Astrologie | Astrologie Grundwissen
Widder
Claus Riemann
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Dienstag, 12. September 2000, 14:25
Eine ausführliche Beschreibung des Tierkreiszeichen Widder.
Ein Blick auf die Jahreszeit, in der die Sonne im Tierkreisabschnitt Widder verweilt: Es ist die Zeit, in der viele alte Kulturen die Geburt des neuen Jahres feierten. Die Sonne beginnt diesen Abschnitt ihrer Jahreswanderung zum Zeitpunkt der Frühjahrstagundnachtgleiche. Von da an sind die Tage länger als die Nächte, es ist der Sieg des hellen Prinzips über das dunkle. Überall in der Natur fängt es an zu treiben und zu sprießen . Das neue Leben bahnt sich seinen Weg. Nichts kann es aufhalten. Nachdem sich die Lebenskräfte im Schoße der Jahresnacht erneuert haben, kommt es nun zu einem radikalen Abschied von diesem mütterlichen Prinzip, zu einem Neubeginn, zur Geburt. Widder ist das Zeichen der Geburt, der Geburt des neuen, unschuldigen Lebens. Dies drückt sich auch im gebräuchli-chen Widder-Symbol aus, das aus der Man-Rune entstanden ist, die einem Y gleicht. Sie bedeutet soviel wie Geburt, Osten, Frühling und stellt einen Menschen dar, der beide Ar-me in die Höhe streckt; man könnte sich vorstellen, dass er gerade der warmen Gebor-genheit und dem Traumzustand des nächtlichen Lagers entschlüpft ist, und sich nun dem neuen Tag entgegenstreckt.
Man kann hier sehr gut erkennen, wie sich die Symbolik ständig wiederholt, wie es immer wieder um dasselbe geht: der Geborgenheit des Mutterschoßes folgt die Geburt, der Winterruhe der Erdmutter das Frühlingserwachen, der Nachtruhe des Menschen die Mor-gendämmerung des neuen Tages. Als tatenfreudiger Widder springst Du beim ersten Sonnenstrahl aus dem Bett und forschst nicht nach den Träumen der Nacht. Widder ist geschichtslos, ist sich keiner Vergangenheit bewusst, alles was vorher war liegt im Dunkel des Vergessens. Rücksichtslos drängt das neue Leben mit dem Kopf voran in die Welt. Obwohl die Mutter bei der Geburt verletzt im Extremfall gar getötet wird, ist sich das Neu-geborene bei seinem Tun keiner Schuld bewusst, es ist unschuldig. Manchmal vernichtet das Neue das Alte, ohne es zu wollen; es musste beseitigt werden, weil es der Zukunft im Wege stand. 'Aries' ist der lateinische Ausdruck für Widder, 'aries' hieß auch der Sturm-bock, ein riesiger Balken, mit dem man gegen die Tore der zu erobernden Festung an-rannte bis sie nachgaben, bis sie den Weg freigaben. Mit dem Kopf durch die Wand! Hin-dernisse sind da um überwunden zu werden. Der Widder sucht den Kampf um des Kampfes willen. "Wer ist der Stärkere, wer setzt sich durch?" das ist das Einzige, was hier wirklich interessiert. Hauptsache es rührt sich was, Hauptsache es kommt etwas in Bewe-gung, nur kein Stillstand. Das ist die Grundregel bei jeder Geburt: es muss etwas weiter-gehen; denn stecken bleiben, nicht weiterkommen, ist in dieser Situation lebensbedrohlich.
In diesem Tierkreisabschnitt ist das Leben gleich einer Kette von aufeinanderfolgenden Geburten, von Aufbrüchen, von Neuanfängen. Immer nach vorne schauen! Wer blickt zu-rück auf den Winter, wenn das Frühjahr anbricht, wenn der Sommer vor einem liegt? Wel-ches Baby blickt zurück in das Dunkel des Geburtskanals, wenn es das Licht der Welt er-blickt hat? Die Geburt ist der entscheidende Augenblick; ab jetzt hat das junge Leben ei-nen Lebensauftrag, wiedergegeben im Geburtshoroskop, das die Zeitqualität des Augen-blicks der Ent-Scheidung festhält wie in einer Momentaufnahme. Aus der Perspektive des Widder-Zeichens ist die zentrale Lebensaufgabe, immer wieder die Entscheidung zu su-chen, keinen Konflikt zu scheuen, keiner Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen: das Schwert aus der Scheide ziehen und kämpfen und die Entscheidung herbeiführen, ob nun Sieg oder Niederlage, beides ist besser als ein fauler Kompromiss. So gibt das Zei-chen Widder die Gewähr dafür, dass das Leben nicht einschläft, dass nichts beim Alten bleibt, dass auf jedes Heute ein Morgen folgt. Es ist wie ein andauernder innerer Befehl zu handeln, aktiv zu sein, voranzuschreiten und dabei nie zurückzuschauen, keine falsche Rücksicht zu nehmen. Das wäre als würde ein Kind auf die Geburt verzichten, um die Mutter zu schonen. Wäre diese rücksichtslose Kraft nicht, dieser unbeugsame Wille, vo-ranzuschreiten - alles Leben wäre längst erlahmt und im ewigen Todesschlaf versunken. Wenn nun aber die Kraft des Widders die tragende in Deinem Leben ist, wenn Du einer bist wie Parzival, dann erinnert Dich die Geburt eines jeden neuen Tages an dieses Urer-lebnis Deiner ersten Geburt und täglich heißt es: brich auf!
So brach Parzival im Knabenalter auf und folgte seiner Vision, Ritter zu werden, und er blickte sich nicht um, als seine Mutter Herzeleide vor Kummer tot zusammenbrach. Immer wieder gilt es eine Mutter, einen mütterlichen Bereich, der einen geschützt und genährt hat, damit man groß und kräftig genug werden konnte, um dem Abenteuer des Lebens begegnen zu können, zu verlassen und keine falsche Rücksicht zu nehmen, nicht aus Un-dankbarkeit, sondern weil eine innere Stimme es befiehlt. Und Parzival weiß weder seine Herkunft noch seinen Namen.
Der Aufbruch des Widders geschieht nicht in der Form wie zum Beispiel ein Jungfrau-Mensch das machen würde, gut geplant, perfekt organisiert und mit allen wichtigen Infor-mationen versehen, sondern spontan im naiven Vertrauen auf die innere Stimme. "Unwis-senheit ist die Mutter aller Abenteuer" belehrt die Comicfigur 'Hägar der Schreckliche' sei-nen Sohn, der gerade wieder einmal seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Bücherlesen, nachgeht. Nicht lange zaudern und überlegen: Schicksal entsteht und entscheidet sich durch Handeln. "Wär ich besonnen, hieß ich nicht der Tell" lässt Schiller seinen Helden verkünden. Die Unbesonnenheit ist die Stärke wie auch die Schwäche dieses Zeichens. Auch die Unbelehrbarkeit ist hier zu Hause. Als echter Widder kannst Du Dir fünfmal den Kopf an derselben Wand anrennen und beim sechsten Mal probierst Du es wieder. Es hätte ja sein können, dass die Wand diesmal nachgibt. Als vorsichtige Jungfrau würdest Du Dir bei solch unklugem Verhalten die Haare raufen. Aber es gibt auch eine Lebens-weisheit, die besagt: "du steigst niemals zweimal in denselben Fluss". Im Zen-Buddhismus unterscheidet man zwischen Expertengeist und Anfängergeist. Die weise Botschaft in der Haltung des Anfängergeistes ist: tue alles, als würdest Du es zum ersten Mal tun, nur so bist Du für eine neue Erfahrung offen. Wenn Du dem Leben mit der Haltung "das weiß ich schon, das kenn ich schon" begegnest, dann bist Du ein Gefangener Deiner bisherigen Erfahrungen und sie werden sich für Dich endlos wiederholen.
"Viel wissen macht alt" sagt die russische Baba Jaga im Märchen von Wassilissa. Widder ist aber das Zeichen der ewigen Jugend, hier bist Du im besten Falle auch mit siebzig noch ein unbeschriebenes Blatt, hier kannst Du Dir mit achtzig noch ein Motorrad kaufen, auch wenn alle Dir davon abraten. Was kümmern Dich alle weisen und gut gemeinten Ratschläge, wenn Du eines haben willst. Hier bist Du am letzten Tage Deines Lebens noch bereit, eine neue Erfahrung zu machen. Hier kannst Du als alter Mann immer noch staunen, hier kannst Du Dich als alte Frau immer noch wundern, hier bist Du auf eine gute Art Kind geblieben: das Leben kann Dich noch beeindrucken. In diesem Sinne sind sicher auch die Worte von Jesus zu verstehen, wenn er sagt: "Werdet wie die Kinder!".
Muß 'Hägar der Schreckliche' als Repräsentant des Prinzips hier erwähnt werden? Hätte man nicht eine Schublade höher greifen können? Aber nein! Die unterste, die erste Schublade ist schon die richtige. Widder ist das erste Zeichen. Der lateinische Ausdruck für 'erster' ist 'primus' und da steckt auch 'primitiv' mit drinnen. Hägar als der primitive wilde Mann ist mit seiner Art von Weisheit und Dummheit ein hervorragender Widder-Repräsentant. Warum? Denken wir mal an den Herrscher dieses Tierkreiszeichens, an Ares, den römischen Mars. Von ihm sagt Metmann: "Ares aber braucht keinen Lebenssinn und kein Geheimnis zu entdecken; denn er ist selbst eine Urkraft des Lebens...und daher göttlich. Leben und Kultur bedürfen ihrer und müssen sich gegen ihr blindes Walten schüt-zen". In anderen Worten: Ares/Mars symbolisiert die ungebändigte, unzivilisierte wilde Ur-kraft des Menschentieres; wer sie nicht hat, ist nicht wirklich zeugungsfähig, wer sie nicht zähmen kann, wird zum Zerstörer. Darum hast Du da, wo Du Widder bist, den Auftrag, diese Kraft in Dir zu entdecken; hast Du sie aber erst einmal freigesetzt, dann darfst Du ihr nicht freien Lauf lassen, sondern musst sie einbinden in das Netz Deiner seelischen Funk-tionen, so wie das Hephaistos, der Gott der Schmiede, mit Ares gemacht hat. Ares war jedoch nicht allein im Netz des Hephaistos gefangen, sondern zusammen mit Aphrodi-te/Venus.
Dieser Umstand gibt uns einen Hinweis auf ein tiefes Geheimnis: einer der ganz großen Lebensaufträge, die jeder Tierkreisabschnitt beinhaltet, ist die Integration des Gegenzei-chens. Die rohe männliche Urkraft, symbolisiert durch Widder und dessen Regenten Mars muss sich öffnen für das weibliche Prinzip, symbolisiert durch das Zeichen Waage und dessen Herrscherin Venus, sie muss kultiviert werden. Man denke an dieser Stelle auch an Darwins Theorie, die besagt, dass der Kampf ums Dasein, die Existenz bestimme und dass der Stärkere überlebe. Zu dieser Ansicht würde man gelangen, betrachtete man das Leben allein durch die Widder-Brille - eine Teilwahrheit; denn setzte man die Waage-Brille auf, so würde man mit Lamarck übereinstimmen, der zeigt, dass nicht das stärkere, son-dern das angepasstere Tier überlebt- der andere Teil der Wahrheit. Die Polarität von Kampf und Anpassung, von Krieg und Frieden, Trennung und Versöhnung, Schwert und Harfe gehört nun einmal zum Leben, und wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, einen dieser Pole abspalte, dann wird er destruktiv. So sehr Gandhis Philosophie der Ge-waltlosigkeit sicher eine tiefe Sehnsucht in uns allen berührt (Gandhi war Waage-Sonne), so folgerichtig ist, dass gerade er durch Gewalt starb. Bhagwan meinte zu diesem Thema: alle kämpfen wir für das Gute und gegen das Böse. Folge ist, dass es immer weiter Kampf gibt! Er stellte dem romantischen Konzept der Gewaltlosigkeit das der Transformation ge-genüber. In vielen Encounter-Gruppen ließ er Gewalt und Sex total durchleben, aber nicht, um einer permanenten Orgie zu frönen, sondern um Energie zu transformieren. Die meis-ten von uns wissen, wie man sich nach einem ordentlichen Wutanfall oder nach einer hei-ßen Liebesnacht fühlt: frei und leicht, ohne die geringste destruktive Energie. Wir alle wis-sen, wie wir uns fühlen, wenn wir auf unterdrückter Wut und Sexualität hocken bleiben: giftig-gierig, neidisch, destruktiv. Insofern will Widder uns lehren, die ursprüngliche, primiti-ve, wilde Seite unseres Wesens mitleben zu lassen, sie als eine Seite unseres inneren Kosmos zu akzeptieren. Je mehr ich dazu bereit bin, desto geringer wird die Gefahr echter Destruktivität oder Gewalt. Zurück zu Mars und seinen irdischen Vertretern: die Forderung nach Integration des Weiblichen stellt den Helden vor ernsthafte Schwierigkeiten. Wie se-hen diese aus?
Es gibt ein skandinavisches Märchen mit dem Titel "Der Bursche, der sich vor nichts fürchtete". Diese Überschrift deutet schon an, dass es sich hier um einen Helden vom Ty-pus Widder handelt: ein junger Mann ist es, der sein Dorf verlassen muss, weil er vor nichts Angst hat. Nachdem er die wildesten Abenteuer bestanden hat, gelangt er in den Besitz einer Zaubersalbe, mit deren Hilfe man abgeschlagene Köpfe wieder aufsetzen kann. Weil ihm und seinen Kumpanen offenbar langweilig ist, schlagen sie sich zum Zeit-vertreib gegenseitig die Köpfe ab und setzen sie sich dann wieder auf. Da passiert es: sie schlagen auch dem Burschen das Haupt ab und setzen es ihm versehentlich verkehrt her-um wieder auf. In diesem Moment, als er zum ersten Mal sein Hinterteil sieht, überkommt ihn das Grauen. Ein makabres, aber wunderbares Bild. Als Widder-Held lebte dieser Bur-sche mit dem frühlingshaften Unsterblichkeitsgefühl. Dunkelheit, Schmerz und Tod existie-ren ja zunächst nicht im jugendlichen Lebensgefühl. Sein Mut war im Grunde nur Naivität, weil echte Tapferkeit das Bewusstsein der Gefahr voraussetzt. Auch das ehrfurchtslose 'Stirb-und-werde-Spiel' kann er nur spielen, weil er sich seiner Sterblichkeit noch nicht be-wusst ist. Dieses Bewusstsein bekommt er, als er zum ersten Mal sein Hinterteil sieht, das für die Ausscheidung der toten Lebensschlacke zuständig ist: da erkennt er die Vergäng-lichkeit seines Körpers; plötzlich bekommt er Rücksicht ins Reich der Mutter, aus dem wir kommen und in das wir im Tode alle zurückkehren; die 'Mater-ielle' Realität wird offenbar, der Traum der Unsterblichkeit zerplatzt; "Scheiße!" .
Im parallelen Grimmschen Märchen "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" lernt der Held das Gruseln, als ihm nachts eine Magd eine Schüssel voll Wasser mit Fischen darin übers Gesicht gießt; vorher hat auch er alle möglichen Abenteuer bestanden. Was ist daran so furchterregend? Das sind alles weibliche Symbole: die Nacht als Reich der 'Dunklen Mutter', die Schüssel natürlich, die etwas aufnehmen, empfangen kann, das weibliche Gefühlselement Wasser, das Bett, in dem man geboren wird, aber auch stirbt, und die Magd - ach wär's doch nur ein Riese gewesen, dann hätte man als Held schon gewusst, was zu tun ist. Hier offenbart sich die tiefe Angst des männlichen Helden vor der Großen Mutter, vor allem natürlich der Todesmutter. Aber es ist natürlich auch die Angst vor dem Weiblichen schlechthin, vor allem vor den eigenen weiblichen Anteilen, vor den eigenen 'schwachen', gefühlvollen, mitleidsfähigen Seiten; denn der Held hat vor nichts Angst, außer davor, kein Held zu sein.
Welche Probleme der Widder-Held mit dem Weiblichen hat, zeigt auch die Geschichte von den Argonauten und ihrem Anführer, Iason. Mit Hilfe von Medea raubt er das goldene Vlies, ein Widderfell, betrügt sie jedoch anschließend und fordert durch seine Undankbar-keit ihre Rache heraus. Sie tötet die gemeinsamen Kinder; er endet als gebrochener Mann. Wie ist das Problem nun zu lösen?
In einem anderen Märchen der Brüder Grimm, es heißt "Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet", zieht der Held mit der Einstellung "ich kann alles, wozu ich Lust habe" ins Leben hinaus. Nach bestandenen Abenteuern, wird er jedoch im Verlauf der Geschichte von einem Riesen seines Augenlichts beraubt. Der zuerst nur Extrovertierte kann die Welt nicht mehr erobern, er muss den Blick auf die innere Wirklichkeit richten, er muss 'einsich-tig' werden. Der Verlust des Augenlichts wird oft auch als symbolische Andeutung einer Kastration verstanden; man kann sich auch vorstellen, dass dem Königssohn seine männ-liche Potenz abhanden gekommen ist - vorübergehend; denn später bekommt er sein Au-genlicht zurück. Es bedarf anscheinend einer Phase der Hilflosigkeit, um den Nur-Mann aus seinem Macho-Dasein zu befreien. Jedenfalls vollzieht sich im Königssohn eine Wandlung und er ist somit gerüstet, sein 'größtes Abenteuer' zu bestehen. Es geht darum, eine verwunschene Prinzessin, die ganz schwarz ist, zu erlösen; offenbar seine Anima, seine eigenen weiblichen Anteile, die von geheimer Zaubermacht ins Dunkel des Unbe-wussten gebannt worden sind. "Drei Nächte musst Du in dem großen Saal des ver-wünschten Schlosses zubringen, aber es darf keine Furcht in Dein Herz kommen. Wenn sie Dich auf das Ärgste quälen und Du hältst es aus, ohne einen Laut von Dir zu geben, so bin ich erlöst;..." instruiert die Königstochter ihren Retter. Nicht kämpfen und ruhmreich siegen, sondern stillhalten und leiden wird auf einmal von ihm verlangt. Er muss seine passive, leidensbereite Seite entdecken. "Ich will's mit Gottes Hilfe versuchen" antwortet der Prinz. Dieser Widder hat's geschafft: Vom übermütigen "ich kann alles, wozu ich Lust habe" bis zum demütigen "ich will's mit Gottes Hilfe versuchen" hat er sein Wesen ge-spannt und damit die Einseitigkeit überwunden; der verwunschene weibliche Anteil wird erlöst und er wird ein vollständiger Mensch: die 'Heilige Hochzeit' kann stattfinden.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man das Leben nicht erobern kann, sondern nur an-nehmen; und gerade dieses Annehmen erfordert den ganzen Mann, den ganzen Mut; so bestehen die wirklichen Helden nicht bei Olympia oder auf den Gipfeln des Himalaja ihre Abenteuer, sondern von Tag zu Tag im Lebensalltag. Und das Abenteuer, das das größte Risiko beinhaltet und den meisten Mut abverlangt, ist immer noch das Abenteuer der Lie-be, womit jetzt nicht Verliebtsein und Schwärmerei gemeint ist; aber dazu dann mehr bei der Besprechung des Tierkreiszeichens Waage.
Familiensystem
Allgemein kann man sagen: ist Widderenergie in einer Familie stark repräsentiert, so ist eine recht lebendige Angelegenheit zu erwarten. Meist ein bewegtes Familienschicksal mit viel Abschied, Trennung, Wechsel von Ort oder/und Anzahl der Familienmitglieder. Die helle Seite des Systems ist Offenheit, Direktheit und Klarheit im Umgang miteinander, die Möglichkeit, sich auseinanderzusetzen oder zu streiten, ohne dass gleich die Welt zu-sammenbricht, aber auch das kameradschaftliche Zusammenhalten bei Bedrohung von außen. Die dunkle Seite ist, dass hier oft sehr viel Energie in Machtkämpfe investiert wird nach dem Motto: Wer ist stärker? Wer hat recht? Wer bestimmt? Das in der Familienthe-rapie sogenannte "blaming system", das Beschuldigungssystem findet man hier oft. In die-sem System wird viel geredet, aber kaum zugehört. Wenn etwas schief geht, ist grund-sätzlich ein anderer schuld, Sündenböcke werden benötigt und oft gibt es offene Feind-schaft zwischen einzelnen Familienmitgliedern und Koalitionen (z.B. Mutter und Sohn ge-gen den 'bösen' Vater) oder offene Gewalt.
Beziehungsmodell
Wenn man über Beziehung spricht müssen im Horoskop neben Sonne und Mond vor al-lem auch Mars und Venus beachtet werden. Auch zu diesem Thema hier ein paar allge-meine Betrachtungen zu einer Beziehung in der viel Widder-Energie vorhanden ist. Mann-Frau-Beziehungen sind natürlich geprägt durch das Erlebnis des ersten Mannes und der ersten Frau in unserem Leben, durch unsere Eltern. Insofern spielen die im letzten Ab-schnitt besprochenen Themen auch in die Partnerschaft herein. Es ist für uns alle eine lebenslange Aufgabe, unseren Partner aus dem Muster unserer Vater-/Mutter-Erfahrung zu befreien. Gerade deswegen ist es wichtig, dass ein jeder sein ureigenes inneres Bezie-hungsmotiv versteht, seine ureigene männlich-weibliche Energie jenseits dessen, was er/sie von den Eltern vorgelebt bekam. In der Jungschen Psychologie gibt es die verschie-denen Strukturen der Urform von Mann und Frau: Held, Weiser, Vater, Ewiger Jüngling und Amazone, Mediale, Mutter, Hetäre. Das stimmige Beziehungsmodell aus Widdersicht ist das von Held und Amazone.
Der Psychotherapeut Helmut Remmler zeichnet davon folgendes Bild: Sie (Held und A-mazone) reiten auf zwei Pferden nebeneinander her, auf ein fernes Ziel zu und sehen sich dabei nicht an. Gemeinsame Aufgaben, Ziele, Abenteuer verbinden die beiden, nicht das Interesse an der Psyche des Partners. Miteinander ein Geschäft aufziehen, eine Weltreise machen oder einfach viel unternehmen, das ist hier wichtig. Der helle Aspekt der Widder-Beziehung ist die ewig junge, spannend-abenteuerliche Beziehung, in der Streit das Salz der Liebe ist. Das 'Nein in der Liebe' (Schellenbaum) hat genauso Platz wie der Satz "Lie-be ist Trennung" (H. Remmler). Auch Wolf und Wildsau dürfen mitleben, es ist Platz für den wilden Mann und die wilde Frau, unschuldige Lust an der Sexualität ist angesagt, nicht deren Mystifizierung oder Verklärung. Man kann denselben Partner immer wieder neu entdecken - oder gehen, wenn die Lebendigkeit aus der Beziehung verschwunden ist; man kann sich mit großer Begeisterung immer wieder neu verlieben. Hauptsache: Le-ben in der Bude, das hält jung! Die dunkle Seite dieses Modells hat mit Machtkampf und negativer Rücksichtslosigkeit zu tun: ich liebe Dich, solange Du tust, was ich will. Wer Du für Dich bist, ist mir egal. Widder an sich hat es mit dem Weg zum Du nicht gerade leicht; es handelt sich ja um das ICH WILL! Widder sagt 'wir' und meint 'ich'. Und wenn der ande-re nicht bereit ist, Meine Definition von Liebe und Beziehung zu akzeptieren, ist er dumm, böswillig oder er liebt mich einfach nicht. Beziehung an sich ist eine Quelle von Ohnmacht: ich kann niemanden zwingen, mich zu lieben. "Lieb mich gefälligst!" nützt nichts.
Um diesem Ohnmachtsgefühl nicht zu begegnen, ist oft jedes Mittel recht: Unterdrückung, Willkür, Kontrolle, Schuldzuweisung. Diesem Schatten-Widder geht es nur gut, wenn es dem anderen schlecht geht, und er bricht zusammen, wenn der Partner sich ohne seine Erlaubnis entwickelt. Der Mann wird dann zum typischen Herrscher, der im Grunde ein Schwächling ist und gerade deshalb soviel Kontrolle über die Frau braucht; als Frau wirst Du den Mann klein machen, demütigen, kastrieren. Ein Problem ist oft der Satz: "Sei stark, aber ich lasse es nicht zu". Als Widder achte ich Dich nur, wenn Du stark bist, aber Du darfst ja nicht stärker sein als ich. Oder: "lass Dir nichts gefallen - außer von mir". All das kann zu der berühmt-berüchtigten Streitehe führen nach dem Motto: gemeinsam sind wir unausstehlich.
Eine wahre Geschichte: Eines abends kam ein riesenhafter Bauarbeiter zur Eheberatung. Ohne Gruß begann er folgendermaßen: Sie sind doch Eheberater. Gestern ist mir meine Frau davongelaufen. Wo kriege ich so schnell wie möglich eine neue her? Es stellte sich heraus, dass es bereits seine dritte gescheiterte Ehe war, immerhin war der Mann erst fünfundzwanzig und Widder. Er ließ sich überzeugen, dass es doch wichtig sei, sich zu-nächst einmal anzusehen, warum die letzte Beziehung gescheitert war und vereinbarte einen Termin, zu dem er dann auch kam. Er blieb zehn Minuten, dann stand er auf und ging; bevor er die Tür hinter sich zuknallte kommentierte er die Bemühungen der Berate-rin: " Sie mit ihrem Gesäusel!"
Noch ein Beispiel: Eine Widder-Frau kam samt ihrem Ehemann zur Eheberatung. Sie war eine starke, strahlende Frau und sie ging keinem Streit aus dem Weg. Das war einer der kritischen Punkte der Beziehung. Ihr Mann (Sonne in Krebs) hielt es kaum aus, wenn sie auf einer Party sich sofort mit jemandem anzulegen versuchte. Seine Beschwichtigungs-versuche machten den Tiger in ihr natürlich nur noch wütender. Ihre Vorstellung von Soli-darität drückte sie ihrem Ehemann gegenüber in einer Sitzung wörtlich so aus: "Pass auf! Wenn ich mit jemandem streite, musst Du bedingungslos zu mir stehen. Wenn ich zum Beispiel sage, dieser Vorhang ist grün - sie deutete auf einen gelben Vorhang - dann ist er für Dich auch grün. Hast Du das verstanden?"
Es ist klar, dass es hier nicht unbedingt um Objektivität geht - aber, wenn Du einen unkast-rierten Widder zum Partner oder Freund hast, wird er zu Dir stehen, auch wenn Du nicht immer im Recht bist. Und: hier werden eindeutige Bekenntnisse gefordert und gegeben, für wie lange auch immer. Wenn Du Dir die Weisheit des Widders zu eigen machst, dann lebst Du Beziehungen, die brennen, die gespeist sind vom Urfeuer; dann magst Du es heiß. Deine Weisheit ist die Unvernunft; Du kannst im Moment leben und beherrschst die hohe Kunst des Vergessens. Du wirst Dich hüten vor Beziehungen, in denen keine Vision mehr lebt und musst bereit sein, im Namen neuen Lebens das trennende Schwert zu gebrauchen. Dein Lebenswille wird Dir nicht gestatten, in toten Beziehungen zu bleiben und am Ende Deines Daseins bitter auf ein ungelebtes Leben zurückzuschauen. Wer soll etwas ändern, wenn nicht Du? Wann, wenn nicht jetzt? Wie viel Zeit hast Du noch? Diese Fragen legt Dir das Urbild Widder ans Herz - und: Versöhnung mit diesem Prinzip heißt, Dir diese Fragen täglich zu stellen. Du bist die Ursache Deines Elends; und: Du erschaffst Deine Wirklichkeit täglich neu! Du hast die Wahl, Opfer oder Schöpfer zu sein - also spar Dir alle Ausreden!
Therapie
Körperlich entsprechen dem Widder der Kopf und die Zähne. Widderprobleme bestehen darin, dass man entweder blind-rücksichtslos oder selbstverleugnend-rücksichtsvoll ist, also entweder man ist ein Beißer und rennt sich an allem, was man nicht über den Haufen rennen kann, den Kopf an und beißt sich im Endeffekt an der Welt die Zähne aus oder man hat eine Beißhemmung, bis die Zähne, die man nicht gebrauchen kann, krank wer-den und ausfallen oder einem die nicht gelebte Aggression von außen begegnet in Form des Bohrers oder der Spritze des Zahnarztes. Die Beißer sind der leichtere Fall; denn im Grunde geht es nur darum, etwas zu finden, eine Aufgabe, eine Herausforderung, an der sie ihren Biss erproben können.
Gesellschaftlich bedingt hat man es meistens mit dem schwierigeren Fall, mit den Ge-hemmten zu tun; denn in der preußisch-deutschen Erziehung war es bis vor kurzem üblich dem Kind den Willen zu brechen. In Pädagogiklehrbüchern unserer Großeltern war als schlimmste und unbedingt zu beseitigende Eigenschaft des Kindes der Eigenwille ge-nannt. Was dieses pädagogische Konzept für Widder-Kinder bedeutet ist offensichtlich: Sei nicht, was Du bist! Auf ein anderes Problem weist Jutta Voss in ihrem Buch "Das Schwarzmond-Tabu" hin. Sie berichtet, dass in matriarchaler Zeit überall auf der Erde eine Wildsau-Göttin existierte, als Symbol für die vollmächtige Weiblichkeit, die auch ihre wilde, animalische, hexenhafte Energie bejaht und lebt. Sie weist nach, wie der patriarchale Mann mit Hilfe seiner Gottesbilder diese Wildsau allmählich in ein Marzipanschweinchen verwandelt hat; die von ihm gefürchtete Hexenseite wurde verbrannt. Von dieser jahrhun-dertealten Verteufelung der Hexen- und Wildsauenergie sind, astrologisch gesehen, be-sonders widder- und skorpionbetonte Frauen betroffen, da in ihnen dieser wilde, dunkle Aspekt der Weiblichkeit am meisten nach Ausdruck verlangt.
So gibt es viele 'Amazonen-Horoskope', vor allem aus unserer Eltern- und Großelternzeit, von deren Besitzerinnen die Söhne und Töchter nur in den seltensten Fällen von starken und wilden Frauen berichten; sehr oft dagegen von kranken, depressiven, unzufriedenen Frauen, bei denen sich die Wildsau höchstens noch im Kopf als Migräne austobt. Das Tragische dabei ist, dass diese von ihrer wilden Energie abgeschnittenen Mütter natürlich auch keine Identifikationsfigur für ihre Amazonentochter abgaben.
Das Thema fast aller Widder, die einen Therapeuten aufsuchen, ist die Befreiung marsi-scher Energien. Der gefangene Wolf, die gezähmte Wildsau wollen ihr Lebensrecht ein-fordern. Deshalb genügt hier nicht eine gesprächsorientierte, analytische Arbeit welcher Provenienz auch immer: es macht den Wolf nicht lebendiger, wenn er weiß, warum er ge-fangen ist! Um gefangene marsische Energien zu befreien, ist Arbeit mit dem Körper , die Bewegung und Aktion benutzt, naheliegend. Bioenergetik, Energiearbeit, Encounter, usw. bieten sich an. Der gefangene Wolf sitzt bioenergetisch gesehen oft im Kiefer, gehalten durch enorme Verspannungen dort (evtl. nächtliches Zähneknirschen) oder im Schulter-Arm-Syndrom (Zuschlagen wollen und nicht dürfen), ganz allgemein in Lähmungserschei-nungen und in der Depression. Den Wolf zu integrieren heißt: Arbeit mit Aggression ist unerlässlich. Das Gesagte verdeutlicht, warum es einem 'bravgemachten' Widder wenig bringt, wenn er sich wiederum, wie gewohnt, artig auf die Couch des Analytikers legt. Oft gibt es in der Therapie Tempoprobleme nach dem Motto: Nun bin ich schon dreimal hier gewesen und noch immer hat sich nichts verändert! Ich muss mir einen neuen Therapeu-ten oder eine neue Therapieform suchen! Dieses Problem hat natürlich umgekehrt auch der Widder-Therapeut, wenn sein Klient es wagen sollte, nicht umgehend gesund zu wer-den. Der typische Widder-Therapeut kann gut Prozesse in Gang bringen, etwas anreißen, schwer aber länger dauernde Prozesse begleiten oder gar Durststrecken und Regressi-onsphasen.
Grundsätzlich geht der Widder davon aus, niemanden zu brauchen, es notfalls und auch sonst alleine zu schaffen. Er lässt sich nicht gerne helfen, gute Ratschläge oder Ar-beitsaufträge erteilen. Er/sie kommt eher in Therapie, um neue Seiten an sich zu entde-cken und ungenutztes Potential freizulegen.
Sonne in Widder
Die Sonne symbolisiert im Horoskop zunächst einmal den leiblichen Vater bzw. die Per-son, die diese Rolle übernommen hat. Welche Art von Vater wäre der Wunschvater eines Kindes mit Widder-Sonne? Der Vater müsste natürlich im Herzen jung, stark und mutig sein, ein Held, ein Krieger, ein Pionier, ein Eroberer, er müsste irgendwo der Erste sein, der Beste, der Chef, derjenige, der das Sagen hat. Und das Kind sieht den Vater durch diese Brille, auch wenn seine Realität eine andere ist, wenn er vielleicht nur ein kleiner Angestellter ist, in den Augen des Kindes ist er der Größte. Er sollte das Kind mit auf die Jagd nehmen, hohe Berge mit ihm besteigen, mit ihm hinausgehen in die wilde, abenteu-erliche Welt da draußen. Wenn dieses Kind den Vater als schwach oder krank erlebt, wenn er ein vom Schicksal Gebrochener ist oder wenn er konfliktscheu ist, kein klares Gegenüber bietet, sich drückt oder herausredet, wenn er vor dem Chef zu Kreuze kriecht oder sich von der Frau unterdrücken lässt oder wenn er ein ängstlicher "Paß-auf-Vater" ist, der dem Kind die Lust und den Mut auf das Lebensabenteuer erstickt, dann bricht eine Welt zusammen. Der junge Mensch kann sich dann nicht als Kind an der Seite des star-ken Mannes erleben, hat im Außen kein Vorbild für das, was sich in ihm entfalten will. Tief im Herzen wird der/die Heranwachsende den Vater für seine Schwäche verachten und wird nur schwer einen Zugang finden zum Väterlichen in sich selbst und draußen in der Welt oder er/sie zeigt Verständnis für den Vater und opfert dadurch seine Eigenart; denn hier gilt in ganz besonderem Maße: Verständnis ist der Trostpreis fürs (geopferte)Leben.
Ist ein starker Vater da, so muss es zwangsläufig dann zum Konflikt kommen, wenn das Kind die eigenen Widderqualitäten, den starken Mann in sich entdeckt. Als Widder musst Du Dich auf Deinem Wege der Selbstwerdung vom Vater trennen, musst Du Deinen Wil-len gegen seinen setzen, Dein Ich gegen seines. Irgendwann stellt sich die Frage: wessen Wille geschieht? Wer hat das Sagen? Wenn das Kind Glück hat, dann stellt sich der Vater dieser Auseinandersetzung. Schwierig wird es, wenn der Vater neben sich nicht noch je-mand Starken dulden will. Dann können ganze Lebenskonzepte widderbetonter Kinder davon bestimmt sein, 'es ihm zu beweisen', ihn zu übertrumpfen. Obwohl Du es mit dieser Haltung im Leben nicht gerade leicht haben wirst, da sie ja automatisch auf alle Vaterstell-vertreter wie Lehrer, Chefs, bei Frauen der Ehemann, Polizisten und Autoritäten aller Art übertragen wird, ist sie für eine Zeitlang, bis maximal zur Lebensmitte, durchaus normal und akzeptabel. Spätestens dann müssten sich der Widder-Held und die Widder-Amazone bewusst machen, dass sie in dieser Rivalitätshaltung abhängig vom Vater bleiben und noch nicht reif dafür sind, selber in der Gesellschaft eine Vaterrolle, eine Führungsrolle zu übernehmen. Im Gegenteil: man definiert sich gegen das väterliche Prinzip; der Professor kann nicht recht haben, weil er der Professor ist; als Frau bekämpfst Du Dein Leben lang Männer, weil sie Männer sind. Es besteht die Gefahr, sich zu Tode zu siegen und lebens-lang in einer unversöhnlichen Stolz- und Trotzhaltung zu verbleiben, was letztlich einsam und verbittert macht.
Der Vater, den dieses Kind braucht, müsste im Idealfall selbst ein echter Widder sein, sei-ne Freude an der Herausforderung des kleinen Kriegers oder der kleinen Kriegerin haben und den herangewachsenen Spross zur rechten Zeit aus dem Nest werfen; denn als Wid-der darfst Du kein braver Vatersohn, keine brave Vatertochter bleiben. Und das bedeutet in den meisten Fällen, das Zuhause zu verlassen und sein eigenes Glück in der Welt su-chen, nicht das der Eltern. Wenn ein Märchen etwa mit den folgenden Worten beginnt: "Einem Königssohn gefiel es nicht mehr in seines Vaters Haus ..." dann weißt Du schon, hier hast Du einen Feuer-Helden vor Dir, also Widder oder die verwandten Zeichen Löwe und Schütze. Es kann sich natürlich auch um einen geistigen Auszug handeln: Sohn oder Tochter wählen dann Lehre oder Studienfach oder politische Heimat konträr zum Vater. Oder ein psychischer Auszug: Ich bin als Mann, als Frau ganz anders als Du mich haben willst, Vater, auch wenn ich dabei Deinen Segen verliere. Als Mann mit dieser Sonne kannst Du nicht in der Armee des Vaters dienen, da musst Du selbst zum Heerführer wer-den, da kannst Du oft nicht als Juniorchef in der Firma des Vaters bleiben, sondern musst Deine eigene Firma gründen, selber Chef werden und vor allem, das ist ganz wichtig: es aus eigener Kraft schaffen, nicht irgendwo Nachfolger sein, Zweiter, sondern Erster, selbst etwas aus der Wiege heben.
Der selbsteröffnete kleine Kiosk ist symbolisch von weit größerer Bedeutung, als die vom Vater übernommene Firma mit zehntausend Angestellten. Irgendwann kann dann die Rückkehr ins Vaterhaus, in die väterliche Firma, etc. und eine Versöhnung stattfinden, a-ber nicht auf der Ebene 'verlorener Sohn oder verlorene Tochter kehrt heim', sondern auf einer Erwachsenenebene, von Mann zu Mann, bzw. von Frau zu Mann.
Als Frau mit dieser Sonne, bist Du zunächst einmal eine Vatertochter: Du bewunderst den 'Großen Mann'. Und später wirst Du dieses innere Vaterbild auf den Mann übertragen, den Du heiraten möchtest, der der Vater Deiner Kinder werden soll. Beziehungsweise wirst Du dir Deinen Mann nach diesem inneren Bilde aussuchen. Es werden die Unverzagten, die Draufgänger sein, an deren Seite Du Dich als Frau vorstellen könntest. Aber im Grunde möchtest Du selbst die Hosen anhaben. Wahrscheinlich hast Du als Mädchen schon lieber mit den Buben herumgetobt, als zu Hause mit Puppen gespielt. Irgendwann, meist so zwi-schen dreißig und vierzig, ist es angesagt, dass Du aufhörst, Deinem Mann die Rolle des "Chefs" zu überlassen, dass Du anfängst, selbst zu bestimmen, wer Du bist und was Du tust. " Tu, was Du willst!" ist die Botschaft des Kosmos an Dich, aber nicht im Sinne von verantwortungs- und rücksichtslosem Handeln, sondern Du sollst auf Deine innere Stimme hören, Du sollst Dir klar darüber werden, was Du wirklich willst, was Dir das Wichtigste ist; das sollst Du tun, ganzherzig, ohne 'wenn und aber', ohne falsche Rücksicht; das ist der göttliche Auftrag dieses Zeichens: werde, was Du bist - und ob Mann oder Frau, ohne Kampf wird das nicht gehen. Beide, Mann und Frau, müssen ihren Umgang mit dem wil-den Mann finden, mit dem Ungeheuer. Als Widder-Mann erscheinst Du selbst der Welt als so ein Ungeheuer, als Widder-Frau begegnet es Dir zunächst einmal in der Gestalt des Mannes.
Im Märchen "La belle et la bete" ist diese Situation treffend dargestellt. Die Heldin muss lange Zeit in einem Schloss mit einem Ungeheuer verbringen. Nach anfänglich großer Angst gewinnt sie das Scheusal allmählich lieb, weil sie dessen gutes Herz spürt. Am En-de hält sie das sterbende Ungeheuer in ihren Armen und ist aufrichtig bereit, es zu heira-ten; in diesem Moment verwandelt es sich in den Prinzen. "Alles an Dir ist etwas wert, wenn Du es nur besitzt" sagt Sheldon B. Kopp. Wenn Du Dich einer ungeheuerlichen Seite Deines Wesens gegenübersiehst, so freunde Dich mit ihr an, damit sie sich verwan-deln kann. Das braucht Mut und viel Zeit - es ist ein langes Märchen.
Zusammenfassung und Ausblick
Dein Bild des Vaters ist das des Erneuerers des Pioniers: Im Laufe Deines Lebens sollst Du erkennen, dass diese Variante des Väterlichen als Leitbild in Dir existiert, dass dies Dein Anteil am Vater-Archetyp ist, nicht der Deines Vaters: Deine Aufgabe im Leben ist es, ein Erneuerer zu sein. Aber im tiefsten Sinne nicht nur ein Erneuerer draußen in der Welt, sondern auch ein Erneuerer in Dir. Darum genügt es Parzival nicht, König Arthur, sein in-neres väterliches Leitbild, gefunden zu haben und Ritter in seiner Tafelrunde geworden zu sein; die innere Stimme drängt ihn voranzuschreiten und den Heiligen Graal zu suchen und dessen König zu erlösen. Als Ritter der Tafelrunde hat Parzival sein Ich gefunden und in der Welt definiert. Der Gral ist aber ein Symbol für das Selbst. Auf dem Wege zur Selbstfindung muss dieses Ich überwunden bzw. geopfert werden. So kommt es zu einem Kampf zwischen Parzival und seinem Doppelgänger Gauvain, ohne dass Parzival sein Gegenüber zunächst erkennt. Nach dem Kampf bemerkt Parzival: "Ich habe gegen mich selbst gekämpft". Und Gauvain antwortet ihm: "Du hast Dich selbst besiegt". Gauvain ist nur Held, er ist der ideale Ritter, Parzival aber ringt um seine menschliche Ganzheit, dar-um muss der Anteil seiner Persönlichkeit, der durch Gauvain symbolisiert ist, überwunden werden. Diese Szene erinnert auch an den Königssohn, der nächtens von den Teufeln, also von quälenden Aspekten seiner Seele, gemartert wird, und ihnen zu widerstehen hat, damit das verwunschene Weibliche erlöst werden kann. Als Parzival die Graalsburg zum ersten Mal betreten hatte, vergaß er, die Frage nach dem Graal zu stellen. Ein Eremit er-klärt ihm später, dass er die Frage nicht stellen konnte, weil er am Tode seiner Mutter schuld sei.
Die Tragik des Helden ist, dass er nicht unschuldig bleiben kann. Um seinen Lebensauf-trag zu erfüllen, musste er die Mutter verlassen und gleichzeitig ist er dadurch schuldig geworden an ihrem Tod. Marie Luise von Franz meint dazu: "Der Tod der Mutter dürfte daher symbolisch aufzufassen sein als 'Tod der Seele', d.h. als ein völliger Verlust des Kontaktes mit dem Unbewussten ...Indem Parzival nicht nach dem Graal fragte, versteht er sich nun selber nicht mehr und ist von der Quelle des eigenen Innern abgeschnitten".
Um das Eigene, das was neu geboren werden will und soll, zu bewirken, musst Du als Widder oft das trennende Schwert benutzen: die Nabelschnur zur Mutter muss immer wie-der durchtrennt werden, aber so wie unser Leib von der Mutter kommt und in den Schoß von Mutter Erde zurückkehrt, so muss auch der wollende Geist den Weg zurück zur eige-nen Quelle finden und sich wieder mit der fühlenden Seele vereinen, nur so wird Ganzheit erreicht; erst jetzt hat der Held/die Amazone seine/ihre Aufgabe erfüllt.
Textauszug aus:
Claus Riemann - Astrologische Seminare - Widder.
Erhältlich als CD bei
VanTastik
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