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Märchen: Der Schmetterlingsmann (Zwilling)

Claus Riemann
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Dienstag, 9. Oktober 2001, 15:37

'Märchen: Der Schmetterlingsmann (Zwilling)' - Beitrag von Claus RiemannEs war Frühling am Fluß, und die Tolowim-Frau war ruhelos und einsam. Der Tolowim-Mann war den Fluß hinuntergezogen, um Lachse zu stechen. Sie wußte, wenn er zurückkam, würde er zu den anderen Männern ins Schwitzhaus gehen. Dies war die Zeit des Reh-Tanzes im Frühjahr, die Zeit, zu der eine Frau unrein ist und ihr Mann sie meidet, wenn er an diesem Tanz teilnimmt. Der Tolowim-Mann mußte sich unbedingt rein halten, denn er gehörte zu den Tänzern, die die Rehe verkörpern, und dies ist eine gefährliche Angelegenheit. Um diese Zeit bleibt eine gute Frau daheim und sieht gewissenhaft darauf, daß kein Tabu verletzt wird.

Die Tolowim-Frau war eine gute Frau, aber sie wußte auch, daß im Frühling die wilden Schwertlilien in den Bergen blühen. Die Tolowim-Frau konnte das Geschwätz der Frauen nicht mehr hören. Frauenstimmen waren ihr plötzlich verhaßt. Sie setzte ihren Korbhut auf, nahm das Wiegenbrett mit dem Baby auf ihren Rücken und kroch durch die Vordertür aus der Hütte.

Draußen richtete sie sich auf, blickte noch einmal den Fluß hinab, wandte sich dann um und lief hinauf in die Berge. Die Sonne war hell und heiß. Nachdem sie ein Stück des Weges bergauf gegangen war, kam sie außer Atem. Sie streifte das Wiegenbrett ab, stellte es in den Schatten eines Manzanita-Busches und setzte sich auf den Boden, um sich auszuruhen.

Wie sie dort saß, flatterte ein Schmetterling herbei. Er strich dem Baby über den Arm. Das Kind lachte und versuchte, ihn zu erhaschen.

Der Schmetterling strich der Tolowim-Frau über die Wange. Auch sie lachte und versuchte, ihn zu fangen. Der Schmetterling ließ sich einen Augenblick auf einem Zweig des Manzanita-Busches nieder. Die Tolowim-Frau lachte wieder. Sie beugte sich vor, um den Falter mit ihrem Hut zu bedecken. Aber er flog zum nächsten Busch. Sie stand auf und lief ihm nach.

Sie wünschte sich diesen Schmetterling. Er war groß mit starken Flügeln und sehr schön. Die Schwingen waren mit Bändern gezeichnet, die hatten das Schwarz von Muschelschalen, und die Streifen glänzten scharlachrot wie die Federn auf dem Schopf eines Spechtes.

Sie wünschte sich, diesen Schmetterling zu besitzen. Er war immer ganz nahe vor ihr, und immer schien es, daß sie ihn beim nächsten Schritt fangen werde, aber immer wieder huschte er fort und entkam.

Sein Flug war nicht vom Zufall bestimmt. Er lockte sie immer weiter vom Fluß fort und immer weiter hinauf in die Berge.

Die Tolowim-Frau sah sich um. Ihr Kind schlief friedlich im Schatten des Manzanita-Busches. Der Schmetterling würde bald ermüden. Sie wollte ihm noch über den nächsten Hügel folgen und dann zu dem Kind zurückkehren.

Aber der Schmetterling ermüdete nicht, und ihr gelang es nicht, ihn zu fangen. Immer stärker wurde das Verlangen der Tolowim-Frau, ihn zu besitzen, und den ganzen Nachmittag lockte er sie weiter und weiter. Ihr Lederhemd war schmutzig und zerfetzt von den Dornen der Büsche. Sie hatte ihren Hut verloren, und sie war nicht stehen geblieben, um ihn aufzuheben. Die Muschelkette um ihren Hals war zerrissen. Endlich ging die Sonne unter, und weit landeinwärts in den Bergen, die sie nicht kannte, sank die Tolowim-Frau erschöpft zu Boden. Der Schmetterling machte sofort kehrt und flog zu ihr hin. Er ließ sich neben ihr nieder. In der Abenddämmerung sah sie, wie er sich in einen schlanken, schönen Mann verwandelte, nackt, nur mit einem Gürtel aus Schmetterlingen um seine Hüfte, mit langem Haar, das von einem schwarz-roten Stirnband gehalten wurde.

Die Nacht verbrachten sie zusammen.

Am Morgen fragte der Schmetterlingsmann sie: »Willst du mit mir gehen?«

Sie antwortete: »Ja, ich will.«

Dann sagte er zu ihr: »Das ist gut. Wir müssen noch einen Tag reisen, dann sind wir in meinem Land, und dort werden wir glücklich leben. Aber es ist eine lange und gefährliche Reise, meine Geliebte. Wir müssen das Tal der Schmetterlinge durchqueren, und sie werden versuchen, mich dir zu entreißen. Du mußt genau das tun, was ich dir sage, dann werden wir der Gefahr entgehen.«

Das versprach sie, und er sagte: »Bleibe dicht hinter mir. Tritt dorthin, wohin ich getreten bin. Halte dich mit beiden Händen an meinem Gürtel fest. Laß nicht einen Augenblick los. Und sieh keinen Schmetterling an, ehe wir nicht das Tal hinter uns gelassen haben. Gehorche mir nur dieses eine Mal, und du wirst für immer sicher sein. Und denke daran, ich verliere die Kraft, die dich schützt, wenn deine Hände nicht auf meinem Gürtel liegen.«

Sie brachen auf. Der Schmetterlingsmann ging voran, die Tolowim-Frau folgte. Sie faßte den Gürtel fest mit beiden Händen und sah zu Boden. So kamen sie in das Tal der Schmetterlinge und gingen eine Zeitlang im Tal dahin. Der Boden war hart, aber der Schmetterlingsmann lief mit schnellen, sicheren Schritten.

Schmetterlinge saßen auf den Felsen, über die sie klettern mußten. Schmetterlinge schlugen gegen ihre Beine, setzten sich ihnen ins Haar und flatterten vor ihren Gesichtern. Das ganze Tal schien voller Schmetterlinge. Lange Zeit dachte die Tolowim-Frau daran, was der Schmetterlingsmann ihr gesagt hatte. Sie hielt ihre Hände auf seinem Gürtel und blickte zu Boden. Aber dann tanzte plötzlich ein Schmetterling, schwärzer noch als der Schmetterlingsmann und strahlend wie eine Krone, vor ihr. Er tänzelte um ihre Brüste, vor ihren niedergeschlagenen Augen und ließ sich für Augenblicke auf ihren Lippen nieder. Dann flog er langsam fort. Sie stöhnte vor Erregung. Ihre Augen verfolgten seinen Flug, und sie nahm eine Hand vom Gürtel und griff gierig nach ihm.

Er war plötzlich fort.

Aber sogleich tanzten Hunderte, Tausende anderer Schmetterlinge vor ihr, sie schlugen gegen ihre Augen, ihre Wangen und ihren Mund. Sie waren schwarz und rein weiß, blaß-golden, sumpfgrün oder purpurrot.

Sie wollte sie alle, und sie ließ den Gürtel des Schmetterlingsmannes los und griff nach ihnen mit beiden Händen. Nicht einen konnte sie erhaschen.

Der Schmetterlingsmann blieb weder stehen noch sah er sich um. Und während sie einmal diesem, einmal jenem Schmetterling nachjagte, stolperte, hinfiel und sich wieder aufraffte und doch nie eines der Tiere fing, entfernte sich ihr Geliebter mehr und mehr, sie aber achtete nicht darauf. Wie im Wahn jagte sie immer wieder von neuem den Schmetterlingen nach.

Ihre Zöpfe gingen auf. Ihr Rock verfing sich an einem Busch und zerriß. Sie warf ihn fort. Ihre Mokassins gingen in Fetzen. Nackt, mit aufgelösten Haaren, von den Felsen am ganzen Körper zerschunden, setzte sie ihre Jagd fort. Der Schmetterlingsmann war verschwunden. Er hatte das Tal durchquert und sein Land erreicht.

Die Tolowim-Frau folgte einem Schmetterling und verlor ihn aus den Augen. Sie jagte einem anderen nach und verlor auch ihn. So ging es immer weiter, und immer unsicherer wurden ihre Schritte. Dann blieb ihr Herz stehen. Das war das Ende der Tolowim-Frau.

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Alle Bilder und Texte: © 2000 Van Tastik, Robert Adé, Böckhstr. 40, 10967 Berlin
Tel/Fax 030 - 612 012 69

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