielemehr jedes Symbol als Chance oder als Gefahr gesehen und ausgelebt werden kann. Die Planeten geben ganz wertfrei die Themen vor; wir Menschen machen daraus von Fall zu Fall Leid oder Glück. Wir wissen zwar noch nicht viel über Pluto, aber wenn wir von diesem Grundwissen ausgehen, dürfen wir erste Vermutungen äußern - auch wenn sich unsere Enkel möglicherweise zwei oder drei Generationen darüber amüsieren werden.
Pluto ist also „etwas“ in uns selbst, das nach Veränderung und Wandlung drängt, eben „das Gestaltwandelnde“. Doch was verwandelt Pluto? Und wozu? Für mich ist die Pluto-Energie dazu da, Harmonie zu schaffen, und zwar auf höchster Ebene.
Zur Begründung dieser provozierenden These möchte ich zuerst abklären: Ist Pluto ein weiblicher oder männlicher Planet? In der Mythologie ist er männlich, doch nur vordergründig. Zum einen hat er gleichwertig Proserpina (griechisch Persephone) als Gattin an seiner Seite, mit der er den Hades gemeinsam regiert. Zweitens waren auch alle seine Unterwelts-“Vorgänger“ Frauen, wenn wir vom hellenistischen Griechenland aus weiter zurück in die Vergangenheit gehen. Frauen übrigens, die stets auch Fruchtbarkeitsgöttinnen waren, demnach also über Tod und Wachstum regierten, über Herbst und Frühling. Falls die Zuordnung Plutos zum Zeichen Skorpion stimmig ist - und aus dem Wissen unserer heutigen Generation heraus müssen wir dies als richtig annehmen - dann beherrscht er ein weibliches Zeichen, das jedoch bisher von einem männlichen Gott regiert wurde (Mars).
Für mich ist Pluto weder männlich noch weiblich - oder anders gesagt: beides zugleich. Wenn wir die Planeten wie hier abgebildet den beiden Säulen Yin (passiv, „weiblich“) und Yang (aktiv, „männlich“) zuordnen, dann ergibt sich folgendes Bild:
(hier grafik mit der weiblichen und männlichen säule, sowie merkur und pluto in der mitte)
Zwischen den Gegensatzpaaren der persönlichen Planeten steht Merkur vermittelnd. Er ist geschlechtsneutral, und er ist Bote und Kommunikator zwischen den Geschlechter-Polen, auf anderer Ebene auch der Heiler, der die Gegensätze versöhnt, der Psyche und Körper (Soma) wieder zusammenführt. Auf der Ebene der überpersönlichen Planeten sind Neptun und Uranus das letzte Yin-Yang-Gegensatzpaar. Pluto als äußerster Planet ist der Vermittler zwischen ihnen, ist der letzte und äußerste Anstoß zur Ganzheit.
Viele Probleme des modernen Menschen entstehen aus dem Ungleichgewicht der Generations-Planeten Uranus und Neptun. Immer wieder schwanken wir: Wir befreien uns uranisch, brechen alle Brücken hinter uns ab. Nur die Zukunft zählt! Dabei tun wir so, als ob wir niemanden bräuchten und zu hundertprozentiger Autonomie fähig wären. Dann wieder versinken wir in neptunischen Meeren, suchen in uralten Weisheiten die verlorene Heimat oder ergeben uns der Hoffnung auf grenzenlose Liebe und Nähe. Dabei tun wir so, also ob wir nun die absolute Symbiose ewig aushalten könnten. Dann wieder ein uranischer Befreiungsschlag, erneut gefolgt von neptunischem Absinken. Das heißt, wir pendeln zwischen diesen beiden polaren Lebenshaltungen hin und her. Pluto - wie ich ihn verstehen möchte - ist dazu da, dass wir dabei Ausgleich und Mitte finden.
Wer mit aller plutonischen Intensität den Augenblick leben könnte, ohne falsche Rücksicht auf die Zukunft, ohne die angstvollen Prägungen der Vergangenheit, der wäre in seiner Mitte. Wer mit voller plutonischer Leidenschaft lieben könnte, würde in einem Augenblick Tod und Neugeburt erfahren. Er wäre frei wie Uranus und ewig aufgehoben wie Neptun. Für ihn würde es keine Rolle spielen, dass im zeitlichen Nacheinander sich Freiheit und Bindung abwechseln und scheinbar widersprechen.... Jetzt ist Leben. Jetzt ist Ganzheit. Früher nannte man es Ekstase bzw. erfuhr es in einem religiösen Ritual..
Es bleibt jedoch die Frage offen: Wenn Pluto uns harmonisieren will, warum erleben wir dann zum Beispiel seine Transite als so extrem? Die Antwort ist einfach: Weil wir bisher extrem gelebt haben. Weil wir mit der Polarität von Neptun und Uranus nicht flexibel und frei umgehen, sondern uns gewöhnlich für einige Zeit auf einen Pol fixieren!
Wann immer wir den neptunischen Pol übertreiben, will uns Pluto dort herausreißen. Vielleicht haben wir uns in eine symbiotische Abhängigkeit begeben, um des lieben Friedens und der versprochenen Sicherheit willen. Pluto ruft: „Diese Haltung ist extrem einseitig. Beweg’ dich!“ Nun klammern wir uns umso mehr an die Neptun-Einseitigkeit, beklagen uns: „Jetzt will man mich aus diesem Nest auch noch hinauswerfen!“ Pluto zerrt uns in Richtung Gegenpol, nämlich zu Uranus, wir wehren uns stärker, spielen das Opfer. Zwar könnte gerade jetzt die Frechheit und Widerstandslust des Uranus eine ideale Ergänzung sein; sein Autonomiestreben ist es, was uns fehlt. Aber das wollen wir nicht sehen. Obwohl wir uns selbst an eine extreme Position angekettet haben, sträuben wir uns, einen Schritt Richtung Mitte zu gehen. Aus dieser Position heraus erscheint jede Veränderung als extrem.
Andererseits will Pluto keinesfalls - wie der Neptun-Extremist ihm vorwirft - dass wir sämtliche Gefühle und sämtliche Sicherheiten über Bord werfen, um für den Rest des Lebens in uranischer Verrücktheit durch die Gassen zu tanzen. Er will, dass wir einen Schritt auf die Mitte zugehen, also in Richtung des anderen Pols. Das ist - im Unterschied zu unserem bisherigen Klammerzustand - keine Extremlösung, sondern ein Schritt zur Harmonie zwischen den Polen. Sie merken, worauf ich hinaus will: Der Vorwurf an Pluto, er sei extrem und also unharmonisch, ist objektiv falsch. Von der Warte eines extrem einseitigen Ist-Zustand aus betrachtet, ist diese Sichtweise aber verständlich.
Nehmen wir als Gegenbeispiel einen extremen Uranier (vielleicht sind wir das in einer bestimmten Lebensphase oder Lebenssituation selbst!). Er ist frei, geradezu zwanghaft originell und unabhängig. Niemand kann ihm etwas vorschreiben, auf niemand läßt er sich ein; nicht einmal auf die eigenen Gefühle und Körpersignale. Er hat kein Gefühl für seine Einseitigkeit. Nun aber zerrt Pluto ihn in Richtung Mitte. Schon schreit der Uranier: „Ich rieche den Braten! Der furchtbare Pluto will mich zum extremen Neptun-Pol hinüberreißen, zu Gefühls-Chaos und schleimiger Abhängigkeit! Niemals! Keinen Schritt gehe ich in diese Richtung!“ - Wer also ist denn nun der wahre Extremist?
Und so fühlt sich, wer nur die unerlösten Formen von Uranus und Neptun kennt, von Pluto betrogen und ständig aus der Hyperaktivität in die lähmende Gleichgültigkeit gezerrt - und wieder zurück. Wir haben demnach nur dann eine Chance, die positive Absicht Plutos zu erkennen, wenn wir die anderen beiden geistigen Planeten in uns wirklich lieben. Wir sollten also beides lernen: meditieren und handeln, glauben und kämpfen, nehmen und geben, leise sein und uranisch „verrückt“ sein. Dann erkennen wir, dass beide Anlagen, Prinzipien und Energien zu uns gehören. Und wir stellen uns nun auf einer erwachseneren Stufe die Frage: Wie kann ich diese Gegensätze überwinden? Wie kann ich den rebellischen Uranus in mir verbinden mit einer neptunischen Haltung konstruktiver Akzeptanz und innerer Gelassenheit?
Einem solchen Fragesteller erschiene Pluto als Abgesandter der harmonischen Mitte, als gewissermaßen letzte Einheit der Gegensätze in einem magischen Augenblick der Wandlung. Dann würde Pluto die Bosheit des Uranus zerstören, und ebenso die Feigheit des Neptun. Beide Planeten erhielten schwesterlich-brüderlich ihren Platz in unserem Leben. Sie würden unser Erdendasein spannend machen, uns aber nicht zerreißen.
Pluto, das „Gestaltwandelnde“ bildet aus den Gegensätzen von Neptun (Yin) und Uranus (Yang) eine dritte Kraft. Aus der These (Neptun-Pol, Akzeptanz) und der Antithese (Uranus-Pol, Rebellion) wird Synthese. Pluto drängt zur Auflösung der Gegensätze.
Plutos schlechter Ruf hat seine Ursache also darin, dass wir Uranus und Neptun noch nicht konstruktiv verwirklicht haben. Das heißt, solange wir die einzelnen Pole „negativ“ leben, empfinden wir Pluto als Zerstörer - weil er dann die unerlöste Form von Uranus und Neptun zerstört. Manchmal haben wir dabei den Eindruck, dass beide Einseitigkeiten eine Art inneren Krieg gegeneinander führen, solange bis beide sich quasi erschöpft haben und aus der Asche die neue lebenskräftigere Form der beiden Planeten hervorgeht.
Könnten wir Uranus und Neptun konstruktiv äußern, so erschiene uns Pluto in der Tat als vereinigende Kraft zwischen „weiblich“ und „männlich“. So oder so: Pluto ist das Ergebnis aus Uranus und Neptun, das Resultat unseres aktuellen Umgangs mit diesen Polaritäten. In gewissem Sinn gilt dies übrigens auch für die Spannung zwischen Venus und Mars. Auch zwischen diesen Planeten wirkt Pluto oft als alchemistisches Feuer, das die Bestandteile wandelt und zusammenschweißt. Ob dabei Chaos entsteht oder eine harmonische Synthese liegt nicht an Pluto, sondern an der Qualität der beiden „Ausgangsmaterialien“, das heißt am Entwicklungsstand unserer Venus (Fähigkeit zur echten Begegnung) und unseres Mars (Kampfkraft).
Was Pluto aber eigentlich und in jedem Fall will, ist, dass wir aus den Gegensätzen durch furchtloses Handeln eine Synthese bilden, eine neue Welt schaffen. Pluto, der Magier der Mitte kann Uranus und Neptun zum Tanz der Einheit vereinigen. „Seht ihr“, ruft er den beiden zu, „ihr braucht euch nicht abwechselnd fertigzumachen, ihr Extremisten! Ohne meinen Zauberstab hättet ihr euch nie gleichzeitig auf die Tanzfläche begeben und hättet euch nie lieben gelernt!“
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Ernst Ott ist beratender Astrologie (DAV) mit den Schwerpunkten Partnerfragen, Beruf und Lebenssinn. Er leitet mit Eva Stangenberg eine Astrologieschule mit Klassen in Karlsruhe, München und Rottenburg a.N. Ausbildungskernpunkte sind: psychologische Astrologie und Beratungstechnik. 1999 erschien sein Buch „Der Deszendent. Das Tor zur Partnerschaft im Horoskop“ (Chiron Verlag).
Kontakt: Astrologieschule Ernst Ott,
Ettlinger Str. 5, D-76137 Karlsruhe,
Tel./Fax: 0721/35 78 27
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