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Selbsttäuschung und Lebenslügen
Barbara Egert
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Montag, 12. Mai 2008, 17:44
Selbsttäuschung und Lebenslügen
Wir täuschen uns und damit andere, wir tarnen uns und schaffen uns eine Biografie, in der wir uns sogar mit Ereignissen aus dem Leben anderer schmücken. Wir haben die nicht erwünschten Wahrnehmungen in unser Unbewusstes verbannt, und so sind wir mit der Zeit nicht mehr in der Lage, uns und die Realitäten der Vergangenheit so zu sehen, wie sie waren, und - wir vergessen, dass wir „vergessen“ haben. Doch beeinflussen Selbsttäuschungen, Vertuschungen und Verfälschungen unser Leben stärker als wir ahnen. R.D. Laing hat dies in seinen „Knoten“ so ausgedrückt: „Was wir denken und tun, wird von all dem begrenzt, was wir nicht wahrnehmen. Und weil wir das nicht wahrnehmen, dass wir all das nicht wahrnehmen, lässt sich auch nur wenig tun, dies zu verändern, solange bis wir bereit sind und lernen wahrzunehmen, wie das so blendend Ausgeblendete unsere Gedanken und Taten dennoch beeinflusst, prägt und formt.“
Diese verbannten Wahrnehmungen werden zu Leerstellen in unserem Selbstverständnis oder unserer Biografie. Hierhin gehört auch der „blinde Fleck“, der physiologisch eine Lücke in unserem Sehfeld bezeichnet und psychologisch die Unfähigkeit symbolisiert, etwas bewusst so zu sehen, wie es wirklich ist. Diese blinden Flecken haben aber auch eine Schutzfunktion, denn nicht immer können wir schmerzhafte Erfahrungen ertragen, und so werden diese gefiltert und nur selektiv ins Bewusstsein aufgenommen.
Von Mark Twain soll die Erkenntnis stammen, je älter er werde, umso lebhafter erinnere er sich an die Dinge, die gar nicht passiert seien, doch zumeist bringen wir nicht so viel Humor auf, um unsere erdachten biografischen „Ergänzungen“ selbstironisch aufzudecken. Meistens aber handelt es sich um Tatsachen, die so leidvoll und schwierig für unser Selbstbild und unsere Selbstachtung sind, dass sie verleugnet und verdrängt werden müssen. Wir schützen uns mit selektiver Wahrnehmung vor unseren Ängsten und lassen nur das in unser Bewusstsein, was für uns erträglich ist. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Wenn wir allerdings über einen langen Zeitraum unsere Realität leugnen oder verbiegen, dann kann aus der anfänglichen Schutzmaßnahme eine Lebenslüge entstehen, die uns von uns und unseren eigentlichen Lebensinhalten und -aufgaben wegführt.
Wo liegt nun der Unterschied zwischen Selbsttäuschung und Lebenslüge und inwiefern bedingen sie einander? Ich möchte das an einem astrologischen Beispiel erklären: Mit einem starken, kritisch gestellten Neptun unterliegen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit einigen Selbsttäuschungen, wir erfinden unsere Wahrheit, die den realen Gegebenheiten und unserer Wesensart nicht oder nur teilweise entspricht. Daraus kann sich eine Lebenslüge manifestieren, die unser gesamtes Sein und Leben bestimmt.
Stellen wir uns eine Frau mit einem dominanten Neptun im fünften Haus mit einigen Venus-Aspekten und einer Sonne/Saturn-Opposition vor. Seit ihrer Kindheit war es ihr Traum, kreativ zu arbeiten, wenn möglich als Malerin, sie erlitt aber einige Rückschläge, die ihr den Mut nahmen und ihr Selbstbewusstsein untergruben. Nun wird sie Mutter, und ohne dass sie sich dessen wirklich bewusst sein muss, hat sich ihr Dilemma scheinbar gelöst. Ihr fehlt die Zeit - und jeder versteht das nur zu gut -, sich der Verwirklichung ihres Lebenstraumes widmen zu können, stattdessen beginnt die Lebenslüge, die sich durch die Geburt von weiteren Kindern fortsetzt. Vielleicht resümiert sie am Ende ihres Lebens: Eigentlich wollte ich immer Malerin werden. Mit wehmütigem Blick und neptunischer Opferhaltung bedauert sie ihr Schicksal, obwohl sie ihre Kinder sehr liebt. Auf die Frage, warum sie denn nicht jetzt, wo die Kinder erwachsen sind, wieder kreativ arbeitet, werden die Enkel zum Hinderungsgrund usw. usf.
Es ist oftmals dieses Eigentlich, das uns – wenn wir es zuließen - darauf aufmerksam machen könnte, dass aus einer anfänglichen, vielleicht nicht sehr gravierenden, Selbsttäuschung eine Lebenslüge wurde. „Nimm dem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge und du hast ihn auch seines Glückes beraubt.“(Ibsen)
Denken wir beispielsweise an die Homosexualität, die vor vielen Jahren noch ein Tabu-Thema war und für die Familie eine unerträgliche Katastrophe. Was geschieht mit einem jungen Menschen, besonders wenn er katholisch erzogen wurde, wenn er seine homoerotische Neigung brutal unterdrückt, stattdessen heiratet und eine Familie gründet? Kann er diese Lebenslüge aufrecht erhalten oder „outet“ er sich später und mutet die schmerzhafte Wahrheit seiner Familie zu? Ganz zu schweigen von den Kindern, deren Väter im zweiten Weltkrieg Nazi-Größen waren, die sich schämen und eine Lebenslüge aufbauen müssen aus Angst vor Achtungsverlust und Anfeindung.
Ein interessantes Phänomen sind die familiären Lebenslügen, mit denen wir oftmals schon als Kinder konfrontiert werden und gar nicht realisieren können, was da Geheimnisvolles nicht an- oder ausgesprochen werden darf. An dem Familienmythos, der an die Stelle der wahren Familiengeschichte getreten ist, wird gearbeitet, indem Vorkommnisse verniedlicht, frisiert und rationalisiert werden. Um diese Lügen astrologisch zu ergründen, muss man wahrscheinlich weit in der Familiengeschichte zurückgehen und sich den sich wiederholenden Faktoren der Horoskope widmen, durch die wir dann auf einen bestimmten Themenkomplex stoßen.
In diesen Problembereich gehören auch die Selbstgeheimnisse, die, einmal ans Tageslicht gebracht, unsere Persönlichkeit, Persona und Selbstwert bedrohen. Ein trockener Alkoholiker muss ja nicht unbedingt sein Umfeld über seine wenig rühmliche Vergangenheit in Kenntnis setzen, denn er weiß ja, welche Vorurteile und sogar Diskriminierungen ihn dann erwarten. Die Selbstgeheimnisse unterscheiden sich von den Selbsttäuschungen durch ihre Bewusstmachung, wir wissen ja um unsere Befindlichkeit, haben aber beschlossen, darüber zu schweigen. Wir täuschen im gewissen Sinne andere mit unserem Geheimnis, aber unsere Entscheidung zu schweigen, ist allemal zu respektieren. Es gibt in jedem Leben die Wahl, eine leidvolle Wahrheit ruhen zu lassen oder sie zu enthüllen, und das fällt in die Verantwortlichkeit des betreffenden Menschen.
„Jeder Mensch hat Erinnerungen, die er nicht jedem erzählen würde, sondern nur seinen Freunden. Anderes, was er im Sinn trägt, würde er noch nicht einmal seinen Freunden erzählen, sondern nur sich selbst, und das heimlich. Aber dann gibt es noch andere Dinge, die sogar sich selbst zu erzählen er Angst hätte, und jeder anständige Mensch hat eine Reihe solcher Dinge tief in seinem Geist vergraben.“ 1
Die „Offenbarungen“ von Günter Grass, dass er als Jugendlicher der Waffen-SS angehörte, sind meines Erachtens eine Mischung aus Selbsttäuschung, Lebenslüge oder auch Selbstgeheimnis, eine Lebensepisode, die er unterschlug, leugnete oder verdrängte. Die Empörung seiner Kritiker zielte vor allem daraufhin ab, dass er mit moralisch erhobenem Zeigefinger andere Menschen sehr scharf zu kritisieren wusste. Er sieht den „Splitter im Auge des anderen“, aber nicht den „Balken in seinem eigenen Auge“. Saturn transitierte im vergangenen Spätsommer, als seine SS-Waffen-Zugehörigkeit bekannt wurde, sein zehntes und Neptun in Opposition sein viertes Haus, hier handelt es sich um einen Wiederholungsaspekt, der im Radix als Quadrat auftritt. Zu beachten wären in diesem Zusammenhang auch sein stolzer Löwe-MC und Neptun im zehnten Haus. Allerdings ist das Thema natürlich viel komplexer und kann hier nicht ausführlich untersucht werden, sondern soll nur als Hinweis auf die Vielfalt von Täuschungen und Lebenslügen dienen. 2
In jedem Horoskop können wir auf die Suche nach der Möglichkeit von Selbsttäuschungen und Lebenslügen gehen und werden sie – zumindest ansatzweise – auch finden. Jedes Sternzeichen hat seine „blinden Flecken“, die wir ängstlich ignorieren, deren damit verbundenen Wesenszüge und Verhaltensweisen wir leugnen, weil wir uns ihnen nicht gewachsen fühlen. Da wir uns aber zu einer Identität analog unserem Sonnenzeichen hinentwickeln sollten, wäre es für unsere individuelle Entfaltung von großer Bedeutung, das in uns angelegte Potenzial nicht durch Selbsttäuschungen überschatten zu lassen.
Hier einige vereinfachte Beispiele:
Der Stier entzieht sich vielleicht jeder grundlegenden Veränderung und Aufforderung zur Wandlung, und sei der Ruf noch so stark. Über seine Flucht in eine seiner Entwicklung abträglichen Passivität täuscht er sich mit (für andere) fadenscheinigen Begründungen: Er könne seine Mietwohnung nicht aufgeben, woanders fände er keine ähnlich gute berufliche Position etc. etc.
Der Löwe flüchtet aus Angst vor Niederlagen in Positivismus, sein Selbstdarstellungsdrang hat wenig mit seinem eigentlichen Lebensziel zu tun, er weicht vor jeglicher Kritik zurück und ist nicht in der Lage, seine eigenen dunklen Seiten konstruktiv zu betrachten. So bleibt er auf einem Niveau, das der strahlenden Sonnen-Selbstverwirklichung, der kreativen und individuellen Entfaltung seiner Löwe-Anlagen, nicht im entferntesten entspricht. Sein Umfeld mag an ihn glauben, wenn er besonders imposant auftritt, nur er glaubt zutiefst nicht an sich, und das ist schließlich seine Lebenslüge.
Der Wassermann ist so mit seiner individuellen Besonderheit beschäftigt, dass es ihm nur noch um Originalität und Fortschritt geht. Er könnte der Meinung sein, dass er den Individuationsweg nach C.G. Jung geht, dabei pflegt er lediglich seine egoistischen Bestrebungen, um sein Selbstbild aufrecht zu erhalten. Vielleicht gelingt es ihm lebenslänglich, aber dann ist er vielleicht etwas so „Besonderes“, dass er sich isoliert fühlt und emotional verhungert.
So eindeutig sind die Zuordnungen natürlich nicht, denn Aspekte und Hausstellungen färben jede Sonne und ihre Aufgaben, und damit die Möglichkeiten zur Selbst-Täuschung und zu Lebenslügen oder im positiven Fall auch deren Bewältigung. Autobiografien sind stets selektive Erinnerungen: Einzelheiten werden so frisiert, dass nur anekdotisch amüsante Misserfolge stattfanden, während die Erfolge auf das eigene Wirken zurückzuführen sind. Unsere Fähigkeit zur Wirklichkeitsausblendung ist beachtlich, was ich an einem Beispiel aus der Biografie des amerikanischen Politikers Henry Kissinger zeigen möchte:
Kissinger wuchs als Kind jüdischer Eltern in Fürth (Bayern) auf, und er musste Jahre der Verfolgung und Demütigung erleiden. So durfte er nicht mit Nichtjuden spielen, wurde aus der Schule und vom Sport ausgeschlossen, musste im eigenen Garten bleiben, während die nichtjüdischen Kinder ins Schwimmbad gehen konnten. 1958 sagte Kissinger: „Es scheint so, dass mein Leben in Fürth verlief, ohne bleibende Eindrücke zu hinterlassen“ und wiederholte 1971: „Dieser Teil meiner Kindheit kann nicht als Schlüssel für irgend etwas bezeichnet werden (…). Was vorging, nahm ich eigentlich gar nicht wahr. So ernst erscheinen Kindern diese Dinge nicht.“
Wenn wir uns das Radix von Henry Kissinger zu diesem Kindheitsthema (oder besser -trauma) anschauen, dann finden wir den Wassermann-Neptun in Konjunktion zum IC. Allein schon diese Konstellation/Platzierung gibt uns den Hinweis, dass die Erfahrungen seiner Kindheit durch eine hohe Sensibilität geprägt waren. Mit Neptun im vierten Haus, besonders in enger Konjunktion zum IC, ist die Beeinflussbarkeit und Aufnahmefähigkeit für Stimmungen und Atmosphären im häuslichen/kindlichen Umfeld außerordentlich hoch, die Empfindsamkeit sehr ausgeprägt, und so müssen die Wahrnehmungen zum Selbstschutz ins Unbewusste verbannt und zu Leerstellen werden. Oftmals kommen diffuse Ängste auf, die nur schwer verbalisiert werden können, und auf einen Mangel an Sicherheit und Geborgenheit, einer Art innerer Entwurzelung, zurückzuführen sind. Unter anderem wird ihm das Quadrat von Neptun zu Jupiter geholfen haben, indem er durch Höhenflüge und dank einer positiven Vorstellungskraft der Realität entfliehen konnte.
Chiron im elften Haus in Opposition zum Waage-Mond und Halbquadrat zur Zwillinge-Sonne in zwölf lassen uns vermuten, dass H. Kissinger damals sehr unter dem Verbot der Freundschaften mit Nichtjuden und unter Einsamkeit zu leiden hatte. Auch hier zeigt sich sein großes Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit durch Freundschaften, seine hohe Sensibilität und Enttäuschungen, die ihn wohl lebenslänglich begleiteten, da er diese Demütigung und Ausgeschlossenheit sicher nicht verarbeiten konnte, denn seine bewusste Erinnerung an diese Zeit wurde offensichtlich ausgeblendet. Es ist anzunehmen, dass diese Kindheitserfahrungen für seinen späteren Werdegang motivierend waren und/oder seine politische Karriere maßgeblich beeinflussten.
Wir sehen hier, wie Neptun sich in einem Haus manifestieren und unsere Selbsttäuschung bereits in der Kindheit beginnen kann (nicht muss). Wenn wir uns Neptun in seiner jeweiligen Hausplatzierung anschauen, dann können wir bei entsprechender Aspektierung Aufschluss über den Bereich unseres „Vergessens“ erhalten oder wo wir durch verminderte Bewusstheit Leerstellen und verzerrte Wahrnehmungen erfahren haben (siehe auch oben das Radix von Günter Grass).
Oft lesen wir in Büchern über Neptun, dass wir in dem von ihm „bewohnten“ Haus Opfer bringen „müssen“. Hier stellt sich mir die Frage, ob wir nicht einer neptunischen Selbsttäuschung erliegen, denn wer weiß denn – wissen wir’s wirklich? -, ob wir diese Opferrolle nicht allzu willig selbst gewählt haben und nun nicht nur uns selbst, sondern andere täuschen, so dass von „müssen“ keine Rede sein kann. Ich würde Menschen, die wir allgemeinhin als neptunisches Opfer einordnen, nur unter gewissen Umständen Glauben schenken, denn wir nisten uns in unseren Selbsttäuschungen und Lebenslügen manchmal nur zu gerne gemütlich ein, abgesehen von den besonderen Möglichkeiten zu manipulieren und mit angeblicher Ohn-Macht subtile Machtspielchen zu treiben. „...zudem ist häufig die Befriedigung aus der Stimme des Leidenden ganz unmissverständlich herauszuhören oder ein Glitzern in seinen Augen wahrzunehmen, wenn er sich über ein weiteres Scheitern, eine weitere Demütigung oder Niederlage beklagt, die er den Klauen des Sieges entrissen hat.“ 3
Bei einer Platzierung von Neptun in Konjunktion zum Mond im zehnten Haus zum Beispiel mag man Probleme mit seinen Lebenszielen haben und von seiner kränkelnden Mutter in einer klaren Planung nicht unterstützt, vielleicht auch zur Passivität und Opferrolle beeinflusst worden sein. Nun stehen aber unsere Steinbock-Sonne in Konjunktion zu Saturn und Quadrat zum MC, was uns einen Hinweis auf Ehrgeiz und den Wunsch nach Anerkennung gibt. Was machen wir? Wir fühlen uns als Opfer der häuslichen Umstände, einer leidenden Mutter und nehmen diese Rolle allzu gerne an, weil wir Angst haben, im Berufsleben zu versagen.
Es gibt aber auch sanftere Arten der Selbsttäuschung, wie sie zum Beispiel bei Jupiter/Neptun üblich sind, die gar nicht mal so schlecht miteinander auskommen. Sie haben nur den Makel von irrealen Höhenflügen, die mit einer wundersamen Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten und Grenzen einhergehen. Eine positive Manifestation dieser beiden Kräfte hat meines Erachtens nur auf höheren, also nicht-irdischen, Ebenen eine realistische Chance, aber auch dort können Gefahren lauern, die wir gut-gläubig übersehen. Außerdem ist in diesem Fall, aber auch bei ähnlichen Gegebenheiten, das Motiv von größter Bedeutung: Beinhaltet es schon eine Selbsttäuschung oder den Beginn einer Lebenslüge?
Wie tragisch Selbsttäuschungen und Lebenslügen enden können, möchte ich am Schicksal der amerikanischen Lyrikerin Sylvia Plath zeigen:
Sylvia Plath wurde bei uns bekannt durch ihren autobiografischen Roman „Die Glasglocke“ und ihre „Briefe nach Hause“. Sie meinte, ihre Mutter lebenslänglich über ihren wahren inneren Zustand täuschen zu müssen, und die Mutter wollte oder konnte das Wesen ihrer Tochter unter keinen Umständen so wahrnehmen, wie es wirklich war, sie hatte für Sylvia eine akademische Laufbahn vorgesehen. Der Vater starb, als sie acht Jahre jung war, und sie litt sehr unter dieser Trennung. Dazu finden wir im Radix ein Quadrat von Saturn auf ihre Sonne und als Haupttransit war zu jener Zeit Pluto Quadrat Sonne fällig.
Sylvia Plath schrieb achtzehnjährig in ihr Tagebuch: „Masken sind heutzutage an der Tagesordnung, und das mindeste, was ich tun kann, ist, die Illusion zu pflegen, dass ich fröhlich, ausgeglichen und nicht ängstlich bin.“ Diese Maske setzte sie auf, um sich nicht nur ihrer Mutter, sondern später auch ihrem Ehemann anzupassen. Auch auf geistigem Gebiet, als sie später als Redakteurin arbeitete, verleugnete sie sich selbst und ordnete sich den Erwartungen ihres Arbeitgebers unter. Erst 1958 nach ihrem ersten Selbstmordversuch entscheidet sie sich, gegen den Willen ihrer Mutter, für ein Leben als freie Schriftstellerin. Und dennoch schrieb sie: „Ich sehne mich nach Dingen, die mich am Ende zerstören werden.“
Diese immer währende Sehnsucht finden wir in der Jupiter/Neptun-Konjunktion im siebten Haus, für die missglückte Beziehung zu ihrer Mutter allerdings ist der unaspektierte Waage-Mond im siebten Haus von größter Bedeutung, da er ihr mehr oder weniger auferlegte, ein Eigenleben zu führen. In Waage und siebtem Haus lässt das auf verstärkte Anpassung schließen, um sich das dringend benötigte Gefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit zu verschaffen.
Auch wenn Sylvia Plath sich ihrer wahren Bedürfnisse bewusst gewesen sein mag, so lebte sie ein Schein-Leben, eine Lebenslüge, weil sie meinte, die Erwartungen von anderen erfüllen zu müssen, diese Menschen aber täuschte und schließlich voller Verzweiflung war. Auch das Quadrat von Neptun (in sieben) auf Merkur und dessen Opposition zu Chiron im dritten Haus spielen hier eine bedeutsame Rolle. Fantasievolle Gedankenflüge und eine herabgesetzte Wahrnehmung der Realität gehören hier zusammen, sowie die Gabe, auch Ungesagtes und nur Gedachtes intuitiv zu erfassen mit einer hohen mentalen Einfühlungsgabe. Durch Chiron ist es aber wahrscheinlich, dass sie bereits in der Kindheit die schmerzhaften Erfahrungen machen musste, dass ihre Art zu denken nicht verstanden wurde, sie sich dadurch unzulänglich fühlte und ihre individuellen Fähigkeiten nicht wirklich schätzen lernte. So brachte sie auch nicht den Mut auf, ihre wahren inneren Zustände und Bestrebungen auszudrücken.
„Der Grund ihrer Verzweiflung war nicht das Leiden, sondern die Unmöglichkeit, dieses Leiden jemandem mitzuteilen. (…) Hätte Sylvia auch aggressive und unglückliche Briefe an ihre Mutter schreiben können, dann hätte sie keinen Selbstmord begehen müssen.“ 4 Wir sehen hier, wie das Zusammenspiel aller Kräfte, die nicht in die richtigen Bahnen gelenkt werden können, einen Menschen so beeinflussen, dass sein auf Täuschung und Selbsttäuschung aufgebautes Leben und den damit verbundenen Sehnsüchten, zusammenbricht. Die Manifestationen von Pluto in Haus fünf in Opposition zu Saturn in zwölf und die schwierige Skorpion-Sonne in acht im Quadrat zum Steinbock-Saturn in zwölf gaben ihr nicht die Kraft, sich aus dieser Verzweiflung zu befreien, sondern verstärkten ihr Gefühl der Ausweglosigkeit.
Plutos Platzierung und seine Aspekte sind für unser Thema ebenfalls von großer Bedeutung. Im Horoskop von Sylvia Plath konnten wir schon den großen Einfluss Plutos im fünften Haus auf ihren Lebensweg erkennen, zumal dieser Planet der Herrscher ihres Sonnenzeichens ist. Pluto symbolisiert dort unseren individuellen Selbstausdruck, der eigentlich wenig Zweifel daran lässt, dass wir wissen, was wir wollen und dass wir versuchen werden, unser Ziel zu erreichen. Die schwierige Manifestation liegt darin, dass wir dem darin enthaltenen Wandlungsweg von „Stirb und Werde“ – aufgrund des Gesamthoroskops – gewachsen sein sollten, und wenn wir (wie S. Plath) nicht alles erreichen können, könnten wir uns für das Nichts entschließen.
Nun zu der Geschichte eines Bekannten, der sich vor ca. zwanzig Jahren sein Horoskop stellen ließ. Demnach hatte er einen Löwe-AC, schmückte sich mit dessen positiven Eigenschaften und kokettierte mit den weniger guten Wesenszügen. Als ich auf seine Bitte sein Horoskop nochmals erstellte, mutierte er zum Krebs-AC mit seiner Mond//Pluto-Konjunktion im zwölften Haus, statt im ersten Feld. Er fiel aus allen Selbsttäuschungs-Wolken, und es brauchte einige Zeit, bis er sich mit seiner Krebs-Natur befreundete. Da er eine sehr spannungsreiche Beziehung zu seiner Mutter hat, die er für die von ihr angedeutete schwierige vorgeburtliche Phase, von der er sich so negativ beeinflusst fühlte, verantwortlich machte, passt diese Konjunktion auch besser in sein zwölftes Haus. Er vermutet heute noch, dass er aus einer Beziehung stammt, die seine Mutter vor und während der Schwangerschaft mit einem anderen Mann hatte. Aber weder er, noch sein leiblicher Vater wollen die Wahrheit erfahren und sind aus Angst bereit, eine Lebenslüge zu leben und das Spiel der Täuschung aufrecht zu erhalten.
In dem von Pluto besetzten Haus erleben wir unsere Traumata, Ein- und Umbrüche, wir begegnen dort unseren inneren Dämonen, die wir zwar gerne nach außen projizieren, aber damit sind sie nicht verschwunden, sondern treiben weiter ihr Unwesen in uns und konfrontieren uns mit nicht nachlassender Intensität mit unseren Schattenseiten. Es versteht sich, dass wir nur allzu bereit sind, diese Energien ins Unbewusste zu verbannen und uns und andere zu täuschen, indem wir uns angepasst verhalten, ohne es auch nur annähernd zu sein. Je dominanter und kritischer Pluto platziert und aspektiert ist, umso größere Geheimnisse tragen wir mit uns herum und verbringen allzu oft ein Leben, das auf Lügen aufgebaut ist.
Wenn Pluto im vierten Haus platziert ist, dann könnte es sein, dass uns in der Kindheit Ereignisse widerfuhren, die mit unseren familiären und/oder seelischen Wurzeln, besonders mit der Beziehung zu unserem Vater, zu tun haben. Familiengeheimnisse, Tabus und traumatische Erfahrungen sind hier, je nach Aspektierung, nicht selten. Es ist aber genauso gut möglich, dass wir diesen in unseren Augen verlogenen Täuschungen und Vertuschungen ein Ende und alles auf eine Karte setzen und uns um die radikale Bewältigung der Vergangenheit bemühen, ohne Rücksicht auf die davon mit betroffenen Personen zu nehmen. Ein harter Aspekt von Pluto auf unseren Mond kann ähnliche Verhaltensweisen zeigen.
Pluto im siebten Haus (auch Pluto im harten Aspekt zu Venus) versteht es, eine Beziehung zu führen, in der offensichtlich alles zum Wohle des Partners geschieht. Unsere Machtbestrebungen, unsere Angst vor Verlust und Dominanz, unsere Kontrollmechanismen und Manipulationen sind so gut kaschiert, und womöglich glauben wir auch noch an unsere edlen Motive, dass wir nicht nur Selbsttäuschungen unterliegen, sondern eine Beziehung auf einer Lebenslüge aufbauen, die wahrscheinlich schon in unserer Kindheit begann, ohne dass wir diesen Kreislauf unterbrechen konnten.
Wir produzieren also Lebenslügen, die wir für wahr halten und als Überzeugungen leben, die wiederum mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Wir haben Erwartungen, die irreal und völlig unrealistisch sind und leben mit Selbsttäuschungen, die wir uns aus bestimmten Gründen angeeignet haben. Im Grunde genommen handelt es sich hier um Selbstbetrug, auch wenn wir noch so plausible Umschreibungen für unsere Verhaltensweisen erfinden.
Bei all den kritischen Blicken, die wir auf uns oder auf andere werfen, dürfen wir nicht vergessen, dass wir die schützenden Maßnahmen brauchen, um schmerzhafte Informationen von uns fernzuhalten, weil sie uns gefährlich werden könnten. Es geht wohl nicht anders, als dass wir Wahrnehmungen zunächst filtern und selektiv zulassen. Bei dieser voreingenommenen Auswahl, sofern unser Unbewusstes uns alle Wahrnehmungen freigibt, gilt es also zu entscheiden, was uns überfordert und schädigen kann, was für unsere Entwicklung dringend erforderlich ist oder was wir zunächst ruhen lassen sollten, bis wir in der Lage sind, damit umzugehen.
Welche Selbsttäuschungen und Lebenslügen, aber auch Illusionen (Jupiter/Neptun), hindern uns nicht an unserer Entfaltung und wann beginnt der Selbstbetrug, der uns auf lange Sicht Schaden zufügt? Ich denke, diese Frage muss jeder Mensch für sich beantworten, allerdings sollte er sich um Einsicht bemühen und um Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Das nämlich ist die Voraussetzung für alle weiteren Schritte, ohne Einsicht - und wahrscheinlich Mut - passiert überhaupt nichts.
„Alles Gute ist kostbar, und die Entwicklung der Persönlichkeit gehört zu den kostspieligsten Dingen. Es handelt sich um das Jasagen zu sich selber – sich selbst als ernsthafteste Aufgabe sich vorsetzen und sich dessen, was man tut, stets bewusst bleiben und es in allen seinen zweifelhaften Aspekten sich stets vor Augen halten -, wahrlich eine Aufgabe, die ans Mark geht.“ 5
Fussnoten:
1 DOSTOJEWSKI, Fjodor
Aufzeichnungen aus einem Kellerloch
Fischer 2006
2 GRASS, Gunter: 16.10.1927, 07.00 h in Danzig
3 GREENE, Liz
Neptun, Astrodienst, Zollikon
4 MILLER, Alice
Am Anfang war Erziehung, Suhrkamp 1983
5 JUNG, C.G.
Gesammelte Werke, Bd. 13, Rascher, Zürich 1967
(Erstveröffentlichung in ASTROLOGIE HEUTE - www.astrologieheute.ch)
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