Astrologie könnte ein spezielles „Vokabular“ iS. von Richard Rorty sein, weshalb ein Diskurs Pro und Contra zwischen AstrologInnen und Skeptikern vielleicht wegen der inkommensurablen Vokabulare von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Zitat aus :
„MECHANISMEN ‚REVOLUTIONÄRER‘ KULTURELLER TRANSFORMATION NACH KUHN UND RORTY
(STEFAN DEINES, GOETHE-UNIVERSITÄT FRANKFURT AM MAIN)“
http://www.dgphil2008.de/fileadmin/down ... Deines.pdf „Rorty übernimmt die Konzeption der revolutionären Veränderung in Der Spiegel der Natur und weitet sie auf alle anderen denkbaren Bereiche der menschlichen Kultur aus. Die Unterschei- dung von ‚normal‘ und ‚revolutionär‘ bezieht sich nun auf alle Diskurse bzw. Vokabulare,3 von den Naturwissenschaften über Philosophie, Geschichtsschreibung und Politik bis hin zu den Künsten und Kunstwissenschaften.
Diskurse bzw. Vokabulare lassen sich als abgegrenzte Mengen von Begriffen auffassen, die in einer bestimmten Weise zusammenhängen, dadurch nämlich, dass die Sätze oder Überzeugun- gen, in denen sie vorkommen, argumentativ verknüpft werden können. Die Sätze eines Vokabu- lars stehen in einem gemeinsamen Rechtfertigungszusammenhang. Alles, was als Rechtfertigung eines Satzes vorgebracht werden kann und alles, was mit diesem Satz gerechtfertigt werden kann, gehört zum selben Vokabular. Sätze aus verschiedenen Vokabularen können damit per definitionem nicht auf diese Weise verbunden werden, sie sind im Lichte des jeweils ande- ren Vokabulars weder wahr noch falsch, sondern schlicht sinnlos. Ein Vokabular ist also durch spezifische Praktiken, Begrifflichkeiten und Konventionen gekennzeichnet, die festlegen, was als sinnvoll oder als sinnlos, als wahr oder als falsch, als interessant oder als uninteressant be- trachtet wird. Vokabulare sind dadurch begrenzt, dass das, was nicht nach ihren spezifischen Kriterien ausgesagt, begründet, beurteilt oder kritisiert werden kann, aus ihnen ausgeschlossen ist. Es gibt bei Rorty wie bei Kuhn keine Rechtfertigungspraxis und keine Kriterien, die über die Grenzen der jeweiligen Vokabulare hinweg Gültigkeit besitzen würden, also kein Super- oder Metavokabular, das zum Vergleich verschiedener Vokabulare dienen könnte, sondern nur eine Vielzahl nebeneinander bestehender und inkommensurabler Vokabulare, Sprachspiele und Per- spektiven auf die Welt, die nicht als Ganze bewertet werden können. ‚Normaler‘ und ‚revolutio- närer‘ Diskurs sind nun nicht so anspruchsvoll definiert, wie bei Kuhn, wo sich ein Paradig- menwechsel vollzogen haben muss, um von einer Revolution zu sprechen. ‚Normaler‘ und ‚re- volutionärer‘ Diskurs bei Rorty unterscheiden sich lediglich dadurch, so könnte man mit Wilfrid Sellars sagen, dass im ersten Fall gültige Züge im ‚Spiel des Gebens und Forderns von Gründen‘ gemacht werden, während im anderen Fall Äußerungen vorgebracht werden, die nicht eindeutig als Gründe erkennbar sind und damit nicht vollständig rational bewertet werden können:
„Normaler Diskurs ist genau das, was sich in einem allgemein anerkannten System von Konventionen abspielt, die festlegen, was als ein relevanter Beitrag gilt, als Beantwor- tung einer Frage, als gute Kritik dieser Antwort oder als gutes Argument für sie. Nicht- normaler Diskurs statt dessen findet statt, wenn am Diskurs jemand teilnimmt, der diese Konventionen nicht kennt oder diese ignoriert.“4
Es ergeben sich mit dieser Unterscheidung zwei grundsätzlich verschiedene Formen der Praxis bzw. der Einflussnahme auf die Welt, die dem Menschen zur Verfügung stehen. Zum einen ‚normenkonforme Praktiken‘ innerhalb des Rahmens eines bestehenden Vokabulars, d.h. auf dem Wege der Argumentation und gemäß den Regeln, die innerhalb des jeweiligen Vokabulars Gültigkeit besitzen. Diese Form des Handelns ist rational und kann nach den herrschenden Maß- stäben begründet und gerechtfertigt werden. Wenn beispielsweise Franz Müntefering Parteivor- sitzender wird, ein neuer Planet entdeckt oder ein Mörder verurteilt wird, geschieht dies inner- halb des üblichen Rahmens der Politik, Astronomie oder Jurisprudenz. Es vollziehen sich damit Akte, die im Rahmen dieser Vokabulare bereits angelegt sind.“