Esoterik | Formen der Meditation

Meditation als Medizin

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Montag, 4. September 2000, 18:47

Quelle: STERN Ausgabe: 29 I 09-07-1998 I Seite: 36 I Autor/in: *Christoph Koch*

Meditation als Medizin

Führende Ärzte wagen ein Experiment: Althergebrachte geistige Übungen und
neuentwickelte 'Body-Mind'- Techniken sollen ihren Patienten im Kampf gegen Krankheiten Kraft geben. Mit dabei: der Dalai Lama

Selten hat sich Professor Fred Epstein so über seinen Sohn gewundert wie in dem
Urlaub, von dem er gerade nach New York zurückgekehrt ist: Der Elfjährige weigerte
sich schlichtweg, mit an den Strand zu gehen. Er sei kurz davor, eins zu werden mit
seinem Kopfkissen. Zuvor dürfe er auf gar keinen Fall abgelenkt werden. 'Ich weiß
genau, wie das kam', sagt Epstein, 'der Dalai Lama ist schuld.'

'Seine Heiligkeit' hat Epstein, einen weltberühmten Kinder- und Jugend-Neurochirurgen, kürzlich im Beth Israel Medical Center besucht. Prominente Hirnforscher und Ärzte trafen sich mit dem Friedensnobelpreisträger, um über die 'medizinischen Wirkungen fortgeschrittener Meditation' zu diskutieren.

Im experimentierfreudigen Kalifornien wäre die Zusammenkunft vielleicht wenig
aufgefallen, in New York, einer Zitadelle der akademisch-naturwissenschaftlichen
Medizin, bedeutet sie den Durchbruch eines machtvollen Trends: Etablierte
'Schul'-Mediziner greifen ein Repertoire therapeutischer Methoden auf, die bisher von
'Alternativ'-Medizinern propagiert und angeboten wurden. Sie sollen dem Klammergriff
von Esoterikern, Wunderheilern und Sektierern entwunden werden, die sie auch
hierzulande weitgehend mit Beschlag belegt haben. 'Mind-Body'-Techniken, geistige
Trainingsmethoden, sollen auf ein seriöses medizinisches Fundament gestellt und in
den Klinikalltag eingefügt werden: Konzentrations- und Achtsamkeitstraining, aber auch körperliche Praktiken wie etwa das Erlernen spezieller Atemrhythmen. Als
Königsdisziplin gilt dabei vielen die Meditation, wie sie besonders fernöstliche Mönche
seit etlichen Jahrhunderten entwickelt und geübt haben.

Doch schon die Frage 'Was ist Meditation?' bereitet höchstes Kopfzerbrechen.
Dutzende verschiedener Richtungen firmieren unter ihrem Etikett, sie kennt
hinduistische und buddhistische Traditionen, christlich-mystische und gänzlich
unreligiöse. Auch in Deutschland gedeihen viele Spielarten prächtig und finden
Anhänger, die ihren Alltag um regelmäßige Übungen bereichern, um Entspannung und
innere Ruhe zu finden, um ihren Geist zu sammeln.

Bruder Josef Götz etwa, Mönch in der Benediktiner-Abtei St. Ottilien in der Nähe des
Ammersees, beschreibt seine Meditations-Erfahrungen so: 'Wie die Kamele
regelmäßig zum Wasserschöpfen gehen, so gehen wir Benediktiner fünfmal am Tag in
die Kirche, um Kraft zu schöpfen. Die Andacht ist für mich Meditation. Ich stehe um
fünf Uhr morgens auf und rezitiere Psalmen. Der Rhythmus, die Symbolik sorgen für
innere Ruhe und Ordnung. Ich habe einen Text zur Hand, den ich gleichsam immer
wiederkäue wie ein gutes Brot.' Carsten Graaf ist Vorstandsmitglied der Volksbank
Düsseldorf-Meerbusch. Er fand über das autogene Training, eine bewährte
Entspannungstechnik, zur Meditation und zu einem neuen Glauben: 'Als Buddhist
rezitiere ich früh morgens meine Gebete und Mantras. Danach meditiere ich. Es gibt
verschiedene Arten von Meditation: Bei der konzentrativen Methode zum Beispiel denkt man intensiv an ein Objekt und versucht, es im Geist festzuhalten. Das zu erreichen, ohne daß von allen Seiten fremde Gedanken auf einen einströmen, ist sehr schwierig.'Dennoch kann praktisch jeder Meditationsübungen erlernen, meint Graaf, allerdings nicht im Alleingang: 'Die Vielzahl der Meditationsbücher ist frustrierend. Der Anfänger kann nicht wissen, was gut ist. Meine Erfahrung ist: Ohne einen Lehrer kommen Sie nicht weiter. Ich kann davor nur warnen'.

Alfred Weil, der Vorsitzende der Deutschen Buddhistischen Union,
Sozialwissenschaftler und Mitarbeiter von SPD-Europaabgeordneten, teilt Graafs
Einschätzung: 'Wenn ich Versprechungen höre, auf diese oder jene Art ginge es
schnell und problemlos, dann ist das für mich schon ein Grund zu sagen: Laß es sein!
Es gibt keine Instant-Lösungen. Wer sich im Leben auf seinem Weg verirrt, muß bis
zum falschen Abzweig ganz zurückgehen. Abkürzungen gibt es nicht.' Jetzt will die
New Yorker Medizin-Elite ein ehrgeiziges Projekt realisieren: Es soll gründlich erprobt
werden, wie kranke Menschen von Meditation profitieren, wie regelmäßige Übungen die Linderung oder Heilung ihrer Leiden fördern können. Ihren Mentor fanden die
Wissenschaftler im Dalai Lama, Ermutigung ziehen sie aus erfolgreichen Vorstudien.

Jon Kabat-Zinn, Leiter des 'Stress Reduction and Relaxation Program' am Medical
Center der University of Massachusetts, lehrt Kranke schon seit langem Meditation:
'Während eines achtwöchigen Kurses stelle ich einen Rückgang der Beschwerden von
25 Prozent fest. Psychische Symptome wie Angst, Zorn und Depression gingen um 32 Prozent zurück. Diese Patienten hatten vor dem Kurs durchschnittlich acht Jahre ein Schmerzproblem und bislang erfolglos versucht, es unter Kontrolle zu bringen'.

Anfangs treffen sich die Patienten einmal wöchentlich in Gruppen mit ihrem
Meditationslehrer. An den übrigen sechs Tagen müssen sie 45 Minuten zu Hause
üben. Sie sollen lernen, still dazusitzen und völlige Ruhe zu finden. Kabat-Zinn: 'Täglich eine Dreiviertelstunde einfach nichts zu tun ist eine gewaltige Umstellung.'
Kontinuierlich steigert der Lehrer den Schwierigkeitsgrad der Übungen, bis hin zu
achtstündigen Schweige-Exerzitien in der sechsten Woche. Die anfänglichen Wirkungen seien ganz unterschiedlich, berichtet Kabat-Zinn: 'Einige Teilnehmer können sich schon in den ersten Übungsstunden tief entspannen. Andere empfinden nichts als Anstrengung und Schmerzen oder schlafen sofort ein.' Im Lauf der Behandlung gleichen sich diese Unterschiede meist aus: 86 Prozent der Kranken halten bis zum Kursende durch - und lange darüber hinaus. 93 Prozent der befragten Patienten gaben noch vier Jahre nach Kursende an, daß sie die eine oder andere Übung beibehalten hätten. 45 Prozent blieben sogar auf Dauer bei der strengen Übung des meditativen Sitzens, zumindest eine Viertelstunde pro Tag und dreimal pro Woche. Eine derart hohe Therapietreue ist äußerst ungewöhnlich.

Das überzeugte. New Yorker Kliniken investieren jetzt zweistellige Millionenbeträge,
um 'Mind-Body'- und Meditationsprogramme in großem Stil aufzuziehen. Unter dem Etikett 'Komplementär-Medizin' werden sie eingeführt. Das riesige Presbyterian
Hospital auf der Upper West Side von Manhattan baut sein eigens dafür eingerichtetes 'Complementary Care Center' derzeit massiv aus. Jery Whitworth, der das Center vor einigen Jahren mit dem angesehenen Herz-Lungen-Chirurgen Mehmet Oz gegründet hat:

'Zunächst waren wir fast eine Untergrundbewegung und dachten: Ein falscher Schritt,
und alles ist aus - aber langsam, langsam haben wir Anerkennung gewonnen, auch bei der obersten Leitung des Krankenhauses.' Wohlhabende, meist anonyme Spender
unterstützen das Vorhaben. Sie hoffen auf günstige Studienergebnisse, die auch
Skeptiker überzeugen.

Zweifler sollten sich einmal ansehen', sagt Robert Thurman, 'wie sehr die Fähigkeit der
meditationserfahrenen Tibeter, mit Leiden, Sterben und Tod umzugehen, der des
westlichen Menschen überlegen ist'. Thurman ist Präsident des 'Tibet House' in New
York, Professor an der Columbia-Universität und ein enger Freund des Dalai Lama.
Selbstverständlich, sagt er, sei die Meditation aber nicht nur hilfreich, um körperliche
Leiden zu lindern oder die Angst vor dem Tod zu überwinden: 'Sie ist wichtig für den
Alltag. Als regelmäßige Übung erhält sie die Gesundheit. Und sie befreit mich von dem Eindruck, ständig Sklave meiner Impulse zu sein. Gewöhnlich hat man doch ein
unentwegtes Plappern in sich: Ich sollte jetzt vielleicht dahin gehen oder dorthin, ich
muß noch dies tun, ich hätte Lust auf das . Es bleibt kaum Gelegenheit, dieses ewige
Blabla zu überwinden. Gerade das lernt man aber in den ersten Stufen der tibetischen
Meditation. Ein Gleichmaß finden, Abstand gewinnen von diesem Strom der Gedanken.
Man ist ihm dann nicht mehr unmittelbar ausgeliefert.Man stellt sich außerhalb dieses
Stroms und kann ihn ruhig beobachten, sich von ihm lösen.' ie stark fortgeschrittene
Meditierende ihre Seele vor Verletzungen bewahren können, hat der Dalai Lama anhand zahlreicher Erfahrungen von Buddhismus-Studenten geschildert, die lange Haft und Folter unter der chinesischen Besatzung Tibets erdulden mußten, bevor sie nach Indien entkommen konnten: 'Man findet unter ihnen sehr selten einen, der die für
posttraumatische Störungen typischen Symptome aufweist. Sie erreichen sogar
bessere Leistungen als die in Indien aufgewachsenen Studenten.' 'Eigentlich müßte
uns das alles nicht verwundern. Es liegt nichts Magisches darin', stellt der Bremer
Hirnforscher Gerhard Roth fest. 'Das Bewußtsein, der Wille, der Geist, sind spezielle
Zustände des Gehirns, besondere Zustände des Körpers. Daß es uns schwierig
erscheint, das so zu betrachten, daß wir meinen, Grenzen ziehen zu müssen
zwischen etwas, was wir Körper nennen, und etwas, was wir Geist nennen oder Seele, ist eine Denkgewohnheit. Es ist eine westliche philosophische Tradition, eine
altgriechische Konstruktion.' In ihren Therapieversuchen wollen innovative Ärzte diese
Grenze zwischen Geist und Körper überschreiten. Durch Meditation und ihre kleinen
Schwestern wie 'Geleitete Imagination' und Biofeedback (siehe Kasten Seite 44) hoffen sie, den Körper lernen zu lassen, wie er sich selbst helfen kann. So mutmaßen sie etwa, daß die Konzentration auf bestimmte Körperregionen oder bildliche Vorstellungen des arbeitenden Immunsystems während tiefer Entspannung wirksam in ein Krankheitsgeschehen eingreifen könnten.

Als sicher gilt bereits, daß fortgeschrittene Meditierende ihre Willenskraft nutzen
können, um körperliche Funktionen zu beeinflussen, von denen man traditionell
annahm, sie seien der bewußten Kontrolle entzogen - es gelingt ihnen, die Temperatur
einzelner Körperteile um mehrere Grad Celsius zu verändern, sie können ihren
Blutdruck senken, ihre Hirnstrommuster in sehr auffälliger Weise manipulieren und - in
Grenzen - sogar anregende Impulse an die Zellen ihres Immunsystems senden.

Bereits 1886 erschien eine Fallstudie über eine Patientin, die gegen Rosen stark
allergisch war. Ob die Blumen echt oder künstlich waren, spielte keine Rolle. Der
Anblick genügte, um das Immunsystem der Kranken in Raserei zu versetzen und einen starken Asthmaanfall auszulösen. Doch erst eine junge Wissenschaftsrichtung, die vor wenigen Jahren aufgekommene Psychoneuroimmunologie, bringt systematisch Licht in das bislang verborgene molekulare Zusammenspiel von Nerven- und Immunsystem. So bestätigten Experimente das über 100 Jahre alte, aber seither ungeklärte Rosen-phänomen am Beispiel des Heuschnupfens. Allergiker wurden mit
Hausstaubmilben-Allergen traktiert und erhielten dazu ein blaues Getränk mit
eigenartigem Geschmack. Am Ende des Experiments löste das Getränk allein
allergische Symptome aus. Das Nervensystem war 'klassisch konditioniert' worden,
kommunizierte nun offenbar mit den Mastzellen des Immunsystems in der Nase und
befahl ihnen den Angriff - ein unerfreulicher Lernprozeß.

US-Studien zeigen,daß mit Meditations-, Konzentrations-und Entspannungstechniken
physiologische Prozesse positiv beeinflußt werden können, um dem Probanden seine
Krankheitssymptome beherrschen zu helfen.

David Fontana, englischer Psychologe mit über 25 Jahren Meditationserfahrung, meint:'Trotz aller Bemühungen, die die westliche Psychologie der Linderung des seelischen Elends entgegenbringt, stekken wir noch in den Kinderschuhen, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, mit sich in Frieden zu leben. Psychisches Leiden ist ebenso wirklich wie körperliches Leiden. Und die, die sich darin verstrickt haben, suchen verzweifelt nach irgend etwas, das ihnen helfen kann, aus ihrem inneren Gefängnis zu finden. Wenn Meditation ihnen dieses Etwas geben kann, ist das ein guter Grund, warum westliche Psychologen in die Geheimnisse der Meditation vordringen und sie ergründen sollten.' Über die Frage, wie man durch willentliche Beeinflussung in das unbewußte System des Gehirns eingreifen kann, wird heute sehr intensiv geforscht', sagt der Bremer Professor Roth. 'Es ist ein extrem aktuelles Gebiet, über das man noch immer wenig weiß, aber sehr viel mehr wissen müßte. Man muß versuchen zu erklären, wie durch etwas, was man Willensanstrengung nennt, Heilungen zustandegekommen sind, die kaum jemand für möglich gehalten hat - insbesondere bei Krebspatienten. Man muß vor allem auch erklären, wieso Leute, die einen unglaublichen Lebenswillen hatten, dann doch gestorben sind, wo das also nicht funktioniert hat.' Einige Forscher haben sich bereits sehr weit vorgewagt, so etwa die Washingtoner Professorin Candace Pert. Sie war es, die in den siebziger Jahren den 'Opiat-Rezeptor' im Gehirn entdeckte; jene chemische Struktur, an die sich Stoffe wie Morphium und Heroin binden, oder auch körpereigene Schmerzkiller, die Endorphine. Emotionen, aber auch grundlegende Körperfunktionen werden dadurch, daß einn Botenstoff an einen solchen Rezeptor andockt, massiv beeinflußt. Für Pert sind die natürlichen Botenstoffe des Gehirns die reale Substanz der Emotionen - die Gefühle als wogendes Meer kleiner Eiweißketten.

Weil im vergangenen Jahr zehnt Rezep toren für diese Informations-Moleküle auch
vielerorts außerhalb des Gehirns entdeckt wurden, besonders an Zellen des
Immunsystems im Knochenmark und im Blut, glaubt Pert, darin liege die Schnittstelle des 'Body-Mind', deren Gleichgewicht sich durch Meditation und Besinnung positiv beeinflussen lasse. Viel weitergehender, als bisher an-genommen würden nämlich Nerven- und Immunsystem miteinander in unablässigem Dialog stehen. Pert, die selbst seit langem meditiert, glaubt deshalb mit aller Entschiedenheit an die heilende Kraft der positiven Emotion. Der New Yorker Journalist Daniel Goleman hat diese in seinem populären Buch 'Emotionale Intelligenz' gepriesen.

Daß ihre Patienten zur Meditation gehen oder Entspannungscassetten hören, irritiert
gerade jüngere Stationsärzte nicht - obwohl es sich oft nicht so recht mit dem vertragen will, was sie auf der Universität gelernt haben. Ihor Sawczuk, ein Urologe am
Presbyterian Hospital, hat seinen Vater durch einen Prostata-Tumor verloren und sagt:
'Ich weiß am besten, daß meine Patienten die Unterstützung durch die
Komplementärmediziner dringend brauchen. Also stelle ich ihnen das Angebot vor.'
Seine Kollegin, die Brustchirurgin Freya Schnabel, plädiert für entspannten
Pragmatismus: 'Ich weiß nicht, ob das Immunsystem von meditierenden Kranken
irgendwie günstig beeinflußt wird oder nicht - während der Chemo- oder
Strahlentherapie kann man das sowieso nicht vernünftig messen. Der Punkt ist: Ich
muß es gar nicht wissen. Denn ich sehe ja, wieviel besser es meinen Patientinnen
geht. Subjektiv oder nicht - was soll's?' Eines jedenfalls darf als objektiv sicher gelten:
Meditation, ob als Medizin, als Lebenshilfe oder nur als Mode, wird auch in
Deutschland bald einen kräftigen Popularitätsschub erleben: Ende Oktober unterrichtet der Dalai Lama höchstpersönlich hierzulande die Grundlagen der buddhistischen Tradition. Schon jetzt haben sich zum Treffen in der Lüneburger Heide Tausende Teilnehmer angemeldet.

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