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Das Kybernetische Modell oder: Wie wir die Wirklichkeit aufbauen (Teil 1)
Christopher A. Weidner
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Montag, 19. November 2001, 16:24
Der Strom des Erlebens
"Wir Menschen … scheinen psychisch in einem sinn- und ordnungslosen Universum nicht überleben zu können." Eine typische Eigenschaft des Menschen ist das Bedürfnis nach Organisation der Welt. Wir wünschen uns stabile und verläßliche Erfahrungen, während unsere Sinnesorgane sekündlich von einem unüberschaubaren Chaos sich unaufhörlich ablösender Reize überflutet wird: "Alles fließt - nichts besteht".
Wie aber gelingt es dem menschlichen Bewußtsein aus diesem Strom des Erlebens eine einigermaßen dauerhafte und regelmäßige Welt aufzubauen? Anders gesagt: Wie entsteht aus dem Chaos der Reize unsere geordnete Wirklichkeit? Betrachten Sie dazu folgende Abbildung:
(B) zeigt Ihnen eine Reihe von Punkten, wie sie in der Natur z.B. am Sternenhimmel vorkommen: unschwer werden Sie das Sternbild des Großen Wagens erkannt haben. Tatsächlich sehen alle Menschen in den unterschiedlichsten Kulturen das Sternbild wie unter (C) - während die Kombination von (A) ebenso möglich ist, niemand aber spontan diese Verbindungen sehen würde! Dabei ist diese Anhäufung von Punkten rein zufällig und existiert nur in unserer Wahrnehmung: in Wahrheit besitzt dieses Sternbild nicht einmal eine natürliche Entsprechung, da die einzelnen Fixsterne, aus denen es aufgebaut ist, in völlig unterschiedlichen Tiefen des Weltalls liegen und nichts miteinander zu tun haben!
Während die Gestalt von allen Menschen gleich wahrgenommen wird, werden ihr in den verschiedenen Kulturen ganz andere Bedeutungen beigemessen: bei uns ist diese Konstellation ein Wagen, in Amerika erkennt man darin einen Schöpflöffel, auf den Britischen Inseln einen Pflug; die Südfranzosen sehen eine Kasserolle, die Araber gar einen Sarg, hinter dem drei Klageweiber gehen, die Antike und die Indianer verknüpften das Sternbild mit einem Bären, die Innuit sehen darin ein Rentier und die alten Ägypter ein Nilpferd.
Es scheint also etwas im Menschen angelegt zu sein, das bestimmte Strategien der Organisation bevorzugt. Dabei gibt es Kriterien, die allen Menschen gemeinsam sind und auf einfachen geometrischen Formen, wie Rechteck, Dreieck und Kreis aufbauen, auf Symmetrie und Geschlossenheit der Gestalt. Dann gibt es die Kriterien, die offensichtlich kulturellen Ursprungs sind, und von den natürlichen und historischen Gegebenheiten an einem Ort geprägt sind. Schließlich gibt es aber auch noch jene Kriterien, die unserer persönlichen Geschichte und unserem Geschmack entsprechen, z.B. welche dieser Erzählungen zum Sternbild Ihnen am besten gefällt etc.
Jeder Mensch scheint eine individuelle Strategie zur Organisation des Chaos in sich zu tragen - und damit baut jeder Mensch auch eine individuelle Wirklichkeit auf, die sich in vielen Punkten mit der Wirklichkeit aller Menschen oder der seiner Kultur überschneidet, zu einem sehr großen Teil aber von ihm alleine geprägt wird.
Die folgenden Teile werden in den nächsten Wochen
veröffentlicht.
Der Strom des Erlebens (Teil 1)
Eine Insel der Ordnung (Teil 2)
Das Kybernetische Modell (Teil 3)
Der erste Regelkreis (Teil 4)
Der zweite Regelkreis (Teil 5)
Der dritte Regelkreis (Teil 6)
Der Abyssos (Teil 7)
Der vierte Regelkreis (Teil 8)
Regelkreise und Quadranten (Teil 9)
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