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Ludwig II. Mars-Neptun am MC oder: Wie ein Mythos entsteht

HP Petra Dörfert
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Dienstag, 17. Juni 2008, 15:15

'Ludwig II. Mars-Neptun am MC oder: Wie ein Mythos entsteht' - Beitrag von HP Petra Dörfert

Der Mythos Ludwigs II. ist ungebrochen: Die Touristen strömen nur so nach Neuschwanstein, Ludwigs Antlitz ziert Teetassen, Bierseidel, Brieföffner und andere obskure Mitbringsel, ein ganzer Landstrich ist nach ihm benannt (der „Königswinkel“, d.h. die Region zwischen Füssen, Schwangau und Linderhof) und neuerdings gibt es sogar ein Ludwig-Musical, das bezeichnenderweise „Sehnsucht nach dem Paradies“ heißt. „Warum liebt das Volk gerade diesen König?“, fragt ein Münchner Ludwig-Fanclub ziemlich pathetisch auf seiner Homepage. Ja – warum eigentlich? Und dieses „Volk“ ist mittlerweile ziemlich angewachsen: Es besteht nicht mehr nur aus bayrischen Patrioten, sondern aus den Touristenscharen aus aller Welt, die in ihm den Inbegriff romantischen Deutschtums verwirklicht sehen bzw. hier endlich den König finden, der so gelebt hat, wie es die Könige in den Märchenbüchern tun (und dessen Schlösser genau so aussehen wie das „Cinderella-Schloß“ in Disney-World), und nicht zuletzt aus der Vielzahl derer, die mit ihm aufgrund seiner homosexuellen Neigungen sympathisieren und sich gerade deshalb mit seiner glanzvollen und zugleich tragischen Außenseiterposition identifizieren. Sein ungeklärter Tod, aber auch seine vielfach verschleierten Lebensumstände regen die Phantasie - aller Verehrer und Fans - immer wieder aufs Neue an. Die Frage, wie aus einem sehr privaten, sehr zurückgezogenen und aller Wahrscheinlichkeit nach unglücklichen Leben ein Mythos werden konnte, der praktisch jedem etwas „bietet“, soll in diesem Artikel nachgegangen werden.

Dreh- und Angelpunkt meiner Deutung werden die vielfältigen Brechungen des Mars-Neptun-Themas am MC[1] sein, die Ludwigs Leben und Nachleben - bis heute - prägen. Hinzu treten die Sonne im 4. Haus sowie Jupiter und Mond im 12. Haus (Ludwigs starker Hang zu Rückzug und Einsamkeit), gepaart mit Venus-Merkur im 5. Haus (dem gleichzeitig paradoxen Wunsch trotzdem auf die Bühne zu treten), dazu Uranus und Pluto im 11. Haus (gesellschaftliches Außenseitertum, das schließlich einen gefährlichen Rückschlag verursacht).

Ludwigs Jugend ereignet sich in ungewöhnlicher Abgeschiedenheit. Er und sein jüngerer Bruder Otto (1848-1916) verbrachten – fernab von München, der Residenz und dem Hofleben - die meiste Zeit auf Schloß Hohenschwangau. Am Kontakt mit Gleichaltrigen mangelte es. Ludwig scheint unter diesen Umständen jedoch kaum gelitten zu haben. Das historistische Ambiente von Hohenschwangau mit seinen Sagenfresken über die Nibelungen, Dietrich von Bern und den Schwanenritter scheint den introvertierten Knaben inspiriert zu haben, der schon früh den Hang zum Träumen und Kostümieren zeigt. Als er einmal wegen einer Augenkrankheit in einem abgedunkelten Zimmer liegen muß und nicht lesen darf, bekundet er seinem Erzieher: „Ich langweile mich gar nicht .. ich denke mir verschiedene Dinge aus“.[2]

Die Bildung der Prinzen fällt eher dürftig aus. Die ältlichen Privatlehrer sind mittelmäßig und trotz des straffen Stundenplans scheint nicht viel hängen zu bleiben - Ludwig beherrscht z.B. entgegen der Zeitsitte keine der alten Sprachen. Der geplante Universitätsbesuch in Göttingen fällt wegen der unerwartet frühen Thronfolge aus (Saturn in 9). Ludwig wird zeitlebens versuchen, seine Bildung durch pflichtbewußte Zeitungslektüre, die stets mit sorgfältigen Unterstreichungen einhergeht, und ein immenses Lektüreprogramm, das im Alter überkompensatorische Züge annimmt (er läßt sich aus der Bayrischen Nationalbibliothek gleich körbeweise Bücher heranschaffen), zu vervollständigen. Er erwirbt dabei ein detailliertes (und manchmal detailversessenes) Wissen in Literatur und Geschichte, beschäftigt sich allerdings immer nur mit dem, was ihn ganz privat interessiert. Er liest kursorisch, überfliegt und legt auch schnell wieder beiseite. In seinen späten Lebensjahren entwickelt er einen nervösen Lesehunger, der ihn auch während Kutschfahrten nicht mehr verläßt (Zwillings-AC in Kombination mit Jungfrau-Merkur im „eigenwilligen“ II. Quadranten und Saturn im 9. Haus).

Ludwigs Initiation in seinen Mythos (mit Mars/Neptun am MC benötigt man unbedingt einen solchen!) erfolgt am 2. Februar 1861, im Alter von 15 Jahren: Ludwig erhält nach mehrjährigem Insistieren die Erlaubnis, einer Aufführung des „Lohengrin“ beizuwohnen. Die Wirkung ist immens: „Fassungslos und in Tränen aufgelöst“ habe der Knabe in der Loge gesessen - so jedenfalls besagt die Legende.[3] Die Bilderwelt aus Schwangau scheint für Ludwig hier lebendig geworden zu sein. Nach der Aufführung beschäftigt er sich unablässig mit Wagner, auch wenn er erst nach 3 Jahren eine weitere Lohengrin-Aufführung durchsetzen kann. Er liest alles, was ihm über Wagner in die Hände fällt, verlangt von seinem Zeichenlehrer, ihm Wagnersche Motive abzubilden, „Schwan und Kreuz“ sind von nun an sein Briefsiegel. Chiron (Initiation) hatte kurz vor dem entscheidenden Theaterbesuch die Mars-Neptun-Konjunktion sowie den MC überquert. Zudem stand Neptun in der ersten Februarhälfte exakt in Opposition zur Halbsumme der Merkur/Venus-Konjunktion an der Spitze des 5. Hauses: Neptun scheint damit Ludwigs Hang zur theatralischen Inszenierung eben dieses Mythos erweckt zu haben.

Worin aber bestand dieser Mythos für Ludwig? Ludwig war eigentlich als König zu spät auf die Welt gekommen bzw. muß er das so empfunden haben (auch wenn die früheren Zeiten wohl niemals so ideal gewesen sind, wie er sich das wohl vorgestellt haben mag...). Die Monarchie hatte im Laufe des 19. Jahrhundert schwere Schläge hinnehmen müssen: Seit der Französischen Revolution und Napoleon, der gekrönte Häupter ungeniert absetzte und ernannte, waren das Gottesgnadentum und die absolute Monarchie erschüttert. Weitere Revolutionen hatten Parlamente, Wahlen und allgemeinverbindliche Rechte erzwungen. Als Herrscher konnte man weniger denn je willkürlich schalten und walten, sondern mußte sich mit Ministern über oft langweilige Sachfragen verständigen, meist ein Parlament dulden und sich mit so monarchiefernen Dinge wie Sozialdemokratie und Liberalismus auseinandersetzen. Dem königlichen Etat waren klare Grenzen gesetzt, das Verhalten eines Herrschers wurde an bürgerlichen Maßstäben gemessen. Die Industrialisierung machte sich bereits so stark bemerkbar, daß Fabrikschornsteine und Telegrafenmasten die Landschaft verschandelten, und das antimythische Denken in Form des Rationalismus trat gerade seinen Siegeszug an. Ludwig verabscheute alles dies. Seine Vorbilder waren sagenhaft-ideale, aber auch historische Vertreter des absoluten Königtums: die Gralsritter (ein ideales Korrelat zu Mars/Neptun!) genauso wie der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV., der spanische Hof des 16. und 17. Jhs., später auch das chinesische und byzantinische Reich. Dieses jegliches Gleichheitsprinzip negierende, autokratische Königtum versuchte er gegen die Realitäten und Tatsachen seiner Zeit zu verköpern (Mars/Neptun am MC), und da dies faktisch unmöglich war, wenigstens im Rückzug zu inszenieren (Sonne im 4. Haus, Jupiter und Mond im 12. Haus, Merkur/Venus im 5. Haus). Mit Mars/Neptun am MC konnte er seine Rolle als König nicht klar, sondern nur mythisch überhöht sehen, dementsprechend umgekehrt wurde er nicht als real agierender Politiker, sondern schon früh als „Märchenkönig“ wahrgenommen, hinter dessen Mythos die tatsächliche Person verschwand (seine Jungfrau-Seiten sind z.B. nach außen hin nur schwach wahrnehmbar, s.u.). Allerdings war es wohl Ludwigs Schicksal, genau diesen Glanz in die Welt tragen bzw. in einer „entzauberten Welt“ verkörpern zu müssen.

Der Tod von Ludwigs Vater, Maximilian II., kommt früh und unerwartet, so daß Ludwig schon im März 1864 achtzehnjährig den Thron besteigen muß. Pluto steht zu diesem Zeitpunkt exakt in Konjunktion zum Radix-Jupiter im 12. Haus. Eine seltsame Konstellation für einen Regierungsantritt! Die Position als König scheint Ludwig schlagartig dazu zu ermächtigen, endlich dem Rückzug ganz auf die Weise frönen zu können, wie er das gerne möchte - eine Entwicklung, die jedoch psychisch (Pluto im Transit durch 12) wie auf die öffentliche Meinung bezogen (Pluto kommt aus 11, hat daher mit Kollektivmächten zu tun) immer gefährlichere Züge annimmt und mit dem Tod Ludwigs unter dem transitierenden Pluto über dem Mond enden wird. Uranus läuft im Jahr des Regierungsantritts zweifach (im Juli und Dez. 1864 sowie erneut im April 1865) über den AC: Ludwig wird ab jetzt seine Rolle als „Sonderling“ vollendet zum Ausdruck bringen (Uranus kommt ebenfalls aus 11). Man könnte zwar argumentieren, daß ein König innerhalb der Gesellschaft immer einen Sonderstatus einnimmt, aber angesichts der vielen bürgernahen Könige und Kaiser dieser Zeit, die sich stromlinienförmig in Hofgesellschaft, Mode, Moralvorstellungen und Sitten des 19. Jhs. einfügten und die an sie gerichteten Erwartungen umstandslos erfüllten, ist Ludwig eine äußerst auffällige Erscheinung.

Ludwig steht dem Hofleben, von dem er stets ferngehalten worden war, zunächst einmal unerfahren gegenüber. Er bemüht sich aber, es dem Vater gleichzutun und den Regierungsgeschäften minutiös nachzukommen. Er hält Audienzen ab, sieht Akten durch, verfaßt reichlich Notizen und steht früh auf. Noch zeigt er sich so oft in der Öffentlichkeit, wie es von ihm verlangt wird. Ein verantwortungsbewußtes Herrscherleben scheint seinen Anfang zu nehmen, d.h. Ludwig lebt erst einmal ganz seiner Jungfrau-Betonung entsprechend.

Überraschender hingegen wirkt, wie eilig und konsequent er sich einen Jugendtraum verwirklicht: Ludwig läßt Wagner suchen und an den Hof berufen, dessen Vorwort des „Rings“ (1863) mit der Frage endete, ob sich wohl je ein Fürst finden werde, der die Aufführung dieses riesigen Werks ermöglicht. Bereits am 4. Mai kommt es zu der Begegnung beider, wobei das schwierige Verhältnis zwischen Ludwig II. und Richard Wagner[4] hier nicht im Detail beleuchtet werden kann. Generalisierend läßt sich sagen, daß Ludwig zwar Wagners Werk über alles schätzte und dessen Genie schwärmerisch bewunderte, er jedoch mit der Realperson Wagners große Probleme hatte und persönlich meist auf kühler Distanz blieb (Ludwigs Saturn auf Wagners Mond in 10: Ludwig verschafft Wagner die nötigen Rahmenbedingungen für dessen kreatives Schaffen, blockt jedoch persönliche Annäherungen ab - trotz der gleichzeitigen Sonne/Mond-Konjunktion in Zwillinge, die beide zum kulturellen „Zweiergespann“ machte). Wagners Schaffen stützt Ludwigs theatralische Neigungen (Wagners MC in Steinbock und Venus/Merkur am AC bilden jeweils Trigone zu Ludwigs Merkur/Venus-Konjunktion in 5) und befeuert dessen Imagination (Wagners Mars in 10 im Trigon zu Ludwigs Mond in 12). Ludwig stattet Wagner bis an sein Lebensende mit reichlichen Geldmitteln aus, so daß dieser sehr gut leben und ungehindert an seinen Projekten arbeiten kann - weswegen schon früh die öffentliche Kritik einsetzt: Wagner koste zuviel Geld und erlange zuviel Einfluß bei Hofe.

Obwohl Ludwig seine Pflichten ernst nimmt, kann er sich seiner Bedürfnisse nach Einsamkeit und Zurückgezogenheit nicht lange erwehren (Jupiter und Mond in 12). Auch jetzt, wo er seinen Umgang selbst wählen kann, bleibt er allein. In seinem Umfeld finden sich keine Gleichaltrigen, Freunde oder Vertraute (mit Uranus in 11, zudem als König, fand er nie einen „Club“, in den er gepaßt hätte). Er haßt das Leben in der Stadtresidenz, meidet Menschenansammlungen und flieht immer öfters in die Berge, wo er jedoch keine standesgemäßen Landpartien und Jagden veranstaltet, sondern einsame Wanderungen in Begleitung höchstens einer Person unternimmt. Auslandsreisen (seit Erfindung der Eisenbahn im 19. Jh. für gekrönte Häupter keine Seltenheit mehr) unternimmt er kaum welche (Saturn im 9. Haus) - bis auf wenige, meist kurze Reisen in die Schweiz und später nach Frankreich, bei denen er stets das Inkognito bevorzugt (mit Neptun am MC möchte man zuweilen unsichtbar sein!). Schließlich wählt er Schloß Berg am Starnberger See zum Hauptwohnsitz und zeigt sich wenig in München - das er meist nur mit dem Abendzug aufsucht, um sich Theateraufführungen anzusehen (seine große Theaterleidenschaft entspricht der Merkur/Venus-Konj. im 5. Haus). Schon bald widmet er - trotz aller guten Vorsätze - seinen privaten Neigungen mehr Zeit als den Regierungsgeschäften. (Es gibt übrigens erstaunlich viele Politiker und Staatsmänner mit Sonne im 4. Haus, so z.B. den Dalai Lama oder Gregor Gysi - sie alle müssen den Spagat zwischen dem öffentlichen Einsatz für die „Heimat“ und ihren Bedürfnissen als Privatmann bewältigen.)

Ludwig kam zeitlebens nie zu klarem Regierungshandeln. Schon rasch bildet sich  ein „marsisch-neptunischer“, sprich: nebulöser, einer deutlichen Linie entbehrender Regierungsstil heraus (auch wenn die Fähigkeit seines Jungfrau-Merkurs zum nüchternen Denken wohl nie so völlig schwand, wie uns die Legendenbildung glauben machen will), für den es eine Unmenge an Beispielen gibt: Durch seine häufige Abwesenheit von München war Ludwig für seine Beamtenschaft nur schwer zu erreichen, was jede Regierungstätigkeit und vor allem die Tagesgeschäfte enorm verkomplizierte. Wurden die Konflikte zu unerfreulich, konnte es passieren, daß er gänzlich abtauchte (so reiste er einmal, ohne den Hof zu informieren, zu Wagner in die Schweiz). Während der Niederlagen von 1866 zog sich Ludwig auf die Roseninsel im Starnberger See zurück, wo er nur per Ruderboot über die neuesten Entwicklungen informiert werden konnte (eine wahrlich brüske Art, sich die Staatsbeamten vom Leib zu halten) - und sich angeblich mit Feuerwerk ablenkte. Überhaupt flüchtete er sich stets ganz besonders in seine Privatinteressen, wenn die politische Lage belastend wurde. Was das konkrete Handeln anging, wirkte Ludwig oft unentschlossen und handlungsschwach, dann konnte er aber auch wieder recht nachdrückliche und willkürliche („sultanische“) Anordnungen treffen. Wenn er keine Lust hatte, sich eingehender mit einer Sache zu beschäftigen, entschied er voreilig und unbedacht - was bald von den Beamten ausgenutzt wurde, die genau wußten, wann er ein Blatt ohne Hinsehen unterschreiben würde. An einmal getroffenen Fehlentscheidungen hielt er aus Angst, für handlungsschwach gehalten zu werden, dann aber wider besseres Wissen fest, selbst wenn sich das für ihn als nachteilig entpuppen sollte. Bei der Ernennung von Ministern zeigte Ludwig nur wenig Gespür und Menschenkenntnis, so daß ihm die Münchner Regierungsgeschäfte mit der Zeit an Beamte entglitten, denen er strategisch nicht gewachsen war: Seine Vorstellungen wurden oft nicht umgesetzt oder man lockte ihm sogar die Zustimmung für Entscheidungen ab, die er so nicht gewollt hatte. Über politische Entwicklungen und Sachverhalte, die ihm mißfielen, aber gegen die er nichts tun konnte, pflegte sich Ludwig schlicht nicht zu äußern. Als einmal der preußische Kronprinz auf Staatsbesuch nach Bayern kam, empfing Ludwig den hohen Gast, „angeblich krank, im verdunkelten Zimmer, auf der Chaiselongue liegend“, und vermied es fünf Stunden lang, auf die eigentlichen Themen zu sprechen zu kommen! Statt zu befehlen, bevorzugte er es recht unköniglich, die Leute „einzuseifen“[5], d.h. solange seinen Charme zu versprühen, bis er bei jemandem sein Ziel erreicht hatte. Vor unangenehmen, aber unvermeidbaren Audienzen trank er rasch einige Gläser Sekt, gegen unliebsame Gesprächspartner bei Tisch ließ er sich mit bombastischen Dekorationen und Blumensträuße abschirmen.

Insgesamt kann man wohl sagen, daß Ludwig unter seinem Amt gelitten hat. Auch wenn er sich mit dem mythischen Teil seiner Herrscherwürde identifizieren konnte, tat er sich mit dem realen Regierungsgeschäft schwer. Mit Mars/Neptun am MC war er schlicht nur für ersteres, nicht jedoch für letzteres geboren (das undankbare an dieser Stellung ist, daß sich das „heimliche, subversive, verborgene“ Handeln von Mars/Neptun hier gleichsam auf dem Präsentierteller vollzieht; mit Mars/Neptun in 8 oder 12, wo das Handeln wirklich geheim bleiben darf, hätte er vielleicht ein geschickter Machiavellist werden können). Immer wieder sprach Ludwig von Abdankung (Neptun am MC = der König im Exil), auch wenn es ihm wohl niemals wirklich ernst damit war (denn die Abdankung ist eine moderne Idee, die der des Gottesgnadentum widerspricht). Er selbst hatte übrigens als erster den Gedanken, man könne doch das Gerücht verbreiten lassen, er sei geistig nicht ganz gesund und könne daher nicht mehr regieren...

Die schwierigen außenpolitischen Umstände (Saturn im 9. Haus) drängen Ludwig weiter ins Abseits. Erst wird er gegen seinen Willen - entsprechend seiner Mars/Neptun-Konjunktion verabscheute er Kriege und Blutvergießen - in den preußisch-österreichischen Krieg von 1866 hineingezogen, den Bayern an der Seite Österreichs kläglich verlor, später kann er sich der Hegemonialpolitik Preußens bzw. Bismarcks nicht erwehren. Er muß eine Eingliederung Bayerns in das Deutsche Kaiserreich unter preußischer Führung akzeptieren, was einen erheblichen Souveränitätsverlust der bayrischen Krone zur Folge hat. Zwar bleibt Ludwig König, jedoch hat er jegliche außenpolitische Entscheidungsgewalt sowie den militärischen Oberbefehl verloren. Auch wenn sich Ludwig diese Vorgänge über Vergleiche mit der mittelalterlichen Reichsidee (Bayern als „Vasallenstaat“ des Kaisers) verdaulich zu machen versucht, fühlt er sich in seiner Majestät tief gekränkt und wahrscheinlich auch als politischer Versager, der nicht gut für die Rechte seines Landes eingetreten ist (wobei er sich de facto kaum den politischen Entwicklungen seiner Zeit hätte widersetzen können, Preußen war Bayern einfach haushoch überlegen). Es war wohl Ludwigs Schicksal, als Herrscher Machtlosigkeit zu erleiden (Mars/Neptun am MC). Der transitierende Saturn lief im Herbst 1870, als sich die entscheidenden Entwicklungen anbahnten, über Ludwigs DC (gleichzeitig ereignet sich 1870 aber auch die Jupiter-Wiederkehr in 12 und einige Monate später der Jupiter-Transit über den AC: die außenpolitische Entmachtung gibt Ludwig künftig noch mehr Freiheit, sich seinen privaten Neigungen zu widmen). Ab 1870 erfolgt Ludwigs totaler Rückzug aus den Staatsgeschäften - er beschränkt sich ab nun darauf, einmal pro Woche Akten zu unterschreiben.

Wie nahmen die Zeitgenossen und Untertanen Ludwig wahr? Das sonderbare Verhalten des Königs, der der Öffentlichkeit mehr und mehr fern blieb (obwohl er bei öffentlichen Auftritten - typisch für Neptun am MC - die Massen bis zuletzt in Begeisterung versetzte), führte schon bald zu heftiger Gerüchte- und Legendenbildung (auch Neptun am MC). Bereits 1866 wurde von „Irrsinn“ gemunkelt, und es gingen Geschichten über ihn um, die in ihrem Wahrheitsgehalt in etwa so verläßlich sind, wie die Berichte der Regenbogenpresse über Prinzessin Diana (auch eine Persönlichkeit mit Neptun im 10. Haus). Neben dem Tratsch bildet sich jedoch schon früh das Bild vom „romantischen König“ heraus, der mit seinem vorteilhaften Aussehen und seinen stundenlangen nächtlichen Ausritte die Phantasie der Untertanen beschäftigt. Der „Figaro“ schreibt 1873 anläßlich eines seiner Frankreich-Besuche: „es heißt, Bayern habe ihn aus einem Feenmärchen entliehen“. Auch wenn sich Ludwig immer seltener zeigt, weiß er geschickt ein anderes - diesmal sogar modernes - Medium der Selbstinszenierung zu nutzen. Schon früh erkennt er das Potential der Photographie, derer er sich nicht nur für private Zwecke bedient: Er läßt von seinem Hofphotographen Joseph Albert Dutzende von Portraits von sich anfertigen, die er nicht nur in großer Zahl verschenkt, sondern die von den Untertanen auch in den unterschiedlichsten Variationen erworben werden können - ein florierendes Geschäft. An die Stelle der Realpräsenz des Königs tritt also - ebenfalls eine Entsprechung von Neptun am MC - das „schöne Bild“ (als Photo und in der Phantasie).

Besonders heiß verhandelt in der Gerüchteküche wurde natürlich Ludwigs Verhältnis zu den Frauen, über das man sich schon bald verdeckt Sorgen zu machen begann (was die adeligen Mütter aber nicht davon abhielt, mit ihren Töchtern Ludwig in den Gängen der Residenz aufzulauern; Ludwig bekam zudem wie ein moderner Popstar papierkörbeweise Liebesbriefe von Frauen aller Stände). Ludwigs sexuelle Identität ist untrennbar mit seinem Mythos verbunden, ja befördert diesen gerade erst so richtig (es handelt sich schließlich um Mars/Neptun, nicht Neptun allein am MC). Bis heute bildet sein Liebesleben Gegenstand nicht endenwollender Spekulation. Das Thema der Sexualität, das für ihn selbst undeutlich, verschwommen, schwer greifbar gewesen sein dürfte und von Hofseite lieber verschwiegen wurde (Mars/Neptun = Verschleierung der Sexualität), wurde am MC paradoxerweise zu einem Gegenstand öffentlichen Interesses und von Projektionen fast beliebiger Natur. Halten die einen daran fest, Ludwig habe lebenslang unter einer tragisch-romantischen Liebe zur Kaiserin Elisabeth von Österreich (besser bekannt als „Sissi“) gelitten, und treten andere fast schon wütend dafür ein, Ludwig sei heterosexuell und nichts anderes gewesen, schießen natürlich die Vermutungen bezüglich Ludwigs homosexueller Veranlagungen besonders ins Kraut, wobei praktisch alles - von unausgelebten homoerotischen Neigungen bis hin zu einem wüsten Sexualleben voll „abartiger“ Ausschweifungen und Orgien - behauptet wird.

Was sagt das Radix zu diesem Thema? Ludwig war sich seiner Identität als Mann wahrscheinlich nicht sicher (allerdings muß man bedenken, daß mit einem nach außen hin präsenten Mars/Neptun-Thema durchaus die Gefahr droht, fälschlich für homosexuell gehalten zu werden - Chronisten berichten so z.B. immer wieder, Ludwig hätte in jungen Jahren eine „feminine Ausstrahlung“ gehabt, was aber weiter nichts besagt). Jedenfalls entwarf Ludwig im Zuge seiner männlichen Selbstdefinition ein „traumhaft“ schönes Bild von sich, das ja bis heute überliefert ist: Schon früh zeigte sich bei ihm, der nicht einmal zum Frühstück unparfümiert oder mit ungekräuseltem Haar erschien, der Hang zum perfekten Styling. Die Flucht in die Rolle des entrückten und ungreifbaren „Märchenkönigs“ müßte gut in Ludwigs Selbstbild gepaßt und eine Art Aporie seiner sexuellen Konflikte dargestellt haben (die vom Kollektiv bereitwillig angenommen wurde). Eine andere Art des Ausgleichs bezüglich von Mars/Neptun war übrigens seine Angewohnheit, in fast maßloser Weise Sport zu treiben, d.h. in jungen Jahren absolvierte er neben den bereits erwähnten Ausritten auch stundenlange Spaziermärsche und Bergwanderungen.

Was die Erotik angeht, so spielte sie sich sicherlich bei Ludwig in erster Linie im Kopf ab, in Sprache, Kommunikation und Literatur (Venus/Merkur-Konjunktion), wobei auch Mars/Neptun (= Transzendierung und Ästhetisierung des sexuellen Begehrens), zumal mit Luftzeichen-Mars, mehr mit Erotik als mit „handfester“ Sexualität zu tun hat. Ludwig tut sich als enthusiastischer Briefschreiber (und fleißiger Tagebuchschreiber) hervor, der hier seinen verborgenen Gefühlen (Mond in 12) ihren ästhetischen Ausdruck verleiht (Merkur/Venus), während die entzaubernde Realität des Gegenübers oft schnell zur Abkühlung führt (grundsätzlich eine Gefahr, wenn Neptun oder 12. Haus-Planeten im Spiel sind). Ludwig läßt sich brieflich immer wieder zu überschwenglichen, schwärmerischen Formulierungen und übersteigerten, distanzlosen Liebeserklärungen hinreißen, an deren Wahrheitsgehalt angesichts seines tatsächlichen Verhaltens diesen Personen gegenüber gezweifelt werden kann (so konnte er einen feurigen Liebesbriefe an seine Verlobte schreiben und sich zeitgleich in einem Brief an jemand anders abfällig über sie äußern) - sprich: es war viel Selbstinszenierung als romantisch Liebender (Mars/Neptun), Fiktionalisierung einer Gefühlswelt, die sich eigentlich an ein ungreifbares Gegenüber, keine Realperson richtete (Mond in 12), und wortwörtliches „Theater“ (Merkur/Venus in 5) dabei. Ein besonderes Interesse bestand dabei für Theaterschauspielerinnen und -schauspieler bzw. auch Sänger, die ihm privat vorrezitieren oder vorsingen mußten (Venus/Merkur in 5). Oft schwärmte er mehr für den Rollencharakter, den der Betreffende gerade verkörperte, als für die reale Person. Überhaupt war Theaterliteratur für Ludwig ein wichtiges Medium, seine Gefühle auszudrücken; er konnte Theaterstücke in langen Passagen rezitieren und suchte in Beziehungen immer wieder die Identifikation mit klassischen Liebespaaren (mit Mond in 12 fühlt man sich in der Welt des Fiktiven, Realitätsentrückten daheim). Gelegentlich schrieb er auch selbst Gedichte.

Mit einem Wassermann-Mars besteht die grundsätzliche Tendenz, sich sexuell „anders“ zu definieren (was Ludwig in seinem Fall offenbar zum gesellschaftlichen Außenseiter machte: Uranus im 11. Haus als Dispositor von Mars). Der Zugriff auf beide Geschlechter war ihm erschwert: Frauen sind vor allem als kommunikatives Gegenüber interessant (Venus/Merkur-Konjunktion, Zwillinge-Mond), das Weibliche verflüchtigt sich mit Mond im 12. Haus zudem in Mystifikation. Männer hingegen werden immer wieder zum Gegenstand leidenschaftlicher und schwärmerischer Idealisierung (Mars/Neptun), dürften jedoch sexuell häufig unerreichbar geblieben sein (Ludwig wählte meist heterosexuelle, nicht nur zum Schein verheiratete Männer als Gegenstand seines Begehrens, die über die Avancen und plötzlichen Gunstbeweise des Königs eher verschreckt waren, so daß ein Scheitern der Annäherung vielleicht schon unbewußt vorprogrammiert war). Ludwigs Begeisterung entzündete sich oft anhand von Schilderungen, Photographien oder klangvollen Namen abwesender Personen (Mars/Neptun). Die Beziehungen, die den Rahmen des Freundschaftlichen meist nicht überschritten, begannen und endeten abrupt (Uranus in 11), wobei es sich oft auch um einen plutonischen Prozeß des anfänglichen Fesselnwollens und jähen Wegstoßens handelte (Pluto in 11). Nie hatte einer der „Erwählten“ soviel Gefühlstiefe und Edelmut, wie Ludwig sie suchte, nie konnte jemand seiner extremen Idealisierung und ungezügelten Bilder- und Phantasiewelt lange standhalten.

Bei den Spekulationen über Ludwigs Sexualität sollte man zudem auch niemals dessen Jungfrau-Betonung vergessen (Jungfrau-Sonne, Venus in Jungfrau). Wie seine Tagebuchaufzeichnungen belegen, war Sexualität für ihn eigentlich etwas „Schmutziges“, das er lebenslang in sich bekämpfte. Er stilisierte sich gerne zum „jungfräulichen König“ (noch ein Mythos für Mars/Neptun, der wie die „Reinheit“ des Gralsrittertums gut zur Jungfrau-Sonne paßt) und haderte mit seinen „sündigen“ Neigungen zu Männern, die es ihm unmöglich machten, sich den Normalerwartungen anzupassen (wie er es mit seiner Jungfrau-Betonung vielleicht gerne getan hätte). Seine Tagebücher sind voller Selbstbezichtigungen, mittelalterlicher Bekundungen von Sündhaftigkeit und zeitweiliger Enthaltsamkeitsschwüre (der König litt daneben auch schwer unter dem „Laster“ der Selbstbefriedigung). Ludwig entwickelte um seine Majestät eine Art Kult der Reinheit und körperlichen Unberührbarkeit (Jungfrau-Betonung), der große Schwierigkeiten vermuten läßt, überhaupt jemanden sexuell an sich heranzulassen - denn das hätte in seinen Augen wohl eine schwere Form der Herablassung und Entwürdigung seiner „geheiligten Majestät“ (Neptun am MC) dargestellt. Ludwig flüchtete in seinen späteren Lebensjahren stark in den Katholizismus (auch eine Möglichkeit mit Mars/Neptun seine Sexualität zu transzendieren), nahm - angeblich unerkannt - an Messen und Prozessionen teil und führte stets Betschemel und Tragaltar mit sich (wobei sich der Glaube hier wiederum mit ästhetischen und theatralischen Aspekten vermischt).

Welche Beziehungsereignisse sind faktisch zu verzeichnen? In seinen ersten Regierungsjahren unterhält Ludwig noch Beziehungen zu Frauen. Hervorzuheben ist zum einen die Freundschaft zu der acht Jahre älteren Kaiserin Elisabeth (die lebenslang hält und wahrscheinlich darauf beruht, daß die ihm gesellschaftlich Ebenbürtige eine Außenseiterin von ähnlicher Veranlagung ist, also Ludwigs Freundschaftssuchbild von Uranus in 11 entspricht). Elisabeth und Ludwig führen lange Gespräche miteinander, unterhalten einen schwärmerischen Briefwechsel, tauschen Gedichte aus und treffen sich immer wieder. Gleichzeitig empfindet Elisabeth Ludwigs Verhalten aber auch oft als zudringlich, lästig und übertrieben. Ferner hatte Ludwig eine Affäre mit der ebenfalls acht Jahre älteren Hofschauspielerin Lila von Bulyowski, die immerhin einige Jahre andauerte. Ludwig verliebte sich in Lila, als er sie in der Rolle der Maria Stuart sah, und stellte sich danach ein Bild von ihr im Kostüm der Maria auf den Nachtisch. Briefe an sie unterzeichnete er mit „Mortimer“ (der Verehrer Marias in dem Schillerschen Stück, der Selbstmord begeht). Lila machte sich gelegentlich vor Zuhörern damit wichtig, daß sie von „wilden Zudringlichkeiten“ des Königs berichtet, derer sie sich habe erwehren müssen, ja daß sie zuweilen vor Ludwig durch die Gemächer des Schlosses geflohen sei! Keiner weiß, was sich wirklich zwischen den beiden zugetragen hat...

Da die Volksmeinung nach einer Königin verlangt, wählt Ludwig 1867 schließlich eine Braut: Elisabeths jüngere Schwester Sophie. Doch die Verlobungszeit verläuft merkwürdig. Spielt Ludwig auf der einen Seite den feurigen Liebhaber, der sogar nachts geritten kommt und seine Braut zu sehen verlangt, bleibt er auf der anderen Seite relativ gleichgültig. Außer der Liebe zur Wagnerschen Musik scheinen er und Sophie nicht viel gemeinsam zu haben. Ein Kuß von Sophie schockiert ihn angeblich zutiefst. An der Hochzeit interessieren Ludwig vor allem die glanzvollen und zeremoniellen Aspekte - so etwa die aufwendige Hochzeitskutsche oder die Krone, die Sophie eines Nachts so lange anprobieren muß, bis sie sich deprimiert als sein „Spielzeug“ fühlt. Als der Hochzeitstermin heranrückt, bekommt Ludwig offenbar die Panik. Er schiebt die Hochzeit solange heraus, bis Sophies Vater ein Ultimatum stellt - das Ludwig platzen läßt. Obwohl Ludwig über den Bruch mehr als erleichtert ist und Sophies Büste angeblich kurzerhand aus dem Fenster auf den Schloßhof wirft, schreibt er Sophie noch einen Brief, in dem er ihr seine „treue, innige Bruderliebe“ versichert und sie und sich als Opfer von Verfolgung und Intrigen darstellt (wieder ein Paradebeispiel verschlungenen Mars/Neptun-Handelns!).

Im Jahr der Verlobungsereignisse, in dem auch die Beziehungen zu Lila und Elisabeth besonders intensiv sind, transitiert Neptun über Uranus im 11. Haus. Dies scheint eine wichtige Stufe im Selbstfindungsprozeß Ludwigs anzuzeigen: „Vernebelt“ Neptun zunächst Ludwigs Außenseiterrolle (Uranus in 11), aus der er nun durch Heirat ganz einfach ausbrechen zu können glaubt, muß er schließlich einsehen, daß ihm dieser Weg nicht möglich und das Außerhalbstehen Teil seiner männlichen Identität ist (Wassermann-Mars). Neptun schlägt so eine Brücke zwischen dem Wassermann-Mars und Uranus, der nun integriert werden kann. Und tatsächlich: Nach der Entlobung unternimmt Ludwig niemals mehr ernsthafte Versuche, weitere Beziehungen zu Frauen aufzubauen (auch wenn das Verhältnis zu Lila bis 1872, das zu Elisabeth - allerdings meist aus der Ferne - dauerhaft weiterbesteht).

In den folgenden Jahren erwählt sich Ludwig unterschiedliche, meist männliche Kandidaten zum Gegenstand seiner kurzzeitig schwärmerischen Neigung -Hofbeamten, Bedienstete, Schauspieler. Exemplarisch mag hierfür etwa die Beziehung zu dem Schauspieler Joseph Kainz stehen, den Ludwig 1881 in einer Wilhelm-Tell-Aufführung sieht und mit dem er anschließend inkognito „auf Tells Spuren“ in die Schweiz fährt. Kainz ist von den stundenlangen Wanderungen und dem andauernden Verlangen des Königs, ihm in der freien Natur vorzurezitieren (so etwa am Rütli den „Rütli-Schwur“), überfordert. Er kommt mit der Anforderung, auch außerhalb der Bühne weiterzuspielen, nicht zurecht und versteht einfach nicht, was der König von ihm will. So endet auch diese Beziehung in resignativer Enttäuschung und Frustration. Von den letzten Lebensjahren Ludwigs wird hämisch kolportiert, daß die Lakaien auf seinen Schlössern immer „jünger und hübscher“ geworden seien - ich vermute, er hat sie meistens nur angeschaut (oder sitze ich jetzt naiv seinem Mars/Neptun-Image auf?).

1870 beginnt der König mit dem, für das er eigentlich am berühmtesten geworden ist: seiner Schloßbautätigkeit. Ab 1870 werden Neuschwanstein und Linderhof, ab 1878 Herrenchiemsee errichtet. Vollendet wird nur das in seinen Dimensionen vergleichsweise bescheidene Linderhof. Ludwig baut im Zeitgeschmack des Historismus, d.h. Neuschwanstein stellt einen romantisch überhöhten mittelalterlichen Schloßbau dar (der auf einem Felsengrat imposant über einer schwindelerregenden Schlucht thront), Linderhof ist im Stil des Neorokoko erbaut, erinnert also an die verspielte Endphase der französischen Monarchie, und mit Herrenchiemsee wurde nichts weniger als der Nachbau von Versailles, der Residenz des Sonnenkönigs Ludwig XIV., versucht. Im Inneren von Neuschwanstein finden sich vielerlei Anspielungen auf Wagner-Opern (so ein Sängersaal à la Tannhäuser und eine Schwanengrotte à la Lohengrin) sowie ein Thronsaal im byzantinischen Stil. Ludwig schließt baulich also an die Epochen an, deren Formen der absoluten herrscherlichen Machtausübung er bewundert. Da er stark an realer politischer Macht verloren hatte, aber sowie insgesamt an der königlichen Machtausübung im Sinne des 19. Jh. nur geringes Interesse hatte, hielt er sich nun in erster Linie an die Repräsentation. Das Regieren (Merkur) wurde bei ihm, passend zu seinem Regierungshandeln im Stil von Mars/Neptun, zu einem Herrschafts- und Hoftheater (Venus/Merkur in 5), daß sich allerdings gemäß seiner Rückzugsneigungen immer bei ihm „zu Hause“ (d.h. in seinen Schlössern, nie auf Staatsbesuchen oder an öffentlichen Orten) und unter Ausschluß der Öffentlichkeit vollzog (Sonne in 4, Jupiter und Mond in 12). Ludwig spielte für sich allein ein Theaterstück, dessen Hauptdarsteller und wichtigster Zuschauer er selber war. Merkur, der im Horoskop als AC-Herrscher und zusammen mit Venus an der Spitze der Yod-Figur mit die wichtigste Position einnimmt, wird nicht mehr nur passiv als Begeisterung für Oper, Theater und Schauspieler, sondern aktiv gelebt - Ludwig steigt auf die Bühne, die er sich in Form der Schlösser selbst errichtet, und inszeniert im 5. Haus den Mythos seines MC (Mars/Neptun im Quincunx zu Merkur/Venus). Zugleich schafft er sich damit ein Zuhause in einer fiktiven Traumwelt (Mond in 12), die er sich recht solide zu bauen verstand (absteigender Mondknoten in Stier in 12). Ludwig zollt durch diese glanzvolle Belebung der Vergangenheit nebenbei auch seinen Ahnen Tribut - wozu er neben den tatsächlichen auch die ideellen zählte, d.h. Ludwig sah sich ganz allgemein in der Traditionslinie der europäischen Königshäuser (Jupiter im 12. Haus = der Glanz der Ahnen, das Glücksempfinden angesichts der Genealogie).

Das Privatleben des Königs war - im Gegensatz zu seinem glanzvoll-neptunischen Image - sehr durch Zwillinge- und Jungfrau-Eigenschaften bestimmt (wobei er das Quadrat zwischen Jungfrau-Sonne und Zwillinge-Mond offenbar recht gut auszubalancieren verstand). Er investierte enorm viel Zeit in die Planung seiner Schlösser (Jungfrau-Merkur), die er mit einem immensen historischen Detailwissen errichten ließ (z.B. machte er den Handwerkern genaueste Vorgaben bezüglich von Stoffmustern und Ornamenten) - so daß er manchmal sogar den Gesamteindruck darüber vergaß (Zwillinge-Betonung). Er hatte hohe Qualitätsansprüche und überprüfte meist eigenhändig das angefertigte Mobiliar (Jungfrau-Betonung). Bei den vielen von ihm angeordneten Opern- und Theateraufführungen forderte er ebenso kompromißlos historische Genauigkeit in den Bühnenbildern und Kostümen. Kunstvoll gefertigte Uhrwerke (eine Metapher des „Jungfräulichen“ schlechthin) konnte er stundenlang betrachten. Ludwig fand für sich einen - freilich exzentrischen - Lebensrhythmus und hielt diesen bis zuletzt pünktlich ein: Er stand um 18 Uhr auf und ging gegen 8 Uhr morgens ins Bett (Jungfrau-Planeten gebärden sich im II. Quadranten manchmal etwas eigenwillig!). Sein Rückzug hatte nichts Meditatives, wie Mond und Jupiter in 12 vermuten lassen könnten, sondern war bewegt, unruhig und getrieben - nur in ständiger Bewegung scheint Ludwig sich geborgen und daheim gefühlt zu haben (Zwillinge-Mond). Andauernd unterwegs wechselte er nach genau festgelegtem Jahresplan (Jungfrau-Betonung) zwischen seinen Schlössern hin und her. An die Stelle der nächtlichen Ausritte waren nun Kutsch- und Schlittenfahrten getreten, in oft wildem, gefährlichen Tempo. Hinzu kam eine unaufhörliche Lektüre, die fast schon „Suchtcharakter“ annahm (Zwillinge-Mond in 12).

Im Laufe der Zeit bildete Ludwig allerdings weitere Angewohnheiten aus, die dem Gerücht, er sei doch geisteskrank, neue Nahrung gaben. Ludwigs Bruder Otto, der ab 1872 unter Verschluß gehalten werden mußte, war tatsächlich verwirrt und unzurechnungsfähig (Mars=Bruder, Neptun=Geisteskrankheit), was Ludwig sehr belastete. Beide Brüder waren von Mutterseite her genetisch schwer belastet (bei Ludwig über Mond in 12 erkennbar). Pluto lief die gesamte Regierungszeit Ludwigs durch das 12. Haus und näherte sich 1886 dem 12. Haus-Mond - waren bei ihm Anlagen zur  Geisteskrankheit vorhanden, so wurden diese nun sicherlich aus der Latenz gehoben. Gerade um die letzten Lebensjahre Ludwigs rankt sich ein Wust von Anekdoten vom „wahnsinnigen König“ (Neptun am MC), bei denen man nie wissen kann, was wirklich wahr ist. Ordentlich untersucht wurde Ludwig niemals; man stützte sich in seinem Absetzungsverfahren auf zweifelhafte Zeugenaussagen und handschriftliche Zettel, die aus den Papierkörben seiner Schlösser entwendet wurden. Zeugen, die der These von der Geisteskrankheit widersprachen, wurden bewußt ignoriert. Aber auch aus den verzerrtesten Berichten spricht, daß Ludwig bis zuletzt in der Lage war, sein Verhalten zu kontrollieren (Jungfrau-Merkur), d.h. aus „ver-rückten“ Zuständen wieder in „normale“ zurückzukehren, in denen er genau wußte, was er sagte oder tat. Vieles von dem, was als verrückt kolportiert wurde, erscheint (mir) zudem mehr als Ausfluß einer exzentrischen, bitterbösen Ironie - mit seinem Zwillinge-AC machte sich Ludwig vielleicht darüber lustig, daß man alles, was er sagte, ehrfürchtig staunend für bahre Münze nahm (ich denke hierbei etwa an Ludwigs berüchtigte Aufforderung an seine Bedienstete, eine Bank auszurauben, wenn für die Schloßbauten kein Geld mehr da sei). Vielleicht „spielte“ (Merkur in 5) Ludwig auch manchmal ein wenig den Verrückten. Bedenklicher erscheint da schon seine Angewohheit mit berühmten Verstorbenen (wie z.B. Marie-Antoinette), für die dann auch aufgedeckt wurde und mit denen Ludwig lebhafte Konversation betrieb, Gastmähler abzuhalten. Aber vielleicht war auch dies nur das exzentrische Zwillinge-Theater eines einsamen Mannes, der sich hier endlich den „Club“ aus Ebenbürtigen und Geistesverwandten erschuf, den er zu Lebzeiten niemals finden konnte (Uranus in 11). Wenn Ludwig manchmal verwirrt, halluzinierend und vor sich hinredend durch die Schlösser irrte, muß man auch bedenken, daß er in seinen letzten Lebensjahren aufgrund seiner schmerzhaft faulenden Zähne (Mars=Zähne, Neptun=Verfall) ziemlich viel Morphium nahm. Da das Image eines „drogensüchtigen Königs“ (würde auch zu Neptun am MC passen!) aber offenbar weniger vornehm ist als das eines geisteskranken, hört man nur wenig davon.

Auch etwas anderes geriet langsam außer Kontrolle - Ludwigs Temperament. Ludwig litt an stundenlangen, besinnungslosen Wutanfällen (Mars/Neptun dreht hohl!), die häufig mit dem Ausstoßen mittelalterlich-barbarischer Strafandrohungen („auspeitschen, enthaupten, ins Burgverließ sperren“) einhergingen - auch dies sicherlich ein Anzeichen von psychischem Verfall. An seinem Hof begannen sich seltsame Gepflogenheiten zu entspinnen: Ludwigs Personal setzte sich mehr und mehr aus bunten, zwielichtigen Figuren zusammen, die eigentlich in einer Hofhaltung nichts zu suchen hatten, während er mit hochadeligen Standesgenossen schon lange nicht mehr verkehrte (Uranus in 11). Ludwig spielte mit seinen „Komparsen“ das Stück „despotische Hofhaltung“ und gefiel sich darin, seinen Hofstaat, den er wahrscheinlich für die Servilität verachtete, die er selbst herangezüchtet hatte, mit ausgefallenen und despotischen Anordnungen zu demütigen. Gerüchte besagen, manche hätten sich ihm nur kriechend, andere nur mit abgewandtem Gesicht nähern dürfen. Ludwig testete dabei offensichtlich seine Möglichkeiten aus: Würden die Hofschranzen wirklich alles tun, was er verlangte? Auch hier handelt es sich um ein Theater, eine hohle Form der Machtausübung, die als Kompensation der tatsächlichen Machtlosigkeit dient - denn das willkürliche Herumkommandieren von Untergebenen hat ja nichts mit tatsächlicher Macht (im Sinne von „etwas bewirken“) zu tun. Die Mehrzahl dieses Personals hatte übrigens keine moralischen Bedenken, hinter dem Rücken Ludwigs die wildesten Geschichten über ihn zu verbreiten (Mars/Neptun=Verrat).

Auch was das Bauen betrifft, verliert Ludwig das Augenmaß für die Wirklichkeit. Er plant immer weitere, unrealisierbare Projekte (so z.B. einen chinesischen Palast im See), und aus Angst vor seinen Wutanfällen, wenn es wieder einmal nicht schnell genug vorangeht, werden hinter seinem Rücken immer häufiger Ersatzmaterialien verbaut (z.B. Gips statt Marmor) - so daß die Gebäude langsam wirklich zur Kulisse werden.

Im Frühjahr 1886 braut sich schließlich das Unheil gegen Ludwig zusammen. Das Ministerium will den König, mit dem eine vernünftige Zusammenarbeit seit langem nicht mehr möglich ist und an dem schon jetzt kunstvoll vorbeientschieden wird, schlichtweg loshaben. Eine Finanzkrise (in der der Ministerpräsident um sein Amt, die königliche Familie um ihr Erbe bangt), die aber weit weniger dramatisch ist, als behauptet wird, gibt schließlich den Ausschlag. Hinter Ludwigs Rücken wird Schloß Berg zu einer geschlossen Anstalt umgebaut, man läßt ein psychiatrisches Gutachten über ihn erstellen, und Anfang Juni werden Zeitungsmeldungen lanciert, daß Ludwig geisteskrank und damit regierungsunfähig sei (Mars/Neptun wendet sich nun in Form der Intrige, des Schlags aus dem Hinterhalt gegen ihn). Am 9. Juni wird eine Abordnung zu Ludwig geschickt, die ihm die Absetzungsurkunde überreichen und ihn gewaltsam nach Schloß Berg überführen soll. Es ist geplant, die Regentschaft Ludwigs Onkel Prinz Luitpold, der einen vernünftigen und bodenständigen Eindruck macht, beim Volk aber nicht sonderlich beliebt ist, zu übergeben. Eigentlich handelt es sich um einen recht dilettantisch ausgeführten Staatsstreich, der nur deshalb gelingen kann, weil Ludwig zu entscheidungs- und handlungsschwach ist, etwas dagegen zu unternehmen. Die erste nach Neuschwanstein geschickte Delegation wird von der verärgerten Palastwache bzw. von zu Hilfe eilenden Bauern aus der Umgebung im Handumdrehen mattgesetzt. Ludwig hätte nun lediglich nach München fahren, sich dem Volk zeigen und die Intriganten absetzen müssen. Aber er verharrt entschlußlos auf Neuschwanstein, bis tatsächlich alle Fluchtwege abgeschnitten sind und der letzte Getreue gegangen ist - dann läßt er sich ohne nennenswerte Gegenwehr von der zweiten nach ihm ausgeschickten Delegation mitnehmen. Ludwig hatte offensichtlich keine Energie mehr, für sich und sein Amt zu kämpfen, vielleicht wollte er auch einfach nicht mehr (Mars/Neptun = die Batterien sind leer).

Der Schluß der Geschichte ist bekannt: Nur zwei Tage später, am 13. Juni 1886,  kommt Ludwig zusammen mit seinem Nervenarzt Dr. Gudden im Starnberger See zu Tode - ungeklärt ist allerdings bis heute das wie (Mars/Neptun = unklare Todesumstände, die „rätselhafte Leiche im Wasser“). Man diagnostiziert offiziell Tod durch Ertrinken (diese Todesart würde gut zu Mars/Neptun passen) aufgrund von Unfall oder Selbstmord. Das Gerücht, es habe sich um Mord gehandelt, der König sei gar erschossen worden, verstummt jedoch niemals (Mars/Neptun am MC = die Legende vom Königsmord). Die Mordthese ist insofern plausibel, als auch nach der Festsetzung Ludwigs die Frage der Absetzung noch längst nicht geklärt war, ja diese sich zum Skandal auszuweiten drohte. Das Parlament, das in der Sache nie befragt worden war, protestierte heftig und drohte seine Zustimmung zu verweigern. Und im Volk gärte es gewaltig: Sowohl in München als auch auf dem Land kam es zu Zusammenrottungen und Protesten. Die Lage der Putschisten wäre äußerst prekär, wahrscheinlich existenzbedrohlich gewesen, hätte sich das Blatt noch einmal zu Ludwigs Gunsten gewendet. Einzig sein Tod konnte endgültige Tatsachen schaffen und seine Anhänger zum Verstummen bringen. Andererseits wäre aber auch die Suizidthese glaubhaft: Ludwig hatte zeitlebens von Selbstmord, dabei bevorzugt vom Ertrinken „in den kalten Fluten des Alpsee“, gesprochen. Nach dem Staatsstreich unternahm er mehrere Versuche, auf den Turm von Neuschwanstein zu gelangen, wahrscheinlich um sich von dort herabzustürzen. Die Vermutung, daß Ludwig seine Todessehnsüchte und -phantasien (Mond in 12) unter den beleidigenden und restriktiven Umständen einer Internierung irgendwann in die Tat umgesetzt hätte, liegt nahe (auch wenn Mond in 12 eine Affinität zur „geschlossenen Anstalt“ aufweist!). Was also wirklich an jenem Abend geschah - wir werden es nie erfahren.

Wie sehen die Todestransite aus? Nahezu exakt steht Pluto auf dem 12. Haus-Mond des Radix und schließt damit den Zyklus ab, der mit Ludwigs Inthronisation (Übergang Plutos über Jupiter/Eintritt ins 12. Haus) begonnen hatte. Kollektivmächte (Pluto kommt aus 11) machen den gesellschaftlichen Außenseiter (Uranus in 11) zum Opfer - da bedeutet es im Resultat keinen Unterschied mehr, ob er sich selbst tötet, weil er diesem Druck nicht mehr standhält, oder wirklich bezahlte Mörder auf ihn lauern. Lilith steuert gleichzeitig auf Ludwigs MC zu: Ludwig konnte zeitlebens kein richtiges Verhältnis zum Geld finden (Lilith Spitze 2. Haus), und nun erhebt sich über seine „Verschwendungssucht“ (von der Bayern in Form touristischer Einnahmen bis heute profitiert) eine wilde, böse, tödliche und eigentlich ungerechte Rache, die ihn gerade mit diesem Argument „zur Strecke bringt“. Freundlicher sieht da schon der Transit-Uranus im exakten Trigon zum Mond aus - offenbar bietet er die Chance zum unerwarteten und plötzlichen Ausstieg aus der Einsamkeit des 12. Hauses, in der Ludwig ja auch stirbt. Jupiter steht exakt über Merkur in 5 und verschafft Ludwig einen wunderbar theatralischen Abgang (wenn auch in Abgeschiedenheit, denn Jupiter kommt aus 12). Der Transit-Neptun schließlich bildet ein fast exaktes Trigon zu Merkur (und damit zur Merkur/Venus-Konjunktion) und steht noch im Orbis des Quadrats zu Mars/Neptun am MC - der „Mythos vom Märchenkönig“ mit dem Hang zur bühnenhaften Inszenierung scheint sich nun erst im Tod so richtig zu vollenden. Ludwig muß sterben, um den verklärten Kultstatus erlangen zu können, den er heute hat. (Interessant hierzu sind auch die Sekundärprogressionen: Die Mars/Neptun-Konjunktion wurde durch die Rückläufigkeit der beiden Planeten zeitlebens nie exakt. Im Todesjahr hatte sich jedoch Mars, nun direktläufig geworden, Neptun bis auf 1° Orbis angenähert, um ihn aber erst 1890 zu erreichen - das Mars/Neptun-Thema rundet sich also erst nach dem Tod.)

Ludwigs Tod führte zu einer Volkstrauer erheblichen Ausmaßes (in der Intensität wahrscheinlich dem Ableben Prinzessin Dianas vergleichbar), denn Ludwig hatte mit seinem 12. Haus-Mond (Mond=Volk) trotz seines abgeschiedenen Lebens einen erstaunlich guten Draht zum Volk gehabt - im besten Sinne des Gottesgnadentums war da irgendeine geheimnisvolle, mysteriöse Verbindung zum Kollektiv zustande gekommen (in Bayern ist bis heute immer nur er gemeint, wenn vom „Kini“, dem König, geredet wird). Es gibt viele Legenden über seinen innigen Kontakt zur bayrischen Landbevölkerung: Auf seinen Ausfahrten soll er immer wieder unerwartet ausgestiegen sein, um Höfen und Festen unerwartete Kurzbesuche abzustatten und in Notlagen zu helfen - eine Art überirdische Erscheinung, die plötzlich im Stall auftaucht und Geld verteilt, wenn Not am Manne ist. Ludwigs Kutsch- und Schlittenfahrten in wunderschönen Karossen durch die nächtliche Landschaft waren tatsächlich von vielen Bauern beobachtet worden und hatten die Phantasien vom „märchenhaften König“ beflügelt, der einsam und unnahbar in überirdisch wirkenden Schlössern wohnte. Mit Sonne in 4 weist das Horoskop Ludwigs zudem eine starke Heimatverbundenheit auf (er liebte in der Tat nicht nur die Privatheit seiner Schlösser, sondern die gesamte Region der bayrischen Alpen).

Nach Ludwigs Tod kommt es zu einer umfangreichen Produktion volkstümelnder Dichtungen (im Stil von: „Nach Schloß Berg hams dich gefahren / in der letzten Lebensnacht“) oder kitschiger Lithographien über den König[6]. Die Posthalterin Anna Vogl bewahrt das Glas, in dem sie dem König auf seiner letzten Fahrt Wasser gebracht hat, gar wie eine Jesus-Reliquie auf. In den einfachen Bevölkerungsschichten ist man sich sicher, daß Ludwig einem Mordkomplott zum Opfer gefallen ist. Andere wiederum wollen Ludwig als Geist gesehen oder mit ihm in spiritistischen Sitzungen geredet haben (auch das paßt zu Neptun am MC!) - so übrigens auch die im Alter etwas hysterisch gewordene „Sissi“, der Ludwig gleich mehrfach als tropfnasser, gurgelndem Wasser entstiegener Geist erschienen sein will.

Ansonsten schlug Ludwigs Leben, das eigentlich von extremer Privatheit geprägt war, jäh in öffentliches Allgemeingut um. Nachdem man sorgfältig eine Menge „peinlicher“ Dokumente vernichtet hatte (Neptun am MC=Verschleierung), öffneten schon 6 Wochen nach seinem Tod die Erben Schloß Neuschwanstein zur Besichtigung - ein solcher Erfolg, daß in Schwangau schon bald ein Hotel der gehobenen Klasse eröffnet werden konnte. Aus den damals sensationellen 10 000 Besuchern jährlich sind heute 10 000 täglich geworden, die sich mit ausbeulenden Tüten voller Andenken den Weg nach Neuschwanstein hinauf- und hinunterquälen. Ludwigs Horoskop scheint übrigens noch immer „aktiv“ zu sein: Am 7. April 2000 hatte pünktlich zur 12. Jupiterwiederkehr das bereits erwähnte Ludwig-Musical  Premiere (wofür eigens ein Musical-Theater mit Blick auf Neuschwanstein erbaut worden war), und im Jahr 2002, als Uranus die Mars/Neptun-Konjunktion bzw. den MC transitierte, erschien eine Ludwig-Biographie, die den „totalen Imagewechsel“, d.h. das „Ausräumen sämtlicher Vorurteile und Mythen“ über Ludwig anstrebt (vgl. Literatur).

Die Wahrheit Ludwigs, der sich zeitlebens „verkannt“ fühlte (kein Wunder mit Neptun am MC!), liegt offensichtlich gerade in seinem Geheimnis, in der Ungreifbarkeit seiner Existenz. So wie seine Gesichtszüge im Alter mehr und mehr zu verschwimmen scheinen, wurde er schließlich zu einer Projektionsfläche für praktisch jedermann, jede „romantische“ Vorstellung, Verrätselung, Mystifikation und Phantasie. Es bleibt letztendlich jedem selbst überlassen, welches Bild er sich von Ludwig II. machen möchte - irgendwie wird er damit schon recht haben...


Literatur:
Werner Richter, Ludwig II. - König von Bayern, München 1939
Erika Brunner, Der tragische König, Berlin 2002
Brigitte Hamann, Elisabeth. Kaiserin wider Willen, München 1982
Winfried Ranke, Hofphotograph der bayrischen Könige - Joseph Albert, München 1977
www.guglmann.de  


Anmerkungen:
[1] Schon beim Ermitteln der Geburtszeit Ludwigs II. stößt man auf Mystifikationen. Die offizielle Geburtszeit lautet: 25. Aug. 1845, 0:46 LMT in München (Schloß Nymphenburg). Diese Geburtszeit scheint jedoch von Hofseite her manipuliert worden zu sein, da man wünschte, daß der Thronfolger am selben Tag wie der Großvater (Ludwig I.), damit am Namenstag des Hl. Ludwig, zur Welt kommt. Als tatsächliche Geburtszeit wird der 24. Aug. 1845, 23:38 LMT genannt. Das Studium der beiden Horoskope hat mich zu der Überzeugung gebracht, daß die letztere Zeit stimmt.
[2] Richter, S. 12.
[3] Im Laufe meiner Recherchen habe ich schließlich am Wahrheitsgehalt so gut wie jeder Ludwig-Anekdote zu zweifeln begonnen - der „Mann hinter dem Mythos“ ist oftmals nur schwer ausfindig zu machen. Auf der anderen Seite werde ich dennoch einiges davon wiedergeben, da es in diesem Artikel ja gerade um das Bild gehen soll, das von Ludwig „neptunisch“ durch die Öffentlichkeit „geistert“.
[4] Richard Wagner, geb. am 22. Mai 1813 um 3:10 UT in Leipzig (IHL).
[5] Diese Formulierung stammt von Ludwig selbst (Richter, S. 314).
[6] Fred und Gabriele Oberhauser, Literarischer Führer durch Deutschland, Frankfurt a.M. 1983, S. 671.

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