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Grenzen erfahren - Grenzerfahrungen
Barbara Egert
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Samstag, 21. April 2007, 11:03
Grenzen erfahren – Grenzerfahrungen
Je ausführlicher ich mich mit diesem Thema befasste, desto erstaunter war ich, wie oft wir in unserem (Er-) Leben mit Grenzen konfrontiert werden. Wir sind alle in den rhythmischen Kreislauf von Grenzensetzung und Grenzenlosigkeit, Stagnation und Wandlung, Öffnung und Abgrenzung eingebunden und können uns ihm schwerlich entziehen. Der alltägliche Umgang mit inneren und äußeren Grenzen ist keine leichte Aufgabe, aber besonders die Erfahrung mit schicksalhaften seelischen und körperlichen Grenzsituationen kann uns zutiefst erschüttern.
Im Laufe unserer Entwicklung haben wir es besonders mit zwei sich konstellierenden Grenzen zu tun: einer äußeren, die unser Ich von der Umwelt abgrenzt, und einer inneren, die eine Trennungslinie von unserem Ich-Bewusstsein zu unserem Unbewussten herausbildet. In unserer Alltagssprache sagen wir, dass jemand sich abgrenzt, sich zurückzieht, sich einen Panzer zugelegt hat, aber auch, dass er zugänglicher und offener geworden sei und ihm etwas unter die Haut geht. Die Haut also stellt eine Grenze dar zwischen innen und außen, sie trennt unser Inneres von der Umwelt und ihren Gefahren. Aber sogar noch in uns trennen wir das, was wir als zu uns gehörig betrachten von den Persönlichkeitsanteilen, die uns nicht bewusst sind oder die wir verleugnen, wie zum Beispiel unseren Schatten.
Unsere alltäglichen Grenzen erfahren wir zum Beispiel, wenn wir in älteren Jahren nicht mehr die Kraft zu einer körperlichen Anstrengung haben, wenn wir unter endlosen Kopfschmerzen leiden und uns sagen müssen: „Das schaffe ich nicht mehr, das halte ich nicht mehr aus.“ Psychische Grenzerfahrungen im Alltag erleben wir verstärkt durch Beziehungen, wenn unsere Grenzen überschritten oder missachtet werden. Unser Partner kommt und geht, wann er will, er kränkt und vernachlässigt uns, er schweigt, wenn er reden müsste, er liest unsere Post, obwohl dies anders abgesprochen war und vieles andere mehr. Wir sagen ihm: „Du gehst zu weit!“ und meinen damit natürlich, dass er unsere Grenze überschritten hat.
Bei jeder Grenzsetzung entstehen Konflikte, und für Astrologen ist klar, dass wir diese Saturn, dem Symbol für Grenzen, zuordnen müssen, wobei die saturnischen Grenzerfahrungen (in Verbindung mit persönlichen Planeten) sich hauptsächlich in alltäglichen Situationen und zwischenmenschlichen Schwierigkeiten zeigen. Für schicksalhafte Grenzthemen sind eher die Transsaturnier zuständig, das heißt Uranus, Neptun und Pluto führen uns an unsere existenziellen seelischen und körperlichen Grenzen, die wir als vernichtend empfinden, die allerdings auch Öffnung für etwas Neues und Wandlung bedeuten können.
Grenzen und Begrenzungen schützen uns aber auch, sie geben uns ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit, manche fühlen sich innerhalb ihrer selbst gesteckten Grenzen (räumlich, geistig, emotional) sehr wohl. Die Gefahr besteht hier darin, dass man sich keinen Schritt über seine Grenze hinauswagt, die Entwicklung stagniert und alles starr und unlebendig wird. Natürlich spielt hierbei auch Angst eine große Rolle, denn wenn wir von starken Emotionen ergriffen werden, sind immer unsere Grenzen mit betroffen. Wir fühlen uns in einer Situation gefangen (eingegrenzt) und wissen keinen Ausweg, sehen keine Möglichkeit zur Grenzüberschreitung oder -öffnung. Aber auch dies ist eine Chance, uns mit uns selbst und unseren Grenzen auseinanderzusetzen und sie neu zu definieren.
Wir haben alle schon erfahren, wie schwierig es ist, das Alte und Vertraute zurückzulassen, um uns dem ungewissen Neuen zu öffnen. Was verbirgt sich hinter dieser Trennungslinie, wenn wir sie überschreiten? Wir brauchen Hoffnung, Mut und im besten Falle Optimismus, um uns diesen neuen Erfahrungen zu stellen, auch wenn sie uns vorerst unüberwindbar erscheinen. Dieses Dilemma spiegelt sich oft in Uranus-Transiten auf unseren stark platzierten Saturn wieder, aber vielleicht kommt Neptun zu Hilfe? Haben wir nämlich mit unserem Unbewussten einen guten Kontakt, so könnten uns Träume helfen, deren symbolischer Inhalt ein Wegweiser für die Zukunft sein kann. Träume von Einbrechern geben uns oft einen Hinweis, dass unbekannte, uns bedrohende (noch unbewusste) Inhalte uns überfallen und unsere Grenzen, die wir schützend um uns aufgebaut haben, niederreißen könnten.
Mit Hilfe unserer Abwehrmechanismen schützen wir uns vor diversen inneren und äußeren Gefahren, die unsere Ich-Grenzen überschreiten und uns verletzen könnten. Diese Haltung ist meines Erachtens notwendig und legitim, auch wenn Abwehrmechanismen im Allgemeinen keinen so guten Ruf in der Psychotherapie haben (was aber an der Sicht des Therapeuten liegen mag). Wir verteidigen, was uns wertvoll erscheint oder auch ist und wehren Menschen und Ereignisse ab, die wir unerträglich und höchst bedrohlich für unser inneres und äußeres Wohlergehen finden. Wenn zum Beispiel eine Fische-Frau ihre sensitiven Gefühle vor Angriffen schützen muss, kann sie ihren (hoffentlich) stark gestellten Saturn aktivieren, der die Kränkung nicht an sie heranlässt und den anderen in seine Grenzen verweist.
Wir sind aber nun auch psychischen und körperlichen Grenzerfahrungen ausgesetzt, die unsere Kräfte übersteigen und unser Dasein existenziell bedrohen. Es gibt Menschen, denen solche Krisen erspart bleiben, durch zwei Erfahrungen müssen wir jedoch alle durch: Geburt und Tod, wobei diese gleichzeitig auch als Übergang gesehen werden können. Unsere Schmerzgrenzen sind erreicht, wenn wir mit Verlusten von geliebten Menschen, mit bedrohlichen Krankheiten und psychischen Zusammenbrüchen, die oft mit diesen Krisen einhergehen, konfrontiert werden. Wenn wir den Tod als das endgültige Ende unseres Daseins, das Auslöschen unserer Seele betrachten, dann wird dieser vernichtende Gedanke auch unser Leben beeinflussen und könnte unsere Angst vor dieser letzten endgültigen Grenze mit jedem Lebensjahr steigern.
Der Tod ist allerdings auch dann, wenn wir an ein Weiterleben im Jenseits glauben, eine Grenze, an der wir Abschied nehmen müssen. In dem Buch „Leben nach dem Tode“ schildert Raymond Moody die Erfahrungen von klinisch Toten, die sich einer Grenze oder Barriere nähern, diese aber nicht überschreiten dürfen, da sie noch mal ins Leben zurück müssen. Diese Nahtod-Berichte waren bei allen Sterbenden ähnlich, da nun aber keiner über diese Trennlinie gehen durfte, bleibt der Tod weiterhin ein Geheimnis.
Auch in Träumen werden wir manchmal mit unserem Tod konfrontiert, aber hier geht es mehr um ein symbolisches Stirb und Werde. Wandlung ist angesagt, und wir werden zu unserem Erschrecken recht eindeutig darauf hingewiesen, dass etwas in uns sterben muss, damit etwas Neues geboren werden kann. Es scheint ratsam, dieser Aufforderung Folge zu leisten, denn die Intelligenz unseres Unbewussten weiß sehr wohl, welche Entwicklungsschritte wir verfehlt haben und in welchen starren, unlebendigen Grenzen wir uns bewegen. Natürlich fällt uns hierzu sofort Pluto ein, und es ist auch tatsächlich so, dass wir unter markanten Pluto-Transiten zu einer neuen Identität gedrängt werden, was selten ohne Krisen und Schmerzen vollzogen wird.
Nun gehören zum Thema Grenzen auch Öffnungen, Bewusstseinserweiterungen und Transzendenz. In der Meditation können wir die Erfahrung einer Raum-, Körper- und Zeitlosigkeit machen, die uns in eine andere Dimension zu heben scheint. Grenzenlosigkeit mag als ein ozeanisches Gefühl der Verbundenheit erlebt werden, aber auch als Bedrohung, wenn wir kein gefestigtes Ich oder Selbst-Bewusstsein haben. Neptunianer haben schon im normalen Erleben mit Auflösungserscheinungen zu kämpfen und sollten vorsichtig sein, bevor sie sich auf solche Erfahrungen einlassen. Wir verlieren uns, wenn wir uns zuvor nicht gefunden haben, wir flüchten aus der harten Wirklichkeit und eine Überschwemmung von archetypischen Inhalten, denen wir nicht gewachsen sind, kann unsere Psyche bedrohen. Unsere Ich-Grenzen sollten so sicher sein, dass wir sie der Grenzenlosigkeit öffnen können, ohne Angst uns zu verlieren.
Der Welt des Geistes, der Phantasie, der (Tag-) Träume sind hingegen keine Grenzen gesetzt, hier haben wir die Freiheit, uns auf Reisen zu begeben, die uns in ferne Welten und imaginäre Bereiche führen und bereichert zurückzukommen lassen. Besonders kreative Menschen sind auf diese Grenzüberschreitungen angewiesen, finden sie doch in der banalen Wirklichkeit selten die Inspiration für ihre Werke. Auch Visionen oder stärker noch Trancezustände gehören in diesen Bereich, aber diese Erfahrungen sind nur wenigen Menschen vorbehalten, wie zum Beispiel den Schamanen, die sich auf für uns unvorstellbare Reisen über alle Grenzen hinaus begeben.
Wenn wir nun an einer Grenze angekommen sind, sei es durch eine körperliche und psychische Erfahrung oder eine existenzielle Krise, dann werden wir je nach Temperament resignieren, zurückschrecken, abwarten oder mutig kämpfen, sofern wir noch die Kraft dazu haben. In Gedanken jedoch können wir über diese Grenze hinausgehen und uns vorstellen, was jenseits dieser Grenze auf uns warten könnte. Ängstliche Vermutungen werden unser Befinden in der Gegenwart und unsere Haltung zu dieser Grenzsetzung negativ beeinflussen, wenn wir es jedoch schaffen, nicht gegen sie zu kämpfen und das Vergangene loszulassen, könnte eine Offenheit für Wandlung entstehen, die uns schließlich das erleben lässt, was für uns vorgesehen ist und dem wir uns früher oder später sowieso hätten stellen müssen.
Die astrologischen Entsprechungen für Grenzerfahrungen aller Art sind in einem Horoskop nicht schwer zu finden, und sollte unser Radix die relevanten Merkmale nicht verstärkt aufweisen, dann werden uns Transite, Progressionen und Direktionen von Saturn, Uranus, Neptun und Pluto mit Sicherheit an gewisse Grenzen heranführen oder auch über sie hinaus.
Wir alle haben sicherlich Erfahrungen mit unserem Saturn oder seinen Transiten gesammelt und kennen auch Menschen, die sehr stark von Saturn und/oder dem Zeichen Steinbock geprägt sind. Eines der hervorstechenden Merkmale ist eine gewisse Zurückhaltung, eventuell sogar Sprödigkeit, die einem signalisiert: „Komm mir nicht zu nahe!“ Ich spreche jetzt hier wirklich von einem Saturniker, der keinen freundlichen Ausgleich durch die weichen/weiblichen Horoskopfaktoren erhält. Dadurch dass er sich selbst begrenzt, absichert und beschränkt setzt er uns direkt oder indirekt auch Grenzen oder baut unsichtbare Barrieren auf. Saturn will bewahren, auch das was längst überfällig ist, und indem er Neues nicht zulässt, hält er unser Ich-Bewusstsein unflexibel und starr, wodurch eine Erweiterung unserer Identität schwer möglich wird.
Übertragen wir dies nun auf Saturn-Transite, so finden wir ähnliche Merkmale, denn bei Saturn-Übergängen (auch Progressionen und Direktionen) werden wir manchmal sehr unfreundlich darauf hingewiesen: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Sei es eine persönliche Beziehung, in der man sich verhärtet und abgrenzt, sei es eine gesundheitliche Attacke, die uns einschränkt oder auch die Krankheit eines lieben Menschen, durch die er uns unsere Endlichkeit in Erinnerung ruft. Wir werden betrübt oder missmutig, weil sich unserer Absicht, unserem Ziel etwas in den Weg stellt. Wir sehen keinen Sinn in dieser Zurückweisung und manchmal macht es offensichtlich auch keinen Sinn, obwohl ich als Verfechterin der Sinnhaftigkeit meistens noch glaube, dass dieser sich uns erst später offenbart. Manchmal sagt Saturn uns ganz realistisch und etwas drastisch: „Es ist so, wie es ist und nicht, wie du es willst.“ Aber Saturn führt uns im Allgemeinen nicht an unsere existenziellen Grenzen, es sei denn, wir haben ein Horoskop mit viel Venus, Mond und Neptun und denken schon bei kleineren Grenzsetzungen unser Ende sei in Sicht. Im Falle eines starken Jupiters mit harten Winkeln zu persönlichen Planeten ist Saturn von unschätzbarem Wert, denn Maßlosigkeit und Übertreibung haben zum Beispiel mit der Abwesenheit von Grenzen zu tun und können uns in ungeahnte Schwierigkeiten bringen, vor denen Saturn uns zu schützen vermag.
Uranus, Neptun und Pluto sind nun Gegner oder sogar Feinde von Saturn, denn sie wollen die bestehenden Strukturen auflösen, damit wir uns erneuern und zu einem größeren Ganzen entfalten können. Im Verbund mit unseren saturnischen Kräften wehren wir uns meist vehement gegen diese Angriffe auf Wandlung unserer Identität, zumal hierzu ja auch die Bewusstmachung von verdrängten, unerwünschten Inhalten gehört. Diese drastischen Veränderungen, das Zusammenbrechen unserer als sicher gemeinten Lebensstrukturen empfinden wir als eine (metaphysische) Zumutung und subjektiv gesehen ist sie es auch. Wenn wir uns mitten in diesem Prozess befinden, geht es ja nicht mehr um unsere alltäglichen Grenzerfahrungen, sondern um existenzielle Krisen, die uns und unser Selbstbild massiv bedrohen.
Die uranischen Kräfte sind bestens dazu geeignet, Bewegung in einen Zustand, eine Sache und natürlich auch unsere Entwicklung zu bringen. Da mit keinem der Transsaturnier zu spaßen ist, wird uns auch die im Kern positive „Absicht“ von Uranus, unsere Beschränktheit, unsere Grenzen zu erweitern, so erschrecken, dass wir krampfhaft bemüht bleiben, jegliche Veränderung von uns fernzuhalten. Hier ist es wichtig, welche Rolle uranische Kräfte in unserem Horoskop spielen: Sollten wir mit dieser Energie vertraut sein und sie zum Teil integriert haben, werden wir Uranus-Transiten etwas gelassener begegnen können. Es mag ja sogar sein, dass wir Veränderungen und Aufregungen gar nicht so ungern mögen, manch einer fühlt sich unter Uranus-Einfluss besonders lebendig, aber ein harter Uranus-Transit auf unseren Saturn wird wohl stets problematische, wenn nicht sogar zerstörerische Auswirkungen mit sich bringen. Mit Uranus auf Neptun und Pluto kann man meines Erachtens noch besser umgehen, aber die Bedrohung unserer durch Saturn symbolisierten Lebensstruktur, unserer uns schützenden Grenzwälle, die uns bisher Geborgenheit und Sicherheit gegeben haben, löst in uns hilflose Ängste vor schicksalhaften Mächten aus.
Interessant bei Uranus/Neptun-Aspekten ist die latente Möglichkeit, aus unserem Un- oder Überbewussten blitzartige Erkenntnisse oder erleuchtungsähnliche Erlebnisse zu erfahren. Der fortschrittliche uranische Geist und die Sehnsucht nach Transzendenz eines intuitiven Neptuns können sich bei einer Winkelverbindung (besonders mit Sonne, Mond und Saturn) im Radix in wundersamen Ereignissen und „Zufällen“ manifestieren, die unseren inneren und äußeren Horizont beträchtlich erweitern, wenn nicht sogar übersteigen. Das gilt natürlich auch für Transite von Uranus auf Neptun, wobei die beteiligten Häuser von ausschlaggebender Bedeutung sind, denn ein Uranus im zweiten und Neptun sechsten Haus werden mit Sicherheit andere Erfahrungen bringen, als wenn die Häuser acht, neun und zwölf betroffen sind.
Besonders für spirituell orientierte Menschen kann Neptun eine Offenbarung bereithalten und die Sehnsucht nach Auflösung der Getrenntheit erfüllen – zumindest vorübergehend. Das Gefühl der Grenzenlosigkeit, der Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung sind Gipfelerfahrungen, die selten von längerer Dauer sind, die aber eine Sehnsucht in uns wach halten, alles Trennende zu überwinden. Ich kenne einige Menschen, die sich in ihrer Meditation gerade dann, wenn sie spüren, dass ihre Ich-Grenzen sich aufzulösen beginnen, ganz schnell wieder in die Realität „zurückrufen“, weil ihnen dieses Gefühl Angst macht. Neptunische Grenzüberschreitungen sind einerseits ein sehnsuchtsvolles Ziel, zum anderen aber auch zutiefst verwirrend. Besonders bei starkem Saturn-/Steinbock-Einfluss in unserem Horoskop kann Neptun unsere saturnischen Ego-Strukturen, die wir so gerne unter Kontrolle haben, bedrohen und unser Neptun wehrt sich gegen die Abgrenzungen Saturns und seine Strenge, die im krassen Gegensatz zu Neptuns manchmal altruistischen und symbiotischen Bestrebungen stehen.
Neptuntransite sind schwer zu (be-) greifen, bei jedem harten Aspekt zu einem unserer Planeten müssen wir mit diffusen, sonderbaren Stimmungen, Ahnungen und inneren/äußeren Wahrnehmungen rechnen. Infolge fehlender Abgrenzungsmöglichkeiten werden wir vielleicht hilflos und so durchlässig für alle möglichen Einflüsse in unserem Umfeld, dass wir am liebsten flüchten möchten. Dafür hält Neptun viele Möglichkeiten bereit: Alkohol, Drogen, Schlaf, Fernsehen und vieles andere mehr. Flucht und Süchte haben beide mit der Negierung von Grenzen zu tun: Wir setzen uns keine Grenzen und überschreiten imaginäre Trennlinien trotz der inneren Stimme, die ganz genau weiß, dass wir dabei sind, uns zu verlieren.
Pluto, der Gott der Unterwelt, herrscht über unseren unbewussten Bereich, das heißt den Teilen unserer Persönlichkeit, die wir bisher verdrängten, die uns zur Vervollkommnung fehlen und von denen wir tatsächlich noch keine Kenntnis haben, da sie uns schlichtweg unbekannt sind. Nun ist unser Ego fleißig damit beschäftigt, das von uns geschaffene (Pseudo-) Selbstbild zu erhalten und Pluto steht diesem Selbsterhaltungsbild des Ego zerstörerisch gegenüber. Mit Abstand gesehen ist das eigentlich eine gute und keine Pluto so oft unterstellte bösartige Absicht, denn wie sonst sollten wir uns wandeln und zu einem größeren Ganzen hin entfalten? Denn freiwillig geben wir unsere Fixierungen, Sicherheiten und lieb gewordenen Ich-Grenzen, in denen wir uns so gemütlich eingerichtet haben, ja nicht auf.
Pluto bringt uns die schmerzhaftesten Grenzerfahrungen, mit denen Plutonier (auch stark Skorpion-Aspektierte) von Kindheit an zu kämpfen haben; vielleicht jedoch können diese mit einem harten Pluto-Transit besser umgehen, da ihnen diese Energien vertrauter sind. Der Tod des Egos, eines geliebten Menschen, eines Glaubensinhalts, das Gefühl von Gottesferne, das für viele zu den schlimmsten Erfahrungen gehört – Pluto nimmt uns alles, führt uns an die Grenze des für uns Erträglichen, und im Nachhinein wundern wir uns nicht selten, wie wir das alles überleben konnten.
Noch kurz zu den Häusern, die für unser Thema relevant sind: Es versteht sich, dass wir hier besonders dem achten, elften und zwölften Haus Aufmerksamkeit schenken müssen, deren Herrscher ja Pluto, Uranus und Neptun sind. Im achten Haus begegnen wir real und symbolisch unserem Tod, diesem ewigen Kreislauf von „Stirb und werde“, wir müssen etwas zurücklassen, um etwas Neues beginnen zu können, und die Planeten in diesem Haus beschreiben, wie wir mit damit umgehen können oder könnten. Unsere Ich-Grenzen sind ständig in Gefahr, auch in Ehe oder Partnerschaft müssen wir bereit sein, unsere alte Identität, unser bis dahin gelebtes Ich zu Gunsten eines Wir loszulassen. Mit den Transsaturniern in diesem Haus werden wir verstärkt an unsere Ich-Grenzen geführt, wir sind aufgerufen, sie zu überschreiten und zu erweitern und durch Beziehungen zu wachsen und uns zu wandeln.
In dem uranischen elften Haus sollten wir im besten Falle über uns hinauswachsen, hier finden wir unsere übergeordneten Wünsche und Ziele, die oftmals nichts mit unserem Beruf (zehntes Haus) zu tun haben. Sie drängen nach Horizonterweiterung, nach einer Grenzüberschreitung, die über das Individuelle hinausgeht und erkennt, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind und wir uns in diesem Sinne engagieren. Vielleicht in humanitären und sozialen Bereichen oder für Randgruppen in unserer Gesellschaft etc. - es geht aber vornehmlich darum, die Grenzen der Ichbezogenheit zu überwinden und über unser Selbstbild hinauszuwachsen. Auch Freunde können uns helfen, unseren Horizont zu erweitern und gemeinsam neue Ideen zu verwirklichen. Die in diesem Haus platzierten Planeten geben uns dann Hinweise, für was wir uns einsetzen bzw. wie wir unsere Vorhaben verwirklichen und ob überhaupt, denn bei Neptun in elf ist es nicht so sicher, dass unsere Pläne und idealistischen Träume auch realisiert werden.
Das zwölfte Haus nun ist eigentlich ein Kapitel für sich, aber kurz gefasst könnten wir sagen, dass es unter anderem unsere Sehnsucht nach der Vereinigung mit einem größeren Ganzen spiegelt und mit Transzendenz, Auflösung und Grenzerweiterung assoziiert werden kann. Je nach Planetenstellung entsteht hier auch die „göttliche Unzufriedenheit“, die uns immer weiter suchen lässt und uns keinen Frieden zu schenken vermag, bis wir uns der Rückverbindung zum Göttlichen wenigstens angenähert und unsere Fluchttendenzen überwunden haben. Ich kenne sehr viele Menschen mit Planeten im zwölften Haus, vor allem mit Jupiter, Mond und Sonne. Hier scheint eine gegenseitige subtile Anziehungskraft wirksam zu werden, die uns über unsere Ich-Grenzen hinaus miteinander verbindet und eine nonverbale Verständigung bzw. eine Kommunikationsebene ermöglicht, die keiner großen Erklärung bedarf.
Jupiter im Aspekt zu den Transsaturniern und in den vorgenannten Häusern platziert bedeutet eine große Chance, indem er uns hilft, unsere Grenzen zu überschreiten und uns Optimismus, Sinnhaftigkeit und Erkenntnisreichtum schenkt. Besonders Jupiter und Neptun im zwölften Haus oder als positive Winkelverbindung vermögen uns über uns hinausführen und Welten und Dimensionen eröffnen, von denen andere nur träumen. Hier ist die Auflösung der Ich-Identität keine so erschreckende Vorstellung, sondern eine Erfahrung, die – auch wenn sie anfänglich etwas Angst macht – uns unserer wahren Heimat, die nicht im Irdischen zu finden ist, näher bringt.
Bei der Auswahl aus den mir vorliegenden Beispielen habe ich mich für eine sehr positive Lebensentwicklung entschieden, und so möchte ich Ihnen das Horoskop und die Geschichte von Ayya Khema vorstellen, die am 25.08.1923 in Berlin als Kind jüdischer Eltern geboren wurde. In ihrer Autobiographie „ Ich schenke Euch mein Leben“ 1 erwähnt sie, dass sie einen Löwe-AC hat; daraufhin habe ich versucht, ihr Horoskop zu rektifizieren und kam auf eine Geburtszeit von 04:30 h.
Ayya Khema mußte mit 15 Jahren Deutschland verlassen, um der Deportation durch die Nazis zu entfliehen. Später lebte sie in den USA und Australien. Sie bereiste mit ihrem zweiten Mann und ihrem kleinen Sohn die ganze Welt, in einem Wohnwagen – was damals noch besonders abenteuerlich war – über alle Grenzen von Ländern und Kontinenten. Sie beschreibt sich selbst als eine schon in jungen Jahren Suchende, und nirgendwo fand sie das, was ihre Seele zutiefst berührte oder ihr zutiefst fehlte. Dann begegnete sie der buddhistischen Lehre, verließ Sohn und Mann, und nach vielen wundersamen Erlebnissen und Erfahrungen ließ sie sich mit 56 Jahren zur Nonne ordinieren.
In ihrem Horoskop finden wir als markanteste Merkmale für unser Grenzen-Thema, hier insbesondere die Grenzüberschreitung, den Neptun im zwölften Haus in Opposition zum Mond, im Quadrat zu Jupiter und Sextil zu Saturn, im Trigon zu Chiron im neunten Haus und in Konjunktion zum AC. Ferner steht Uranus in Fische im achten Haus mit Trigonen zu Pluto in elf und Jupiter im Skorpion in Konjunktion zum IC. Wir sehen, wie die Faktoren für Grenzerfahrungen und –überschreitungen sich zahlreich hervorheben und ein Leben bestimmen: Zunächst als über alle irdische Grenzen hinweg Reisende und Suchende, und schließlich begann die innere Reise, die sie die Ich-Grenzen durchbrechen und transzendieren ließ.
Zum Zeitpunkt ihrer Ordination (Juli 1979), die für sie durch die Trennung vom Weltlichen eine endgültige Grenzüberschreitung bedeutete, transitierte Jupiter ihr zwölftes Haus, aus dem er ein Quadrat auf ihre MC/IC-Achse mit Jupiter am IC warf und sich der Konjunktion zu Neptun näherte. Uranus lief als Transit in ein Trigon zu ihrem Radix-Uranus in Fische, Spitze neun, Neptun bildete aus vier ein Trigon zum Zwölfthaus-Radix- Neptun und Pluto hatte gerade die Sonne im Halbquadrat transitiert. Außerdem stehen der progressive AC in Konjunktion zu ihrer Sonne und Pluto p im Trigon zu Jupiter.
Die erfahrenen geistigen Grenzüberschreitungen führten sie in Dimensionen, die den meisten Menschen vorenthalten bleiben, aber ihr Lebensweg zeigt eine von göttlicher Hand geführte Konsequenz, die wir auch in ihrem Radix wiederfinden.
Auch die schwerste Grenzerfahrung kann einen Erneuerungsprozess auslösen, der uns zwar mit leidvollen Krisen und Gefahren, mit dramatischen inneren und äußeren Erlebnissen konfrontiert, der aber unser Bewusstsein in eine neue Dimension hebt, indem er die Grenze zwischen den bewußten und unbewussten Ebenen, zwischen Ich und Selbst und den inneren und äußeren Realitäten öffnet.
„Aber wie es scheint, gibt es für jedes Leid eine Grenze, bis wohin es Leid ist. Dann hat es entweder sein Ende, oder es verwandelt sich, nimmt Lebensfarben an, tut vielleicht noch weh, aber Schmerz ist dann Hoffnung und Leben. Ich spüre mich wieder leben…..Es ist eine Häutung im Gang, ein ausgewachsenes Kleid will abfallen, und was ich jahrelang für den Schmerz des Sterbenmüssens angesehen habe, will nun Schmerz der Neugeburt bedeuten.“ 2
1) KHEMA, Ayya
Ich schenke euch mein Leben
Knaur MensSana 87197
2) HESSE, Hermann
„Einkehr“ aus „Lebenszeiten“
Insel, Frankfurt 1994
(Erstveröffentlichung in ASTROLOGIE HEUTE – www.astrologieheute.ch)
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