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Bernhard Firgau: Praxisbuch Mundanastrologie
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Montag, 2. Juli 2007, 18:46
Bernhard Firgau
Praxisbuch Mundanastrologie
ISBN 978-3-89997-153-8
MUNDANRADIX
Unter einem Horoskop verstehen wir üblicherweise das für die Geburt eines Menschen errechnete Horoskop. Als Mundanradix könnte man alle anderen Horoskope bezeichnen, die nicht den einzelnen Menschen erfassen, sondern eine ganze Gruppe oder einen weltlichen (lat. mundus: die Welt) Gegenstand im weitesten Sinne.
Ein Radix hat immer mit Identität zu tun. Das Mundanradix kann sich auf eine kollektive Identität beziehen, wenn der Mensch sich mit einer Gruppe zu einer gemeinsamen Identität verbindet. Ist der Mensch Beziehungsperson für einen Gegenstand, weil dieser seinen Namen trägt, von ihm gestaltet wurde oder unter seiner Herrschaft steht, sehen wir ebenso den individuellen Bezug zu einer Identität.
Der Schwerpunkt der Mundanhoroskope sind sicher Staatsgründungen. Eine Etage höher sind Staatenbündnisse, die Stufe darunter sind verschiedenste Ausschnitte aus dem Leben in Staat und Gesellschaft. Die gesellschaftlichen Bereiche verzweigen sich dabei quantitativ und qualitativ. Es gibt rein zahlenmässige Aufteilungen, die Menschen wohnen in verschiedenen Städten, Bürger organisieren sich in verschiedenen Vereinen und gründen Unternehmen. Diese horizontale Verteilung auf der Fläche unterscheidet sich von einer vertikalen Teilung. Die unterschiedliche Verantwortung in der Gesellschaft drückt sich in einer Hierarchie der Staatsämter und Institutionen aus. Ganz am Ende sind die von einem einzelnen Menschen geprägten Werkwelten, wo er seine eigene kleine Schöpfung vollbringt, wie der Architekt ein Haus. Alles das sind in die Welt gesetzte Ereignisse, die einem mundanen Horoskop zugänglich sind.
Mit einem Gründungshoroskop versucht man mehrere Menschen astrologisch als nur eine Gruppenidentität zu erfassen. Mit einem so gewonnenen Horoskop kann die Gruppe dieser Menschen identifiziert werden. Wenn wir uns bewusst werden, dass Menschen nicht als Gruppe vom Himmel fallen, bemerken wir, dass ein Prozess der Zusammenführung erforderlich wird. Irgend etwas verbindet die Gruppe. Worin besteht die Identität einer Gruppe, die sich in einem gemeinsamen Horoskop für einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zeigt und wie erwirbt sich die Gruppe diese eigene Identität?
Im Unterschied zu einer äusserlich wahrnehmbaren blossen Menschenansammlung, gibt es menschliche Gruppen, die sich wegen ihrer inneren Haltung von anderen Menschen abgrenzen und sich durch diesen inneren Zusammenhalt definieren. „Definition“ ist der lateinische Begriff für die Bestimmung von Grenzen. Die Menschen einer solchen Gruppe identifizieren sich mit einer Schlüsselfigur oder mit einer bestimmten Angelegenheit und grenzen andere damit aus, die nicht dieser Gruppe angehören.
Egal ob Menschen sich um eine Schlüsselfigur scharen oder um ein politisches Programm, in beiden Fällen zeigt uns ein Ereignis oder geschichtlicher Umstand diesen Identifizierungsprozess an. Diesen massgeblichen Umstand als Geburt einer Gruppenidentität zu finden, ist für ein Gründungshoroskop unabdingbar. Um den richtigen Zeitpunkt finden zu können, sollte zunächst geklärt werden, worin die Gruppe ihre Identität sieht.
Entwicklung der Gruppenidentität
Ein Staat ist mehr als die Summe der auf seinem Territorium lebenden Menschen. Sie sind in irgendeiner Weise miteinander verbunden. Von aussen werden sie als zusammengehörig gesehen und mit einem gemeinsamen Namen z.B. für ihr Land, ihre Sprache oder Kultur angesprochen. Diese Identifizierung einer Menschenmenge zeigt das Vorhandensein einer Gruppenidentität. Uns interessiert, wie sie entsteht, wann und wo, damit wir astrologisch einen Ansatzpunkt haben, der dieser Gruppenidentität gerecht werden kann.
Menschen sammeln sich äusserlich betrachtet um Anführer, zentrale Orte oder innerlich ausgerichtet um ein politisches Ziel, ein Programm, eine Verfassungsidee.
Nicht die Freiwilligkeit ist der Gruppen bildende Aspekt, sondern das gemeinsame freiwillige oder unfreiwillige Ausrichten auf eine Person oder z.B. eine Verfassung. Auch die Opposition gegen eine Person eignet sich als Definition einer Gruppe. Es sind dann „Alle, die dagegen sind“. Ob nun positive oder negative Gesichtspunkte das verbindende Element sind, berührt nicht mehr die Frage, ob die Gruppe existiert, sondern als was sie sich versteht. Die Opposition in einem Land kann sich als künftige Regierung empfinden, ohne es schon zu sein.
Identifizierung mit einer Person
Verbinden Menschen sich mit einer Person, indem sie dieser ihr Gruppenschicksal anvertrauen, kommt es nicht auf Regelwerke einer Verfassung oder ein Vereinsstatuten an. In der Politik der Gegenwart könnte ein bestimmtes politisches Ereignis z.B. ein Militärputsch eine Gruppe an einen Anführer binden. Dies war in der Monarchie früherer Zeit die Krönungszeremonie. Im weniger spektakulären Alltag kann es genauso das Betreten eines Schiffes sein, mit dem die Passagiere den Fähigkeiten ihres Kapitäns ausgeliefert sind, der für die Dauer ihrer Reise die Leitfigur ist.
Revolutionen haben meist einen Vorkämpfer, der seine Anhänger um sich schart und ihre Sache als ihre Symbolfigur in der Öffentlichkeit vertritt. Diesen Status bringt er nicht von irgendwoher mit, er wird von seinen Gefolgsleuten auf diese Position gehoben. Wie geschieht das? Er gibt den Ton an, die Gruppe folgt ihm und versteckt sich auch hinter ihm. Sein Sieg ist ihr Sieg, seine Niederlage ihre. Der Anführer hat dennoch eine heraus gehobene Verantwortung und damit auch Autorität in der Gruppe. Denn das Risiko des Scheiterns bleibt mit seiner Person am stärksten verbunden, weil er für seine Gegner das identifizierbare Angriffsziel ist. Die ihn tragende Gruppe kann anonym bleiben.
In die Rolle des Anführers kommt ein Mensch, weil auch andere ihm das zutrauen und ihm diese Rolle zuweisen oder es sich gefallen lassen, dass er ihre Sache betreibt. Diese Rollenzuweisung kulminiert in der Verleihung eines Titels, der Übergabe symbolischer Zeichen von Autorität oder der von ihm initiierten Gründung eines Aktionsbündnisses, das von seinem persönlichen Einfluss durchdrungen ist. Mit dem Bekenntnis zu einem Anführer geht oft die Absetzung einer Symbolfigur früherer Herrschaft einher. Die Grenze zwischen einem Aufstand und einer Staatsgründung ist nicht ganz einfach, es kommt auf Einzelheiten an.
Stützt sich eine Gesellschaft auf eine Identifikationsfigur, kommt es auf den Zeitpunkt an, wann die Identifikationsfigur ihre Schlüsselposition eingenommen hat. Sobald wir festgestellt haben, wie sich die Gruppenmitglieder zu ihrer Identitätsfigur bekennen oder sich ihr unterwerfen, können wir zu diesem Vorgang auch einen für das Horoskop maßgeblichen Zeitpunkt festhalten.
Das dürfte spätestens dann der Fall sein, wenn sie von ihren Anhängern respektiert wird, ihr also eine Autorität zugebilligt wird. Bei einem Revolutionsführer kann dies sein, wenn er persönlich seine Mitstreiter mit bestimmten Aufgaben betraut und klar ist, dass ihre Position allein auf seiner Entscheidung beruht. Dies ist das Muster einer autoritären Führung wie im Absolutismus. Der Regent ist nicht an Regeln gebunden (lateinisch: absolutus), aber er macht sie und zwar für andere.
Bei weniger anarchistischen Strukturen wird der Führer nach traditionellen Regeln in seinem Amt bestätigt, indem die Gruppe ihn wählt, mit einem Titel versieht und einen Eid ablegen lässt. Die Wahl ist nur ein vorbereitender Akt, der festlegt, wer das Amt erhalten soll. Die Einführung in das Amt mit Übergabe von Machtsymbolen oder ein Eid usw. ist dann der exakte Zeitpunkt. Damit ist der Zeitpunkt erkennbar, in dem die Gruppe ihre Identität im Sinne einer Abgrenzung von anderen Gruppen gefunden hat.
Wenn es kein festes Datum gibt, kann auch der Geburtstag des Anführers bzw. der Bezugsperson genommen werden, mit dessen Schicksal sich die Gruppe verbindet und an dessen Identität sie damit vorübergehend teilhat.
Identifizierung mit einer Idee
Die zweite Alternative unserer Ausgangsüberlegung zur Identitätsbildung war: Eine Gruppe von Menschen bildet ihre Identität durch ihr Bekenntnis zu einem politischen Programm. Einzelne Personen mögen wichtig für die Durchsetzung sein, aber das Programm lebt auch ohne sie in den Köpfen der Menschen und vermag sie zu einer Gruppe zu bündeln.
Beispiel USA: Was macht die Identität der Amerikaner aus? Die Astrologen haben eine unübersehbare Auswahl verschiedener amerikanischer Staatshoroskope, beginnend mit der Kriegserklärung gegen England bis zum Inkrafttreten der ersten Verfassung. Die Herrschaft der Engländer spürten die Auswanderer an den Steuern und ihnen aufgebürdeten Kosten für das britische Militär auf amerikanischem Boden. Die Loslösung von der englischen Herrschaft verbunden mit dem Recht ein eigenes Staatswesen zu gründen, war erklärtes Ziel der Auswanderer, die ihre Heimatländer bewusst verlassen hatten. Die Delegierten der dreizehn britischen Kolonien in den USA bildeten den Kontinentalkongress. In diesem Gremium unterzeichneten sie am 4.7.1776 Philadelphia 17:10 OZ (nach Sibly) die Unabhängigkeitserklärung, über die sie zwei Tage vorher abgestimmt hatten. Sie enthält das Recht auf staatliche Selbstbestimmung dieser dreizehn Kolonien. Waren damit die USA entstanden? Sicher ist, dass damit noch keine gemeinsame Verfassung geschaffen wurde, sondern nur der Weg dorthin eröffnet. Ist dennoch schon eine Identität geschaffen? Amerika sieht sich selbst als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der Freiheit. Die Unabhängigkeitserklärung ist das Abbild dieses Lebensgefühls einer bestimmten Gruppe.
Ist nun die Abstimmung am 2. Juli oder die Unterzeichnung der Niederschrift am 4. Juli. das eigentliche Ereignis für diese erste Identitätsformung? Blosse Abstimmungen und Worte scheinen mir in so wichtigem Zusammenhang nur „Schall und Rauch“. Ohne eine schriftliche Fixierung ist nichts Greifbares und der Nachwelt Vorzeigbares entstanden. Daher ist für den Zeitpunkt der nationalen Identität die Unterzeichnung der schriftlichen Erklärung massgeblich.
Legen wir die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli.1776 auf den von Sibly übermittelten Zeitpunkt 17:10 OZ Philadelphia, haben wir einen zu diesem Jupiterprinzip passenden Schützeaszendent. Zwillinge-Mars am DC droht mit der Durchsetzung dieses Anspruchs gegen jeden, der sich in den Weg stellt.
Astrologisch sind wir noch in einem Jupiterstadium, denn Jupiter verkörpert die Welt der Ideen unabhängig von einer staatlichen Rechtsordnung, mit deren Hilfe sie vielleicht durchgesetzt werden müssen. Das ist dann das von Saturn zu leistende Werk. Ein richtiger Staat ist damit noch nicht entstanden, aber eine neue Nation. Offenbar gibt es verschiedene Identitäten, wovon die Identifizierung der Menschen mit einer Idee nur eine ist. Typische Beispiele für vorläufige Identitätsbildungen vor der formalen Gründung eines Staates oder sonstigen Körperschaft sind Revolutionen, Exilregierungen und Befreiungsbewegungen, Verfassungskonvente und andere kollektive Geburtshilfeveranstaltungen.
Ihre Existenz ist bewusst Vorläufer eines richtigen Staates, einer legitimen Regierung usw. Die Mitläufer des Anführers identifizieren sich meist mit einem Anführer oder seinem Programm. Damit ist natürlich auch eine Gruppe geschaffen. Wenn im historischen Rückblick diese Gruppe siegreich war, verleitet das schnell zur Annahme, der erste Identifizierungsakt, Sammlung der Revolutionäre um ihren Anführer, sei bereits die Staatsgründung. Als Gruppenhoroskop lässt sich das Revolutionshoroskop nur aber solange verwenden, bis es zur Staatsgründung kommt. Der Revolutionszweck ist dann erfüllt und macht einer neuen dauerhaften Identität Platz.
Revolutionsgruppen als vorübergehende Identität finden wir heute seltener als in früheren Zeiten. Provisorien ähnlicher Art gibt es auch in anderer Weise. Was Revolutionshoroskope früherer Zeiten sind, mag man heute bei anderen Umwälzungen der Gesellschaft vielleicht als Evolutionshoroskop wiederfinden.
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