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Nähe und Freiheit in Beziehungen
Barbara Egert
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Dienstag, 2. Januar 2007, 17:07
Nähe und Freiheit in Beziehungen
Was die meisten von uns möchten, scheint eigentlich ganz einfach: Wir wollen lieben und geliebt werden. Aber gerade in unserem Beziehungs- und Gefühlsbereich haben wir die größten Probleme, erleiden wir den tiefsten Schmerz. Dieser ursprüngliche Wunsch nach Liebe und Geborgenheit bleibt für viele unerfüllt, und sie rätseln mit mehr oder weniger Verzweiflung, wieso sie keine Nähe zulassen können oder der Partner sie fast zu verschlingen scheint oder natürlich auch, warum ihre Sehnsucht nach symbiotischer Verschmelzung immer auf Abwehr stößt.
Die frühe Urangst, verlassen zu werden, sitzt tief, weil damals unser physisches Überleben von der Fürsorge der Mutter oder unserer Bezugsperson abhängig war. Wenn wir uns heute verlassen fühlen durch den drohenden Verlust von Nähe und Liebe, dann wird diese Angst wieder aktiviert, nur geht es hier dann um unser emotionales Überleben. Wie also das Gefühl der Zugehörigkeit als Baby erlebt, ob es von Ängsten, Frustrationen, Wut oder Verlassenheits- und Geborgenheitsgefühlen begleitet wurde, lässt uns besser begreifen, warum wir heute noch Näheangst oder Distanzprobleme in Beziehungen haben.
Als Kleinstkinder hatten wir neben unserem Bedürfnis nach Bindung auch den Wunsch, uns von unserer Mutter zu entfernen, in die Freiheit zu krabbeln und sei es nur in eine Distanz von drei Metern, wir mussten uns aber immer wieder vergewissern, dass die Mutter noch in unserer Nähe ist. So entwickelt der Mensch schon in seiner ersten Liebesbeziehung ein Muster für sein späteres Nähe-/Distanz-Verhalten, das er möglicherweise lebenslänglich beibehält. Es liegt somit in der Verantwortung der Mutter, ob dieser Entwicklungsprozess von Nähe/Autonomie, also der Trennung von der Bezugsperson, ohne das Gefühl der Zugehörigkeit zu verlieren, positiv bewältigt werden konnte.
Menschen, die vorrangig starke Autonomie- und Freiheitsgefühle entwickeln, sich sehr schnell eingeengt und ihrer Individualität beraubt fühlen, haben wahrscheinlich in ihrer Kindheit unter der Herrschaft einer vereinnahmenden Bezugsperson gestanden, die ihnen keinen Freiraum ließ, die sich ständig gefordert und überfordert fühlten, die benutzt, verletzt und zurückgewiesen wurden. Da jedoch auch sie oder gerade sie Nähe und Vertrauen brauchen, tobt zeitweilig ein Nähe-/Distanz-Kampf in ihnen, den sie selbst kaum lösen können. Meistens wird auf den Partner projiziert, dass er einen einengt, keinen Freiraum lässt und sich vielleicht analog der „verschlingenden Mutter“ aus der Kindheit verhält, die vielleicht nicht mehr bewusst erinnert wird, aber mit Sicherheit emotional gespeichert und bei Bedarf präsent ist. Astrologisch finden wir hier vor allem Pluto-Aspekte auf Sonne, Mond und Venus und wahrscheinlich auch eine Mutter, in deren Horoskop Pluto dominiert und/oder das entsprechende Synastrieaspekte aufweist.
Wir können aus einem Horoskop im Allgemeinen sehr gut erkennen, welches Verhalten uns damals aufoktroyiert wurde und welche Rolle wir später in unseren Beziehungen und den damit verbundenen Gefühlen nicht ablegen können, da uns diese Mechanismen nicht bewusst sind. So könnte ein stark von Saturn bestimmter Mensch sehr viel Angst vor Nähe verspüren, ein Uranier mit seinen Wünschen nach Freiraum seinen Partner verunsichern und ein Plutonier zwischen den Polaritäten von Vereinnahmung und Näheflucht schwanken. Diese Beziehungsprobleme entstanden durch die frühe Interaktion mit unserer Mutter, die eben die saturnischen, plutonischen etc. Verhaltensmuster in uns aktivierte oder vielleicht verursachte. Wir werden später sehen, dass dies aber nur die Spitze des Eisbergs ist, denn so eindeutig sind wir meistens nicht „konstruiert“.
Beziehungsschwierigkeiten sind der häufigste Grund, warum Menschen in psycho- therapeutische oder astrologische Beratungen kommen und sehr oft ist die Ursache der Konflikt zwischen Nähe, Freiheit, Zugehörigkeits-/Distanzwünschen und Autonomie. Wir hören so manch eine Lebens-/Liebesgeschichte, in der geklagt wird, dass man immer an einen Partner gerät, der entweder gebunden ist, sehr weit weg wohnt oder immens viele Verpflichtungen und Interessen hat, so dass wenig Zeit für Gemeinsamkeiten bleibt. Dann könnten wir etwas ratlos den armen Betroffenen bemitleiden, und auch dieser meint selbst, dass eine böse Schicksalsmacht ihn nicht glücklich werden und eine nahe Beziehung leben lassen will. Schauen wir uns dann allerdings sein Horoskop an, so finden wir darin die typischen Näheangst-Konstellationen, wie zum Beispiel harte Saturn-Winkel auf Venus und Mond. Wir können daraus folgern, dass dieser Mensch sich mit einem untrüglichen Radar Partner sucht, die ihm Nähe zu verweigern scheinen, dabei ist es ursächlich seine Angst, die ihn hindert, sich auf den anderen wirklich einzulassen und Nähe zuzulassen.
Nähe und Hingabe können bei manchen Menschen bedrohliche Abhängigkeitsgefühle auslösen oder schon allein die Vorstellung von Nähe kann Erstickungsgefühle erzeugen, man sieht sich als Gefangener, fühlt sich unfrei und vereinnahmt. Somit bleiben Beziehungen unverbindlich, und man geht auf Distanz und/oder die verleugneten Gefühle und Wünsche werden auf den Partner projiziert, wie wir es besonders bei entsprechenden Platzierungen im siebten Haus erleben.
Nun sind wir aber Menschen voller Widersprüche, und deshalb sind unsere Konflikte so zahlreich und selten so einfach, als dass wir einfach nur feststellen: Ich mag keine Nähe, ich brauche meine Freiheit. Eher sieht es in vielen von uns so aus, dass wir gleichzeitig konkurrierende Bedürfnisse haben, wie „Ich möchte geliebt/geheiratet werden und frei sein“ oder „Ich passe mich Dir gerne an, und ich möchte tun, was mir gefällt“ etc. Noch komplizierter wird das ganz Beziehungsgeschehen, wenn wir einen Partner haben, der sich von unseren zwiespältigen Bedürfnissen unterscheidet und zudem noch in sich differierende Wünsche hat, das heißt, entweder ist ihm die Bindung zu nahe oder zu distanziert, und beide Zustände erzeugen Angst auslösende Empfindungen.
Der Psychologieprofessor Dean C. Delis vertritt die interessante These, dass in einer Beziehung meistens ein Partner der Unterlegene bzw. Überlegene ist. Braucht die Frau zum Beispiel viel Nähe und Intimität und der Mann neigt eher zur Distanziertheit, wird sie die Unterlegene sein, bei dem kleinsten Verdacht auf Rückzug des Mannes zu klammern beginnen, und in dem Maße, in dem sich der Partner zurückzieht, wächst ihre Liebe und Sehnsucht, wodurch der Mann sich noch weiter entfernt. Eine der Ursachen, dass Menschen in einer Beziehung der Überlegene sein müssen, ist auf frühe und spätere Verletzungen zurückzuführen, durch die er zum Selbstschutz keinen mehr wirklich an sich heranlässt und sich emotional abkapselt. Ein gefühlsmäßiges Einlassen würde für ihn den Verlust der eigenen Persönlichkeit bedeuten, das Wiederbeleben von schmerzhaften Gefühlen der früheren Zurückweisungen erzeugt einfach Angst, die nicht zugelassen werden kann und darf – lieber allein sein und bleiben. Wenn wir zum Beispiel als Kind durch den frühen Tod der Mutter ein Trauma erleiden mussten, dann sind – und bleiben vielleicht - für uns Liebe und Nähe stets mit Schmerz und Verlust verbunden, und wir werden diese Gefühlserfahrung auf jeden Fall vermeiden müssen/wollen.
Stellen wir uns nun einen nach Symbiose strebenden Partner vor, der auf einen Näheangst-Menschen trifft, wie zum Beispiel: Mond/Neptun im zwölften Haus begegnet Saturn im Quadrat zu Venus (diese Begegnung kann bei entsprechenden Konstellationen auch in uns stattfinden..!). Da dem Kind die Erfahrung einer befriedigenden Symbiose mit der Mutter vorenthalten wurde, ist man als Erwachsener weiterhin auf der Suche nach einer nachträglichen Erfüllung. Eine symbiotische Beziehung mag beglückende Erfahrungen auslösen, sie ist aber der Entwicklung der Partner abträglich, da dieser genauso sein muss wie man selber. „Du hast Dich verändert“ ist eine Anklage, ein Vorwurf, aus dem die große Angst spricht, dass ein Näheverlust eintreten und diese trügerische paradiesische Idylle stören könnte. Gewöhnlich merkt man sehr schnell, wenn die Beziehung ihr Gleichgewicht verliert, besonders natürlich unter den oben genannten Voraussetzungen, und dann beginnt der Kampf um Nähe und Freiheit, der Kampf, in dem der ängstliche Klammernde zum Unterlegenen wird und den sich entfernenden Partner immer weiter in die Distanz treibt.
Wenn wir also nun erkannt haben, dass wir immer an Partner geraten, die zu viel Nähe wollen oder zu distanziert sind, dann sollten wir uns erst einmal ehrlich prüfen, warum uns Nähe als so unangenehm oder sogar bedrohlich erscheint, obwohl wir ohne Nähe ja auch nicht so gut leben können und/oder wollen und überdies welche Erwartungen (oftmals sind es eher Forderungen) wir an den Partner stellen, für deren Erfüllung er eigentlich nicht zuständig ist und die ihn auch überfordern – er ist nämlich nicht unsere Mutter/unser Vater, sondern ein gleichberechtigter Partner mit ebenfalls individuellen Wünschen und Bedürfnissen.
Solange wir den anderen für unsere Probleme verantwortlich machen und ihn ändern wollen, wird nichts Positives geschehen, denn wir können nur einen Menschen ändern: uns selbst. Wenn wir Nähe von außen erwarten, wie wollen wir sie teilen? Denn wir können einem Menschen nur wirklich nahe sein, wenn wir uns auch selbst nahe sind. Es ist unerlässlich, in uns hineinzuschauen und uns mit unserem Partner über unsere Wünsche, Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen offen auszutauschen. Nur so werden wir unverwechselbar für den anderen, es entsteht diese ganz individuelle Beziehung, in der Nähe und Autonomie möglich sind, weil wir uns vertrauensvoll geöffnet, unsere wahren Gefühle gezeigt haben und bereit sind, dafür Verantwortung zu übernehmen.
Nun gehen wir also auf unseren distanzierten oder uns vereinnahmenden Partner zu, um die Beziehung auf eine Ebene zu heben, auf der Autonomie und Nähe als integrierte Aspekte der beiden Persönlichkeiten gesehen und gelebt werden und die Konflikte, dem Partner nahe zu sein und gleichzeitig ein eigenständiger Mensch zu bleiben, verständnisvoll gelöst werden können. Aber der Partner verweigert sich und zieht sich zurück. Eines ist klar: Nähe kann man niemals erzwingen, und sie ist auch nicht möglich, wenn man beginnt zu manipulieren (Pluto).
Wenn wir bei unseren liebevollen Versuchen (ohne Forderungen und Vorwürfe) auf Abweisung und Unverständnis stoßen, dann spätestens ist es an der Zeit, unsere Partnerwahl und deren Motive zu analysieren und ggf. die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Der Besuch bei einem Astrologen wäre mit Sicherheit sehr aufschlussreich, denn wir können auf Grund gewisser Platzierungen im Radix und Kenntnis der Kindheit Aussagen machen, die mehr Licht in unsere Beziehungsproblematik bringen als eigene verzweifelte Überlegungen und manchmal auch eine therapeutische Behandlung, da die Ursachen hierfür schneller und klarer ergründbar sind.
Bevor ich ein Horoskop deute, schaue ich mir immer sehr lange das Radix an und lasse die Symbolsprache auf mich und mein Unbewusstes wirken. Einer der wichtigen Punkte, die ich dabei stets herausarbeite, sind die Unvereinbarkeiten, die sofort ins Auge fallen und sich bei eingehender Untersuchung dann auch weiter bestätigen. Bei unserem Thema gibt es solch eine Fülle von relevanten Horoskopfaktoren, dass wir sondieren müssen, um uns nicht im Uferlosen zu verlieren. Am besten stellen wir uns zunächst die Fragen, welche Zeichen, Planetenplatzierungen und –Aspekte auf ein vordringliches Bedürfnis nach Nähe hinweisen und wie wir ausgeprägte Freiheits-/Autonomiewünsche in einem Horoskop erkennen. Durch diese Unterscheidung stellen wir sehr schnell ein Übergewicht der einen oder anderen Wesensart fest und die großen Schwierigkeiten, wenn widersprüchliche Planeten-/Zeichen-/Häuserkräfte miteinander verbunden sind.
Mond, Venus, Neptun, die Zeichen Krebs und Fische sowie die Häuser vier, sieben und zwölf symbolisieren im Allgemeinen den ursprünglichen Wunsch nach Nähe, Geborgenheit, Hingabe und ggf. Symbiose.
Sonne, Mars, Uranus, die Zeichen Widder, Wassermann und Löwe sowie die Häuser eins und elf stehen eher für unser Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie. Jupiter/Schütze/neuntes Haus mit Expansions- und Aktivitätswünschen und Saturn/Steinbock/zehntes Haus mit der Anlage, eher Grenzen zu setzen, können wir hier mit aufnehmen, obwohl Saturn schlecht loslassen kann, auch wenn es nach außen oftmals anders scheint, und Pluto ist, wie fast immer, ein Kapitel für sich.
Diese Aufzählung schließt nun nicht aus, dass auch Stiere und Skorpione von dem Distanz-/Nähe-Dilemma betroffen sein könnten, aber irgendeine Leitlinie sollten wir uns ziehen. Aus dem Vorhergesagten ergeben sich nun schon die vielfältigsten Kombinationen, die uns das Drama in uns oder zwischen zwei Partnern veranschaulichen können. Finden wir nun in einem Horoskop hauptsächlich Verbindungen der ersten Gruppe, also zum Beispiel eine Mond/Neptun-Konjunktion im zwölften Haus, eine Venus in Fische und Merkur/Sonne im Krebs, dann ist mit Sicherheit das Bedürfnis nach Nähe sehr ausgeprägt. Bei einem Mond/Saturn-Quadrat in den Häusern eins und vier mit gleichzeitiger Venus/Neptun-Konjunktion in zwölf könnten die Angst vor Nähe und der gleichzeitige Wunsch nach Verschmelzung und Symbiose uns einige Konflikte bringen. Ähnlich würde es sich verhalten, wenn wir einen Mond/Saturn-Partner haben, der unserer Venus/Neptun-Sehnsucht mit absolutem Unverständnis begegnet.
Planetenballungen in Zeichen und Häusern können diesen Konflikt auch zum Vorschein bringen, wie zum Beispiel Widder/Krebs-Platzierungen und Planeten in den Häusern eins und sieben, aber auch eins und zwölf etc. oder auch Stellata in Wassermann/Fische etc.. Natürlich ist auch die Platzierung und Aspektierung des AC von Bedeutung, sagt uns die AC/DC-Achse doch sehr viel über unser Beziehungsmuster bzw. unser Verhalten vom Ich zum Du.
Wenn wir uns die psychologischen Betrachtungen zu unserer Kindheit/Mutter noch mal ins Bewusstsein rufen, so ist verständlich, dass besonders der Mond als das Muttersymbol eine ausschlaggebende Rolle spielt. So sind besonders harte Winkel von Saturn, Uranus und Pluto auf unseren Mond eine nicht leichte Bürde, die sich in unserem Beziehungsverhalten wiederholen, das ursprüngliche Muster beleben und von uns mit unseren Partnern, Freunden etc. immer wieder neu inszeniert werden. Hier geht es nicht um Schuldzuweisungen an unsere Mutter, vielleicht hat sie ihr Bestes gegeben, aber wir müssen nun mit diesem „Erbe“ leben - abgesehen davon, dass diese Herausforderung höchst wahrscheinlich als eine lebenslängliche Aufgabe so für uns vorgesehen war.
Aus der saturnischen Angst heraus, nicht geliebt und verletzt zu werden, nicht gut genug zu sein, verschließen und distanzieren wir uns, lassen den anderen nicht an uns heran, obwohl genau das es wäre, was wir brauchen, weil wir die Nähe und Liebe schon früher vermissten und/oder sie uns genommen wurden. Bei Saturn auf Mond und Venus können wir von diesen frühkindlichen Erfahrungen ausgehen, während ein harter Winkel auf die Sonne auch auf ein zusätzlich schwaches Selbstwertgefühl hinweisen kann und wir uns aus Angst, uns nicht behaupten zu können, übergangen und überrumpelt zu fühlen, in uns zurückziehen. Hier allerdings könnte es auch passieren, dass wir einen Partner brauchen, der durch seine stete Nähe unser schwaches Selbstvertrauen stärkt und wir ihn somit nicht loslassen können. Menschen mit den vorgenannten Platzierungen schicken uns eigentlich schon frühzeitig Signale, dass sie - zumindest sporadisch – Rückzug und Distanz brauchen, und es ist eigentlich verwunderlich, dass die Partner diesen Wesenszug beharrlich ignorieren, bis sie beginnen, darunter zu leiden.
Uranus ist nun ganz anders: Er ist eindeutiger, lebendiger, aber auch kompromissloser in seinem Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie. Der klassische Aspekt für den Nähe-/Freiheit-Konflikt ist ein harter Winkel (einschl. Konjunktion) von Venus und Uranus. Unser Bedürfnis nach Individualität und Unabhängigkeit kommt hier in Kollision mit unserem Wunsch nach Einheit und Zusammengehörigkeit. Da diese beiden Bestrebungen kaum zu verbinden sind, leben wir meist nur eine Planetenkraft und verleugnen die andere oder aber lassen diese durch den Partner ausleben. Es kann sogar sein, dass wir uns zum Beispiel unserer uranischen Freiheitsbedürfnisse gar nicht mal bewusst sind, weil sie lebenslänglich unterdrückt werden mussten und wir Geschwister, Freunde und Partner fanden, die diesen Part für uns übernahmen. Identifizieren wir uns sehr oder sogar ausschließlich mit Venus, werden natürlich die „schrecklichen“ rastlosen, freiheitsliebenden Menschen in unserem nahen Umfeld für die uns fehlende geborgene Atmosphäre verantwortlich gemacht oder vice versa.
Dass Uranus und Mond sich nicht vertragen, ist allgemein bekannt, denn für unsere lunare Seite, die Zugehörigkeit und wohlige Vertrautheit braucht, sind die nach Unabhängigkeit und Individualität strebenden uranischen Kräfte sehr fremd und bedrohlich. Wir könnten jederzeit verlassen werden (wie uns das die Mutter vielleicht früher indirekt vermittelt hat), die Welt ist ein unsicherer kalter Ort, was wir aber brauchen, sind Aufgehobenheit und Wärme. Diese Spannung in uns reißt uns hin und her und lässt uns vielleicht – unbewusst - nach einem Partner suchen, der den Mond für uns auslebt, so dass wir uns etwas vollständiger fühlen. Dass wir ihm später vorwerfen, uns mit seinen Gefühlen keinen Raum zum Atmen zu geben, ist dann ein anderes Kapitel.
Ich denke, von diesen Beispielen ausgehend, kann man ganz gut alle möglichen Kombinationen durcharbeiten und besser verstehen lernen, wobei es natürlich schwierige Fälle gibt, wie Mond in Opposition zu Saturn, im Quadrat zu Uranus und einem Quinkunc zu Pluto, verteilt auf die Häuser eins, vier, sieben und zwölf und einem Stellium in Fische…. Eine wahre detektivische Arbeit!
Ich möchte – bevor ich an einem Beispiel weitere Möglichkeiten verdeutliche - noch auf Pluto und einige Planetenstellungen im siebten Haus eingehen:
Pluto im harten Aspekt zu Mond, Venus und Sonne ist meistens eine Crux, die uns vor eine schwere Lebensaufgabe stellt. Auf unser Thema bezogen, können sich die Kräfte sehr widersprüchlich äußern, wie zum Beispiel Pluto auf Mond intensive Ängste vor Vereinnahmung und emotionaler Überwältigung auslösen kann und man die Flucht ergreifen möchte, da unser Überleben in Gefahr zu sein scheint. Bei Pluto auf Sonne konnten wir oftmals kein starkes Selbstwertgefühl entwickeln, so müssen wir kompensieren, indem wir ein stabiles Ego vortäuschen, wir brauchen aber den anderen aus Angst vor Einsamkeit und Auflösung unserer Individualität. Ein stetes Hin und Her von Bedürfnissen und Emotionen, und da bei Pluto selten die Dramatik fehlt, gestalten sich Beziehungen zumeist kompliziert mit Machtkämpfen, Verletzungen, Versöhnungen etc. („Ich kann nicht mit ihm/ihr, aber auch nicht ohne sie/ihn“).
Venus/Pluto-Menschen offenbaren selten ihr Innenleben, und so wird uns vielleicht erst bei Krisen bewusst, wie besitzergreifend und kontrollierend sie sein können, nicht aus Bösartigkeit heraus, sondern eher aus Ängsten und schmerzhaften frühkindlichen Erlebnissen. Kontrolle und Manipulationen sind Schutzmechanismen vor Verletzlichkeiten und Demütigungen, die aus unverarbeiteten leidvollen Erfahrungen stammen. Wir können nun daraus folgern, dass Venus/Pluto-Aspektierte bei dieser Intensität von Gefühlen schwerlich einfach das Weite suchen, um einen gleichzeitig eventuell vorhandenen Wunsch nach Freiheit auszuleben. Sie halten am Partner fest und je mehr sich dieser distanzieren sollte, umso stärker werden das Kontrollbedürfnis (einschl. Eifersucht) und die emotionalen Forderungen. Es ist allerdings sehr wohl denkbar, dass Venus/Pluto sich zeitweilig vom Partner entfernt, um durch eine weitere, meist sexuelle, Beziehung sein Rachebedürfnis zu stillen und sein Ego wieder aufzubauen. Da bei diesem Aspekt die sexuelle Intensität fast immer eine große Rolle spielt, werden sich auch die Nähe/Freiheit-Konflikte sehr oft besonders in diesem Bereich äußern.
Bei Pluto im siebten Haus sind Machtkämpfe im Allgemeinen vorprogrammiert, ob Pluto nun auf den Partner projiziert wird oder man diese Kräfte selbst auslebt. Das hat zur Folge, dass einer der beiden irgendwann ein immenses Bedürfnis nach Freiheit entwickelt und das Verhalten, beherrscht und/oder kontrolliert zu werden, nicht mehr ertragen kann. Der Pluto-Mensch hat auch hier große Angst, dass die Beziehung nicht von Dauer ist und durch sein Misstrauen und den damit verbundenen Reaktionen schlägt er dann schließlich den anderen in die Flucht – es passiert genau das, was er am meisten fürchtet. Vielleicht können wir mit unserem Venus/Pluto-Partner besser umgehen, wenn wir uns bewusst machen, dass dieser Mensch zwar manchmal echt schwierig ist, aber sein Verhalten auf Ängsten und Unsicherheiten begründet ist und nicht bösartige Motive die Ursache sind.
Uranus im siebten Haus verlangt nach Freiraum, Lebendigkeit und Abwechslung und so hat der Partner mit dieser Platzierung natürlich Angst, dass ihm in einer eher konventionellen Beziehung mit einem Menschen, der vertrauliche Zweisamkeit vorzieht und auf Sicherheit und Beständigkeit bedacht ist, seine Individualität und Spontaneität zu sehr eingeschränkt wird. Schwieriger wird es noch, wenn dieser Uranus gespannte Winkel zu Mond oder Venus – möglichst noch in Fische oder Krebs - wirft und so der Mensch in seinem Dilemma zwischen seinem Bedürfnis nach Nähe und dem Wunsch nach Freiheit gefangen ist.
Auch Uranus im vierten und fünften Haus könnte Probleme bringen, da er in vier nicht sehr sesshaft und häuslich sein mag und von sporadischer Unruhe befallen wird, da ihm im trauten Heim das Dach auf den Kopf fällt. Im fünften Haus ist die anfängliche Liebesbeziehung sicher prickelnd und erregend, aber den Uranus-Partner könnte das später eingespielte Miteinander schließlich anöden, Langeweile macht sich breit, und so sucht er das Weite und eine neue Aufregung. Hat er allerdings gleichzeitig den Mond im Krebs im siebten Haus, dann brauchte er eine Beziehung, die ihm Geborgenheit und Sicherheit bietet; eine Ehe wäre für ihn somit ein Zufluchtsort, die ihm sein Urbedürfnis nach Zugehörigkeit erfüllt. Was also tun?
Diese Frage stellt sich auch in der Ehe des Mannes, dessen Horoskop ich nun vorstellen möchte und das ich exemplarisch für den Konflikt Nähe und Freiheit halte. Dieter ist (sehr ungern) seit 7 Jahren mit einer Widder-Frau mit Sonne/Mars-Quadrat verheiratet und hat zwei kleine Kinder, die ihm eher lästig sind. Er fühlt sich wie ein Gefangener in seiner Ehe und schwärmt stets von den Freuden eines Junggesellen-Daseins.
Herausragend in diesem Radix ist das umlaufende Quadrat, in dem Sonne (in vier) und Mond (in zehn) sowie Saturn (in sechs) und Mars (in zwölf) jeweils eine Opposition bilden. Wir finden hier die Kindheit mit der problematischen Ehe der Eltern, die sich unter anderem in der Oppositionshaltung von Sonne und Mond in seiner eigenen Ehe fortsetzt.
Wenn wir uns die Distanz-/Nähe-Faktoren im Radix näher betrachten, so fällt auf, dass der Saturn in seinem eigenen Zeichen sehr stark steht, gleichzeitig der Herrscher des siebten Hauses ist und zudem ein Quadrat auf den Geburtsherrscher Mond wirft. Der dominante Widder-Mond im Quadrat zum Mars (Mutter und Frau sind Widder!) lässt auch nicht gerade ein gesteigertes Bedürfnis nach Nähe vermuten und Jupiter im Schütze hat allemal den Wunsch nach Freiheit, die er auch durch sportliche Aktivitäten auslebt. Seine Frau lässt ihm seinen Freiraum, mehr noch, sie hat ihm sogar angeraten, sich räumlich von der Familie zu trennen, da seine (verbal) aggressive Unzufriedenheit eine sehr ungesunde Atmosphäre schafft. Aber er geht nicht, obwohl dem keine äußeren Gründe im Wege stehen.
Schauen wir uns seine andere Wesensseite an, die ihm sicherlich unbewusst ist, die ihn aber an Haus und Familie festhalten lässt: Krebs-AC, Venus Konjunktion Neptun im Skorpion mit einem Sextil zu Pluto und Saturn, die Sonne im vierten Haus und etwas weniger bedeutsam das Anderthalbquadrat zum MC in Fische.
Der Frau gelingt es nicht, mit Dieter ein einigermaßen vernünftiges Gespräch zu führen, und sie fragt sich inzwischen auch, warum sie genau an diesen Mann „geraten“ ist; ihr Venus/Saturn-Quadrat, Pluto als Herrscher des siebten Hauses und Neptun in Konjunktion/Opposition zur AC/DC-Achse – werden daran nicht unschuldig sein....
Wir sehen hier, wie durch eine sehr strenge und dominante Mutter, den früh verstorbenen Vater, durch fehlende Liebe und emotionale Vernachlässigung Dieter in eine innere seelische Unerreichbarkeit und Isolation getrieben wurde, durch die er nun weder Nähe fühlen, noch geben kann. Und dennoch – eine unbewusste Sehnsucht und verborgene Träume lassen ihn an der menschlichen Wärme, dem Zugehörigkeitsgefühl, die seine Familie ihm geben könnten, festhalten.
(Erstveröffentlichung in ASTROLOGIE HEUTE -
www.astrologieheute.ch)
Daten von Dieter:
04.10.1960, 23.15 h in Düsseldorf
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