Der Wassermensch im Allgemeinen
In der Realität des Wassermenschen geht es nicht um reale greifbare Tatsachen, die mit dem Auge sichtbar sind, sondern hier geht es um seelische Realitäten, Gefühlsrealitäten, die man mit dem bloßen Auge nicht sofort sehen kann, sondern die sich auf einer subtileren Ebene befinden, die man nur spüren, fühlen kann. Der Wassermensch ist jemand, der seelisch lebt; man könnte ihn auch als reinen Flüssigkeitsmenschen bezeichnen. Diesen Zustand kann man vergleichen mit dem nächtlichen Traumleben, in der der Träumende ebenso nur seelisch lebt, passiv sich hingibt und keinen aktiven eingreifenden Einfluss auf die Dinge hat. Das Gedankenleben ist hier wesentlich reduziert und hört auf, nach den Gesetzen der strengen Logik zu funktionieren. Dafür gewinnen alle Erinnerungen sofort plastische Traumwirklichkeit und stellen sich in Form von allerlei symbolischen Bildern und Gestalten dar.
Dem Wässrigen ist ausserdem eine Wunschnatur zu eigen, und es kann manchmal vorkommen, dass er das Gefühl hat, seinen “Traumschicksalen” von einer unsichtbaren Warte aus zuzuschauen. Ihm fehlt in gewisser Weise die Identität eines wollenden, sowie eines körperlichen Ich, und das Wunschleben übernimmt die Führung. Wo Wünsche sind, muss man mit ihrer Nichterfüllung rechnen, und somit ist dem Wassermenschen eine Furchtsamkeit im seelischen Leben zu eigen. Hoffen und verzweifeln sind im seelischen Leben wie freie Atmung und Atemnot im physischen Leben. So entsteht ein periodischer Wechsel von Seelenbefriedigung und Seelennot. So wie der physische Leib materielle Nahrung aufnehmen muss aus der Umwelt, so bedarf auch der Seelenleib einer Art Seelennahrung – und diese Nahrung kann er nur ziehen aus der seelischen Umwelt, die für ihn zunächst der lebendige Mitmensch bildet. Die Luft, die er atmet, die Nahrung, die er aufnimmt, gewinnt er allein aus seiner seelischen Beziehung zum Anderen. Es ergibt sich hier eine seelische Abhängigkeit vom Du, ein Angewiesensein auf den anderen Menschen. Dieses Du ist allerdings hier auch nur seelenhaft vorhanden, wie er selbst, sozusagen seines physischen Leibes beraubt, so dass Äusserlichkeiten völlig unwichtig werden. Äussere Merkmale spielen eine untergeordnete Rolle gegenüber dem Interesse an einem gegenseitigen Seelenverhältnis des Miteinander, des Sichverstehens durch geteilte Freude und geteiltes Leid.
Da der Wassertypus in einer Art Traumwirklichkeit lebt und die Realität eher scheut, flieht er auch jegliche Vollendung, die dem Erdprinzip zugeordnet ist, denn diese würde gleichbedeutend mit dem Erwachen aus seinem Lebenstraum sein, das Ende seiner romantischen Märchenwelt. Der Phantasie wird demnach ein vorragender Anteil eingeräumt und kann in extremen Fällen bis zur völligen Desorientierung in der physischen Welt führen.
Die 3 Wassermenschen im Besonderen
Das kardinale Zeichen des Krebses beschreibt eine Leidensempfindlichkeit, die man auch als Leidenskraft bezeichnen kann. Dem fixen Zeichen des Skorpions ist eine sammelnde oder Lastkomponente zugeordnet, eine Leidenschaft, die man auch als Leidensmacht bezeichnen kann. Schliesslich das ausgleichende / veränderliche Zeichen der Fische steht für Leidensarbeit, die eine gewisse Leidensfurcht anzeigt, die aber in seelische Läuterung und Wandlung mündet.
Krebs
Der seelische Leib des Krebses liegt in seinem Empfinden in völliger Nacktheit da. Es fehlt ihm also der körperliche Schutz, der für den Erdmenschen, wie zB dem Gegenzeichen Steinbock, selbstverständlich ist. Diese Schutzlosigkeit kann die Gestalt einer ausgesprochenen Lebensfurcht annehmen. Daher beginnt der Krebsmensch bald, nach allerlei Hilfen zu suchen, die vorrangig darin bestehen sollen, eine Hülle zu finden, die seiner Nacktheit Kleid werde. Diese Hülle ist meist die ihm entgegengebrachte Sympathie der anderen Menschen. Es beginnt sich schon im frühsten Alter ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Menschen ihm feindlich und welche ihm freundlich gesinnt sind. Die ersteren flieht er, die letzteren sucht er. Es ergibt sich aus dieser Veranlagung ein besonderes Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Nähe.
Aus der Furchtsamkeit und dem daraus resultierenden Schutzbedürfnis kann sich in späteren Jahren ein regelrechtes Werben um Aufmerksamkeit und Zuneigung entwickeln, um sich Sympathien zu sichern. Dieses Werben ist aber nicht plakativ und aktiv, sondern geschieht dadurch, dass er Menschen zu sich kommen lässt und von ihnen nur diejenigen behält, denen er etwas zu geben hat, um sie so durch ihre Dankbarkeit an sich zu binden. Diese Menschen sollen die Schutzhülle sein, die seinen nackten Seelenleib behütet. Daher kommt auch die bemutternde Natur des Krebses. Er umgibt sich lieber mit Menschen, die unter ihm stehen, die ihm irgendwie unterlegen sind, im Vergleich zum Steinbock, der sich vorzugsweise mit höhergestellten Menschen umgibt.
Dieses Verhalten zum Zwecke des angestrebten Selbstschutzes bildet einen wesentlichen Bestandteil der Lebensdiplomatie, was sich allerdings bis hin zu einer Gefühlstyrannei entwickeln kann, mit der er die Menschen, mit denen er sich umgeben hat, mehr oder weniger belastet, um sich selbst von seinen Gefühlen und Stimmungen zu befreien.
Der Krebs ist auch der geborene “Tagträumer”, der sich in seine Phantasie flüchtet, um den Misshelligkeiten der Realität zu entgehen und sie nicht ertragen zu müssen. In diesen Tagträumen fliessen ihm mit Leichtigkeit all die Erfolge zu, die sich sein Gegenzeichen Steinbock in mühsamer Arbeit erst erkämpfen muss.
Diese Beschreibungen betreffen den niedrig entwickelten Krebstypus, der seinen Gefühlsegoismus und die daraus entstehende Gefühlstyrannei noch nicht erkannt hat. Der höher entwickelte Krebsmensch unterscheidet sich dadurch, dass er seine Feinfühligkeit und Verletzlichkeit zum Heile der anderen verwertet. Er ist sozusagen der seelische Vorhof für alle die Kräfte, die verantwortungsbewusst in der äusseren Welt durch die Tat des Menschen wirksam werden sollen. Durch ihn sollen dieser Tat alle Momente genommen werden, die das seelische Gut schädigen könnten. Der höherentwickelte Krebs ist dann wie ein Schutzpatron der Hilfsbedürftigen und Schwachen zu sehen, dessen Hauptberuf darin besteht, Seelenleid zu mildern, zu trösten, den Entmutigten Mut einzuflößen, den Verzweifelnden Hoffnung und den seelisch Verhungernden Nahrung zukommen zu lassen.
Skorpion
Der Unterschied zum Krebs, der sich selbst in der Lage des Schutzbedürftigen sieht, besteht beim Skorpion kurz gesagt darin, dass dieser andere in die Lage der Schutzbedürftigen bringt, indem er sich die Seelenkräfte der ihn umgebenden Menschen aneignet. Den in diesem Zeichen geborenen Menschen geht es um Ansammlung, Verdichtung sozusagen, wie in einem Kraftspeicher, aus dem er seine Energien, die ihm zum Schutz dienen sollen, bezieht. Dies kann man auch mit der Saugwirkung einer Pumpe vergleichen. Der Skorpionmensch ist unersättlich im Ansaugen von Seelenkräften. Man könnte auch von einem Vampir oder Blutegel sprechen, wenn man von der Wirkweise ausgeht. Das Mittel, mit dem er die Menschen anzieht, die seinem Schutz dienen sollen, lässt sich mit dem Begriff “magische Wunschkraft” umschreiben, mit der der Skorpion seine Mitmenschen wie durch einen geheimen Zauber heranzieht, auf dass sie ihm Seelennahrung spenden, sich seelisch enteignen lassen, und vor allem sich in dieser Rolle glücklich fühlen, weil sie das Gefühl haben, als sei ihnen gespendet worden, während sie selbst eigentlich die Spender sind.
Diese magische Wunschkraft, oder auch Suggestivkraft, ist die stärkste Kraft des Skorpions. Daraus kann sich eine Hörigkeit der anderen Menschen dem Skorpion gegenüber ergeben, die wiederum der Steigerung des Machtgefühls des Skorpions dient.
In der Natur kann man dies auch gut durch die Spinne nachvollziehen, die ihr Netz legt, dieses jedoch nicht verlässt und nicht auf die Jagd geht. Andere werden angelockt, von etwas was sie nicht verstehen, was wie ein Rätsel wirkt und magische Anziehungskraft auf sie ausübt, und verfangen sich in dem Netz, und werden von der Spinne ausgesaugt.
Die Lernaufgabe des Skorpions besteht darin, die eigenen Seelenkräfte so zu verwenden, dass sie nicht mehr tauglich sind, Wunden zu setzen, sondern Wunden zu heilen, die Menschen in der Umgebung seelisch zu verjüngen und aufzurichten; anstatt in der destruktiven Form die eigene Seele zu speisen mit den Nährkräften, die er anderen entzieht. Die dem Skorpion eigene Gabe zu fesseln und zu faszinieren kann dazu auf einer höheren Ebene konstruktiv eingesetzt werden.
Fische
Während der Krebs und der Skorpion den Schutz für ihren nackten Seelenleib aus ihrer Umgebung gewinnen, fehlt dem Fischemenschen diese Fähigkeit völlig, weshalb man ihn als Hilflosesten im Tierkreis bezeichnen kann. Er ist derjenige, welcher sich am tiefsten in das seelische Leben verstricken kann und sich dort wie gefangen fühlt. Dies kann mit dem Zustand eines Traumwandelnden verglichen werden, der sich nicht aus seiner Traumwirklichkeit befreien kann. Der Seelenzustand der Fischenatur ist ohne Eigenrichtung, aber aufs äusserste empfindlich für jede Seelenschwingung, die aus der Umwelt zu ihm kommt. Daher kann der Eindruck entstehen, er lebt ein ihm aus seiner Umwelt suggeriertes fremdes Leben, so als wäre es das eigene. Die Grenzen zwischen Ich und Du verschwimmen traumgleich und es mag sich so anfühlen, als ob der Fischemensch ein Leben lebt, welches jemand anderes von ihm träumt. Sein seelisches Leben lebt er in der leidenden Form, er leidet am Leben, sowohl an seinem eigenen als auch dem anderer. “Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an” wäre ein passendes Motto, um auszudrücken, was der Fisch fühlt, wenn er bei der Geburt in seinen Menschenleib eingekerkert wird. Dieses Gefühl kann man auch mit einer Dauerhaft oder Schutzhaft vergleichen, da er ein Leidender ist, der in seinem Leiden gefangen ist, weil er nicht die Fähigkeit hat, sich einen seelischen Ersatzleib zu schaffen wie die anderen beiden Wasserzeichen.
Aus diesen Gegebenheiten kann die Neigung entstehen, eine Art Kompromissweg einzuschlagen und eine Tugend darin zu sehen, sich mit seinem Los abzufinden. Diese Taktik schliesst die Forderung nach besonderer Nachsicht ein, man glaubt, auf besondere Schonung Anspruch zu haben, weil man sich als so wehrlos empfindet. Dies ist die Taktik des Schwachen, dessen bewusst betonte Schwachheit seine Stärke ausmacht.
Mit der Fähigkeit, fremde Seelenströmungen in sich aufzunehmen und als seine eigenen zu empfinden, ist der Fischemensch in einem höheren Sinn dazu geeignet, sie miteinander zu verbinden. Es ergibt sich somit ein Schauspieltalent, durch welches er all die Seelenzustände wie Liebe und Hass, Grausamkeit und Milde oder Hoffnung und Verzweiflung darstellen kann, ohne es wirklich zu sein, eigentlich ohne es sein zu müssen. Bildlich gesprochen kann man eine Fähigkeit sehen, nicht nur mit den Wölfen zu heulen, wie z.B. beim Krebs, sondern vorübergehend selbst zum Wolf zu werden, der mitheult, nicht weil er es für klug hält, sondern weil er von einem inneren Drang genötigt wird. Durch diese Fähigkeit ergibt sich ein weiteres Merkmal der Fischenatur, was als “moralische Medialität” bezeichnet werden kann. Der Fisch ist sozusagen das Medium des Lebens, so wie der Krebs der Romantiker und der Skorpion der Magier des Lebens ist.
Die Lernaufgabe des Fisches besteht darin, all die Dissonanzen der seelischen Strömungen, die auf ihn einströmen, in sich aufzulösen und zu Konsonanzen zu verwandeln. Dies geschieht durch ein freiwilliges Sich-Aufopfern und verstehendes Eingehen in alle Untiefen der Seelenwirrnisse. Für alle diese Leiden erzeugt er somit ein Heilmittel, indem er diese Leiden in sich selbst überwindet, und dieses Heilmittel dann als heilkräftiges Extrakt seines eigenen Leidensweges als rettendes Serum allen noch Leidenden reicht. Gewissermaßen wie eine Weisheit, die aus dem Mitleid quillt, allen Menschen zum Segen. Statt dem Fluch des Mitleidenmüssens ist es die Aufgabe des Fisches, den Segen eines freiwilligen Mitleidens zu machen, aus dem das Wissen von der Leid-Erlösung gewonnen werden kann. Damit geht die Kraft einher, andere zu entsündigen, und den Sünder als einen Vergangenheitsbeschwerten zu sehen, als einen Leidenden, Kranken, der nicht selbst in der Lage ist, sich vom Schmutz zu reinigen. Des Fischemenschen eigentlicher Beruf ist somit, denjenigen ein Helfer zu werden, die noch in der Egozentrizität ihres wehleidigen Seelenkörpers gefangen sind und den Weg zum Ganzen nicht finden können; vor allem auch denen, die sich vergeblich bemühen, sich aus dem Unreinen und Niedrigen zu befreien. Zur heilenden, überwältigenden Gnade zu gelangen, darin besteht der Entwicklungsweg des höher entwickelten Fischetypus.