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Geschwisterbeziehungen - Zwischen Liebe und Hass

Barbara Egert
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Freitag, 2. März 2007, 11:41

Geschwisterbeziehungen
Zwischen Liebe und Hass

Als ich vor vielen Jahren die Horoskope meiner vier Geschwister erstellte und mir somit endlich einen Überblick verschaffen konnte, warum sie so sind wie sie sind oder mir zu sein scheinen, eröffneten sich mir ungeahnte Einblicke in ihr ursprüngliches Wesen, und vor allen Dingen verstand ich nun besser, warum wir so unterschiedliche Beziehungen zueinander haben müssen. Ich denke, so wird es auch anderen Astrologen gehen, die – das richtige Werkzeug an der Hand – voller Neugier und Erstaunen ihrer Geschwisterdynamik auf die Spur kommen.

Unseren Geschwistern können wir nicht entkommen, diese längsten Beziehungen unseres Lebens haben wir uns nicht ausgesucht, sie wurden uns geschenkt oder zugemutet. Wie auch immer sich Geschwisterbeziehungen entwickeln, wir begegnen ihnen niemals mit Gleichgültigkeit, auch wenn es nach außen den Anschein hat – oder gerade dann. Wie meine Fragen an andere Geschwisterkinder zeigen, lässt das Thema niemanden unbeteiligt. Manchmal kommen Reaktionen von spontaner Sympathie oder totaler Ablehnung, sehr oft jedoch hörte ich ein abweisendes: „Mein(e) Schwester/Bruder existiert für mich nicht mehr, unsere Beziehung ist schon längst beendet.“ Manchmal wird dieser Satz begleitet von einem wütenden Aufblitzen in den Augen oder einem etwas hilflosen Achselzucken. Wenn wir dann tiefer forschen, zeigen sich fast immer all der verdrängte Zorn und die an die Oberfläche steigenden Emotionen, die vor allem signalisieren, dass – trotz unserer Abwehrhaltung - die Beziehung noch lange nicht beendet ist.

Geschwisterbeziehungen gestalten sich zwischen Liebe und Hass, Neid und Eifersucht, Vertrauen und Rivalität und vielem anderen mehr. Warum sich manche Geschwister wunderbar verstehen und lebenslänglich eine enge Bindung aneinander haben und warum sich viele Brüder und Schwestern in böse Streitigkeiten und Rivalitätskämpfe bis hin zu schlimmen seelischen und körperlichen Verletzungen entwickeln, mag für die Eltern – und im Nachhinein auch für die Beteiligten – ein Rätsel sein und bleiben. Die wenigsten haben Horoskope zur Hand, durch die sie die ähnliche, ergänzende oder auch unvereinbare Struktur der Geschwister ergründen und sich somit die unterschiedlichsten Beziehungsformen viel verständlicher machen können. Nicht zuletzt sind natürlich auch die Eltern beteiligt, denn die Bevorzugung bzw. Benachteiligung eines Geschwisters ist oftmals ausschlaggebend für die Gefühle ihrer Kinder untereinander.

Auch wenn die Forschungsergebnisse der Geschwister-“Hierarchie“ widersprüchlich sind, so ist doch nicht zu leugnen, dass die Geburtenfolge sehr oft die Kindheitsrolle festlegt. Unter den Erstgeborenen finden wir sehr häufig den/die Verantwortungsbewusste(n), den Helden, die Vernünftige, wobei noch fraglich bleibt, ob diese Erstgeborenen mit einem Segen oder Fluch behaftet sind, denn alle Projektionen der Eltern bleiben an ihnen hängen, und sie stehen sehr stark unter Erfüllungszwang und Leistungsdruck. Ganz anders als die Zweitgeborenen, das „Sandwich-Kind“, falls noch ein Geschwister nachkommt; es ist von Natur aus stiller, da es nicht gewohnt ist, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, denn sobald das nächste Kind geboren wird, gerät es ins Hintertreffen.

Allerdings sind die Erstgeborenen der Gefahr ausgesetzt, dass sie sich durch die Geburt eines Geschwisters entthront, vernachlässigt und nicht mehr geliebt fühlen. Hier ist eine hohe Sensibilität der Eltern notwendig, um diese destruktiven und schmerzhaften Gefühle liebevoll in die richtige Bahn lenken. Die zuerst von Freud formulierten „Todeswünsche“ (für dieses zweitgeborene Kind) wurden von ihm später relativiert und zu „Verschwindewünschen“ deklariert, da diesem kleinen Kind Vorstellungen vom Tod noch gar nicht bekannt sind.

Das letzte Kind, das so genannte Nesthäkchen, hat insofern oftmals einen Vorteil, als die Eltern viel entspannter und in ihren Erziehungsmethoden, mit ihren Ängsten und Sorgen viel gelassener sind. Aber – je nach Geschwisterzahl – mag die/der Jüngste auch nicht mehr so viel Beachtung und Fürsorge erhalten. Die Theorie vom geliebten und gehätschelten Nesthäkchen kann fallweise zutreffen, ich als Betroffene kann diese Theorie jedenfalls nicht bestätigen.

Das in der Kindheit angenommene Rollenverhalten bestimmt auch späterhin unsere Verhaltensmuster. Da wir uns in unserer Rolle so vertraut fühlen, als Verantwortungsvolle, als Kümmerer, als Hilflose(r) etc., bleiben wir gerne an ihr haften, auch wenn sie längst überholt ist, nicht mehr zu uns passt und somit unsere weitere Entwicklung behindert. Mit besonderen Konflikten müssen wir rechnen, wenn eine uns in der Kindheit zugewiesene Rolle gar nicht unserem Temperament und Charakter entspricht. Stellen wir uns vor, der Erstgeborene ist ein musischer Venus/Neptun-Typus mit einem schwach gestellten Saturn, und dieser ist nun auserkoren, später das Geschäft seines Vaters zu übernehmen; um frühzeitig Verantwortungsbewusstsein zu lernen, kann er sich schon mal um seinen jüngeren Bruder und die Werkstatt kümmern, den Vater unterstützen etc. Auf Überforderung, Ausübung von Druck oder auch Unterforderung in den von ihm geliebten Bereichen könnte das Kind mit Trotz, Protesthandlungen und –haltungen reagieren und zum „schwarzen Schaf“ werden. Schließlich dient es der ganzen Familie als eine Projektionsfigur, die die Ängste und unterdrückten Aggressionen der Familienmitglieder ausagiert.

Eine der größten Sünden der Erziehenden scheint die Ungerechtigkeit zu sein, für die auch Kinder schon ein ausgeprägtes Sensorium haben. Eine Verletzung des Gerechtigkeitsgefühls oder ungleiche Behandlungen der Geschwister führen zu solch destruktiven Gefühlen, dass eine Verständigung nicht mehr möglich zu sein scheint und bis ins hohe Alter nicht vergessen wird. Sie erzeugen Rachegefühle und Hass, Unversöhnlichkeit und provozieren seelische und körperliche Wunden, die schwerlich heilen. Allerdings gibt es keine Geschwisterbeziehungen ohne Streit und Konflikte, sporadischer Ablehnung und wüsten Beschimpfungen, aber sehr bald sind diese Zankereien wieder vergessen und man verbündet sich miteinander und/oder gegen die Eltern, vertraut sich Geheimnisse an und schützt sich gegenseitig vor realen oder eingebildeten Gefahren.

Geschwister sind vor allem äußerst wichtig für den Aufbau der eigenen Persönlichkeit und unsere Identitätsfindung. Wir müssen lernen, uns zu behaupten, uns abzugrenzen, zu teilen und zu helfen, wir stellen fest, wo wir uns unterscheiden, wie wir gerne sein wollen oder eben auch nicht, wir rivalisieren und solidarisieren uns. Gerade in der frühen Kindheit werden die Fundamente für unser späteres Leben gelegt, und so finden hier unsere Persönlichkeitsstruktur und die Formung unseres Charakters ihren Ursprung. Obwohl – wenn wir die psychischen Grundkonstitutionen in unserem Radix betrachten, dann gehe ich vornehmlich davon aus, dass wir entweder die Chance erhalten, uns unserer Bestimmung gemäß zu entwickeln und/oder geformt bzw. verformt zu werden nach den Vorstellungen der Eltern bzw. Beeinflussung durch unsere geliebten oder gehassten Geschwister.

Jedes einzelne Geschwister wird in eine Familienkonstellation hineingeboren, die sich kaum mehr wiederholen wird. Die Ehe der Eltern oder deren Lebenssituation ist stark mit ausschlaggebend, ob sich das Kind abgelehnt, geborgen oder geliebt fühlt. Auch in unseren Horoskopen können wir sehr gut die Beziehung der Eltern zueinander und die emotionale und/oder psychische Situation zum Zeitpunkt der Geburt überprüfen, die auf das Neugeborene einen ausschlaggebenden Einfluss hat. Schon hier konstelliert sich, ob es ein Liebling von Vater oder Mutter wird, ob es liebevoll in die Familie integriert und gleichwertig behandelt wird. Die Kinder, die in Zeiten von Ehekrisen oder schweren existenziellen Problemen geboren werden, haben es ungleich schwerer als die zu einem „günstigeren“ Zeitpunkt geborenen Geschwister, und hier beginnt schon die Ungleich-Behandlung.

Jedes dieser einzigartigen Wesen unterscheidet sich in Alter, Temperament, Talenten, Gefühlen, im Aussehen und den vielfältigsten Eigenschaften. Manchmal verspüren wir allerdings von Beginn an eine Wesensgleichheit oder auch eine Faszination durch die Andersartigkeit unseres Geschwisters. Je ausgeprägter jedoch Wesensunterschiede sind, zumal wenn ein Kind von den Eltern oder dem Umfeld bevorzugt wird, um so stärker werden wir rivalisieren. Bei den benachteiligten Kindern können die Erfolge und Anerkennung von Geschwistern zu sehr destruktiven Gefühlen führen, die sie zwar auch zu besseren Leistungen anstacheln können, aber meist verbleibt eine negative Grundeinstellung.

Die Beeinflussung durch unsere Geschwister auf unser späteres Beziehungsverhalten ist markanter als wir uns dessen bewusst sind. Aber wahrscheinlich kennt jeder die Abwehrhaltung einem Menschen gegenüber, der uns zum Beispiel an unseren ungeliebten Bruder erinnert. Äußere Ähnlichkeiten, ein Lachen, das uns ja so bekannt vorkommt, Gestik, Mimik registrieren wir und projizieren damit unsere Zuneigung oder Abneigung in den anderen. Auch ist es nicht selten, dass Männer oder Frauen schließlich einen Partner heiraten, der große Ähnlichkeit mit dem Lieblingsgeschwister hat.

Die astrologische Auswertung einer Familienstruktur ist so umfangreich, dass wir hier leider viele interessante Details auslassen müssen, aber der nachfolgende Überblick und die erarbeiteten Beispiele geben einen Einblick in die Deutungs-Vorgehensweise, wodurch dann eigene weitergehende Folgerungen nicht mehr so schwierig sind.

Möchten wir unsere Geschwister besser verstehen lernen, so sollten wir versuchen, unvoreingenommen an das Radix und dessen Deutung heranzugehen. Es ist klar, dass das bei einer guten Beziehung besser gelingt, als wenn wir zu unserem Geschwister ein schwieriges Verhältnis haben. Obwohl sich Geschwister ja von klein auf kennen und sich fast alle Schwachstellen im Laufe der Kindheit offenbaren, bleibt doch immer die Gefahr der Projektion bestehen, die sich auch auf die Beziehung des Geschwisters zu den Eltern und umgekehrt bezieht. Viele glaubten zum Beispiel, der/die Bruder und Schwester seien der Liebling eines Elternteils gewesen, später jedoch stellt sich heraus, dass unser Geschwister genau das von uns dachte. Es ist hier sehr nützlich, die Horoskope der Eltern hinzuzuziehen und mit denen der Geschwister zu vergleichen, denn die daraus ersichtlichen Beziehungsmuster sind sehr aufschlussreich.

Nehmen wir einmal an, dass der Vater, dessen Saturn und Pluto auf dem Mars seines Sohnes steht, nicht in der Lage ist, seinem Kind anerkennend und liebevoll zu begegnen, während er zu seiner Tochter ein ganz anderes, viel positiveres Verhältnis hat. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass der Sohn durch die permanente Ablehnung und/oder Unterdrückung durch seinen Vater auf seine Schwester eifersüchtig ist und schließlich vielleicht sie für seinen Schmerz über die fehlende Zuneigung verantwortlich macht. Würde er später das Horoskop seines Vaters kennen, könnte er einmal folgern, dass es dem Vater durch diese Kräftedynamik nicht möglich war, sich ihm gegenüber anders zu verhalten und zum anderen, dass seine Schwester hier keine Schuld trifft.

Wir haben nun zum Beispiel ein uranisches Geschwister mit Planeten im Wassermann, einem dominanten Uranus an den Achsen oder in einem der Eckhäuser und im Winkel zu Sonne und/oder Mond und litten früher sehr unter dessen Unberechenbarkeit und nicht nachvollziehbaren Reaktionen und Verhaltensweisen. Immer wurden wir enttäuscht, weil das Versprochene nicht eingehalten und wir allein gelassen wurden, da für das Geschwister irgendwo etwas Interessanteres passierte. Es kann auch sein, dass wir plötzlich „Luft“ für den Bruder waren und er eigensinnig genau das machte, was er wollte – ohne Rücksicht auf uns. Hätten wir nun ein von Pluto bestimmtes Horoskop, dann nehme ich an, dass ewige Machtkämpfe an der Tagesordnung wären, wir würden das erzwingen wollen, was uns unserer Meinung nach zusteht, und Gedanken von Rache nisteten sich in uns ein. Eines Tages zahlen wir ihm das heim – und sei es erst in vielen Jahren.

Dieses Szenario ist denkbar und realistisch, aber wir sind ja nicht nur uranisch oder plutonisch, sondern haben noch andere liebenswerte(re) Eigenschaften, die mit denen unserer Geschwister harmonieren. Sehr oft ist es einfach nur ein Charakterzug, eine Verhaltensweise, die wir absolut nicht ausstehen können und wo es immer wieder Streit gibt. Denken wir an ein Geschwisterpaar, das sich im Allgemeinen recht gut versteht und ergänzt, wo das eine Kind jedoch gerne mit sich allein ist, in Ruhe liest und Radio hört (positive Saturn-Winkel und vielleicht ein neptunischen Hang zum Träumen), während das Geschwister, ein temperamentvoller Widder mit AC im Schützen, ständig unterwegs und aktiv ist. So werden sich beide übereinander ärgern; der eine sagt: „Du sitzt ja immer nur hier rum und liest.“ Der/die andere schimpft: „Was musst Du denn ständig unterwegs sein, lass mich in Ruhe.“ Diese Interaktion kann sich unendliche Male wiederholen, bis ins hohe Alter, führt aber selten zu Feindseligkeit.

An den bitteren Gefühlen über einen ungerechten oder ungleichen Lebensweg sind nicht immer die Eltern schuld, aber sie machen mit ihren bewertenden Erwartungshaltungen an die Kinder einfach gravierende Fehler. Wir könnten eigentlich davon ausgehen, dass in einer gut situierten Familie jedes Kind die gleichen Chancen hat, aber das stimmt eben nicht, wenn wir uns die Horoskope betrachten. Das Niveau, die Intelligenz erkennen wir daraus nicht, aber doch die Veranlagung und Stärken zu einem zum Beispiel eher wissenschaftlichen (Saturn/Merkur, Saturn Konjunktion MC) oder handwerklichen Beruf (Stier-Mars, Jungfrau-Merkur, Sonne/Uranus). Ein Akademiker muss keineswegs glücklicher sein oder werden als ein Handwerker, das ist eine Frage der Wertigkeit, die eben oftmals falsch von den Eltern vermittelt und behandelt wird, so dass sich der Handwerker-Sohn minderwertiger vorkommt. Diese beiden Geschwister können sich trotz ihrer unterschiedlichen Veranlagungen, Interessen und auch Freundeskreise gut verstehen, wenn man sie nicht falsch programmiert, wohingegen zwei Akademikergeschwister sich sehr wohl in Rivalitätskämpfe und unvereinbare Widersprüche verstricken können. Wir finden dann vielleicht in der Synastrie den Pluto des einen auf der Merkur/Saturn-Konjunktion des anderen und eine Uranus/Mond- oder -Sonne-Winkelverbindung, die schon von Vornherein ein gewisses Reizklima andeutet.

Bei Geschwistern mit einer ausgeprägten kreativen/musischen Veranlagung (stark gestellte Venus und Mond, Neptun-/Krebs-/Fische-Betonung) gestaltet sich das Zusammenleben oftmals sehr harmonisch und gegenseitig bereichernd, da eine ähnliche Phantasiewelt verbindend wirkt und diese häufig introvertierten Ambitionierten sich in unserer so materialistisch und realistisch denkenden Gesellschaft als Außenseiter fühlen. Auch wenn man sich in unterschiedliche künstlerische Richtungen entwickelt, so bleibt doch eine tiefe Verbindung bestehen, die sich durch die vielen gemeinsamen Kinderjahre und eine Seelenverwandtschaft gebildet hat.

Um es noch einmal kurz zusammenzufassen: Wie auch zwischen Eltern und Kindern, so gibt es zwischen den Geschwistern Wesensübereinstimmungen und –unvereinbarkeiten, die sich in den Horoskopen meist sehr deutlich zeigen. Diese finden wir – schwächer ausgeprägt – in der Dominanz von Elementen, denn ein Kind mit vielen Planeten in Wasserzeichen mag weitaus gefühlvoller und sensibler als ein Feuertypus sein, während sich das Feuerelement mit einer Luftdominanz besser vertragen würde. Wir vergleichen die Planetenstellungen und vor allem die AC-/DC-Achsen, die vorherrschenden Lebensthemen (Ballungen in Zeichen und Häusern, Planetendominanzen), wir untersuchen die Temperamente und Reaktionsweisen (marsisch, uranisch etc.) und erhalten so schlüssige Hinweise auf Stärken, Schwächen, Schatten, Empfindlichkeiten etc. Ferner suchen wir gemeinsame Winkelverbindungen (unser Jupiter in Konjunktion zum Mond des Geschwisters oder der Pluto unseres Geschwisters im harten Winkel zu unserer Venus etc.) und welche unserer Planeten in die Häuser des/der anderen fallen und vice versa. Bei meinen Untersuchungen habe ich wiederholt festgestellt, dass das dritte Haus, das die traditionelle Astrologie ja mit Geschwistern in Verbindung bringt, nicht ausreichend aussagekräftig ist bzw. keinerlei Relevanz aufzeigt. Vor allem hüten wir uns vor Projektionen, die sich besonders einschleichen, wenn wir zum Beispiel eine ähnliche Saturn-Konstellation haben, deren Auswirkungen uns selbst noch nicht bewusst geworden sind.

Ich möchte jetzt ein bekanntes Brüderpaar vorstellen: Heinrich und Thomas Mann. Die Liebe zur Kunst und Musik verdankten sie ihrer lebensfrohen und schönen Mutter. Bei Heinrich finden wir zu diesem Thema den Mond im Sextil zum MC und Neptun, ein Neptun-Trigon zum MC und bei Thomas den Krebs-Merkur und ein Sextil von der Stier-Venus/Pluto/MC-Konjunktion zum Krebs-Mond. Obwohl sie sich in ihrem Temperament sehr unähnlich waren, schufen ihre Phantasiewelten (jeweils dominanter Neptun, Neptun von Heinrich auf Mond und Jupiter von Thomas und Neptun von Thomas Konjunktion Venus und DC) eine Verbindung, durch die sie sich gegenseitig – auch in ihren schriftstellerischen Talenten – anregten und ergänzten. Doch der jüngere Thomas hatte unter der Dominanz seines Bruders zu leiden, was uns der Geburtsherrscher Pluto im Horoskop von Heinrich mit seiner engen Konjunktion zur Venus seiner Bruders bestätigt.

Zunächst begannen beide in Eintracht ihre Karrieren als Schriftsteller. Bei Heinrich Mann finden wir hierzu die Merkur-Zeichen Zwillinge und Jungfrau mit Mond, Mars und Jupiter besetzt und der Herrscher beider Zeichen steht im fünften Haus, dem Bereich des individuellen Selbstausdrucks, in Konjunktion zu Sonne und Chiron. Allerdings wirft Saturn aus dem dritten (Merkur-) Haus ein Quadrat auf diese Konjunktion.

Thomas Mann hatte nicht den scharfen, analytischen Blick seines Bruders, eher vertritt er eine der reinen Kunst verpflichtenden Literatur mit einer ästhetisierenden Sprache: Waage-Jupiter in dem Merkur-Haus drei Trigon Sonne und Saturn mit Quadrat zum Mond und einem viel weicheren Krebs-Merkur in elf, der durch die Opposition zu Mars allerdings an Schärfe gewinnt. Auch die Stellungen der Planeten in den jeweiligen Häusern des anderen Horoskops sind sehr aufschlussreich und einer eingehenden Untersuchung wert.

Der bekannte „Bruderzwist“ nimmt seinen Anfang nach einer gemeinsamen Italienreise, so um 1900/1905 herum und sollte bis 1922 dauern. Der Streit wurde durch die unter- schiedlichen Weltanschauungen zwischen den beiden Brüdern hervorgerufen, denn Thomas vermied im Gegensatz zu Heinrich gesellschaftskritische Inhalte und wendete sich gegen alle Strömungen, die die Freiheit des Geistes gefährden: Politik und Kunst sind unvereinbar. Als Thomas sich dann klar und offen zum Krieg bekennt und Heinrich (u.a. auch mit „Zola“) gegen die allgemeine Kriegsbegeisterung und somit gegen die Haltung seines Bruders protestiert, verschärft sich der Zwist.

Weltanschauliche Themen finden wir vor allem im neunten Haus: Bei Thomas stehen Chiron, Neptun und Venus in neun und die Mondknoten sind auf der Achse drei/neun platziert mit Jupiter an der Spitze des dritten Hauses und somit in Konjunktion zum absteigenden Mondknoten. Der Uranus von Heinrich steht im neunten Haus – also eine ganz andere Thematik als Thomas - und seine Mondknoten liegen ebenfalls auf der Achse drei/neun mit Saturn an der Spitze von drei in Konjunktion zum absteigenden Mondknoten. Wen wundert’s, wenn diese Brüder über weltanschauliche Themen in Konflikte gerieten?

Als Transite finden wir Neptun ab 1902 in Krebs, der in den nächsten Jahren das neunte (!) Haus von Heinrich und das elfte Haus von Thomas mit harten Winkel zu zehn Planeten von Thomas und neun Planeten von Heinrich attackiert. Pluto hält sich bis 1913 in Zwillinge auf und läuft durch das achte Haus von Heinrich und das zehnte Haus von Thomas. Als der Bruderzwist 1922 beendet wurde, lief er durch Krebs und brachte hier dann die tiefe Wandlung und Versöhnung.

Nach diesem bekannten Paar der Literaturgeschichte möchte ich Ihnen gerne noch schildern, wie unterschiedlich sich „normale“ Geschwisterbeziehungen in einer Familie gestalten können. Da ich mich natürlich am besten mit meinem eigenen Verhältnis zu meinen Geschwistern auskenne, möchte ich auch gerne darüber schreiben. Als Jüngste von fünf Kindern habe ich an meine beiden ältesten Geschwister keine besonderen Erinnerungen, da unser Altersunterschied vierzehn bzw. zwölf Jahre beträgt und sie schon studierten, als ich gerade zu denken begann. Viele Jahre hingegen verbrachte ich mit meinem Bruder (Jahrgang 1941) und meiner Schwester (Jahrgang 1939).

Die Schwerpunkte bzw. Hauptthemen in meinem Horoskop finden wir in der Besetzung des zwölftes Hauses mit Mond, Neptun, Jupiter, Chiron, Sonne und Merkur in Waage, der AC steht ebenfalls in Waage und der Zwillinge-Uranus und Krebs-Mars im neunten Haus. Das Luftelement ist stark übergewichtig, durch das zwölfte Haus jedoch kommt eine hohe Gefühlssensibilität und Durchlässigkeit hinzu, wodurch mit großer Intensität alle Schwingungen und Energien meines Umfeldes bei mir ankamen. Auch mangelte es in meiner großen Familie an Einfühlsamkeit, so dass ich mich oft verletzt und unverstanden fühlte.

Nun war ich mit einer Schwester „geschlagen“, die mich schon attackierte, als ich kaum laufen und mich auch nicht wehren konnte. Sicherlich fühlte sie sich vernachlässigt, denn nach ihr kamen ja noch ein Bruder und dann – oh Graus – ich, eine Schwester. Später verwandelten sich diese physischen Attacken in verbale Angriffe, die von einer ausgesuchten Boshaftigkeit waren und treffsicher immer auf meine Schwachstellen zielten. Sehr viel später wohnten wir beide in Berlin und dort ging ihre Übermachtung und Destruktion weiter, bis ich eines Tages (Pluto ging gerade in Konjunktion über meinen AC ins erste Haus) jeglichen Kontakt mit ihr abbrach. Das war vor 24 Jahren und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits mein Astrologie-Studium begonnen und fand natürlich alle „Schrecklichkeiten“ ihres Wesens bestätigt, allerdings musste ich später vieles zurücknehmen, denn zum Teil handelte es sich um Projektionen und zum anderen erkannte ich ihre narzisstische Struktur, ihr tiefe Problematik und Hilflosigkeit, die in ihr solch eine Zerstörungswut bewirkten. Wir finden in ihrem Horoskop eine Skorpion-AC/Mars-Konjunktion, der Geburtsherrscher Pluto steht in acht in Opposition zur Wassermann-Sonne/Lilith-Konjunktion und die Widder-Mond/Saturn-Konjunktion in vier erhält ein Anderthalbquadrat vom Mars. Ferner stehen ihr Uranus in meinem siebten Haus, ihr Saturn bildet eine Opposition zu meinen Jupiter, Sonne, Merkur, ein Quadrat zu meinem Mars und ihr Mars attakiert meinen Merkur. Planetenkonstellationen und –stellungen, die für sich sprechen und denen ich nicht gewachsen war.

Ganz anders nun die Beziehung zu meinem Bruder, der mit seinen vielen Erdplaneten und Winkeln zu Neptun eine sensible Verlässlichkeit ausstrahlt, die meinem Wesen viel eher ent-gegenkommt. Nicht, dass wir uns nicht stritten und spinnefeind miteinander waren, aber diese Abgrenzungen gehören dazu und umso schöner war dann wieder das Sich-verbünden.

Unsere Wesensähnlichkeiten bzw. positive Ergänzungen zeigen sich besonders in seinem Fische-Mond in Opposition zum Jungfrau-Neptun, die im Trigon bzw. Sextil zu seinem Stellium von Sonne, Jupiter, Uranus und Saturn im Stier im neunten Haus stehen. Seine Mond/Neptun- und Mondknoten-Achsen stehen im Sextil bzw. Trigon zu meiner Saturn/MC-Konjunktion im Krebs. Ferner bildet seine Venus in Zwillinge ein Trigon zu meinem Neptun und Jupiter, sein Merkur ein Trigon zu meinem Merkur und AC und seine Sonne/Jupiter-Konjunktion ein Trigon zu meinem Mond.

Heute noch ist er der einzige in meiner (Ursprungs-) Familie, mit dem ich mich über spirituelle, psychologische Themen und Sinnfragen austauschen kann; obwohl er über keine besonderen Kenntnisse verfügt, hat er ein erstaunlich intuitives Verständnis und Einfühlungsvermögen. Eine höchst seltsame Geschichte ist, dass mein Bruder seine inzwischen 32-jährige Tochter – sogar heute noch – unglaublich oft mit meinem Namen anspricht und einmal nach dem Geburtsdatum seiner Tochter gefragt, meinen Geburtstag nannte.....

Für die schönen und bereichernden Geschwisterbeziehungen sollte man voller Dankbarkeit und Freude sein und sie wie ein Geschenk behandeln. Auf der anderen Seite gibt es realistisch betrachtet Geschwister, mit denen man einfach nicht umgehen kann und/oder auch nicht (mehr) will, weil die zahlreichen tiefen Konflikte sich nicht auflösen lassen. Verwandte Seelen können uns überall begegnen – wir sind frei, sie uns – im Gegensatz zu unseren Geschwistern - selbst zu wählen.

(Erstveröffentlichung in ASTROLOGIE HEUTE – www.astrologieheute.ch)

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