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Terra incognita: Unser Schattenreich
Barbara Egert
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Dienstag, 15. Mai 2007, 10:46
Terra incognita: Unser Schattenreich
„Nun spring doch mal über Deinen Schatten“ heißt es so häufig, wenn unser Gegenüber sich weigert oder zögert, in eine ihm fremde und bisher abgelehnte Haltung oder Handlung einzuwilligen. Nun ist dieser Sprung real aber gar nicht möglich; und so könnten wir die Versuche, über unseren Schatten zu springen, eigentlich gleich aufgeben, es sei denn, wir stellten uns unter die Äquator-Sonne, wo unser Sonnen-Selbst mit unserem Ich-Schatten zu verschmelzen scheint. Ich wurde letztens gefragt, wieso wir unseren Schatten nicht einfach auf sich beruhen lassen könnten, wenn er uns weder peinigt, noch andere über alle Maßen stört. Sicher, wir brauchten theoretisch gar nichts für uns und unsere Entwicklung zu tun und uns einfach damit begnügen, mehr oder weniger glücklich zu leben. Das Dilemma ist nur, dass die wenigsten Menschen zufrieden und schon gar nicht glücklich sind, sondern ein Dasein fristen, das sie kränkt und krankmacht, sie in unlösbare Verstrickungen mit Partnern und Freunden bringt, in denen Wut und Ärger überwiegen – und Schuld ist immer der andere oder das Umfeld. Um uns zu entwickeln und ein sinnvolleres Leben mit zufriedeneren Beziehungen zu führen, sollten wir eben auch unsere Schattenaspekte, die wir hartnäckig leugnen und verteufeln, aus der Dunkelheit des Schattenreiches in unser Bewusstsein holen.
Die beste Methode, seinem Schatten auf die Schliche zu kommen, ist das Erforschen mit nachfolgender Auflistung all der Eigenschaften, die wir bei anderen einfach nicht ausstehen können, auf die wir überreagieren und die wir verabscheuen – damit könnten wir ein Abbild unserer eigenen verdrängten Schattenseiten erhalten. Es ist harte Arbeit, sich seine schattigen Wesenszüge und Verdrängungen bewusst zu machen, viel einfacher sind Projektionen und Schattenzuschreibungen der unerträglichen Verhaltensweisen und Handlungen, die wir an anderen Menschen erleben und höchst emotional ablehnen, obschon oder gerade weil sie (auch) zu uns gehören.
Astrologen haben hier den etwas zweifelhaften Vorteil, aus ihrem eigenen Radix und den Horoskopen ihrer mehr oder weniger geschätzten Mitmenschen ergründen zu können, welche dunklen Seiten in ihnen schlummern, stets bereit, bei unpassender Gelegenheit hervorzubrechen und damit sich und das Umfeld zutiefst zu verstören. Zweifelhaft ist diese Methode deshalb, da wir genau dort, wo unser Schatten sich eingenistet hat, oftmals unseren blinden Fleck haben und Stärke, Reife, Ehrlichkeit und Mut dringend notwendig sind, wenn wir auf diese abenteuerliche Entdeckungsreise gehen. Es fällt uns natürlich weitaus leichter, mit unserem astrologischen Spürsinn auf die Schattenseiten der anderen zu verweisen, aber – und hier beginnen die nächsten Probleme – wer sich selbst nicht ausreichend geprüft hat, könnte ohne Hemmungen einer Projektion erliegen und nichts wäre gewonnen.
Verena Kast verweist in diesem Zusammenhang auf ein „unheilvolles“ Zitat von C.G. Jung: „Der Projektionsträger ist nämlich, wie die Erfahrung zeigt, kein x-beliebiger Gegenstand, sondern stets einer, der sich der Natur des zu projizierenden Inhalts adäquat erweist, bzw. der aufzuhängenden Sache einen entsprechenden Haken anbietet“.*1 Diese Annahme, so scheint es auch mir nach reiflicher Überlegung, ist ziemlich gewagt, weil sie nicht immer stimmt, und wir dem anderen – wunderbar gestützt durch C.G. Jung - etwas zuschreiben, das ihn verletzt und seinen Selbstwert angreift, überhaupt wenn er uns um diese Kritik nicht gebeten hat.
Das gilt auch für die Radix-Schattensuche, denn bei uns nicht sehr gut bekannten Menschen können wir kaum feststellen, ob sie die auf den Schatten verweisenden Konstellationen noch leben - das heißt in diesem Falle, sich dieser Wesenszüge weitestgehend unbewusst sind – und auch als solche zu interpretieren sind. Wenn wir uns selbst lange und vor allem ehrlich mit unserem Schatten auseinandergesetzt und zudem ein stabiles Selbstwertgefühl entwickelt haben, dann können wir eventuell entscheiden, ob eine Schattenprojektion für uns zutrifft oder wir sie ruhig zurückweisen können. Bevor wir bei anderen schattige Platzierungen deuten, sollten wir unbedingt berücksichtigen, dass wir mit den Eigenschaften, die wir bei uns keinesfalls akzeptieren, die wir kategorisch ablehnen, auch bei anderen nicht umgehen können.
Wie entsteht nun eigentlich dieser Schatten, der uns ärgert, kränkt und uns bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten Schwierigkeiten bereitet? Wir wachsen als kleines Kind in einem Umfeld auf, das unsere Persönlichkeitsmerkmale formt, also einen enormen Einfluss darauf hat, welche unserer Wesenszüge akzeptiert und abgelehnt werden. Elternhaus, Geschwistern, Großeltern und Lehrer etc. bringen uns zum Beispiel bei, höflich, freundlich und hilfsbereit zu sein und alle davon abweichende Eigenschaften, die auch vom Umfeld nicht akzeptiert, die also als böse und ungehörig bezeichnet werden, nisten sich in unser Schattenreich ein, d.h. die dunklen Seiten unserer Natur, die bei einem Menschen niemals wegzudenken sind, werden verbannt. Daraus resultiert, dass die Erwartungen an uns und andere bereits in der Jugend festgesetzt wurden und wir späterhin mühsam das Dunkle ins Licht holen müssen.
Es gibt allerdings nicht nur den Ich-Schatten, sondern auch den „Man“-Schatten, der besonders von Familien geprägt wird, die größten Wert auf ihren Ruf und ihr Ansehen legen. Fast automatisch bildet sich auch später in uns der Satz, den wir in der Jugend so oft hörten „Man tut das nicht“, und behindert unsere individuelle Entwicklung und unser spontanes Verhalten, denn wir sind durch Normen und Verhaltenscodices bestimmt, und Menschen, die sich in der Öffentlichkeit – in ihren Augen - unpassend benehmen, werden abfällig kritisiert. Viele dieser Menschen halten sich zudem noch für das Maß aller Dinge, und fehlende Toleranz engt nicht nur sie selbst ein, sondern auch ihr Umfeld und andere haben früher oder später unter dieser Kritikwut und Besserwisserei zu leiden.
Der Jungsche Analytiker John Sandford schreibt, dass Humorlosigkeit vermutlich auf einen sehr stark verdrängten Schatten hinweist, was gut nachzuvollziehen ist, denn wie befreiend ist es, wenn ein Mensch über sich selbst und seine Sonderbarkeiten lachen kann. Und eben diese Sonderbarkeiten, das allzu Menschliche gestehen sich die meisten nicht ein oder zu, sondern projizieren sie wild und bösartig auf ihr Umfeld. Eine Projektion unseres Schattens ist das größte Hindernis zur Bewusstwerdung, denn wir schreiben einem anderen diese abgelehnte Eigenschaft zu und entziehen uns somit der verantwortlichen Selbsterforschung und Entwicklung.
Nun schickt uns das Leben (zum Glück) allzu gerne Menschen, die uns unseren Schatten widerspiegeln - so lange bis wir unsere Lektion gelernt haben. Auch hier haben Astrologen einen großen Vorteil, da sie sehr genau erkennen können, ob es sich vornehmlich um Neptuniker, Plutonier etc. handelt, die da ständig ungebeten unseren Weg kreuzen. Wenn mir vorwiegend plutonische Menschen begegnen und sich mir gegenüber unerhört manipulativ oder vereinnahmend verhalten, dann sollte ich genauestens hinsehen und überlegen, ob ich nicht selbst diese mich maßlos ärgernden Eigenschaften in mir haben könnte, denn genau diese plutonischen Schattenaspekte sollten bei mir vielleicht erkannt und verarbeitet werden.
Ich entsinne mich noch sehr gut an die ferne Zeit, als ich den Mut aufbrachte, mich und meinen Schatten näher zu betrachten. Eine unermessliche Hilfe waren damals die vielen Träume, die ich widerspenstig deutete, weil mir da weibliche Gestalten begegneten, die zutiefst beunruhigend und alles andere als freundlich waren. Da ich mich den Deutungen auf der Subjektstufe nicht entziehen konnte und wollte, wurde mir sehr plastisch und symbolträchtig vor Augen gehalten, was so alles in mir steckte an unliebsamen Gestalten, die sich einfach schrecklich aufführten. Als ich zur Akzeptanz bereit war und mich dann fragte, wie ich diese Erkenntnisse nun positiv umsetzen sollte, geschahen nach und nach bemerkenswerte Dinge: Menschen, die ich wegen einer von mir abgelehnten Eigenschaft nur mit Abstand ertragen konnte, verhielten sich mir gegenüber plötzlich ganz anders; ich vermute, dass mein negativer projektiver Gedankenflug beim anderen ebenfalls negative Energien erzeugte, die mit meiner Schattenakzeptanz aufgelöst wurden und somit keine Wirkung mehr hatten.
Schatten-Arbeit, so schwer sie sein mag, macht uns selbstbewusster, toleranter und einfach vollständiger, sie führt (wie Jeremiah Abrams schreibt) zu einem „Leben ohne Scheinheiligkeit“ und zu mehr Wahrhaftigkeit, was für unsere Identitätsfindung unerlässlich ist. Man bringt anderen und vor allem auch sich selbst ein besseres Verständnis entgegen, da man eben um die Abgründe der Menschlichkeit weiß. „Eigentlich ist die Heilung (des Schattens) ein Paradox, denn sie hat zwei widersprüchlich erscheinende Voraussetzungen: das moralische Eingeständnis, daß diese Seite meiner selbst eine Last ist, untragbar, und sich ändern muss und das liebevolle, lachende Akzeptieren, das man sie einfach nimmt, wie sie ist, freudig und ein für allemal. Man müht sich nach Kräften und fügt sich drein, man urteilt mit aller Härte und spielt freudig mit – beides zugleich. Westliche Moralität und östliches Loslassen – erst zusammen sind sie die ganze Wahrheit.“ *2
Wenn wir unsere Schattenseiten zu akzeptieren lernen, dann eröffnet uns das neue Lebensmöglichkeiten, wir sind weniger narzisstisch, wir reduzieren unser negatives Empfinden und Handeln und erkennen die tiefe Wahrheit, dass in jedem Menschen ein Verbrecher und ein Heiliger stecken kann, dass Liebe den Hass nicht ausklammert und Fleißige auch einen Faulenzer in sich haben können. Die Kluft zwischen unserem Ich-Ideal und dem was wir wirklich alles in uns haben, mag erschrecken und uns die Unschuld rauben, aber diese Erkenntnis macht uns stärker, weniger angreifbar und authentischer.
Wenn C.G. Jung den Schatten als die Summe unserer ungelebten Möglichkeiten beschreibt, so gehören dazu natürlich auch die positiven Wesenszüge, das verschüttete Potenzial, das wir aus diversen Gründen nicht leben können oder wollen. Auch diese positiven Seiten unseres Schattens projizieren wir gerne auf andere, bewundern sie und bedauern zugleich, dass wir zu dieser oder jener kreativen Handlung leider nicht in der Lage sind, was meistens heißt, dass wir es noch gar nicht versucht haben. Ungeahnte Widerstände tun sich auf, die es zu erforschen gilt und ebenfalls viel Mut, unsere positiven Wesensseiten zum Leben zu erwecken. Wer Edgar Cayce gelesen hat, wird wissen, dass ein Missbrauch oder die Ignoranz unserer uns mitgegebenen Talente eine karmische Sünde bedeutet - wir sollen mit den uns geschenkten Talenten „wuchern“.
Wie erkennen wir in jüngeren Jahren die abgespaltenen, also „schattigen“ Aspekte unseres Horoskops, die ungelebten Planeten und Winkel, Pluto, Saturn, das achte Haus u.v.a.m. Ich stand seinerzeit vor einem Rätsel, schwankte zwischen Verweigerung, Entsetzen und vorsichtiger Zustimmung. Ich glaube, dass wir erst in reiferen Jahren dazu in der Lage sind, unsere Verdrängungen zu erkennen und zu akzeptieren, auch dann wenn wir unser eigenes Horoskop untersuchen, denn den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen, ist wirklich schwierig. Es könnte ebenfalls heikel werden, wenn wir nach den traditionellen Deutungsmethoden den Schatten im Radix eines anderen Menschen erkennen wollen, denn wir können ihm nicht einfach die Schatteneigenschaften zuschreiben, die uns zum Beispiel aus seinem achten Haus, dem Schattenhaus par excellence, durch eine Konjunktion von Sonne/Pluto entgegen springen. Wenn wir vorsichtig danach fragen, kann der sich seiner verdrängten Seiten völlig unbewusste Mensch alles vehement leugnen, und wir können und sollten diesen Widerstand dann natürlich nicht brechen.
Wenn wir also nun ein Horoskop nach Schattenfaktoren untersuchen, so gibt es einige Richtlinien, an denen wir uns orientieren, die jedoch im Gesamtzusammenhang eines Horoskops mit der jeweiligen Lebensgeschichte eine ganz andere Bedeutung haben können. So sollten wir mit unseren Interpretationen vorsichtig sein und berücksichtigen, ob der Mensch überhaupt bereit und in der Lage ist, sich seinen verdrängten Schattenanteilen zu stellen oder ob er sich durch einen Hinweis darauf eher verletzt zurückzieht. Gerade in einem freundlichen, lichten Horoskop können wir mit einem dunklen Schatten rechnen: „Wo Licht ist, ist auch Schatten“, und daraus können wir folgern, dass jeder Mensch ein Schattenreich in sich trägt, das sich auch im Horoskop widerspiegeln müsste.
Beachten aber nicht überbewerten sollte man das Unter- bzw. Übergewicht eines Elements, da es hierbei oftmals Irritationen mit nicht so gut integrierten Energien geben kann. Ein kleines Beispiel aus meiner Erfahrungskiste: Ich bestehe fast nur aus Luft, während mein Mann überwiegend mit dem Erdelement gesegnet ist. Am Anfang unserer Ehe wunderte ich mich maßlos darüber, wie er einen Nagel in die Wand schlug und dann daran heftig rüttelte, ob dieser auch halten würde. Sein Sicherheits- und Sicherungsbestreben ist sehr ausgeprägt, so dass ich diese Prozedur gar nicht mit ansehen konnte. Ich zeigte ihm nun lässig, wie ich das viel einfacher praktiziere, indem ich mit einem gezielten (?) Hammerschlag und magischem Blick den Nagel in die Wand schlage und verkünde: „Hält!“ Heute – durch die astrologischen Erkenntnisse - müssen wir angesichts unserer unterschiedlichen Sicherungs- und Absicherungs-Eigenschaften immer lachen, und ich entferne mich bei solchen Aktionen rechtzeitig, um seinen diversen Vorsichtsmaßnahmen und zusätzlichen (Ab-) Sicherungen („für alle Fälle“) zu entgehen.
Wenn wir einen Eindruck oder auch Überblick darüber haben, inwieweit ein Mensch sein Horoskop lebt, können wir die Planeten und Aspekte untersuchen, die auf den Schatten verweisen und die offensichtlich keine Ausdrucksmöglichkeiten finden konnten oder durften.
Befassen wir uns zunächst mit Saturn, dessen Hausstellung und Aspekte, die uns meistens einen sehr klaren Hinweis auf Schattenbereiche geben. Saturn in den Häusern ist für unser Thema weitaus aufschlussreicher als seine Stellung in den Zeichen, denn hier sind nicht ganze Jahrgänge betroffen, und somit ist diese Platzierung weitaus individueller. Die Position des Saturn lässt uns ahnen, wo der Mensch sehr früh einen Mangel, Zurückweisung und vielleicht sogar Traumata erlitten hat, er sich also verunsichert, ängstlich und ungenügend fühlt. Im Laufe seines Lebens wird er Wege und Umwege finden, um seine Minderwertigkeitshaltung zu verbergen, zu kompensieren und auf die positiven Faktoren seines Horoskops auszuweichen, das heißt vornehmlich die ihm besser zur Verfügung stehenden Energien zu leben.
Nehmen wir als Beispiel das Horoskop eines Mannes, der mit einem Jupiter/AC-, Merkur/Uranus-Trigon und einem Sonne/Mars-Sextil auf der Karriereleiter recht gut vorwärts kommt und allgemein anerkannt wird. Nun finden wir in diesem Radix aber auch Steinbock-Saturn im zehnten Haus. Abgesehen davon, was uns diese Platzierung über seine Mutter erzählt, können wir folgern, dass dieser Mann ehrgeizig und leistungsorientiert sein müsste und hartnäckig nach Erfolg strebt, obwohl das für andere nicht offensichtlich ist. Misserfolge, die auch noch publik werden könnten, kann er kaum verkraften, und es ist anzunehmen, dass dieser Mann unfähig ist, sein Strebertum wahrzunehmen. Er wird andere, die ähnlich agieren, als widerlich ehrgeizig und streberhaft, als einfach unerträglich in ihrem Karrieredenken, bezeichnen. Sein Schatten lässt grüßen!
Vor einiger Zeit beriet ich eine sehr entfernte Bekannte und fand in ihrem Horoskop folgende Konstellationen: Konjunktion von Stier-Sonne/Mars im ersten Haus in Opposition zum Skorpion-Mond in sieben, Saturn und Neptun im sechsten Haus, Pluto/AC-Quadrat. In einem Gespräch beklagte sie sich heftig und ausführlich darüber, dass sie nie ihren Willen durchsetzen könne und sie besonders auf ihrer Arbeitsstelle die Erfahrung gemacht habe, dass all ihre Aktivitäten eher zurückgewiesen als anerkannt würden, woran ihre Kolleginnen Schuld hätten, da diese sich mit egoistischem Handeln in den Vordergrund drängten. Mir erschien diese Aussage mit Hinblick auf die obigen Konstellationen zunächst etwas suspekt, aber ich wurde etwas schlauer, als sie mich morgens sehr früh im Büro anrief, um weitere Details ihres Horoskops zu erfragen. Ich erklärte ihr, dass ich im Büro nicht sprechen, sie mich jedoch abends - wenn es wirklich dringend sei – anrufen könne. Zwei Tage später meldete sie sich wieder telefonisch im Büro. Ich wiederholte meine Bitte, mich nicht an meinem Arbeitsplatz zu stören. Beim dritten Anruf in meiner Firma war meine Geduld zu Ende, ich wusste nun allerdings, wie sie sich ihren Kolleginnen gegenüber verhält.
Sie kann sich trotz der Sonne/Mars/Mond-Konstellation, die zwar egoistische Züge hat, aber dennoch sehr energievoll ist, nicht durchsetzen, weil Saturn in sechs und das Pluto/AC-Quadrat bei ihr im Schatten liegen. Minderwertigkeitsgefühle und Ehrgeiz im beruflichen Bereich (sechstes Haus) sowie eine schattige Macht-/Manipulationskomponente (Pluto/AC) erzeugen in ihrem Umfeld Feindseligkeit und Ablehnung. Diese in ihrem Schatten liegenden Kräfte projiziert sie auf ihre Kollegen und somit sind die anderen Schuld, dass sie sich nie durchsetzen kann. Auch ich hatte bei den Anrufen gleich ein Gefühl von Übermachtung und Vereinnahmung, auf das ich ähnlich ärgerlich und abweisend reagierte.
Betrachten wir nun Uranus mit seinen eigenwilligen, belebenden Kräften, die nach Freiheit und Individualität streben. In einem Horoskop, in dem Erde und Wasser vorherrscht – Elemente, Zeichen und Planeten - stiftet Uranus oftmals Verwirrung. Ich kenne das Horoskop einer sehr betagten Dame, die sich ganz der Esoterik und Spiritualität widmet mit den entsprechenden Radixfaktoren von Fische-AC in Konjunktion zu Jupiter, Sonne, Merkur im zwölften Haus im Trigon zum Krebs-Mond etc., nur Uranus als unaspektierter Spannungsherrscher im siebten Haus tanzt aus der Reihe.
Die uranischen Kräfte sind an sich schon schwer einzuschätzen, wenn Uranus jedoch isoliert steht, dann kann er sich noch unberechenbarer verhalten. In diesem Horoskop nun wurde die lichte, die sonnige Seite wirklich gelebt, und Frau E. war auch wegen ihrer Einfühlsamkeit und spirituellen Reife sehr beliebt. Sie hatte drei Ehen hinter sich, die ihrer Meinung nach alle daran scheiterten, dass ihre jeweiligen Ehemänner unzuverlässig und verantwortungslos waren, auf sie keine Rücksicht nahmen, sondern ihren Weg gingen, sich jedoch voll auf ihre Kosten verwirklichten. Hier haben wir es mit einem schwierigen Fall von Schattenprojektion zu tun, der sich noch verstärkt, da Planeten, die im siebten Haus stehen oder die planetarische Kraft, die den Häuserherrscher symbolisiert, sehr oft selbst nicht gelebt werden, sondern der/ Partner – hier wahrscheinlich mit einem dominanten Uranus/Wassermann -, stellvertretend die entsprechenden Kräfte für uns ausleben lassen. Unsere alte Dame realisierte Zeit ihres Lebens nicht, dass sie ihren eigenen dunklen uranischen Schatten projizierte: Das Verfolgen ihrer ganz persönlichen Ziele auf Kosten anderer! Denn wenn es um sie persönlich und ihre Verwirklichung ging, war sie sehr egoistisch und sie nahm sich alle Freiheiten heraus – genau die Eigenschaften und Handlungen, die sie ihren Ehemännern lebenslänglich vorwarf.
Der neptunische Schatten liegt in der Natur Neptuns und der ist nicht einfach zu durchschauen. Wir kennen - oder sind es sogar - Neptuniker, die in ihrem Bemühen, den Menschen zu helfen, sie zu retten und als Tröster allzeit bereit zu stehen, fast altruistisch wirken. Hierher gehören das Helfersyndrom und ein Idealismus, der einem Realisten schon abwegig vorkommt. Wie kommt es aber dann, dass diese Neptun-Menschen sich endlos und abfällig ereifern können, wenn „normale“ Menschen einfach so ihren Alltag meistern und ihre Probleme so gut wie möglich lösen wollen – ohne nach Hilfe zu schreien? Oder aber die Intoleranz den Agnostikern oder Andersgläubigen gegenüber? Bei Neptunikern fallen die Schatteneigenschaften besonders auf, da der ansonsten liebenswerte und empathische Mensch sich plötzlich so konträr verhalten kann. Das Problem mag hier eine Art Weltflucht sein, das heißt Ablenkung von den eigenen Zweifeln, Schwächen und Alltagsbelastungen, weg von den Todsünden und Verleugnung der realen problematischen Gegebenheiten in uns und um uns herum.
Regina hat eine Fische-Mond/Venus-Konjunktion im Trigon zu Neptun und im Quadrat zu Pluto sowie einen Fische-MC. Sie wuchs mit ihrer Mutter alleine auf und wie sie sagt, waren sie immer füreinander und für alle anderen da, die Hilfe brauchten. Nun hat Regina inzwischen eine eigene Familie und die Mutter stellt ungebührlich hohe Ansprüche an Zeit und Energie ihrer Tochter. In einen meiner vielen Gesprächen mit Regina, in denen immer wieder die Mutter das Thema war, sagte ich einmal recht rigoros: „Deine Mutter geht mir auf die Nerven, wieso Dir eigentlich nicht?“ Sie antwortete ausweichend, das sie doch ihre Mutter sei... Irgendwann in einem späteren Gespräch platzte Regina mit dem Satz raus: „Ich könnte sie umbringen!“ Für diese Äußerung schämte sie sich maßlos und war ganz entsetzt. Wir sehen hier, dass Regina ihre positiven Mond-Aspekte gelebt und den schwierigen Mond/Pluto-Winkel in den Schatten verdrängt hat.
Der Freund einer Bekannten ist Sucht-Helfer geworden, nachdem er seinen eigenen Alkoholismus bewältigt hat, befasst sich sehr intensiv mit vornehmlich östlichen Religionslehren und besucht regelmäßig buddhistische Zentren. Nun trafen wir uns letztlich, und Norbert ließ nur noch seine Lebensform gelten, man brauche nicht viel zum Leben, schon gar kein Bankkonto und schimpfte über alle materialistisch denkenden Menschen, die ganz real mit viel Arbeit auch viel Geld verdienen und es vielleicht sparen oder verschwenden. Zu Hause nahm ich mir gleich noch mal sein Horoskop hervor und fand das schon Geahnte, nämlich Pluto in seinem zweiten Haus; der Zweithausherrscher Neptun steht in zwölf am AC (Sonne Konj. Merkur stehen auch in zwölf). Manchmal ist es ganz einfach, aber bisweilen eben auch sehr kompliziert, den Schatten-Täter ausfindig zu machen, in diesem Fall ist es Pluto, der sein ganzes neptunisches Helfer-Konzept, sein Mitgefühl für alle mehr oder weniger verlorenen Seelen aus der Reihe bringt, denn dies gilt nur für Menschen seinesgleichen, die arbeiten, ohne nach Lohn zu fragen. Ich habe dann auch nicht hinterfragt, inwieweit er vielleicht doch gerne eine materielle Sicherheit hätte, wenn er sie für andere so kategorisch ablehnt.
So kommen wir nun also zu Pluto, dem schwierigen Planeten, von dem wir sicher sein können, dass er dunkel und drohend in unserem Schattenreich thront. Besonders von Pluto- und Achthaus-Themen ist bekannt und erwiesen, dass sie traumatische Erlebnisse in der Kindheit bringen, die verdrängt werden mussten und lange in uns schlummern als ein Potenzial von mächtigen Kräften, die aber nicht zwingend bedrohlich sein müssen.
Bedrohlich sind sie vor allem, wenn wir sie missachten : „In diesem dunklen Schatzhaus finden wir unsere infantilen Züge, unsere emotionalen Fixierungen und neurotischen Symptome, aber auch alle nicht entwickelten Anlagen und Begabungen. Der Schatten hält den Kontakt zur verlorenen Tiefe der Seele, zu Leben und Vitalität – das Höchste, das universal Menschliche, ja sogar das Schöpferische ist hier zu ahnen und zu spüren....“. *3 So dunkel plutonische Kräfte sein können, so licht sind ihre positiven Seiten, denn gerade Plutonier, die wagen, ihr kreatives Potenzial zu leben, sind vielen Menschen weit voraus, da besonders sie den besten Zugang zu ihren tiefsten Schichten haben.
Hier finden wir vor allem den Machtschatten, verdrängte Machtansprüche, die wir nicht zu äußern wagen, weil wir früher übermachtet und entmachtet wurden und eine Anspruchshaltung oder auch nur Wünsche mit großer Gefahr verbunden war. Was passiert, wenn wir dennoch unseren Willen durchsetzen wollen? Wir versuchen es „hintenrum“, das nennt man dann Manipulation, in den Augen eines verletzten Plutoniers ist das aber vielleicht nur das Durchsetzen (s)eines berechtigten Anspruchs. Das dunkle Prinzip, das wir natürlich auch im achten Haus finden, beschert uns weiterhin diverse Leidenschaften, Eifersucht, Gier, Kontrolle, Gewalt etc. Wen wundert’s, wenn dieses negative Potenzial verdrängt wird oder werden muss.
Natürlich gibt es auch hier Lösungen, wenn der Mensch sich entschieden hat, sich auf den Weg zu machen, hin zu mehr Bewusstheit und Freiheit von diversen ihn einengenden Zwängen und Problemen in Partnerschaften. Ich denke, wenn – dann haben diese Menschen die größten Chancen zu einer umfassenden Wandlung und positiven Akzeptanz ihrer Schattenseiten, denn ihnen stehen dann unermessliche archaische Kräfte zur Verfügung.
Da wir es ja nicht vornehmlich mit Plutoniern zu tun haben, sondern mit Horoskopen, in denen vielleicht Neptun, Jupiter oder Saturn die führende Planetenrolle übernehmen, möchte ich auch nicht so extreme Beispiele bringen. Fangen wir mit etwas ganz Einfachem an: Ich kenne einige Frauen, die in ihrem Radix einen harten Mars/Pluto-Winkel haben. Nun handelt es sich bei diesen Frauen um sehr friedliebende, freundliche und besonnene Menschen, denen man Aggressivität überhaupt nicht zutraut. Tatsache ist, dass diese unglaublich wütend werden, es aber fast überhaupt nicht zugeben können. Da ich einige recht gut kenne, konnte ich mit ihnen auch darüber sprechen. Sie durften sich früher keinerlei Widerstand gegen die Eltern erlauben, wurden zu freundlichen, Ja sagenden Menschen erzogen und Wut hatte keinen Platz in ihrem Leben. Dafür aber in ihrem Innen-Leben, das heißt diese „böse“ Energie wurde in den Schatten verdrängt und treibt dort ihr Unwesen, indem sie sporadisch hochsteigt, wie ein Dampfkochtopf explodiert, so dass alle in Deckung gehen. Dieser Ausbruch ist ihnen dann schrecklich peinlich, und sie möchten ihn zu gerne wieder ungeschehen machen. Hinzu kommt, dass sie alle aggressiven Menschen unerträglich finden und sich endlos und heftig über sie aufregen können, sie also ihre verdrängte Wut projizieren, auch auf Menschen, die nur halb so wütend werden können wie sie selbst. Wir sehen, welche Wirkung ein einziger ungelebter Aspekt in einem sonst so freundlichen Horoskop haben kann.
Das letzte Beispiel handelt von einem Mann in mittleren Jahren, der nach einigen sehr schwierigen Erfahrungen ein sehr einfaches Leben lebt und regelmäßig zum „Auftanken“ nach Indien zu seinem Guru fährt. Wir stehen locker in Kontakt, allerdings erfahre ich auch von ehemaligen Freunden etwas aus seinem Leben. Detlef hat die Sonne im Krebs mit Trigon zur Skorpion-Venus, die von einem Löwe-Pluto im siebten Haus attackiert wird. Detlef wurde streng erzogen, die Eltern waren beide Lehrer, und er ist bis heute unverheiratet. Nach meiner Vorstellung lebt er etwas zu zurückgezogen, und ich fragte mich, wie er denn wohl mit seinem Venus/Pluto-Quadrat umgehen mag. Tatsache ist, dass er Jung und Alt mit ihrem „hemmungslosen Ausleben“ all ihrer Triebe total verdammt. Nun weiß ich aber aus guter Quelle, dass er sporadisch ins Bordell geht, diese Besuche natürlich hoch geheim hält, aber..... Hier haben wir einen Venus/Pluto-Schatten par excellence, der wie die meisten Schattenaspekte keinesfalls böse ist, ihm aber gefährlich werden kann, wenn er nicht den Mut hat, zu ihm zu stehen und ihn zu akzeptieren.
Wir sehen, dass jede ungelebte Konstellation und/oder Platzierung auf einen Schatten verweisen kann, sogar Jupiter kann uns im Schattenreich begegnen. Wenn wir zum Beispiel in einem stark von Saturn/Steinbock bestimmten Horoskop, das zu einem bescheidenen Jungfrau-Sonne-Mann gehört, eine unaspektierte Stier-Venus/Jupiter-Konjunktion finden, dann würde ich mich fragen, warum dieser Mensch beispielsweise nicht so asketisch aussieht wie er zu leben vorgibt. Es könnte durchaus sein, dass er zu heimlichen Schlemmereien (oder Fressorgien) neigt, die er an anderen nicht ausstehen kann, und die er natürlich keinem weitererzählt. Das würde zu seiner Persona nicht passen.
Werfen wir zum Schluss noch einen kurzen Blick auf unsere Persona, die unserem Ich-Ideal entspricht und mit der wir unserem Umfeld gefallen möchten. Die Persona zeigt die sonnigen Seiten von uns und all die anderen Wesenszüge müssen in den Schatten verdrängt werden, weil sie eben nicht zu diesem geschönten Bild von uns passen. Ken Wilber sagt dazu: „ Der Schatten ist demnach das Gegenteil dessen, was die Persona für gegeben hält.“ Im menschlichen Leben sollten aber das Helle und Dunkle zusammenspielen, denn wenn wir nur unsere (perfekte) Persona leben, dann könnte uns in ähnlicher oder abgewandelter Form das passieren, was C.G. Jung nachstehend schildert: „ Ich habe einmal die Bekanntschaft eines verehrungswürdigen Mannes gemacht – man könnte ihn ohne Schwierigkeit einen Heiligen nennen -, ich ging drei Tage lang um ihn herum und konnte nirgends die Unzulänglichkeit des Sterblichen an ihm entdecken. Mein Minderwertigkeitsgefühl wurde bedrohlich, und ich begann bereits ernstlich daran zu denken, mich zu bessern. Am vierten Tage aber konsultierte mich seine Frau ....Seitdem ist mir nichts Ähnliches mehr passiert. Aber ich lernte daraus, dass jemand, der mit seiner Persona eins wird, alles Störende durch seine Frau darstellen lassen kann, ohne dass letztere es merkt; allerdings bezahlt sie dann ihre Selbstaufopferung mit einer schweren Neurose.“ *4
(Erstveröffentlichung in ASTROLOGIE HEUTE – www.astrologieheute.ch)
Quellenverzeichnis:
1 JUNG, C.G.
Die Wiederkehr der Seele
GW 16, Rascher Zürich
2 HILLMAN, JAMES
„Die Heilung des Schattens“ aus
„Die Schattenseite der Seele“
Hrsg. Zweig/Abrams, Scherz 1993
3 FREY-ROHN, Juliane
„Wie man mit dem Bösen umgeht“ aus
„Die Schattenseite der Seele“
a.a.O.
4 JUNG, C.G.
Zwei Schriften über analytische Psychologie
GW 7, Rascher Zürich
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