Astrologie | Astrologie Grundwissen
Jungfrau
Claus Riemann
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Dienstag, 12. September 2000, 14:29
Eine ausführliche Beschreibung des Tierkreiszeichen Jungfrau.
In der Löweseele gibt es noch keine Vergänglichkeit, um so mehr kommt diese im letzten Sommermonat ins Bewusstsein. Das Jungfrausymbol entstand einst - wie auch das sehr ähnliche Skorpionsymbol - aus der „Sterbe-Rune“ (ti-Rune). Der nächste Winter kommt bestimmt , das weiß und spürt man in dieser Zeit. Da heißt es vorsichtig zu sein, die Ernte einzufahren, um für die dunkle Jahreszeit gerüstet zu sein. Die Naivität der Hochsommerstimmung weicht der ernüchternden Erkenntnis, dass jedem Aufschwung ein Niedergang folgt, jedem Wachstum eine Rezession. Mit dieser Wahrheit zu leben hat manchmal eine schwer zu er-tragende Unnaivität zur Folge - es ist, als würde man schon als Kind mit einer gewissen Erwachsenheit geboren, mit dem Wissen um unabänderliche Gesetze, mit dem Wissen auch, dass alles einmal ein Ende hat. Vereinfacht gesagt, siehst Du durch die Brille des Löwen das Halbvolle, durch die Brille der Jungfrau das halbleere Glas, bist insofern der geborene Optimist oder Pessimist.
Die Organentsprechung ist hier der Darm- und Verdauungstrakt. Dort wird die Speise ‚ge-ordnet‘ nach dem Prinzip der Nützlichkeit, nach einem ‚analytischen‘ Verfahren sozusa-gen. Als Jung-frau hast Du demgemäss die Aufgabe, in Deinem Umfeld ein ‚wandelnder Darm‘ zu sein, funktionierende, gesunde Struktu-ren und Ordnung ökonomischer sowie öko-logischer Art um dich herum zu schaf-fen. In der psychoanalytischen Lehre der frühkindlichen Entwicklungsphasen kommt nach der oralen Phase (die astro-logisch im Mond-bereich bzw. in den Zeichen Krebs und Stier ihre Schwerpunkte hat) die anale Phase, die Phase der Sauberkeitserziehung. Hier lernt das Kind, zu funktionieren, sich zu kontrollieren, aber auch, etwas zu ‚machen‘, Leistung zu bringen.
Weiterhin hat der Ausscheidungsvorgang auch zu tun mit Loslassen, mit Vergänglichkeit (hier sei an das Widder-Märchen erinnert, in dem der Held beim Anblick seines Hinterteils das Grauen lernte).
Der Segen und der Fluch der Jungfrau-Wahrnehmung ist die Sensibilität für das, was „in Ordnung“ ist, und was nicht. Kosmos bedeutet - wörtlich übersetzt - Ordnung. Der Ord-nungsbegriff bedeutet weit mehr, als die Kochbuchin-terpretationen bzgl. Jungfrau es ge-meinhin ausdrücken. Natürlich gibt es die extremen Auswüchse des Erbsenzählers und Zwangsneurotikers, aber dem allem liegt die fundamentale Weisheit zugrunde, dass im winzigen Atom das ge-samte Universum repräsentiert ist (wie oben, so unten), und deswe-gen das Kleine, das Detail dieselbe Achtung verdient, wie das Große. Eine Geschichte dazu: In seinem Buch „Der leere Spiegel“ beschreibt der Autor W. van de Wetering seinen Aufenthalt in einem japanischen Zen-Kloster. Eines Morgens, als er zu seinem Lehrer geht, sagt ihm dieser folgendes: „Ich habe Dich gestern beobachtet, wie Du mit Deinem Moped an einer Kreuzung abgebogen bist, ohne den Arm auszustrecken. Hinter Dir musste deswegen ein Auto bremsen. Nun stell Dir vor, hinter diesem wäre ein weiteres Auto gewesen und dessen Fahrer hätte nicht mehr rechtzeitig bremsen können und es hätte einen Auffahrunfall gegeben. Da der hintere Fahrer sich gerade ein neues Auto gekauft hat und dieses jetzt beschädigt ist, ist er natürlich wütend, geht nach Hause und be-ginnt einen Streit mit seiner Frau. Schließlich gibt er ihr eine Ohrfeige. Diese ist so empört über die ungerechte Behandlung, dass sie - noch voller Erre-gung - das neugeborene Kind beim Wickeln fallen lässt, und dieses stirbt an den Folgen des Sturzes. Und - dieses Kind hätte ein Zen-Meister werden können! Also - weil Du Deinen Arm nicht ausgestreckt hast, ist ein Zen-Meister ermordet worden.
Mit dem Bewusstsein zu leben, dass kleine Unachtsamkeiten dramatische Folgen ha-ben können, ist alles andere als leicht. So oft wird man sich (und ande-ren) sagen: Ich habe es kommen sehen. Ich habe es gleich gesagt. Und mit die-ser angeborenen Wahrnehmung für die „Richtig-Falsch-Dimension“, mit dieser inneren Gewissheit, dass Du erntest, was Du säst, wirst Du oft zum unbeliebten Kritiker und Oberlehrer, oft gehasst, weil Du nämlich meistens recht be-hältst. Es ist eben nicht egal, ob Du nach einem ausgiebigen Kneipen-besuch mit dem Auto heimfährst, weil es ja nur zwei Kilometer sind, gerade da kann es passieren.
Die Gratwanderung zwischen vorsichtiger Lebensklugheit und lähmender Lebens-ängstlichkeit (Leben ist schließlich lebensgefährlich) bestimmt hier große Bereiche des Lebens. Was ist richtig, was ist falsch?
Im Märchen gibt es darauf interessante Antworten. Ein Jungfrau-Märchen ist die Ge-schichte von Frau Holle. Holle kommt von dem germanischen Hel; sie repräsentiert die große Naturgöttin und wacht über die Einhaltung der Naturge-setze. Goldmarie achtet die Gesetze der großen Göttin, sie macht alles richtig. So nimmt sie das Brot zum rechten Zeit-punkt aus dem Ofen, schüttelt den Ap-felbaum zur rechten Zeit, dient bereit-willig im Haus der Göttin und schüttelt auch die Kissen zur rechten Zeit aus. Sie achtet die Natur-gesetze und ist bereit, sich der natürlichen Ordnung der Jahreszeiten zu fügen. Konse-quen-terweise wird sie dafür mit Gold über-schüttet. Ihre Schwester Pechmarie ist zu faul dazu, hat keine Lust zu dienen, verachtet die Gesetze der Großen Göttin - konsequenter-weise erntet sie dafür Pech. Glück und Pech, das lehrt dieses Märchen, sind abhängig von der Bereitschaft zu dienen und zwar nicht irgendeiner beliebigen Autorität, sondern der Natürlichen Ordnung. Also: Du erntest, was Du säst. Es gibt einen Ordnungsbegriff, der nicht beliebig ist, nicht korrumpierbar durch Wissenschaftler, Politiker oder sonst irgendje-manden. Bestimmte Dinge sind, wie sie sind: die Sonne geht morgens auf und abends unter, Schnee fällt im Winter und nicht im Sommer, die Ernte wird im Herbst und nicht im Frühjahr eingefahren. Die Autorität des Jungfrauprinzips basiert auf dem Wissen um die kosmische Ordnung. Und: es ist ein tiefes inneres Bedürfnis, diese Ordnung zu erhalten da wo sie besteht und sie herzustellen wo sie nicht besteht. Eine nützliche, gesunde Zelle im großen kosmischen Körper zu sein und durch eigene Arbeit einen Beitrag zu leisten zu einer Welt, die gesund ist und im guten Sinne funktioniert - das ist hier der Auftrag.
Auch Aschenputtels Körnerverlesen ist eine Jungfrau-Tätigkeit: „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Das ist alles andere als eine niedere Tätigkeit. Hier soll das Lebendige vom Toten getrennt werden, das Fruchtbare vom Unfruchtbaren. Es gibt auch Märchen, in denen männliche Helden diese Aufgabe haben. Jungfrau hat einen begnade-ten Blick dafür, was in Bezug auf eine bestimmte Struktur nützlich und gesund bzw. unnütz und ungesund ist. Das ist lebendige Ordnung, wie sie auch der Darm erschafft.
In vielen Märchen müssen Helden oder Heldinnen, Königssöhne oder Königstöchter einfa-che Arbeiten verrichten, die im Gesamtzusammenhang aber unverzichtbar für die persön-liche Entwicklung sind. So muss der Königssohn im Eisenhans-Märchen eine Zeitlang Garten- und Küchenarbeiten ausführen und sein goldenes Haar unter einer Mütze verste-cken. In dem Märchen König Drosselbart muss die Königstochter in einer einfachen Wald-hütte niedrige irdische Tätigkeiten erledigen. Natürlich kann man, wenn man will auch da wieder das Problem patriarchaler Herrschaft hineininterpretieren, das kommt auf den Blickpunkt an. ‚Dienen‘ ist heute ein heißes Wort, das man wie ein rohes Ei behandeln muss. Trotzdem: das wohlverstandene Jungfrauprinzip lehrt freudiges Dienen im Sinne der Goldmarie oder des Königssohns im Eisenhansmärchen. Mit der irdischen Alltagswirk-lichkeit zurechtzukommen, mit täglichen Routinearbeiten, ist eine genauso große Heraus-forderung wie die Besteigung von Himalayagipfeln oder das Aufstellen von Weltrekorden. Der Meister, der, nach seiner besonderen Weisheit befragt, antwortet: „ich esse, wenn ich hungrig bin und schlafe, wenn ich müde bin“ - besitzt die Weisheit der Jungfrau. Das Schlichte, Einfache, Gewöhnliche ist weiser als imponierendes Heißluftgebläse. Die Schlichtheit des einfachen Arbeiters, der das, was er tut, mit Liebe und Sorgfalt tut, der Weg des rechten Handelns, der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit mit dem Ziel, Schädli-ches zu vermeiden und Gesundes zu fördern, das ist hier der Weg - im Großen wie im Kleinen. Das beginnt mit der Verantwortung für den physischen Leib. Die Aufmerksamkeit für das, was dem Körper nützt und was ihm schadet, ist hier von vorneherein besonders groß. Das beginnt bei der Ernährung. Du bist, was Du isst, könnte man hier sagen. Es ist kein Zufall, dass die griechische Göttin Demeter, die viel Jungfrausymbolik besitzt, ihren Namen in der Naturkostbranche zur Verfügung stellen muss. Die Verantwortung für den Körper lässt sich auch auf den Körper der Familie, in der wir leben, ausdehnen, weiterhin auf den Organismus der Gesellschaft, der wir angehören, zuletzt auf den großen kosmi-schen Leib, in dem wir als einzelne verpflichtet sind, eine gesunde Zelle und keine Krebs-zelle zu sein, bzw. zu werden.
Eine Geschichte: Nach einer langen Wanderung durch die Wüste kommen eines abends der Meister und sein Schüler an einer Oase an. Der Meister trägt dem Schüler auf, vor dem Schlafengehen die Kamele anzubinden. Dieser ist jedoch so müde, das er sich an einen Satz seines Lehrers erinnert: „Allah gibt auf alles acht!“ Also, denkt er, wird er auch auf die Kamele acht geben und legt sich schlafen. Am nächsten Morgen sind die Kamele weg und er wird gefragt, warum er sie nicht, wie befohlen, angebunden habe. Er verteidigt sich: „Du selbst, Meister, betonst immer wieder, dass Allah auf alles acht gibt, deshalb meinte ich, er würde auf die Kamele aufpassen“. Darauf der Meister: „Vertraue auf Allah, aber binde zuerst Deinem Kamel die Knie.“ Dieser Meister könnte Jungfrau gewesen sein. Man fühlt sich an den Satz erinnert: „Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.“ Der Jungfrau-Gegenpol Fische besitzt die Weisheit der bedingungslosen Hingabe an den Fluss des Lebens. Würde man diese Haltung verabsolutieren, so würden einem tagtäglich die Kamele davonlaufen. Aber auch eine Verabsolutierung des Kontrollprinzips macht le-bensuntüchtig; denn jede Einseitigkeit ist auf Dauer gesehen dumm und unlebendig. Es könnte Dir dann gehen, wie jenem Mann, der an die Pforte zum Himmelreich kommt und dort zwei Eingänge vorfindet. Über dem ersten steht „Eingang zum Himmelreich“. Über dem zweiten: „Eingang zu Vorträgen über das Himmelreich“. Er wählt die zweite Tür.
Übertriebene Vorsicht, über alles Bescheid wissen müssen, bevor man es einfach ER-LEBT, das hieße, erst ins Wasser gehen, wenn man schwimmen kann. Und - wie die rus-sische Baba Jaga im Märchen von Wassilissa sagt: „Viel wissen macht alt!“ Die einzige Möglichkeit ist hier, immer wieder bewusst die Gratwanderung zwischen Vorsicht und Vertrauen zu gehen. Es gibt auch einen Witz, der auf dem Jungfrau-Fische-Gegensatz aufbaut: Es regnet seit Wochen und Monaten, so dass die Bewohner des Dorfes ihre Häu-ser in Booten verlassen, um ihr Leben zu retten. Plötzlich merken sie, dass der Dorfpfarrer nicht bei ihnen ist und eins der Boote fährt zur Kirche, um ihn zu holen. Der erklärt den Leuten jedoch: „Ich verlasse meine Kirche nicht, ich vertraue auf den Herrn, er wird mich nicht umkommen lassen.“ Es regnet noch mehrere Wochen und die geflohenen Dorfbe-wohner sagen: „Der Pfarrer wird ertrinken.“ Und sie schicken ein Boot, das ihn holen soll.
Als das Boot den Ort erreicht, steht das Wasser schon so hoch, dass der Priester sich auf das Dach der Kirche hat retten müssen. Die Bootsbesatzung fordert ihn auf mitzukommen, da er andernfalls ertrinken würde. Er weigert sich jedoch und wiederholt, dass er darauf vertraue, dass Gott ihn retten würde. Unverrichteter Dinge legt das Boot wieder ab. Da es noch weitere Wochen regnet, entsenden die Dorfältesten nochmals ein Boot in der Hoff-nung, dass der heilige Mann nun zur Vernunft gekommen sei und einsehe, dass er sich in Sicherheit bringen müsse. Das Wasser steht schon so hoch, dass der Pfarrer auf der Kirchtumspitze hat Zuflucht suchen müssen. Jedoch sein Vertrauen in den Herrn ist so unerschütterlich, dass er sich auch jetzt noch weigert, das Haus Gottes zu verlassen. Be-stürzt rudert die Rettungsmannschaft davon und es regnet und regnet und der Priester ertrinkt. Als er endlich vor seinem Schöpfer steht, sagt er: „Ich habe so in Dich vertraut, und Du hast mich nicht gerettet!“ „Was beschuldigst Du mich?“ entgegnet ihm Der Herr. „Ich habe Dir dreimal ein Boot geschickt, und Du hast Dich jedes mal geweigert einzustei-gen.“
Die Verbindung der Fische-Weisheit mit der Jungfrau-Weisheit lautet daher: „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.“
Mit anderen Worten Gott leistet Hilfe zur Selbsthilfe: du bekommst alles, was Du brauchst, um deine Probleme anzupacken und zu lösen, aber Du darfst nicht erwarten, dass jemand anderer Dir den Teil, der von Dir als Eigenleistung erwartet wird, abnimmt.
Ist in einem Familiensystem viel Jungfrau-Energie vorhanden, findet sich eine ganz un-dramatische, praktische Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft; man kann sich versorgt und sicher fühlen. Der Vorrat an Holz, den man im Sommer angelegt hat, ist so groß, dass man auch in sehr strengen Wintern nicht frieren muss. Falls jemand krank wird, sind ge-nug Heilkräuter da und auch die richtigen Rezepte für die Kräutermischung. Verlässliche Strukturen mit klaren Regeln bestimmen, wer in der Familie wann welche Aufgaben zu erledigen hat. Das Haushalten mit den verfügbaren Mitteln geschieht auf eine Weise, dass sich kaum wirkliche Existenzsorgen einstellen können. Die dunkle Seite dieses Systems ist die perfekte Familie, der perfekte Haushalt ohne Lebendigkeit. Wer aus der Ordnung fällt, wird permanent kritisiert und belehrt; jede Handlung wird unter Begründungszwang gestellt; Spontaneität und Kreativität werden als Naivität, Dummheit oder einfach als un-nütz abqualifiziert. Einseitige Leistungsorientierung züchtet brav funktionierende Kinder ohne Lebensfreude. Hier gedeiht nicht Vertrauen, sondern Angst. Angst, nicht zu genü-gen, Angst vor Kritik, Angst „es“ nicht zu schaffen, nichts wert zu sein, wenn Du es nicht bringst, Angst vor dem Leben überhaupt.
Bist Du geboren mit Sonnenstand Jungfrau, so ist Dein innerer König ein kluger, aufmerk-samer Herrscher, der sich als Hüter einer übergeordneten Gesetzmäßigkeit begreift. Er ruht sich nicht aus auf seinem Thron, sondern sorgt durch sein Handeln täglich neu dafür, dass in seinem Reich Gesundheit und Produktivität herrschen - er ist zugleich Herrscher und Diener, sich niemals zu schade für einfache Arbeit. Er kümmert sich in verantwor-tungsvoller Weise um sein Volk, ist beliebt und manchmal auch gefürchtet wegen seines kritischen Auges, dem nichts entgeht, was Schaden bringen könnte.
Als Kind mit Jungfrau-Sonne wirst Du diese Qualitäten zunächst im leiblichen Vater su-chen. Er soll Dir die Welt erklären, allerdings nicht wie der Zwillingskönig nur Geschichten erzählen, sondern Lebenspraxis vermitteln. Ein Mann mit Jungfrau-Sonne berichtete in einer Gruppe, das einzige schöne Erlebnis, das ihn mit seinem Vater verbinde, sei, dass dieser ihm einmal zeigte, wie man ein Fahrrad repariert. In diesem Moment war er ein wirklicher Jungfrau-Vater: er erklärte dem Sohn anhand des Fahrrads, wie die Weltord-nung funktioniert. Der Vater soll Dir zeigen, wie die Dinge funktionieren, soll sich kümmern und zuständig fühlen und in der unbekannten, gefährlichen Welt Sicherheit vermitteln durch seine Klugheit und Erfahrung. Es ist für Dich wichtig, dass Du von ihm ernst ge-nommen wirst, dass er Deine Leistung kritisch würdigt, sich mit Dir auseinandersetzt. Was Du ihm schwer verzeihen wirst, ist schlampiges Desinteresse, eine faule, unkritische und unbewusste Lebenshaltung, sei es im familiären oder auch im politisch-gesellschaftlichen Rahmen. Er muss das, was er tut, schon auch kritisch hinterfragen bzw. sich von seinem Sohn, von seiner Tochter hinterfragen lassen. „Warum tust Du das?“ Auf diese Frage muss eine antwort kommen. Du bist hier nicht das unkritische Kind, das einem Vater un-besehen ein Podest einräumt; Du wirst ihn an seinem Handeln messen. Auch du möchtest wiederum, dass er Dir bestätigt: „Das hast Du gut gemacht! Du bist in Ordnung!“ Und - diese Sätze sollen dann kein Gerede sein, sondern Deiner tatsächlichen Leistung ange-messen. Du merkst, wenn Dich einer lobt aus Schmeichelei oder weil er seine Ruhe vor Dir haben will.
Als Frau mit Jungfrau-Sonne lebt dieser Vater-König als Möglichkeit auch in Dir, wird sich aber zunächst in mehr oder weniger bewusste Erwartungen an Männer einschleichen, vor allem den Mann betreffend, der Vater Deiner Kinder sein könnte. Du suchst dann nach einer Mischung aus fürsorglichem Vater-Typus und tatkräftig-fleißigem Helden. Nicht nach bodenlosen, verkannten Genies oder verträumten Lebenskünstlern wird es Dich verlangen und wenn, dann nur kurzfristig; denn auf Dauer bringt das schließlich nichts. Der Mann soll mit der irdischen Wirklichkeit zurecht kommen, soll Boden unter den Füßen haben, soll vernünftig und erwachsen sein. Im negativen Fall wirst Du Dir Männer suchen, die dich dauernd kritisieren, denen Du nichts recht machen kannst, von denen Du Dich reduziert fühlst auf eine Funktion, sei es Mutter, Hausfrau oder Gehilfin. Dann wirst Du wie ein klei-nes Mädchen vor dem kritisch prüfenden Blick des Mann-Vaters zittern - und das so lange bis Du Dich mit Deinem inneren kritischen König auseinandersetzt, Deine eigenen Vor-stellungen von Ordnung und Klarheit definierst. Dein Selbstbewusstsein hat hier sehr viel zu tun mit dem Beitrag, den Du leistest, Deine schöpferische Energie ist untrennbar mit den Themen Nützlichkeit und Gesundheit verbunden. Der Rahmen der Verwirklichung kann sehr verschieden sein, es kann genauso gut heilend-helfende, wie politische Arbeit sein oder auch die alltägliche gewissenhafte Arbeit an Dir selbst mit liebevoller Aufmerk-samkeit für die scheinbar unbedeutenden, kleinen Dinge des Lebens. Am Ende Deines Lebens wird jemand in Dir fragen: „Was hast Du gemacht? Was war Dein Beitrag? Wozu war Dein Leben nütze?
Das Jungfrau-Beziehungsmodell ist die gesunde, funktionierende Beziehung, in der man achtsam und bewußt miteinander umgeht. Fritz Riemann, der die Venus in diesem Zei-chen hatte, schrieb einst ein kleines Buch: „Die Fähigkeit zu lieben“. Hier ist klar, dass Lie-be nicht nur ein Geschenk des Himmels ist, das einfach so gegeben und genommen wird, sondern dass Liebe geübt und erarbeitet sein will, auch da, wo die Anfangsverliebtheit an-deres verheißt. H. Jellouschek hat in einem seiner Vorträge gefordert, die Paarbeziehung als gemeinsamen Übungsweg zu begreifen und stellt dieses ‚ernüchternde‘ Modell der immer noch häufig anzutreffenden Vorstellung gegenüber, Liebe müsse immer und jeder-zeit romantisch sein, müsse einfach so da sein und geschehen ohne Arbeit. Liebe be-kommt hier oft das Gesicht einer schlichten, hilfsbereiten Kameradschaft mit viel Aufmerk-samkeit für die (materiellen) Bedürfnisse des anderen. Man lässt die Beziehung nicht ver-schlampen, sondern ahnt und spürt, wann Reparaturen am Beziehungsgebäude notwen-dig sind. Es ist ein realistisches Bewusstsein für die Möglichkeiten und Begrenztheiten der Partnerschaft vorhanden, ohne deswegen groß ins Lamentieren zu geraten - so ist es e-ben im Leben. Wenn die Beziehung ‚nichts mehr bringt‘, ungesund und unfruchtbar ge-worden ist, kann man das einfach sachlich-objektiv anschauen und Konsequenzen ziehen; man wird nicht Energie in ein totes oder destruktives System investieren. Dazu ist das Le-ben zu kostbar. Immer wieder müssen die Beziehungskörner im Sinne Aschenputtels ver-lesen werden - und, wenn die kosmische Ordnung es will, erwächst daraus ein altes Paar, das liebevoll-ehrlich und bewusst-kritisch den gemeinsamen Weg gegangen ist.
Die Schattenseite ist hier die tote funktionierende Beziehung, die man ausschließlich unter dem ökonomisch-praktischen Gesichtspunkt führt, in der jeder sich nur noch über seine Funktion definiert, ansonsten aber als Person schon lange nicht mehr gefragt ist. Die per-fekte, durchgestylte Beziehung mit verhaltenstherapeutisch eingeübten Belohnungsmus-tern, funktionierend nach der Kosten-Nutzen-Rechnung; denn Scheidung kommt zu teuer. Die irrationale Welt der Gefühle ist längst schon erfolgreich aus der Beziehung verbannt (‚nun werde bloß nicht hysterisch!‘ oder ‚sag Bescheid, wenn man wieder vernünftig mit Dir reden kann!‘). Sex ist zur Pflichtübung verkommen (‚Schatzi heute ist Samstag!‘) oder wird kühl und perfekt gemanagt. Eine andere Variante ist die Beziehung, in der mörderische Rechthaberkriege an der Tagesordnung sind; kein Anlass ist zu gering, um daraus nicht eine Grundsatzdiskussion zu machen. Aus tiefer Angst vor der unberechenbaren Buntheit des Lebens wird der Partner unter dem Deckmantel von Vernunft und Vorsicht zu Tode kontrolliert. Man ist eben besorgt und man meints ja nur gut: „Was kann nicht alles passie-ren?“
Zur therapeutischen Strategie im Sinne des Jungfrauprinzips ist es entscheidend, wie im Laufe des Lebens die Begriffe ‚richtig‘ und ‚falsch‘ definiert werden, ob im Sinne einer na-türlich-lebendigen oder im Sinne einer steril-lebensfeindlichen Ordnung. Wolf Büntig (Jungfrau-Sonne) hielt vor Jahren einen Vortrag in Lindau über seine Arbeit mit Krebspati-enten. Ein Pfarrer meldete sich in der anschließenden Diskussion zu Wort: „Ich begleitete vor kurzem eine sterbende Frau, und sie fragte mich: „Herr Pfarrer, was habe ich falsch gemacht?“ Sie meinte damit, warum sie diese Krankheit bekommen musste. Ich wusste keine Antwort. Was hätten Sie gesagt?“ Büntigs Antwort: „Ich hätte Ihr gesagt: der einzige Fehler, den Sie gemacht haben, war, dass sie versucht haben, etwas richtig zu machen.“ Das ist es! Unsere Begriffe von ‚richtig‘ und ‚falsch‘ haben meistens wenig mit dem Leben zu tun, sondern sind Konzepte gut funktionierender Söhne und Töchter mit Waschzwang und Spinnenphobie. Die „anständige Schweiz“ gilt als Jungfrau-Land. Nirgends auf der Welt gibt es mehr Bunker in Relation zur Bevölkerungszahl, ganz abgesehen von den Bankbunkern. Als ob dadurch der Tod überlistet werden könnte! Die oben beschriebene Krebspatientin hat bestimmt vernünftig gelebt, ist sicherlich nicht randalierend in Kneipen aufgefallen, ist sicherlich nie aus der Kirche ausgetreten und war vermutlich eine gute Tochter ohne Schatten. Es ist so bitter, dass gerade der Mensch, der es immer gut meint, nie Fehler macht, nie negativ auffällt, Opfer einer destruktiven Krankheit wird. Und doch ist es geradezu logisch. Was Du nicht lebst oder nicht leben lässt, lässt Dich nicht leben! „Es bleibt ein Erdenrest, zu tragen peinlich - und wär er von Asbest, er wär nicht reinlich“ sagt Goethe (Jungfrau-Sonne). Ein echtes Waschmittelproblem. Wer erfindet den „Weißen Su-percop“, der auch diesen peinlichen Schattenanteil besiegt?
Im Märchen gibt es kaum einen Helden oder eine Heldin, der/die ohne Fehler bleibt. Ent-weder es wird die verbotene Kammer aufgemacht oder es wird eine Wache verschlafen oder das Schweigegebot gebrochen oder, oder, oder ... Diese ‚Fehler‘ sind entscheidender Grund dafür, dass Entwicklung passiert. Denk an Dein eigenes Leben: Deine größten Fehler waren Deine größten Lehrer; sie haben Dir mehr Erkenntnis vermittelt als tausend gute Taten. Die schlimmsten Sünden sind oft die, die wir nicht begangen haben. Wenn Du Fehler vermeiden möchtest, kannst Du gleich im Bett liegen bleiben und nie mehr aufste-hen - und das wäre auch ein Fehler. Du kannst Dich auch bemühen, die RICHTIGEN Fehler zu machen (Herr und Frau Sorgenfrei im Fasching: jetzt wollen wir uns mal RICH-TIG daneben benehmen). Oder - Du kannst die Definition ‚richtig - falsch‘ Gott überlassen. Dann wirst Du bei allem, was Dir auf Deinem Weg begegnet, bei allem Bemühen und Scheitern, Gewinnen und Verlieren sagen: Es ist, wie es ist - und aus. Der Wirklichkeit ist es egal, ob Du sie mit Deinen noch so klugen Denkmustern als richtig oder falsch erach-test - sie IST einfach. Du kannst als einsam rufender Rechthaber in der Wüste sterben nach dem Motto: „Und ich hätte doch gewusst, wie es besser und richtiger gegangen wä-re“ - oder Dich und die Welt von Moment zu Moment willkommen heißen, Deine persönli-che Klugscheißerei immer wieder demütig der göttlichen Weisheit unterordnend.
Textauszug aus:
Claus Riemann - Astrologische Seminare - Jungfrau.
Erhältlich als CD bei
VanTastik
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