Astrologie | Richtungen der Astrologie
Über Muße, Müßiggang und Tao
Barbara Egert
Verantwortlich für den Inhalt ist der oben genannte Autor/Anbieter.
Dienstag, 3. April 2007, 16:10
Über Muße, Müßiggang und Tao
"Muße ist der schönste Besitz von allem"
(Sokrates)
Ich liege geschützt vor dem frischen Wind in einer Düne, lasse mich von den Vorsommerstrahlen der südlichen Sonne wohlig wärmen, lausche dem Schlagen der Meereswellen an den Strand und dem Rauschen des Windes in den Ästen des kleinen Kiefernhains. Ich schaue den schnell ziehenden weißen Wölkchen am tiefblauen Himmel nach und beobachte einen bunten Schmetterling, der auf dem sich biegenden Strandhafer schaukelt. Neben mir liegt ein Band mit Rilkes Gedichten, ab und zu vertiefe ich mich in einen Vers, schließe die Augen, horche sinnend nach Innen:
„Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
daß dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.“
Ich genieße den "göttlichen Zustand der Muße“ und habe viel Zeit, denn ohne Zeit gibt es weder Muße noch Müßiggang.
Mußestunden sind verbunden mit Reflexion und Hingabe, einem intensiven Innehalten, fast ohne Zeitgefühl und doch ganz Gegenwart, die die Zeit als Kontinuum aufgelöst hat. Die Zeit scheint still zu stehen, aber auch nur, wenn wir uns in heiterer Nachdenklichkeit mit verfeinerten Sinnen ganz dem Augenblick überlassen. Manchmal sind Mußestunden auch ein Geschenk der Götter, die uns den Kairos, diesen vollendeten Augenblick, schicken, der sich nur ergeben kann, den wir nicht machen können. Aber wir sollten bereit, ganz DA SEIN, um diesen erfüllten und erfüllenden Augenblick nicht zu verpassen.
„Das Leben besteht aus seltenen einzelnen Momenten von höchster Bedeutsamkeit und unzählig vielen Intervallen, in denen uns besten Falls die Schattenbilder jener Momente umschweben. Die Liebe, der Frühling, jede schöne Melodie, das Gebirge, der Mond, das Meer – alles redet nur einmal ganz zum Herzen: wenn es überhaupt je ganz zu Worte kommt. Denn viele Menschen haben jene Momente gar nicht und sind selber Intervalle und Pausen in der Symphonie des wirklichen Lebens.“ *2
Mußezeiten können eine Reise zu den Quellen der eigenen Kraft bedeuten, wir sind in einer inneren und äußeren Ruhe aktiv empfänglich und von hoher Empfindsamkeit gegenüber der Natur, der äußeren und inneren Erscheinungswelt, deren Bedeutsamkeit sich uns reflektierend erschließen möchte. Wir verspüren eine gesteigerte Intensität der Wahrnehmung, und in diesem Prozess der Reflexion und des Gewahrwerdens können wir einen großen Schritt in unsere innere Tiefe gehen und erfahren, wie sich das Wesentliche mühelos vom Unwesent- lichen scheidet.
Es gibt eine Vielfalt von müßigen Situationen und natürlich auch ganz unterschiedliche Mußevorstellungen, die sich jeder Mensch ganz individuell gestalten und der er sich hingeben könnte. Doch das Erstaunlichste an Muße und Müßiggang in der heutigen Zeit ist, dass die meisten Menschen sie ablehnen, meiden oder eben nie Zeit finden, sich dem intensiven Erleben seiner Gedanken und Phantasien störungsfrei zu überlassen und im ruhigen Gefühl der Gegenwart genießend zu schauen und entspannt zu lauschen oder nachzusinnen, ohne Absicht, Ziel und Aufgabe.
Ich bin allerdings der Ansicht, dass es in der Lebensgeschichte eines jeden Menschen solche wunder-vollen Augenblicke gegeben haben wird. Wer war nicht schon verzaubert von einem glühenden Sonnenuntergang am Meer oder der Stille und dem unbeschreiblichen Licht einer Morgendämmerung, wenn wundersame innere Regungen etwas ganz Tiefes in einem berührten und man die Zeit hätte anhalten wollen, um bei diesem Augenblick zu verweilen?
Doch ist der Mensch unserer heutigen Leistungsgesellschaft selten frei von Druck und Störung, Hektik und Anspruchsdenken, und auch die Angst vor nicht effektiv genutzter oder vergeudeter Zeit, die ihm großteils anerzogen wurde, lässt ihn den Mußestunden mehr oder weniger bewusst ausweichen. Stattdessen sprechen wir heute von Freizeit, was sich so aktiv und legitim anhört, da sie uns durch eine vorangegangene Tätigkeit und Leistung zusteht. So kann Muße mit Schuldgefühlen und Gewissensbissen einhergehen, wenn nichts Nützliches vollbracht wurde, das unser Verweilen im Nichtstun rechtfertigt. Erst wenn wir unsere Pflicht getan haben, dann eventuell gestatten wir uns eine Mußestunde oder auch einmal faul zu sein.
Aber Freizeit bedeutet nicht von sich aus Muße, sondern heißt frei zu sein von etwas Un-angenehmen oder den viel zähligen Pflichten und endlich das zu tun, was man gerne oder lieber möchte. Aber die Freizeit will ausgefüllt sein, es gibt auch leere Freizeit, in der man faulenzt und sich endlos langweilt, weil man mit ihr und sich selbst in dieser Situation gar nicht umgehen kann.
Leere Muße ist nicht denkbar, sie bleibt immer sinnvoll und intensiv, lässt sich nicht ein-grenzen in einen fest gesteckten Zeitrahmen, wie z.B. ein Fußballspiel und ähnliche Freizeit-Beschäftigungen mehr. Muße ist keine Beschäftigung, sie ist niemals zweckgebunden, während wir eine Arbeit, eine Tätigkeit zumeist mit einem Ziel vor Augen verrichten. Eigent-lich hat Muße überhaupt keinen Weg und gar kein Ziel.
Da sich der Müßige ganz dem Augenblick hingeben und alles loslassen und in einer störungsfreien Umwelt in Stille geschehen lassen müsste, werden einige, die unbewusst spüren oder intuitiv ahnen, dass sie diesen schwere-losen Zustand gar nicht ertragen können, die Muße meiden. Muße heißt nicht, etwas in Angriff nehmen oder bewältigen, sondern loslassen, sich loslassen und überlassen. Vertrauen in das Sein ist Voraussetzung für das Überlassen, man muss wissen, dass man nicht ins Leere stürzt.
Ohne nützliche Aktivität oder zum Beispiel unermüdliche Putz- und Fernsehorgien fallen viele Menschen in ein inneres Loch, das ihnen verständlicherweise große Angst macht. Auch eine gut ausgebildete Ich-Struktur scheint hier wichtig zu sein, denn Loslassen impliziert ja auch, dass man fallen könnte – und wer fängt einen auf? Ein zu ausgeprägtes Über-Ich jedoch könnte uns durch seine Anfälligkeit für ein schlechtes Gewissen jeglicher Freude am müßigen Nichtstun berauben.
"Ob nicht die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu sein, diejenigen sind, die wir in tiefer Tätigkeit verbringen, ob nicht unser Handeln, selbst wenn es spät kommt, nur der Nachklangeiner großen Bewegung ist, die in untätigen Tagen uns geschieht? Jedenfalls ist es wichtig, mit Vertrauen müßig zu sein, wenn möglich mit Freude." *3
Neben der Muße, die ich mit aktivem Nichtstun verbinde, gibt es aber auch die tätige oder aktive Muße, die oftmals mit schöpferischen Prozessen einhergeht. Muße mag auch mit Arbeit verbunden sein, aber dies kann nur eine selbst bestimmte Tätigkeit sein, deren Ausführung weder unter Zeit- noch Leistungsdruck geschieht, sondern durch Reflektieren und Schauen neue Einsichten und Formulierungen hervorruft und uns mit Heiterkeit, wenn nicht gar Freude, erfüllt.
Jedoch auch ganz einfache Aktivitäten, wie Wandern, spazieren gehen etc. fallen in diesen Bereich. Wenn Sie sich allerdings ehrgeizig vorgenommen haben, in zwei Stunden diese oder jene Berghütte zu erreichen und über steinige Wege unter Zeitdruck kräftig bergauf schreiten, dann ist das sicherlich keine aktive Muße.
Wer spazieren geht, kann sich in einer angenehmen Sorg- und Ziellosigkeit treiben lassen, sich dem Augenblick überlassen und was ihm im Augen-Blick entgegenkommt: Eine schöne Blume, ein fröhliches Vögelchen, Sonnenflecken auf dem Weg etc. „Wie von weit, mit verneinender Gebärde fallende Blätter " mögen ihn an das schöne Gedicht „Herbst“ von Rilke erinnern und weitere inspirierende Gedanken aufsteigen lassen. Auch hier also kann man (mit sich) geschehen lassen, sofern wir das Gefühl haben „alle Zeit der Welt zu besitzen“.
Auch Genuss gehört in den Bereich der Muße, d.h. wir brauchen Muße - und damit Zeit -, um genießen zu können. Ob uns dies überhaupt gelingen kann, hängt sicherlich viel von der Familiengeschichte ab und ob Genuss früher erlaubt oder untersagt war. Doch viele Menschen warten - vergeblich - auf das große Schwelgen in irdischen Genüssen, dabei sind es bereits die kleinen Dinge oder Stunden im alltäglichen Leben, denen wir uns müßig widmen könnten, wenn wir uns die Zeit dafür nähmen. So können wir auch ein schönes Buch genießen, wunderbare Musik oder uns in die Bilder eines Kunstbandes versenken - wir horchen, lauschen und schauen im Gegensatz zum Sehen und Hören.
Muße und Faulheit sind sich zwar nicht unähnlich, aber in ihrer Haltung und Qualität doch ganz verschieden. Faulheit ist oftmals mit Langeweile und Zerstreuung verbunden und heißt für mich unter anderem, dass wir eigentlich tätig sein müssten und uns aber dieser Pflicht ent- ziehen. Für Thomas von Aquin ist die der Faulheit verwandte Trägheit eine schwere Sünde. Bei der "Acadia" handelt es sich jedoch um eine Art Melancholie, die durch ihre Schwere und Traurigkeit den Menschen hindert, sich selbst und seine Möglichkeiten zu entfalten.
Wenn der Volksmund sagt "Müßiggang ist aller Laster Anfang", so möchte ich mit einem Ausspruch von Sören Kirkegaard antworten: " An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern ist, im Gegenteil, ein geradezu göttliches Leben..." *4
In unserer heutigen an Erfolg und Erwerb orientierten Gesellschaft hat ein Müßiggänger mit seiner heiteren Verachtung des Leistungsprinzips sicherlich einen Anflug von Subversivität und ist damit ein Dorn im Auge all der Menschen, deren Leben ohne Arbeit und Nützlich-keitsprinzip nicht denkbar ist.
Der Künstler kommt dem Bild des Müßiggängers sehr nahe, oftmals bewundern wir diesen als Lebens-Künstler, der immer Zeit zu haben scheint, der sich keinen Zwängen unterwirft, dem Ringen um gesellschaftliche Anerkennung oftmals fremd ist und der bewusst nichts Nützliches tut. Diese Haltung kommt dem far niente und laisser faire sehr nahe - ist aber nicht zu verwechseln mit „Nullbock“ - und mutet uns beneidenswert jugendlich-leichtlebig, unbe- kümmert und auch etwas bohèmehaft an.
"Manches Künstlerleben besteht zu einem Drittel, zur Hälfte aus solchen Zeiten. Nur ganzseltene Ausnahmemenschen vermögen in stetigem Flusse fast ohne Unterbrechung zu schaffen. So entstehen die scheinbar leeren Mußepausen, deren äußerer Anblick von jeher Verachtung oder Mitleid der Banausen geweckt hat. Es ist etwas in ihm tätig, was er am liebsten heute noch in ein sichtbares, schönes Werk verwandelte, aber es will noch nicht, es ist noch nicht reif, es trägt seine einzig mögliche schönste Lösung noch als Rätsel in sich. Also bleibt nichts übrig als warten." *5
Wir können es schöpferische Pausen - oder Krisen! - nennen, eine produktive Passivität, dieder kreative Müßiggänger durch seine innere Haltung unterstützen muss. Sein Ich-Wille, sein Bewusstsein unterliegen hier anderen Gesetzen, und Geschehenlassen ist wohl auch hier die Grundvoraussetzung für einen schöpferischen Prozess, der Außenstehenden natürlich wie Faulheit anmutet. Und diese "Banausen" - mit sicherlich zum Teil erheblichen Schatten- projektionen - ärgert der Nicht-Anspruch des Müßiggängers und dass dieser weder die Welt verändern, noch verbessern, noch durch materielles Leistungsdenken zum ökonomischen Wachstum beitragen will.
Die Müßiggänger des Orients sind "Millionäre an Zeit" (Hesse), und der Zauber ihrer nicht enden wollenden Geschichten, wie zum Beispiel „Tausendundeine Nacht“, rührt nicht zuletzt aus dieser Atmosphäre von zeitloser Muße, die uns ergreift, wenn wir diesen Fabeln in heiterer Nachdenklichkeit lauschen. Die Lasten der Vergangenheit, die Sorgen der Zukunft weichen und lange versunkene Bilder lassen träumend Realität und Zeit vergessen.
Wenn wir kontemplativ in die Tiefen der wahren Muße eintauchen, sind wir nicht weit ent-fernt von der Haltung des Zen-Buddhismus und des philosophischen Taoismus. Die Lehre vom Tao ist die Basis für die Religionen sowie philosophischen und ethischen Richtungen der Systeme des alten China.
„Vom Tao kann man durch keinen Gedanken und kein Nachsinnen etwas wissen. Man nähert sich ihm, indem man im Nichts ruht, indem man nichts nachgeht und nichts verfolgt. Das Tao wird also durch das Verweilen in der Stille verwirklicht, die der wesentliche Zugang zum Taoist.“ *6
Tao kann nur durch eine innere Erfahrung verstanden werden, es ist kein intellektueller, sondern ein eher intuitiver Prozess. In seinem Buch „Das Tao der Stille“ beschreibt Raymond Smullyan *7 über amüsante 295 Seiten, dass und wieso man das Tao nicht erklären kann. Die eigentliche Beschaffenheit des Tao finden wir in der stillen Ruhe und im Nicht-Tun, in der tiefen Kontemplation und einem heiteren Geschehenlassen.
Ein Taoist, der nach dem Ideal des Wu-Wei (chin. Nicht-Tun, absichtsloses Handeln) strebt, hütet sich, in den natürlichen Lauf der Dinge einzugreifen, er passt sich frei von allen Absichten und Motiven der jeweiligen Situation an.
„Gegen Mittag, wenn die Wolken duftig sind,
Und der Wind weht sanft,
Dann schlendre ich am Fluß entlang,
Vorbei an Weiden und blühenden Bäumen.
Die Menschen dieser Tage können meine Freude nicht verstehen.
Sie werden sagen, daß ich den Tag verbummle wie ein junger Taugenichts.“ *8
Dieses schöne Gedicht von Ch’eng Hao aus dem elften Jahrhundert könnte von einem heutigen Müßiggänger (= Taugenichts) verfasst worden sein. Für leistungsorientierte, ihrem Inneren und der Muße eher fern stehende Menschen ist diese intensive Freude, die der Dichter allein durch sein Gewahrwerden und Verschmelzen mit der Schönheit der Natur empfindet, kaum nachvollziehbar.
Eine kleine Zen-Geschichte erzählt, dass drei Männer am Fuße eines Hügels einen einzelnen Mann erblicken, der auf dem Gipfel steht. Sie diskutierten nun darüber, zu welchem Zweck er dort hingegangen sei. Sie vermuten, dass er nach einem Freund oder einem Hund suche oder aber da stehe, um die frische Luft zu genießen. Als die Drei nun zum Gipfel kommen, fragen sie ihn, ob er seinen Hund oder seinen Freund verloren habe und diese nun suche oder ob ihm die frische Luft so sehr gefalle. Nein, nichts von alldem, antwortet er den erstaunten Männern. Warum sind Sie dann hier? Ich stehe hier einfach nur.
Für uns westliche Menschen sind Handlungen welcher Art auch immer ohne Begründungen und kausale oder finale Motive kaum denkbar, genau so wie wir zum Analysieren und Bewer- ten der Dinge neigen, anstatt sie absichtslos in der Stille müßig zu genießen – einfach so.....
Die „Zehn Ochsenbilder“ sind eine Folge von Illustrationen, die in Japan und inzwischen wohl auch teilweise in der westlichen Welt große Verbreitung gefunden haben. Sie schildern die Entwicklungsstadien der Zen-Erleuchtung und sind ein reicher Quell der Anregung und Belehrung nicht nur für Zen-Schüler, sondern für jeden suchenden Menschen. Ich möchte hier den Kommentar zum neunten Bild zitieren, das mir zu unserem Thema besonders zu passen scheint:
Zum Ursprung zurückgekehrt
Von Urbeginn an gibt es keinerlei Staub (der die ursprüngliche Reinheit befleckte). Der Hirte beobachtet das Werden und Vergehen des Lebens in der Welt und weilt in gelassener Ruhe. All das (Werden und Vergehen) ist kein Wahn. Warum sollte es notwendig sein, um irgend was zu ringen. Grün sind die Gewässer, blau die Berge. In sich ruhend betrachtet er den Wandel der Dinge.....die Ströme fließen, wie sie fließen und rote Blumen blühen von selbst rot. *9
Bei meinen Überlegungen, welche Menschen a priori eine mehr oder weniger ausgeprägte Neigung zur Muße oder zum Müßiggang und somit auch zum Wesen des Taoismus haben könnten, kam mir der Gedanke, dass in der Typenlehre von C.G. Jung schon bedeutsame Grundvoraussetzungen zu finden sein müssten. Jung unterscheidet in seinem Modell vier Typen, die jeweils eine extra- oder introvertierte Haltung haben können: Denken, Fühlen, Intuieren, Empfinden.
Auch wenn psychologische Typen selten in reiner Form auftreten, sondern mit jeweils einer oder auch zwei Hilfsfunktionen verbunden sind, war mir klar, dass ein Mensch, dessen Hauptfunktion das extravertierte Denken ist, kaum so zur Muße fähig sein wird, wie zum Beispiel einer, der das introvertierte Intuieren als Hauptfunktion hat. Die beiden folgenden Zitatausschnitte geben hier einen kurzen Einblick:
„Dieser (der extravertierte Denktypus)wird also,...., seine gesamte Lebensäußerung in die Abhängigkeit von intellektuellen Schlüssen (zu) bringen.... Dieser Typus verleiht nicht nur sich selber, sondern auch seiner Umgebung gegenüber der objektiven Tatsächlichkeit, resp. Ihrer objektiv orientierten intellektuellen Formel die ausschlaggebende Macht.“
„Die Eigenart der introvertierten Intuition schafft auch,..., einen eigenartigen Typus, nämlich den mystischen Träumer und Seher einerseits, den Phantasten und Künstler andererseits. Die Vertiefung der Intuition bewirkt natürlich eine oft außerordentliche Entfernung des Individuums von der handgreiflichen Wirklichkeit,....“ *10
Als ich mich astrologisch mit diesem Thema näher befasste, ging ich erst einmal davon aus, dass Menschen mit einem dominanten Uranus, Saturn und Mars sicher ihre Probleme mit Muße und Müßiggang haben müssten, wenn sie diese nicht sogar von Vornherein ablehnen würden. Dabei vergaß ich ganz, dass diese Planeten ja auch in meinem Horoskop dominant stehen....
Nun, ich halte mich nicht für einen Müßiggänger, weil Umfeld und Beruf diese Lebenskunst nicht zulassen, aber dennoch habe ich ein tiefes Verständnis für die innere Haltung und Gestimmtheit dieser Menschen, nicht zuletzt weil mein Mann Künstler ist und wir beide introvertierte Intuitionstypen sind.
Trotz der oben genannten Dominanz in meinem Horoskop, in dem besonders Mars mit fünf Quadrataspekten mich ungern im Nichtstun müßig verweilen lässt, brauche ich – vielleicht gerade deshalb – meine Mußestunden zur inneren Sammlung und Distanzierung von den Störungen der Innen- und Außenwelt.
So wie ich werden sicherlich viele Menschen, die Neptun im zwölften Haus haben, sporadisch ein grundlegendes Bedürfnis verspüren, sich zurückzuziehen, um Kraft aus der Tiefe und der Stille zu schöpfen, sich verbunden fühlend mit einer höheren Macht, und sei es die Natur, um die starren Ich-Grenzen einem Größeren zu öffnen. Mein Mond in Konjunktion zu Neptun verstärkt diesen Wunsch noch, abgesehen von Sonne, Merkur, Chiron und Jupiter, die ebenfalls mein zwölftes Haus bevölkern. Ich würde also gegen einen sehr wichtigen Teil meines Wesens bzw. meiner wahren Natur handeln und sicherlich krank werden, wenn ich nur meine dominanten Planetenkräfte lebte.
Viele, wenn nicht die meisten, Menschen sind nun der Meinung, dass sie für Muße und Müßiggang keine Zeit haben bzw. ihr Wesen zu dieser Haltung des Nicht-Tuns und des Los-lassens, der stillen Reflexion keinen Zugang finden kann. Anstatt sich nun zur Entspannung vor den Fernseher zu setzen, Karten zu spielen oder einen Kriminalroman zu lesen – denn dafür haben sie dann doch Zeit –, möchte ich gerne anregen, sich einmal auf die Suche nach ihrer Teilpersönlichkeit zu begeben, die sich nach Ruhe und Muße sehnt und auch dazu fähig ist, diese Qualitäten zumindest zeitweilig zu leben.
Unser Horoskop zeigt uns mit Sicherheit die Möglichkeiten auf, wo wir uns in heiterer Gelas-senheit ganz dem Augenblick und seinen Schönheiten widmen und sie still genießen können. Nun kann ich hier natürlich nicht eine astrologische Anleitung zur Mußebestimmung im Horoskop geben, aber vielleicht hilft die nachstehende Auswahl an Anregungen und Beispie- len, sich diesem „schönsten Besitz von allem“ anzunähern.
Wenn wir uns von den alltäglichen Kämpfen erholen müssen, ist der Bereich des Mondes der Ort, an den wir uns zurückziehen und wo wir Geborgenheit und ein Gefühl der Zugehörigkeit finden können. Ein Mensch mit einem Stier-Mond im zweiten Haus mag sich zum Beispiel in aller Behaglichkeit, Ruhe und Muße in den Garten seines Hauses setzen und die schönen Blumen und Pflanzen bei einem guten Glas Wein heiter genießen. So gelingt es ihm, müßig Zugang zu den tieferen Quellen in sich zu finden, sich ganz entspannt im Hier und Jetzt ohne Motiv und Absicht dem Augenblick hinzugeben, und vielleicht wird er sich zwischendurch auch die Frage stellen, warum er eigentlich immer so durchs Leben hetzen muss.
Wenn es sich allerdings um einen Zwillinge-Mond im zehnten Haus mit Quadrat zu Uranus handelt, werden wir ihn kaum als beruhigend erfahren, während ein Krebs-Mond im Trigon zum Fische-Jupiter alle Möglichkeiten der Rückbesinnung für uns bereithalten könnte.
So kann es der Bereich des Mondes sein, aber er ist es nicht a priori, der uns die Qualität des Müßigseins erfahren lässt. Wenn wir uns auf unsere lunaren Kräfte einlassen, so werden sie uns sicherlich auf die Seite unseres Wesens zurückführen, die uns gut tut, mit der wir uns einfach wohl fühlen, aber, um auf das obige Zwillinge-Mond-Beispiel zurückzukommen, könnten das in dem Fall eher interessante und aufregende Gespräche über berufliche Angelegenheiten sein, die mit Muße jedoch wenig zu tun haben.
Neptun ist der Planet, der in Horoskopen von Müßigen und Müßiggängern, also insbesondere auch Künstlern, eine ausschlaggebende Rolle spielt. Wer sich den neptunischen Kräften überlassen kann, hat alle Chancen, seine Sehnsucht nach den „ewigen Wirklichkeiten“ (Plato) sowie den tiefen Wunsch nach Erlösung und Verschmelzung mit dem Urzustand der Einheit zu erfüllen. Einem Neptuniker gelingt es besser als jedem anderem, sich in die jeweilige Atmosphäre des Ortes oder einer schönen Stimmung zu versenken und müßig zu verweilen; seine intuitive Wahrnehmungsfähigkeit und Empfänglichkeit für die leisesten Schwingungen, Töne und Farben sind sehr ausgeprägt und hoch sensibel.
Natürlich lässt uns Neptun im zwölften Haus die subtilen Schönheiten der Natur und des Kosmos besonders intensiv erfahren, vor allem weil der Mensch sich nicht sträubt oder es gar nicht verhindern kann, dass seine Ich-Begrenzung sich aufzulösen scheint. Doch diese Er-fahrung ist im Allgemeinen nichts für schwache Gemüter, denn sie kann auch Ängste aus-lösen.
Muße ist nur lebbar, wenn der Mensch frei von Sorgen und Ängsten ist, und manchmal sorgt Neptun einladend dafür, dass wir uns der harten Realität träumerisch entziehen und uns zumindest zeitweilig ganz dem „göttlichen Zustand der Muße“ hingeben können. Ich möchte das in diesem Falle nicht Flucht nennen, sondern eine Möglichkeit, von den Tiefen und Schönheiten in uns und um uns herum berührt zu werden.
Es versteht sich, dass die neptunischen Muße-Qualitäten in jedem Haus variieren, wie zum Beispiel das neunte Haus sehr inspirierend sein und mit intuitiven Visionen einhergehen mag, während sich Neptun im sechsten Haus schwerlich in seinem ursprünglichen Sinne entfalten, da sich diese Kräftebeziehung sehr konfliktreich und eher zwanghaft auswirken kann.
Jeder weiche Aspekt von Neptun zu fast allen Planten, insbesondere aber Sonne, Mond, Merkur und Jupiter – und hier auch die Konjunktion -, macht uns empfänglicher für sinnvolle Lebensmomente und –erfahrungen, die nicht mit materiellem Wachstum zu tun haben. In diesen Planetenverbindungen ruht, oftmals wenig bewusst, die Sehnsucht nach transzen- dentaler Erfahrung, der wir durch schöpferisches Wirken, Musik, Meditation (im Geiste des Zen vielleicht) etc. – durch Muße eben - näher kommen können.
Besonders die Verbindung von Neptun und Jupiter kann durch ihre träumerischen und visionären Inhalte und die Suche nach Freude und Sinn einem Menschen die Welt des Müßigen heiter erschließen. Neptun ist alles andere als zweckgerichtet, sondern eher schweifend, absichtslos, und Jupiter unterstützt vertrauensvoll das Annehmen, Geschehen- und Loslassen, es sei denn, wir haben harte Jupiter-Winkel, dann wird er nicht so gerne loslassen, sondern eher (fast) alles haben wollen.
Wenn wir mit unserem Jupiter nicht allzu hoch hinaus wollen, sondern uns dem öffnen, was er geneigt ist, uns zu schenken, dann werden wir mit Jupiter-Sextilen/-Trigonen und Konjunktionen viele glück- und sinnhafte Erfahrungen machen können, die uns mit Freude am Nichts-Tun, Genießen und an unserem Dasein erfüllen.
Wie oben schon angedeutet, ging ich davon aus, dass Menschen mit Mars-/Saturn-/Uranus- und vielleicht auch Pluto-Dominanzen wohl eher Schwierigkeiten mit Muße und Müßiggang haben werden. Als ich mich nun näher auf diese Menschen mit den entsprechenden Horos- kopen einließ, und rückblickend versuchte, deren Wesen unter dem Muße-Aspekt zu erfas- sen, musste ich doch selbst sehr staunen und nahm meine Vorurteile alsbald zurück.
Nachstehend möchte ich an zwei Beispielen und den entsprechenden Aspektkombinationen zeigen und erklären, wie sich auch stark leistungsorienterte Menschen zu einemetwas müßigeren Leben hin entwickeln können:
Beispiel 1
R. ist ein leistungs- und arbeitsorientierter Mensch, dessen Leben unter diesen Prämissen ge-staltet wurde oder werden musste, in dem so gut wie keine Freizeit, geschweige denn Muße, gefunden werden konnte bzw. die inneren und äußeren Zwänge ihm diese nicht gestatteten: Steinbock-MC in Konjunktion zur Steinbock-Sonne, Merkur, Saturn im zehnten Haus mit einer Pluto-Opposition aus vier. Durch eine schwere berufliche Krise änderten sich Umfeld und Einstellung, und plötzlich besann R. sich auf seine auch noch vorhandenen Wesenzüge, die durch ein großes Trigon von Schütze-Venus/ Mond –Konjunktion zum Jungfrau-Neptun im fünften Haus und zum Stier-AC symbolisiert sind.
R. arbeitete nach wie vor hart, aber er nahm sich endlich Zeit und Muße für die schönen Dinge, von denen er nicht geglaubt hatte, sie jemals verwirklichen zu können. Mit Hilfe seiner Venus/Mond-Neptun-Aspekte begann er, Aquarelle zu malen, sein Stier-AC ließ ihn an Wochenenden und auch manchen Abenden über Stunden im Garten die Schönheiten der Natur genießen und bei Spaziergängen meinte man, nun mit einem anderen Menschen zu wandern: Er lauschte den Vogelstimmen, blieb bei besonders schönen Pflanzen stehen, um sie zu bewundern etc. – und das alles mit viel Zeit.
Beispiel 2
Hier haben wir das Horoskop eines Mannes, der ganz seine Jungfrau-Qualitäten lebte und seine ganze Mars-Kraft ins Berufliche einbringen musste: Sonne, AC, Neptun und Merkur in Jungfrau und ein dominanter Schütze-Mars in drei Opposition Zwillinge-MC, Quadrat Sonne und Opposition Mond, Trigon Saturn in sieben. Eines Tages erzählte mir B., dass er fast zum Workaholic geworden wäre, wenn er das Ruder nicht herumgerissen hätte. Bis nach Mitternacht arbeitete er wie besessen zu Hause, und morgens um sechs ging der Stress in seiner Firma weiter. Er konnte das Karrieredenken gerade noch abschütteln und entschied sich für eine Beratertätigkeit, die ihm mehr Zeit und Freiraum ließ.
Ab da geht es ihm so gut wie lange zuvor nicht mehr, und auch die diversen Krankheits- symptome verschwanden. Er hatte während seiner vorherigen Tätigkeit auf Musik, Literatur, Modellieren fast ganz verzichten müssen, und nun besann er sich wieder auf das, was ihm am Herzen lag. Er verbringt jetzt lange Abende mit schönen Büchern, und vor allem ist es die klassische Musik, die er ganz intensiv erlebt. Inzwischen hat er die Köpfe seiner Enkel modelliert, malt wieder in Öl und genießt diese Mußestunden voller Hingabe, ob nun in tätigem Nichts-Tun oder als aktive Muße.
Die Konjunktion von Venus/Pluto im Krebs mit Sextil zu Merkur, das Trigon von Jupiter in vier zu Neptun in zwölf, seine Zwölfhaus-Sonne und der Mond im neunten Haus freuen sich, dass sie kein Schatten-Dasein mehr führen müssen. Hier bringen Venus, Pluto und Merkur die Intensität der Empfindungen und die Freude am ästhetischen Genuss zum Ausdruck, während Sonne und Neptun in zwölf (mit Trigon zu Jupiter) ihn auch für spirituelle Dimensionen öffneten.
Natürlich können wir unsere sozialen Gegebenheiten nicht auf den Kopf stellen, nur weil wir beschließen, uns einem Müßiggänger-Dasein anzunähern oder uns nun ganz der Muße hinzugeben. Ist es aber nicht oftmals so, dass wir uns zu hohe Ziele setzen, deren Erreich- barkeit von Vornherein schon fast unmöglich ist, und wir somit dann ein gutes Alibi haben, unsere Vorhaben nicht zu verwirklichen? Hier geht es nicht a priori um die großen Schritte oder gar eine Kehrtwendung, sondern dass wir den kleinen, müßigen Dinge des Lebens mehr Raum geben. Was bleibt am Ende eines an Leistung und Arbeit orientierten Lebens? Ist der innere Besitz nicht viel unvergänglicher und daher allemal kostbarer als die meisten irdischen Güter?
Wenn wir uns der Muße öffnen und uns heiter von den viel zähligen Schönheiten des inneren und äußeren Kosmos im Sinne des Tao tief berühren lassen können - und ich bin der Überzeu-gung, fast jeder Mensch kann das -, dann ist das wie ein Geschenk der Götter, das wir nicht zurückweisen sollten.
Nun möchte ich mit einem ganz einfachen, vielleicht gerade deshalb so wunderschönen Gedicht von Wang Wei (699-759) schließen. Verweilen wir noch einen kleinen Augenblick in der Stille des Tao:
„Ich widme mich in letzter Zeit nur noch der Stille,
Der Welt Geschäfte kümmern meinen Sinn nicht mehr.
....... .......
Die Menschen ruhn, Zimtblüten taumeln nieder
Die Nacht ist still, einsam die Frühlingsberge.
Der Mond bricht durch, schreckt Vögel im Gebirge auf.
Von Zeit zu Zeit ein Vogelschrei im Frühlingstal. „ *11
Literaturverzeichnis
1) RILKE, Rainer Maria
2) NIETZSCHE, Friedrich
Die fröhliche Wissenschaft
Sämtliche Werke
Alfred Kröner Verlag Stuttgart 1986
3) RILKE, Rainer Maria
4) KIRKEGAARD, Sören
5) HESSE, Hermann
Die Kunst des Müßiggangs
Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 1973
6) FISCHER-SCHREIBER, Ingrid.
Das Lexikon des Taoismus
(Hrsg./Verf.) Goldmann Verlag München 1996
7) SMULLYAN, Raymond
Das Tao der Stille
S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt/M. 1994
8) CHANG CHUNG-yuan
Tao, Zen und schöpferische Kraft
Eugen Diederichs Verlag, München 1975
9) Kapleau, Philip (Hrsg.)
Die drei Pfeiler des Zen
Rascher Verlag Zürich u. Stuttgart 1069
10) JUNG, Carl Gustav
Grundwerk, Band 1
Walter-Verlag AG, Olten 1984
11) CHANG CHUNG-yuan
a.a.O.
(Erstveröffentlichung in ASTROLOGIE HEUTE - www.astrologieheute.ch)
Diese Seite wurde bisher 879 mal aufgerufen.






